Zucker, Paul

Lebensdaten
1888 – 1971
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
New York City
Beruf/Funktion
Architekt ; Raumgestalter ; Bauhistoriker ; Kunsthistoriker ; Architekturtheoretiker
Konfession
jüdisch
Namensvarianten

  • Zucker, Paul

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Zitierweise

Zucker, Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143058.html [08.02.2026].

CC0

  • Zucker, Paul

    | Architekt, Raumgestalter, Bauund Kunsthistoriker, Architekturtheoretiker, ~ 14.8.1888 Berlin, † 14.2.1971 New York City, ⚰ New York City. (jüdisch)

  • Genealogie

    V Julius (1835–1931?), aus Lissa (Leszno, preuß. Prov. Posen), Dr. med., prakt. Arzt in B., Sanitätsrat (s. W), S d. Wolff ( n. 1859) u. d. Henriette Finck ( 1842?);
    M Anna Samter (1866–1942 Theresienstadt);
    Berlin 1916 Rose (1890–1962, jüd.), aus B., Konzert- u. Oratoriensängerin, seit 1932 v. Z. getrennt (s. Kutsch-Riemens; LexM), T d. Georg Walter (1852–1908), aus Eberswalde, Kaufm. in B., u. d. Jenny Heinemann (1867/68–1941, Zivilarbeitslager Bendorf Sayn), aus Liegnitz;
    kinderlos.

  • Biographie

    Aus einem wohlsituierten dt.-jüd. Elternhaus stammend, besuchte Z. das humanistische Wilhelms-Gymnasium in Berlin und studierte nach dem Abitur 1907 Architektur und Kunstgeschichte in Berlin und München. 1911 schloß er an der TH Berlin-Charlottenburg zunächst sein Architekturstudium mit dem Grad des Diplom-Ingenieurs ab, eineinhalb Jahre später mit der Promotion zum Dr.-Ing. bei Richard Borrmann (1852–1931), nachdem er an der Univ. Berlin auch Kunstgeschichte studiert hatte. Es folgte eine zweijährige Anstellung als Assistent von Max Georg Zimmermann (1861–1919) am Schinkel-Museum der Technischen Hochschule. Ab 1916 war er – aus nicht näher bekannten Gründen vom Kriegsdienst zurückgestellt – als Dozent an der Lessing-Hochschule in Berlin tätig und arbeitete als freischaffender Architekt in einer Bürogemeinschaft mit Paul Leschinsky (1858–1927), ab 1920 dann im eigenen Büro.

    Schon bald nach dem 1. Weltkrieg avancierte Z. zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der Berliner Architektenschaft, der – in seinem beruflichen Selbstverständnis weit mehr als nur planender Architekt – sich in die Belange des Metiers einmischte, Stellung bezog und inhaltlich etwas zu bewegen vermochte. Gleichermaßen erfolgreich als Architekt, Raumgestalter, Bau- und Kunsthistoriker, Architekturtheoretiker sowie -kritiker, gab er 1919–23 die Zeitschriftenbeilage „Archiv für Geschichte und Ästhetik der Architektur“ in „Wasmuths Monatshefte der Baukunst“ heraus. Als erster seines Fachs hielt er ab 1925 auch Vorträge bei der Dt. Welle und dem Berliner Rundfunk. Neben einem vielfältigen architektonischen Werk schuf er ein umfangreiches und thematisch weit gefächertes publizistisches Œuvre. Bis Anfang der 1930er Jahre entstanden mehr als ein Dutzend Fachbücher, insbesondere die zu wissenschaftlichen Standardwerken gewordenen Publikationen „Die Brücke, Typologie und Geschichte ihrer künstlerischen Gestaltung“ (1921), „Theater und Lichtspielhäuser“ (1926) und „Entwicklung des Stadtbildes, Die Stadt als Form“ (1929). Darüber hinaus veröffentlichte er mehr als 130 Aufsätze, Essays, Zeitungs- und Lexikonartikel sowie etwa 80 Buchbesprechungen.

    In der kurzen Zeitspanne zwischen 1920 bis 1936 bearbeitete Z. als Architekt mehr als 60 Projekte, die in der Mehrzahl auch realisiert wurden. Einen zentralen Gegenstand seiner Entwürfe bildeten v. a. Villen und Landhäuser für eine großbürgerliche Klientel, die sich von seinem hohen Bildungsanspruch, seiner Kreativität und Professionalität beeindruckt zeigte. Zu seinen Bauherren gehörten u. a. der Kaufhausbesitzer Oskar Heimann, der Fabrikant Felix Israel, die Eigentümer des Schuhhauses Leiser, Dora (1882–1959) und Julius Klausner (1874–1950), der Reorganisator und langjährige Leiter der Lessing-Hochschule Ludwig Lewin (1887–1967), der Bankier und Kunstsammler Walter Lewinsky, der Kaufmann Leopold Löwenstein, der Verleger Franz Ullstein (1868–1945) sowie der Bankier Arthur Ury. Für alle diese Bauten konzipierte Z. auch das Interieur.

    Einen zweiten Schwerpunkt stellten Bauaufgaben im städtischen Kontext dar, vornehmlich Neu- und Umbauten von Verwaltungsgebäuden und Bankhäusern sowie Um- und Ausgestaltungen von Wohn- und Geschäftsbauten. Von exemplarischer Bedeutung im Innenstadtbereich ist das einzige hier noch erhaltene und (nach Kriegsbeschädigung) wiederhergestellte Gebäude in der Taubenstraße 23 (Friedrichstadt, Berlin-Mitte), das Z. 1922 grundlegend um- und ausbaute sowie modernisierte. Ansonsten sind von seinem architektonischen Gesamtwerk in Berlin lediglich acht Villen bzw. Landhäuser in der ursprünglichen Gestalt erhalten, weitere sieben in stark veränderter Form.

    Der dritte Schwerpunkt seiner Tätigkeit umfaßte den Ladenbau und die Raumgestaltung; hierzu gehören v. a. seine eigenwilligen und von der zeitgenössischen Kritik gefeierten Ladeneinrichtungen des Strumpfhauses Etam (1921) und des Schuhhauses Leiser (1927), die alle entweder den Zerstörungen des 2. Weltkrieges oder der Tabula-rasa-Mentalität der sog. Wiederaufbauzeit zum Opfer fielen.

    Hatte Z. während der Weltwirtschaftskrise noch Aufträge erhalten, so bedeutete die Nichtaufnahme in die Reichskulturkammer aus „rassischen“ Gründen 1933 den Beginn einer fortschreitenden Entrechtung. Sukzessive seiner verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten beraubt, emigrierte er nach Entrichtung der „Reichsfluchtsteuer“ Anfang Sept. 1937 über|Rotterdam in die USA (Staatsbürgerschaft 1944).

    Hier konnte Z. als Hochschullehrer und Wissenschaftler eine „zweite Karriere“ aufbauen und in mehr als 30 Jahren engagierter Tätigkeit für die dortige bau- und kunstgeschichtliche Forschung noch große und nachwirkende Bedeutung erlangen. Zunächst ab 1937 als Dozent (Lecturer) für Architektur- und Kunstgeschichte an der New School for Social Research in New York City tätig, lehrte Z. ab 1938 als Professor (Adjunct Professor) an der dortigen Cooper Union Art School und nach seiner Emeritierung 1963 als Gastprofessor (Visiting Professor). Für Deutschland blieb diese Wirkungsgeschichte jedoch ohne nennenswerte Resonanz. Nicht eine der zwischen 1941 und 1971 in den USA entstandenen und zu Standardwerken avancierten Arbeiten Z.s, wie „Town and Square, From Agora to the Village Green“ (1959) oder „Fascination of Decay, Ruins: Relict–Symbol–Ornament“ (1968) wurde in Deutschland veröffentlicht bzw. von der Bau- und Kunstgeschichte rezipiert. Die nach dem 2. Weltkrieg herrschende Strategie der „Bewältigung durch Verdrängung“ führte zu einem weitgehenden Vergessen Z.s, der mit seiner humanistischen Bildung den Typus des Universalisten unter den Baumeistern des 20. Jh. verkörperte. Seine städtebaulichen Überlegungen, seine eigenwilligen Bauten und Entwürfe, seine gediegenen Interieurs, seine architekturtheoretischen, bau- und kunsthistorischen Betrachtungen sowie seine pointierte Architekturund Kunstkritik prägten das kulturelle Bild der Weimarer Republik maßgeblich mit.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Architekten- u. Ing.ver. zu Berlin (AiV, 1916–37), d. Bundes Dt. Architekten (BDA, 1920–33), d. American Soc. for Aesthetics (1942–69), d. College Art Ass. of America (1940–1971) u. d. Soc. of Architectural Historians (1941–1971);
    Präs. d. New Yorker Sektion d. American Soc. for Aesthetics (1944–1955) u. d. New Yorker Sektion d. Soc. of Architectural Historians (1946–1951);
    Arnold W. Brunner Scholarship Award d. American Inst. of Architects (AIA) (1953);
    BVK 1. Kl. (1968);
    Rossi-Preis d. Cooper Union Art School in New York City/USA (1969).

  • Werke

    Weitere W Raumdarst. u. Bildarchitekturen im Florentiner Quattrocento, erw. Druck d. Diss. 1913;
    Über Volkserziehung zur Kunst durch Schule, Museen u. öff. Vortrr., in: Umgestaltung d. Museen im Sinne d. neuen Zeit, hg. v. W. R. Valentiner, 1919, S. 88–93;
    Die Baukunst d. Renaissance in Italien, 1925 (mit H. Willich);
    Entwicklung d. Stadtbildes, Die Stadt als Form, 1929, Nachdr. mit e. Vorw. v. H. Hammer-Schenk, 1986;
    Lichtspielhäuser u. Tonfilmtheater, o. J. [1931] (mit G. O. Stindt);
    The Music Lovers’ Almanac, 1943 (mit W. Hendelson);
    Space and Movement in High Baroque City, in: Hommage à Werner Hebebrand, hg. v. U. Conrads u. a., o. J. [1964], S. 138–45;
    A Platonic Discourse about Some Philosophical Problems of Art, 1959;
    Verz. d. Bauten u. Schrr., in: Schäche (s. L), S. 152–68;
    zu Julius: De uteri prolapsus curatione ope cauterii actualis, Diss. Breslau 1859.

  • Literatur

    |Dr. P. Z. Is Dead at 82;
    Many Years at Cooper Union, in: The New York Times v. 16.2.1971 (P);
    H. Sahl, In Memoriam P. Z., in: Aufbau v. 19.2.1971;
    A. L. Markowitz, P. Z., A Bibliography, in: Louis Kahn and P. Z., Two Bibliographics, 1978;
    W. Schäche u. N. Szymanski, P. Z., Der vergessene Architekt, 2005 (Qu, W, L, P);
    J. Lipsky, In the context of Modernism, P. Z. and the rhythm of space, Analysis of an aesthetic theory of architecture that correlates function, time and space, Bartlett School of Architecture, Univ. College London, 2007/08 (Qu, W, L, P); - BHdE II;
    Biogr. Hdb. Kunsthist.;
    Warhaftig, Dt. jüd. Architekten (P);
    AKL.

  • Autor/in

    Wolfgang Schäche
  • Zitierweise

    Schäche, Wolfgang, "Zucker, Paul" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 759-761 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143058.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA