Wolfrum, Carl
- Lebensdaten
- 1813 – 1888
- Geburtsort
- Hof (Bayern)
- Sterbeort
- Aussig/Elbe (Ústí nad Labem, Böhmen)
- Beruf/Funktion
- Industrieller ; Politiker
- Konfession
- evangelisch
- Namensvarianten
-
- Wolfrum, Carl Georg
- Wolfrum, Karl
- Wolfrum, Karl Georg
- Wolfrum, Carl
- Wolfrum, Carl Georg
- Wolfrum, Karl
- Wolfrum, Karl Georg
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Wolfrum, Carl (Karl) Georg
| Industrieller, Politiker, * 17.11.1813 Hof (Bayern), † 30.5.1888 Aussig/Elbe (Ústí nad Labem, Böhmen), ⚰ Aussig, Städtischer Friedhof, Familiengrab. (evangelisch)
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Genealogie
V Christian Ludwig (1784–1824), Kaufm., Wollfabr. in H., S d. Georg Wilhelm (1762–1825), Fabr., Bgm. in H., u. d. Anna Sophia Bauer (1763–1813), aus H.;
M Friederike Johanne Henriette (1791–1864), T d. Peter Gottfried Jördens (1765–1820), Dr. med., Stadtphysicus in H., Aufklärer, u. d. Rosina Henrietta Wirth (1756–1841);
B Hermann Carl (1812–1834), Handlungsgehilfe, 1832 Leiter d. Pariser Filiale d. Dt. Vaterlandsver. z. Unterstützung d. freien Presse, Georg Wilhelm (1815–1838), Färbergeselle, Philos.studium in München u. Leipzig, Lehrer in Straßburg, Moritz (1820–1891);
– ⚭ Meerane (Sachsen) 1841 Emilie (1822–89, s. L), T d. Johann Friedrich Gräfe (1789–1856), Zeugfabr. in Meerane, u. d. Johanna Eleonore Hofmann, aus Meerane;
4 S Carl Friedrich (1842–1924), Untern. in A., Otto (1844–1920), Untern., Bankier in Wien, Zensor d. österr.ungar. Nat.bank, Wilhelm (1846–95), Fabr. in A., Ludwig (1848–1935), Bankier in A., 5 T (2 früh †) Marie Friederike (1841–1917, ⚭ Vinzenz Klepsch, 1833–83, Großkaufm. in A.), Agnes (1850–1935, ⚭ Julius Fehres, 1842–1911, Dir. e. chem. Fabrik in A.), Hedwig (1854–1910, ⚭ Rudolf Köhler, 1847–1902, Bauuntern. in A.);
E Carl Hermann (1872–1956), Untern. in A., n. 1945 in Bayern, zuletzt in Garmisch-Partenkirchen. -
Biographie
Der aus dem aufgeklärten Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum stammende W. mußte nach dem Tod des Vaters und der Insolvenz der Firma 1827 seine Gymnasialausbildung in Hof abbrechen. Er begann bei einem Verwandten eine Färberlehre und bildete sich autodidaktisch fort. Auf seiner Gesellenwanderung ab 1832 arbeitete er in Basel, Bruchsal und im Elsaß sowie 1833/34 in Paris. Dabei erwarb er neue technische und chemische Kenntnisse über Färbemittel und die Verarbeitung von Altkleidern. Über seinen Bruder|Hermann, einen in der Handwerksgesellenbewegung und für das Presserecht aktiven Freimaurer und Zeitschriftenhändler, kam W. mit Ludwig Börne (1786–1837) und dem liberalen Parlamentarier Marie-Joseph du Motier, Marquis de Lafayette, in Kontakt. Über Belgien, Bremen, Hamburg, Lübeck, Schwerin und Leipzig führte seine Gesellenwanderung 1835 zurück nach Hof. Dort kam er aufgrund seiner liberaldemokratischen Einstellungen und seiner Pariser Kontakte kurzzeitig in Haft und stand seitdem unter polizeilicher Beobachtung, was ihn 1836 zur Übersiedlung nach Meerane (Sachsen) bewog.
Seit 1836 leitete W. in Meerane eine kleine Färberei, wurde Pächter, erwarb seinen Meisterbrief in Leipzig und lernte Robert Blum (1807–1848) kennen. In Meerane baute W. seit 1839 ein eigenes Unternehmen zum Färben von Baumwolle und zum Handel mit Garnen auf. Gut vernetzt mit den lokalen Eliten, erhielt er das Bürgerrecht, stieg zum Vorsteher der Stadtverordneten auf und heiratete eine Fabrikantentochter.
Mit mehreren Teilhabern aus Meerane gründete W. 1843 in Aussig/Elbe die Schafwollweberei und Färbefabrik „Wolfrum & Günther“, eines der ersten Industrieunternehmen der damals noch gewerbearmen Stadt. Durch den Einsatz neuer Färbetechniken und die flexible Belieferung der Märkte in Prag, Brünn und Wien mit neuen Produkten, später auch durch Geschäftsbeziehungen nach Oberitalien und in das östliche Mittelmeer, expandierte das Unternehmen.
Nach dem Ausscheiden seines Partners und der Rückzahlung aller familiären Gründungskredite war W. seit 1849 Alleininhaber des Unternehmens „Carl Wolfrum“ zum Weben und Färben von wollenen und halbseidenen Kleiderstoffen. Der erfolgreiche Kaufmann investierte die Gewinne in die Ausweitung der Produktion, in die erste Dampfmaschine in Aussig und in Grundstücke und Gebäude vor Ort. Früh band er seine Söhne Carl Friedrich und Otto in den Betrieb ein, die nach seinem Rückzug aus der Geschäftsleitung 1869 Teilhaber wurden. Nach 1876 gestalteten die Söhne einschließlich der jüngeren Brüder Wilhelm und Ludwig das Unternehmen durch Mechanisierung, Konzentration auf hochwertige Wollstoffe und den Einstieg in das Bankwesen. W. hatte sich schon zuvor mit Albert Gf. v. Nostitz-Rieneck (1807–71) für den Eisenbahnausbau in Westböhmen engagiert und war seit 1869 Mitglied bzw. 1871–88 Präsident des Verwaltungsrats der „Aussig-Teplitzer Eisenbahngesellschaft“. Zudem war er am Konsortium der 1872 gegründeten Teplitzer Walzwerke und am Duxer Kohleverein beteiligt.
In den 1850er Jahren hatte W. seine Verbindungen mit Unternehmern in Böhmen und zur böhm. Landesverwaltung erweitert und gefestigt. 1850 wurde er Korrespondent der Handels- und Gewerbekammer Reichenberg (Liberec), der er bis 1879 angehörte. In Aussig wurde er, engagiert als Förderer gesellschaftlicher Projekte und Befürworter beruflicher wie kommunaler Selbstverwaltung, zum Sprecher der neuen ökonomischen Elite der Stadt, beteiligte sich nach Erhalt der österr. Staatsbürgerschaft 1855 u. a. an der Gründung des Geselligkeitsvereins „Ressource“, durch den u. a. der Bau des städtischen Krankenhauses finanziert wurde und gab seit 1857 das von ihm initiierte Wochenblatt „Aussiger Anzeiger“ heraus. 1859 wurde W. von der Handels- und Gewerbekammer Reichenberg in die staatliche Kommission für die Gemeindeordnung in Böhmen entsandt und in den Stadtrat Aussigs berufen. Als Erster Stadtrat und stellv. Bürgermeister von Aussig verantwortete er 1859–83 die städtische Finanzplanung, die Sanierung des kommunalen Haushalts und den Ausbau der lokalen Infrastruktur. 1861–85 gehörte W. dem böhm. Landtag für die verfassungstreue bzw. dt.liberale Partei an, 1863 nahm er am Handelstag in München und an der Großdt. Versammlung in Frankfurt/M. teil. 1865 zum Obmann der Bezirksvertretung für Aussig gewählt, leitete er 1866 die Verhandlungen mit der preuß. Besatzung und trug zur Deeskalation der Lage bei.
Nach der Konstitutionalisierung Österreichs war W. seit 1867 auch Abgeordneter des Reichsrats und wurde stellv. Fraktionsvorsitzender des Klubs der Liberalen. 1867 wirkte er im Verfassungsausschuß an der Neugestaltung der Gemeindegesetzgebung und Stärkung der lokalen Autonomie mit. Wie im Landtag, wo er 1868–83 als Generalberichterstatter des Landesbudgets fungierte, zählten auch im Wiener Parlament die Finanzverwaltung, Steuern, Zölle, Aktienrecht und Wirtschaftspolitik zu seinen langjährigen Tätigkeitsfeldern. W. trat für einen starken, dt. dominierten Staat, eine liberale Schulpolitik und das Zurückdrängen des Einflusses der kath. Kirche ein, befürwortete Schutzzölle und eine pragmatische Zusammenarbeit mit Vertretern des konservativen Adels und der tschech. Parteien. Nachdem er bereits 1874 den Vorsitz des Bezirksausschusses niedergelegt hatte, begann 1883, verstärkt durch dt.na|tionale Angriffe, sein Rückzug aus der aktiven Politik, der 1886 mit seinem Ausscheiden aus dem Aussiger Gemeindeausschuß endete.
W. war ein sehr erfolgreicher und geschickt verhandelnder Politiker, bei dem sich Prinzipien bürgerlicher Selbstorganisation mit dem Primat eines starken österr. Zentralstaats verbanden. Großdt. Konzepte und einen dt. Sprach- und Kulturnationalismus in der Habsburgermonarchie lehnte er ab. Als Bismarck-Verehrer und Frankreichgegner begrüßte er 1870/71 die Gründung des Dt. Reiches. 1872 verzichtete W. auf eine Erhebung in den österr. Ritterstand. Aufgrund seines Aufstiegs vom Handwerker zum Unternehmer, seines explizit prot. Bekenntnisses und seines liberaldemokratischen Selbstverständnisses blieb er jedoch als Politiker in einer Außenseiterposition, so daß man sich nach 1900 an ihn meist nur noch im lokalen Kontext in Aussig erinnerte.
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Auszeichnungen
|Ehrenbürger v. Aussig u. Teplitz (1866);
Rr. d. Ordens d. Eisernen Krone III. Kl. (1872). -
Werke
|Erinnerungen an C. W., Eigene Aufzz., Briefe, Reden u. Ztg.art., 2 Bde., 1893 (P).
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Literatur
|Oesterr.-ungar. Ordens-Alm., Bd. 2, 1876, S. 583;
Bohemia v. 31.5.1888, S. 1;
Prager Tagbl. v. 31.5.1888, S. 1 f. u. v. 1.6.1888, S. 5;
Dt. Volkskal. f. 1889, 19. Jg., 1888, S. 66 f.;
K. Moißl, K. W., ein Lb., o. J. [um 1904];
Die sudetendt. Selbstverw.körper in d. Tschechoslowak. Rep., Bd. 3, 1929, S. 221 u. 292 f.;
Carlmax Wolfrum, Die Nachkommen d. C. G. W. u. seiner Gattin Emilie Gräfe, 1936, ²1966;
Btrr. z. Heimatkde. d. Elbetals 1, 1939, S. 21 f. (P);
F. J. Umlauft, Gesch. d. dt. Stadt Aussig, 1960, S. 294, 340 u. 767;
H. Walter, Über d. Herkunft d. Fam. W., 1960;
G. Otruba, Bergbau u. Ind. Böhmens in d. Epoche d. Frühindustrialisierung, in: Bohemia Jb. 12, 1971, S. 53–232, hier S. 192;
Mitt. d. Sudetendt. Archivs 50, 1978, S. 42;
V. Hladíková, Osobní fond G. C. W. [Der Personenbestand G. C. W.], 1984;
M. Lišková, Slovník představitelůzemské samosprávy v C ̌ echách v letech 1861–1913 [Hdb. d. Vertreter d. Landesselbstverw. in Böhmen 1861–1913], 1994, S. 360 f.;
K. Kaiserová u. V. Kaiser (Hg.), Dějiny města Ústí nad Labem [Gesch. d. Stadt Aussig an d. Elbe], 1995, insbes. S. 91 u. 108 (P);
H. Stekl u. H. P. Hye, „Ich will euch einen guten Namen hinterlassen“, Die „Erinnerungen“ d. altösterr. Untern. u. Pol. C. W., 1813–1888, in: H. Matis (Hg.), Hist. Betriebsanalyse u. Untern., 1997, S. 33–57;
H. P. Hye, Aussig, Ind.stadt am Rande d. Reiches, in: P. Urbanitsch u. H. Stekl (Hg.), Kleinstadtbürgertum in d. Habsburgermonarchie 1862–1914, 2000, S. 25–78, hier S. 27–39;
A. Kluge, Spaziergänge durch d. Hofer Vergangenheit, 2003, S. 47 f.;
H. P. Hye, Kommunale Selbstverw. u. Öffentlichkeit im Hochliberalismus, C. G. W. u. d. Entwicklung d. Stadt Aussig (Ústí nad Labem) 1848–1885, in: L. Fasora u. a. (Hg.), Občanské elity a obecní samospráva 1848–1948 [Bürgerl. Eliten u. Gde.selbstverw. 1848–1948], 2006, S. 254–70;
Ústí nad Labem, 2007, S. 53 f. (P);
M. Myška u. a., Historická encyklopedie podnikatelůC ̌ ech, Morqavy a Slezska [Hist. Enz. d. Untern. Böhmens, Mährens u. Schlesiens], Bd. 2, 2008, S. 403 f.;
F. Wetzel, Heimisch werden durch Gesch., Ústí nad Labem 1945–2017, 2021, S. 320;
Wurzbach;
ÖBL;
Adlgasser, Österr. Zentralparlamente. -
Porträts
|Photogrr., um 1867 u. 1879, Abb. in: Erinnerungen an C. W., Bd. 1 bzw. Bd. 2, 1893.
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Autor/in
Robert Luft -
Zitierweise
Luft, Robert, "Wolfrum, Carl (Karl) Georg" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 471-473 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142959.html#ndbcontent