Zernack, Klaus

Lebensdaten
1931 – 2017
Geburtsort
Berlin-Karlshorst
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Historiker
Konfession
konfessionslos
Namensvarianten

  • Zernack, Klaus

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Zitierweise

Zernack, Klaus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz143026.html [30.01.2026].

CC0

  • Zernack, Klaus

    | Historiker, * 14.6.1931 Berlin-Karlshorst, † 3.11.2017 Berlin, Berlin. (konfessionslos)

  • Genealogie

    Die Fam. väterlicherseits stammt aus d. Vorwerk Kranz (Kr. Meseritz) (poln. Kręcko, Kr. Międzyrzecz);
    V Gustav Robert (1899–1976), Polizeioberwachtmeister b. d. Schutzpolizei in B., S d. Gustav (ev.), Zimmermann in Kranz, u. d. Alvine Nizalke (* 1874), aus Kranz;
    M Bertha Maria Elisabeth Kraatz (1902–1971);
    1 B Siegfried (1927–2017), Volkswirt in Frankfurt/M. u. B.;
    Nanna Ernst (* 1938), aus Düsseldorf, med.-techn. Assistentin;
    3 T.

  • Biographie

    Z. besuchte Schulen in Berlin. Nach dem Abitur 1949 studierte er bis 1955 Geschichte, Philosophie, Slawistik und Germanistik (mit Schwerpunkt Nordistik) an der FU Berlin und der Univ. Münster und absolvierte anschließend ein Forschungsjahr in Uppsala und Stockholm, das er für Quellenrecherchen nutzte. 1957 wurde er in Münster bei Herbert Ludat (1910–1993) mit einer Arbeit über die schwed.-russ. Beziehungen in der zweiten Hälfte des 17. Jh. zum Dr. phil. promoviert. Z. folgte Ludat als wiss. Assistent nach Gießen, wo er sich verstärkt der mittelalterlichen Geschichte Osteuropas zuwandte. 1964 folgte die Habilitation (Venia legendi f. Mittlere u. Neuere Gesch.) mit der vergleichenden Untersuchung „Die burgstädtischen Volksversammlungen bei den Ost- und Westslaven, Studien zur verfassungsgeschichtlichen Bedeutung des Veče“ (gedr. 1967). 1966 erhielt Z. einen Ruf als o. Professor für Osteurop. Geschichte in Frankfurt/M., 1978 wechselte er nach Gießen, 1984 auf den eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für Geschichte Ostmitteleuropas und Nordosteuropas an die FU Berlin (em. 1999).

    Z. nahm prägenden Einfluß auf die dt.sprachige universitäre Beschäftigung mit dem östlichen Europa. Sein Buch „Osteuropa, Eine Einführung in seine Geschichte“ (1977), ein für die akademische Lehre verfaßtes Orientierungswerk über Begriff, Reichweite und Gliederung der osteurop. Geschichte, trug maßgeblich zur Ausbildung und Etablierung einer eigenen geschichtswissenschaftlichen Fachdisziplin bei. In dieser erwies sich Z., der über umfassende Sprachkenntnisse verfügte, als Universalist: Zeitlich reichten seine Forschungen vom Mittelalter bis zur Zeitgeschichte, regional von Rußland über Polen und Schweden bis zu Brandenburg-Preußen.

    Breitere Aufmerksamkeit widmete er Nordosteuropa, das er als eine der vier großen Strukturregionen der osteurop. Geschichte deutete, und Rußland. Das „Handbuch der Geschichte Rußlands“ (6 Bde., 1981–2004), an dem Z. als Mitherausgeber und Autor großen Anteil hatte, war methodisch ähnlich gewichtig wie die Monographie „Polen und Rußland, Zwei Wege in der europäischen Geschichte“ (1994), in der er das von ihm begründete Konzept „Beziehungsgeschichte“ noch einmal umfassend darlegte. Einen besonderen Platz in seinem Œuvre nehmen die Geschichte Polens sowie die spezifische Wechselbeziehung zwischen Polens Westen und Deutschlands Osten ein, die Z. auch histo|riographiegeschichtlich kritisch aufarbeitete.

    Seine programmatischen Beiträge für eine methodisch modernisierte und perspektivisch erweiterte Darstellung der dt.-poln. Beziehungen wurden in zwei Aufsatzsammlungen in dt. (1991, ²2001) und poln. Sprache (2006) zusammengeführt.

    Als Hochschullehrer und Wissenschaftsorganisator intensivierte Z. den Dialog mit der Geschichtswissenschaft der östlichen Nachbarländer, der seiner Überzeugung nach unabdingbar war für eine Verwissenschaftlichung der älteren, vielfach politisch motivierten Osteuropastudien. Große Verdienste erwarb sich Z. 1972 als Gründungsmitglied der Gemeinsamen Dt.-Poln. Schulbuchkommission der UNESCO (1987–2000 Vors. d. dt. Delegation). Seine langjährige Erfahrung und Begleitung kamen seit 1993 dem Dt. Hist. Institut Warschau und dessen Pendant in Deutschland, dem 2006 gegründeten Zentrum für Historische Forschung Berlin der Poln. Akademie der Wissenschaften, zugute, wo Z. 2010 zum Schirmherr des nach ihm benannten Veranstaltungszyklus „Klaus Zernack Colloquium“ wurde. Gleiches gilt für die Einrichtung des Forschungsschwerpunkts Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas 1991, der Vorgängereinrichtung des GWZO–Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig.

    Zahlreiche Ehrungen sind Ausdruck der besonderen Wertschätzung Z.s als eines Gelehrten, der die Fachdisziplin Osteurop. Geschichte seit den 1960er Jahren modernisierte, methodisch und konzeptionell neue Wege beschritt und den institutionellen Umbau der dt. Forschung zum östlichen Europa anhaltend prägte. Von seinen zahlreichen Schülern wurden später viele auf Lehrstühle berufen.

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Ak. d. Wiss. in Berlin, Posen, Krakau, Stockholm, d. Hist. Komm. zu Berlin (Vors. 1986–90) u. d. Wiss. Beirats d. Zentrums f. d. Erforsch. d. Gesch. Kleinlitauens u. Preußens in Klaipeda;
    Ehrenmitgl. d. Posener Ges. d. Freunde d. Wiss.;
    Dr. h. c. (Posen 1989, Warschau 1997);
    Samuel-Bogumił-Linde-Preis d. Städte Toruńu. Göttingen (2004);
    DIALOG-Preis d. Bundesverbands Dt.-Poln. Gesellschaften (2010).

  • Werke

    Weitere W u. a. Preußen, Dtld., Polen, Aufss. z. Gesch. d. dt.-poln. Beziehungen, hg. v. W. Fischer u. M. G. Müller, 1991, ²2001 (Bibliogr. 1957 2000, S. 279–90);
    Nordosteuropa, Skizzen u. Btrr. zu e. Gesch. d. Ostseeländer, 1993;
    Niemcy, Polska, Z dziejów trudnego dialogu historiograficznego, hg. v. H. Olszewski, 2006;
    Mithg.: Jbb. f. Gesch. Osteuropas, 1974–94;
    Jb. f. d. Gesch. Mittel- u. Ostdtld.s, 1983–95;
    wiss. Nachlaß: Archiv d. FU Berlin;
    persönl. Nachlaß : Fam.bes.

  • Literatur

    |J. Serczyk, Przyczynek do sporu o państwo pruskie na marginesie dwugłosu, Marian Biskup i K. Z., in: Zapiski historyczne 50, 1985, H. 2, S. 91–100;
    A. Gierlińska u. D. Kawczyńska (Hg.), Nicolaus Z., Doctor Honoris Causa Universitatis Studiorum Mickiewiczianae Posnaniensis, 1990 (P);
    M. G. Müller u. a. (Hg.), Osteurop. Gesch. in vgl. Sicht, FS f. K. Z. z. 65. Geb.tag, 1996 (Bibliogr. 1957 95, S. 413–23);
    ders., in: Jbb. f. Gesch. Osteuropas NF 49, 2001, S. 314–16;
    ders. u. M. Schulze Wessel (Hg.), Album Amicorum f. K. Z., 2011 (P);
    H. Olszewski, K. Z. i jego filozofia historii stosunków niemiecko-polskich, in: K. Z., Niemcy, Polska, Z dziejów trudnego dialogu historiograficznego, hg. v. H. Olszewski, 2006, S. 7–50;
    K. Ziemer, Wiss. als Brücke, Eine Laudatio auf d. Träger d. DIALOG-Preises 2010 K. Z., in: Dialog, Dt.-Poln. Mag. 94, 2010/11, S. 8–15 (dt. u. poln., P);
    R. Traba (Hg.), Dt.-poln. Beziehungsgesch., Prof. Dr. K. Z. z. 80. Geb.tag, 2011;
    H.-J. Bömelburg, in: Jbb. f. Gesch. Osteuropas NF 65, 2017, S. 694;
    St. Troebst, K. Z. als Nordosteuropahist. (2001), in: ders., Zw. Arktis, Adria u. Armenien, Das östl. Europa u. seine Ränder, 2017, S. 372–85;
    J. Danyel u. J. C. Behrends (Hg.), Grenzgänger u. Brückenbauer, Zeitgesch. durch d. Eisernen Vorhang, 2019, S. 91–100;
    Ph. Ther, in: Kwartalnik Historyczny 126, 2019, S. 187–89;
    Biogr. Lex. Gesch.wiss.

  • Autor/in

    Joachim Bahlcke
  • Zitierweise

    Bahlcke, Joachim, "Zernack, Klaus" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 660-61 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143026.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA