Wiedemann, Josef

Lebensdaten
1910 – 2001
Geburtsort
München
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Architekt ; Hochschullehrer
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11940074X | OGND | VIAF: 62357503
Namensvarianten

  • Wiedemann, Josef Theodor
  • Wiedemann, Josef
  • Wiedemann, Josef Theodor
  • Wiedemann, Joseph

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Zitierweise

Wiedemann, Josef, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11940074X.html [26.02.2026].

CC0

  • Wiedemann, Josef Theodor

    | Architekt, * 15.10.1910 München, † 18.4.2001 >München. (katholisch)

  • Genealogie

    V Thomas, Wagnermeister, Landwirt in Lauterbach (Bayer.-Schwaben), seit 1908 Bankangest. in M.;
    M Maria Anwald ( 1933), T e. Schmieds in Allmannshofen (Bayer.-Schwaben);
    7 Geschw u. a. B Thomas (* 1909), Jur., Schw Mathilde (* 1912), Bankangest.;
    1939 Hilma (1912–2005), aus Hamburg, T d. Gustav Bittorf (1881–1969, luth.), aus Hamburg, Prokurist ebd., Kaufm., u. d. Johanna Francisca Rosa Fonck (* 1887, ev.), aus Valparaíso (Chile);
    T Brigitta Michail (* 1940), Keramikmeisterin in M.;
    Schwager Gerhard Bittorf (1910–1992, 1] Ingeborg Klara Lassen, 1911–79, 2] Hildegard Kliegel, 1911–2002, Vf. v. „Eurythmie, ihr Werdewesen u. unser Ergreifen“, 1993), Dr. med., zuletzt in Arlesheim (Kt. Basel-Land), Schwägerin Rosita Bittorf (1916–2005, Manni Hoffmann, 1912–95).

  • Biographie

    W. besuchte die Volksschule, danach die Rupprecht-Oberrealschule in München. Nach dem Abitur 1930 studierte er ab 1931 Architektur an der TH München, u. a. bei German Bestelmeyer (1874–1942), und schloß das Studium 1935 mit dem Diplom ab. Ab 1933 Mitglied der SS, trat er 1937 der NSDAP bei. 1936 trat W. als angestellter Architekt in das Baubüro von Roderich Fick (1886–1955) ein, wo er bis 1940 an Bauprojekten auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden (v. a. Hotel Platterhof) arbeitete, den Adolf Hitler nach seinen Vorstellungen als zweiten Regierungssitz umgestalten ließ. 1940–44 war W. im Büro des nunmehrigen „Reichsbaurats für die Stadt Linz“ Fick tätig (v. a. Donauhotel/Hotel „Donauhof“). Wohl im Spätsommer 1944 zum Kriegsdienst eingezogen, kam W. nach Kroatien, wo er im Mai 1945 verwundet wurde und nach kurzer brit. Kriegsgefangenschaft 1946 nach Bayern zurückkehrte.

    Im Sept. 1946 begann er als technischer Zeichner in München zu arbeiten und nahm während seines Entnazifizierungsverfahrens kleinere Planungsaufträge an. Anfang Juli 1948 als Mitläufer eingestuft, gründete W. noch im selben Jahr ein Architekturbüro in München.

    Als langjähriger Mitarbeiter von Fick galt er als Konservativer unter den jungen Architekten. Mit hohem fachlichem Können und einem guten Gespür für Trends auf der einen Seite, mit Wendigkeit sowie Verhandlungsgeschick auf der anderen, gelang es ihm, sich mit den drei großen Bauaufgaben der Nachkriegszeit in Bayern zu etablieren: Wiederaufbau, Verwaltungsbau und Kirchenbau. Bereits in den frühen 1950er Jahren machte sich W. mit schöpferischen Wiederaufbauten in München einen Namen, allen voran dem Odeon (1951/52), dem Siegestor (1956–58) und später der Glyptothek (1967–72). In seinen repräsentativen Verwaltungsbauten verstand er es, mit Rückgriffen auf die süddt. Bautradition ebenso wie auf die Werke der nord. Architekten (u. a. Arne Jacobsen, Gunnar Asplund) Werte wie Tradition und Kontinuität umzusetzen und einen „spielerischen Traditionalismus“ (A. Leitl) mit technischen Innovationen zu verbinden. 1955 wurde W. als Nachfolger Hermann Leitenstorfers (1886–1972) auf den Lehrstuhl für Entwerfen, Denkmalpflege und Sakralbau an die TH München berufen; ab dieser Zeit wurde die kath. Kirche zu seinem größten Auftraggeber. Schon Jahre vor dem 2. Vatikanischen Konzil reagierte er wie andere Architekten auf die sich abzeichnenden liturgischen Neuerungen und setzte sich im Zusammenhang mit der geforderten stärkeren Einbindung der Gemeinde mit dem Zentralraum auseinander. Er näherte sich der Thematik jedoch nicht nur von der funktionalen und konstruktiven, sondern auch von ihrer liturgischen und transzendentalen Seite.

    In Anbetracht der stärker werdenden Internationalisierung des Bauens in der zweiten Hälfte der 1950er und in den 1960er Jahren wandte sich W. zunehmend der zeitgenössischen internationalen Architektur zu. Wie viele Architekten seiner Zeit verlor er in den 1960er Jahren zeitweise den Blick für das Maß der Städte und übernahm Planungsaufträge für Kaufhauskomplexe in den historischen Stadtzentren. Doch selbst als in denkmalpflegerischen Belangen erfahrener Architekt stieß er in Anbetracht der riesigen Bauvolumen an seine Grenzen. Bauten wie der Kaufhof am Marienplatz in München (1969–72) brachten ihm viel Kritik ein.

    Die Hauptschaffenszeit W.s zwischen 1950 und 1975 fällt zusammen mit der lang anhaltenden Hochkonjunkturphase in der Bundesrepublik Deutschland, die durch die Rezession 1966/67 nur kurz unterbrochen wurde. In den 1950er und 1960er Jahren leitete W. eines der größten und renommiertesten Architekturbüros in München. Um 1960 befand sich seine Karriere auf dem Höhepunkt: Neben acht anderen Architekten, darunter Rudolf Schwarz (1897–1961), Paul Baumgarten (1900–1984), Hans Döllgast (1891–1974) und Wassili Luckhardt (1889–1972), wurde er 1960|zum prestigeträchtigen Wettbewerb zum Wiederaufbau des ehemaligen Reichstagsgebäudes in Berlin eingeladen.

    Als Hochschullehrer vertrat W. neben Johannes Ludwig (1904–1996) an der Münchner TH (seit 1970 TU) eine gemäßigt moderne und regional gefärbte Architektur als Gegenpol zu den beiden Bauhäuslern Gerhard Weber (1909–1986) und Gustav Hassenpflug (1907–1977). W. war ein begabter und charismatischer Lehrer und trug bis in die 1970er Jahre hinein maßgeblich zur Reputation der Münchner Architekturschule bei. Humanistisch gebildet und offen für die Einflüsse aus verschiedensten Kulturen, versuchte W. laut eigener Aussage, bei den Studenten den Sinn zu wecken für „das Einfache, das Großartige und für den Zauber im Unscheinbaren“ (Ms., Bayer. Ak. d. Schönen Künste).

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1956);
    korr. Mitgl. d. Ac. d’Architecture, Paris;
    Komturkreuz d. päpstl. St. Sylvester-Ordens (1961);
    BDA-Preis (1975).

  • Werke

    Weitere W u. a. München: Allianz-Gen.direktion, 1951–54;
    Wiederaufbau d. Alten Ak. als Statist. Landesamt u. Kaufhaus, 1951–55;
    Wiederaufbau d. Hofgartenarkaden, 1952–54;
    Pfarrkirche u. Kloster Maria v. Guten Rat, 1954–57;
    Inst. f. Techn. Physik d. TH, 1957–60 (mit F. Hart;
    heute Hochschule f. Musik u. Theater München);
    Studiobau f. d. Bayer. Rundfunk, 1958–63 (mit W. Eichberg u. O. Roth);
    Kirche u. Kloster Zur Hl. Dreifaltigkeit (Englische Fräulein), 1960–64;
    Dachau: Todesangst-Christi-Kapelle in d. KZ-Gedenkstätte, 1960/61;
    Karmelitinnen-Kloster Hl. Blut, 1962–64;
    Landsberg/Lech: Kirche u. Pfarrzentrum Zu d. Hl. Engeln, 1966/67;
    Schrr.: Charakterisierung d. eigenen Schaffens, 1960 (Ms., Bayer. Ak. d. Schönen Künste);
    Fick, Roderich, in: NDB V, 1961, S. 129;
    Ornament heute, 1972;
    Antoni Gaudí, Inspiration in Architektur u. Handwerk, 1974;
    Musik u. Architektur, in: Detail 26, 1986, S. 413–18;
    Musik u. Architektur, in: Jb. d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste 1, 1987, S. 95–115;
    Nachlaß: Architekturmus. d. TU München.

  • Literatur

    |A. Leitl, München u. d. neue Architektur, in: baukunst u. werkform 10, 1957, S. 566–81;
    G. Knapp, Mit Gebautem den Menschen dienen, Zum 80. Geb.tag v. J. W., in: SZ v. 15.10.1990;
    Architekturschule München 1868–1993, hg. v. W. Nerdinger, 1993 (P);
    Bauen im Nat.sozialismus, Bayern 1933–1945, hg. v. dems., Ausst.kat. München 1993;
    Architektur d. Wunderkinder, Aufbruch u. Verdrängung in Bayern 1945–1960, hg. v. dems., Ausst.kat. München 2005;
    R. Ehrmann (Hg.), J. W., Bauten u. Projekte, 1981;
    I. Backmeister-Collacott, J. W., Leben u. Werk e. Münchner Architekten, 1910–2001, 2006 (L, P);
    R. Almannai, J. W., Die Wirkung d. Dinge, 2014;
    Vollmer;
    Wi. 1995 (P).

  • Porträts

    |zahlr. Photogrr., Abb. in: I. Backmeister-Collacott (s. L).

  • Autor/in

    Ilka Backmeister-Collacott
  • Zitierweise

    Backmeister-Collacott, Ilka, "Wiedemann, Josef Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 58-59 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11940074X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA