Witigowo
- Lebensdaten
- erwähnt 985 oder 997
- Beruf/Funktion
- Benediktiner ; Abt der Reichenau
- Konfession
- katholisch
- Namensvarianten
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- Witigowo
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Witigowo
|Abt der Benediktinerabtei Reichenau, regierte 985–97.
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Biographie
Erstmals bezeugt ist W. anläßlich seiner Ernennung zum Abt der Reichenau 985 durch Kg. →Otto III. (980–1002). Mutmaßlich stammte er aus dem Hzgt. Schwaben und war zuvor Mönch im Kloster gewesen; eine Lehrtätigkeit in der Klosterschule ist nicht unwahrscheinlich.
Zum zehnten Amtsjubiläum W.s 995 verfaßte der Reichenauer Mönch →Purchart im Auftrag der Klostergemeinschaft ein biographisches Gedicht, die „Gesta Witigowonis“. Als einziger mittelalterlicher Abt der Reichenau erhielt W. damit eine zeitgenössische Biographie. Die „Gesta“ – bis heute die wichtigste Quelle zu Leben und Werk – sind allerdings nicht vollständig erhalten: Lücken bestehen für die Jahre zwischen ca. 987 und 990/91 und zwischen 994 und 995/96.
W. konnte zu Beginn seiner Amtszeit Besitz, der dem Kloster vorübergehend entfremdet worden war, zurückerlangen und das klösterliche Gut durch endgültige Sicherung der Besitztümer in Schleitheim (Kt. Schaffhausen) und Pfungen (Kt. Zürich) weiter konsolidieren. 990 wurden dem Kloster auf sein Betreiben hin auch die bisherigen Rechte und Immunitäten durch Kg. Otto III. urkundlich bestätigt.
Im übrigen konzentrierten sich W.s Bemühungen v. a. auf die bauliche Gestaltung und die Ausschmückung der kirchlichen Gebäude auf der Insel. So ließ er im Umkreis der Klosterkirche mehrere Kapellen errichten, den Kreuzgang ausbessern und dessen Decke sowie die Wand nahe des Kircheneingangs von der Klausur her mit Gemälden schmücken. 990/91–993/94 widmete sich W. der Umgestaltung der Klosterkirche selbst: Er ließ sie nach Westen hin verlängern und ihre Seitenschiffe verbreitern, eine höhergelegene, den hll. Michael und Otmar geweihte Kapelle errichten und vor dem neuen Westabschluß der Kirche einen ummauerten Garten als ‚Paradies‘ errichten. Die Markusreliquien, die das Kloster seit 830 besaß, wurden in den Hl.-Kreuz-Altar am Westende des neuen Hauptschiffs übertragen; der Altar erhielt ein goldenes Antependium, in das wahrscheinlich der noch heute im Münsterschatz aufbewahrte sog. „Smaragd Karls des Großen“, ein 13 kg schweres Stück Glasfluß, integriert wurde. Auch die übrigen Altäre der Klosterkirche wurden mit Gold verziert. 995/96 schließlich wandte sich W. dem Ausbau des westlich und südwestlich der Klosterkirche liegenden Areals zu, wo er die bereits bestehende Pelagiuskapelle renovieren und die wohl schon karolingerzeitliche Abtspfalz repräsentativer ausgestalten ließ.
Keine Quellenbezeugung gibt es für eine besondere Förderung der Reichenauer Buchmalerschule, die zu W.s Amtszeit einige ihrer beachtlichsten Kunstwerke hervorgebracht hat, sowie für die Beauftragung der Ausmalung der St.-Georgs-Kirche in Reichenau-Oberzell, die von einem Teil der (vorwiegend älteren) Forschung ebenfalls W. zugeschrieben wird.
Von den Bauten W.s und den genannten Ausstattungsgegenständen ist heute kaum noch etwas vorhanden. Insbesondere seine Gestaltung des Westteils der Klosterkirche ist bereits den Baumaßnahmen seines Nachfolgers →Berno (reg. 1008–48) zum Opfer gefallen, wobei in der Forschung Uneinigkeit darüber besteht, ob die sog. „Witigowosäule“ am Durchgang vom westlichen Querhaus zum südlichen Seitenschiff der Klosterkirche tatsächlich W.s Bautätigkeit am Münster zuzuschreiben ist oder schon aus der Karolingerzeit stammt. Andere Gebäude, an denen W. bauliche Veränderungen vornehmen ließ, sind ebenfalls zum großen Teil schon während des Mittelalters abgegangen – als letztes im 19. Jh. die von ihm renovierte Pelagiuskapelle und die später stark umgestaltete Pfalz.
W. war als enger Vertrauter und Mitarbeiter Ottos III. – in den „Gesta“ Purcharts „os regis“, der Mund des Königs genannt (V. 162) – sehr häufig im Reichsdienst von seinem Kloster abwesend. Nicht unbegründet wird daher angenommen, daß die „Gesta Witigowonis“ von seiten der Klostergemeinschaft ursprünglich v. a. als Klageschrift gedacht waren – ein Anliegen, dem ein gutes Drittel des erhaltenen Texts deutlichen Ausdruck verleiht. Gleichzeitig brachten die Reisen des Abtes dem Kloster aber auch bedeutendes Renommee: Als Begleiter Kg. Ottos auf dessen Romfahrt zur Kaiserkrönung 996 konnte W. die Bindungen des Klosters an den päpstlichen Stuhl intensivieren. Er wurde dort nach den „Gesta“ als „goldener Abt“ und „Primas Schwabens“ (V. 522) wahrgenommen – vielleicht ein Hinweis auf eine von W. intendierte Konkurrenz zum Bischof von Konstanz, die angesichts seiner Herrschernähe auch nicht ganz unrealistisch war.
Für 997 meldet →Hermann der Lahme (1013–54) in seiner Chronik, daß die Reichenau ihres Abtes W. beraubt wurde („Witegowone abbate privato“) und in →Alawich (II., reg. 997–1000) einen neuen Abt erhalten habe. Wann genau, wie und warum W.s Abbatiat endete, darüber schweigen die Quellen. Nach den Hypothesen der Forschung könnte W. abgesetzt worden sein, weil seine Bautätigkeit das Kloster finanziell überforderte oder weil es aufgrund der häufigen Abwesenheit des Abtes zu Disziplinproblemen im Kloster kam; es ist aber auch möglich, daß schwere Krankheit und schneller Tod die Abtei ihres Abtes ‚beraubten‘ – demnach eine Absetzung, die Kg. Otto III. seinem engen Vertrauten gegenüber auch nicht leichten Herzens vorgenommen hätte, nicht stattgefunden hat.
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Quellen
Qu J. Egon, De viris illustribus monasterii Augiæ majoris (1630), ed. in: B. Pez (Hg.), Thesaurus Anecdotorum Novissimus, Bd. 1/3, 1721; Hermannus Contractus, Chronicon de sex ætatibus mundi, ed. MGH Scriptores in folio, Bd. 5, 1844, ad a. 985 u. ad a. 997, S. 117 f.; K. Brandl (Hg.), Die Chronik d. Gallus Öhem, 1893; Die Urkk. d. dt. Könige u. Kaiser, Bd. 2/2: Die Urkk. Ottos III., MGH Diplomata, 1893, Nr. 61, S. 466–68; J. F. Böhmer, Regg. Imperii,|II: Sächs. Haus, 3. Abt.: Die Regg. d. Ks.reiches unter Otto III. 980 (983)–1002, neu bearb. v. M. Uhlirz, 1956, Nr. 1229 b, S. 657; W. Berschin u. J. Staub, Die Taten d. Abtes W. (985–997), 1992 (Bibliogr.).
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Literatur
|K. Beyerle (Hg.), Die Kultur d. Abtei Reichenau, 1925;
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K. Strecker, Die Überlfg. v. Purchards Gesta Witigowonis, in: HV 26, 1931, S. 757–75;
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E. Reisser, Die frühe Baugesch. d. Münsters zu Reichenau, 1960;
A. Knoepfli, Kunstgesch. d. Bodenseeraumes, Bd. 1, 1961;
Th. E. Haevernick, Zu einigen antiken Gläsern in Kirchenschätzen, in: Trierer Zs. 36, 1973, S. 103–17;
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H. Maurer, Rechtl. Anspruch u. geistl. Würde d. Abtei Reichenau unter Ks. Otto III., in: H. Maurer (Hg.), Die Abtei Reichenau, 1974, S. 255–75;
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W. Berschin u. J. Staub, Die Taten d. Abtes W. (985–997), 1992;
J.-M. Sansterre, Vénération et utilisation apotropaïque de l’image à Reichenau vers la fin du Xe siècle, Un témoignage des Gesta de l’abbé W., in: Revue belge de philologie et d’histoire 73, 1995, S. 281–85;
M. Wiech, Das Amt d. Abtes im Konflikt, 1999;
H. Lieb, Ein Reichenauer Kloster d. späten zehnten Jh. in Pfungen, Gesta Witigowonis 224–246, in: D. Walz (Hg.), Scripturus vitam, 2002, S. 827–31;
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Th. Kreutzer, Verblichener Glanz, Adel u. Reform in d. Abtei Reichenau im SpätMA, 2008;
Th. Zotz, Zwischen Kg. u. Hzg., Zur Situation d. Abtei Reichenau im otton. Schwaben, in: U. Ludwig u. Th. Schilp (Hg.), Nomen et Fraternitas, 2008, S. 721–39;
B. K. Vollmann, Purchard (Burchard) v. Reichenau OSB, in: Vf.-Lex. MA²;
Germania Benedictina, Bd. 5, 1975, S. 503–48;
Helvetia Sacra, Bd. 3/1, 1986, S. 1059–1100;
HLS. -
Autor/in
Matthias Rein -
Zitierweise
Rein, Matthias, "Witigowo" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 312-314 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142913.html#ndbcontent