Wolf, Markus
- Lebensdaten
- 1923 – 2006
- Geburtsort
- Hechingen (Kreis Sigmaringen)
- Sterbeort
- Berlin
- Beruf/Funktion
- Leiter der Hauptverwaltung A ; stellvertretender Minister des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR
- Konfession
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- Namensvarianten
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- Wolf, Markus Johannes
- Mischa( Tarnname)
- Storm, Michael( Pseudonym)
- Wolf, Markus
- Wolf, Markus Johannes
- Mischa( Tarnname)
- mischa
- Storm, Michael( Pseudonym)
- storm, michael
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Wolf, Markus Johannes (Mischa, Pseudonym Michael Storm)
| Leiter der Hauptverwaltung A und Stellvertretender Minister des Ministeriums für Staatssicherheit, * 19.1.1923 Hechingen (Kreis Sigmaringen), † 9.11.2006 Berlin, ⚰ Berlin-Friedrichsfelde, Zentralfriedhof.
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Genealogie
V Friedrich (s. 1);
M Else Dreibholz (1898–1973);
B Konrad (s. 3);
– ⚭ 1) 1944 ⚮ 1976 Emma (Emmi, Emmy) (1923–2020), Dr., Lit.wiss., Slawistin, Verw. d. Nachlasses ihres Schwiegervaters Friedrich Wolf (s. o.), T d. Franz Stenzer (1900–33 KZ Dachau), aus Planegg (Bayern), kommunist. Funktionär, 1920 Mitgl. d. KPD, Betriebsrat b. d. Reichsbahn in München, 1930 Chefred. d. „Neuen Ztg.“ ebd., Stadtrat in München-Pasing, 1932 RT-Abg. (s. Dt. Kommunisten), u. d. Emma Bausch (* 1897), emigrierte 1934 in d. UdSSR, Näherin, Instrukteurin in Kriegsgefangenenlagern, 1946 wieder in Dtld., Mitarb. in d. Zentralverw. f. Volksbildung, 2) 1976 ⚮ 1986 Christa Heinrich (* 1943), Schneiderin, Mitarb. d. MfS, 3) Andrea Schimpf, geb. Stingl (* 1947), Fußpflegerin, Technikerin f. Betriebsmess-, Steuerungs- u. Regelungstechnik (BMSR), gab Briefe u. Texte v. W. heraus (s. Qu);
2 S aus 1) Michael (* 1946), Chemiker, Mitarb. d. MfS, Franz (* 1953), Dipl.-Staatswiss., 1 T aus 1) Tatjana (* 1949), Journ., 1 S aus 2) Alexander (* 1977). -
Biographie
W.s Familie emigrierte aufgrund der politischen Einstellung des Vaters im Juli 1933 nach Frankreich, im Nov. 1933 in die Schweiz und im März 1934 in die UdSSR.
Hier besuchte W. 1934–37 die dt. Karl-Liebknecht-Schule in Moskau, seit 1937 eine sowjet. Schule (1940 Abitur mit Auszeichnung). 1937 wurde der Familie die dt. Staatsbürgerschaft aberkannt. W. wurde Mitglied im Komsomol (1938) und der Sowjetgewerkschaft. 1940/41 belegte er Kurse der Internationalen Roten Hilfe (MOPR) und studierte 1940–42 am Institut für Flugzeugbau in Moskau, nach der Evakuierung in Alma Ata. 1942 trat er der KPdSU bei und besuchte 1942/43 eine Schule der Komintern. Er arbeitete 1942–45 u. a. beim „Deutschen Volkssender“ in der UdSSR.
Als sowjet. Staatsbürger (1936) kam W. nach Kriegsende nach Berlin und arbeitete unter Pseudonym bis 1949 beim „Berliner Rundfunk“, für den er u. a. die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse 1946 beobachtete. 1949 wurde er von der KPdSU in die SED überführt. Er legte – wohl 1950 – die sowjet. Staatsbürgerschaft ab und bekam die deutsche zurück. 1949–51 war er 1. Botschaftsrat der DDR-Botschaft in Moskau mit unbekannter Aufgabe; wahrscheinlich erhielt er eine Spezialausbildung. 1951 wurde er stellv., 1952 Leiter des „Instituts für wirtschaftswissenschaftliche Forschung“ (IWF), einer geheimdienstlichen Tarneinrichtung, die 1953 als Hauptverwaltung A (HV A) dem Staatssekretariat für Staatssicherheit eingegliedert wurde. 1953 stellv. Staatssekretär, 1954 Generalmajor, wurde W. mit der Umwandlung der Staatssicherheit in ein selbständiges Ministerium (MfS) 1955 stellv. Minister, 1965 Generalleutnant und 1980 Generaloberst. 1986 wurde er aus dem aktiven Dienst entlassen.
W. genoß das uneingeschränkte Vertrauen der KPdSU und der sowjet. Geheimdienste.
In seiner Arbeit als Leiter der HV A führte er westliche Spitzenagenten persönlich, darunter BND-Sekretärinnen und den FDP-Bundestagsabgeordneten William Borm (1895–1987), dessen Rede als Alterspräsident des 6. Bundestags 1969 W. redigiert haben wollte. Sein größter Erfolg war die Plazierung des 1956 in die Bundesrepublik übergesiedelten Ehepaars Christel (1927–2004) und Günter Guillaume (1927–1995) im Bundeskanzleramt und Günter Guillaumes als persönlicher Referent Willy Brandts (1913–1992), der nach Enttarnung des Ehepaars 1974 als Bundeskanzler zurücktrat. 1972 hatte W. durch Bestechung von CDU-Abgeordneten ein Mißtrauensvotum gegen Brandt vereitelt. Zur Tätigkeit W.s gehörte Diffamierung: So initiierte er Anfang der 1960er Jahre eine Kampagne, Herbert Wehner (1906–1990) der Kollaboration mit der Gestapo zu bezichtigen. Die HV A war integraler Bestandteil des MfS und erfüllte auch Aufgaben im Inneren der DDR.
Nach seinem Ausscheiden betätigte W. sich mit Unterstützung des MfS als Buchautor. Im Herbst 1989 versuchte er vergeblich, sich als kommunistischer Reformer für eine eigenständige DDR zu inszenieren. Im Sept. 1990 floh er in die UdSSR, 1991 kehrte er zurück und versuchte zwischenzeitlich, in Österreich politisches Asyl zu erhalten. 1993 wurde er wegen Landesverrats und Bestechung vom OLG Düsseldorf zu sechs Jahren Haft verurteilt, das Urteil wurde 1995 vom BGH aufgehoben. Das BVerfG hatte am 15.5.1995 entschieden, daß Mitarbeiter der HV A strafrechtlich nicht zu belangen seien, wenn ihr Lebensmittelpunkt während ihrer Tätigkeit in der DDR gelegen hatte. 1997 verurteilte das OLG Düsseldorf W. rechtskräftig zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und Geldstrafe wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung. W. blieb bis zu seinem Tod Mitglied der SED/PDS. Publizistisch sehr aktiv, verharmloste er seine Tätigkeit und die des MfS.
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Werke
|Die Troika, Gesch. e. nichtgedrehten Filmes, 1989;
In eigenem Auftrag, Bekenntnisse u. Einsichten, 1995;
Geheimnisse d. russ. Küche, 1995;
Man without a Face, The Autobiography of Communism’s Greatest Spymaster, 1997 (P), erw. u. bearb. dt. Fassung u. d. T.: Spionagechef im geheimen Krieg, 1997, ²1999, ital. 1997, schwed. 1997, finn. 1997, franz. 1998, russ. 1998, poln. 1999;
Freunde sterben nicht, 2002 (Autobiogr.). -
Quellen
Qu – gedr.: I. Runge u. U. Stelbrink, M. W., „Ich bin kein Spion“, Gespräche mit M. W., 1990 (P); Die Kunst d. Verstellung, Dok., Gespräche, Interviews, hg. v. G. Drommer, 1998; H.-D. Schütt, M. W., Letzte Gespräche, 2007; Mischa, Briefe u. Texte v. M. W. an d. Fam., seine Freunde u. Weggefährten, hg. v. Andrea Wolf, 2013; Und d. Menschen verändern sich, Briefe an M. W. 1934–2006, hg. v. ders. u. H.-D. Schütt, 2016; – ungedr.: Kader-Akte u. wenige weitere Unterlagen im MfS-Archiv; d. Großteil d. Unterlagen d. HV A 1990 vernichtet, Kopien möglicherweise in Rußland.
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Literatur
|K. Marxen u. G. Werle (Hg.), Strafjustiz u. DDR-Unrecht, Dok., Bd. 4, 2004, S. 4–153 u. 164–97;
P. J. Winters, M. W., Ein biogr. Porträt, 2021 (P). -
Porträts
|Photogrr. (BA, Bilddatenbank).
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Autor/in
Ilko-Sascha Kowalczuk -
Zitierweise
Kowalczuk, Ilko-Sascha, "Wolf, Markus Johannes (Mischa, Pseudonym Michael Storm)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 397-399 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142938.html#ndbcontent