Lebensdaten
erwähnt 13. – 21. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Keramikfabrikanten ; Industrielle
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 1143988205 | OGND | VIAF: 14151050063533412742
Namensvarianten
  • Villeroy de Galhau
  • Villeroy
  • Villeroy de Galhau

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Villeroy, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1143988205.html [27.06.2022].

CC0

  • Biographische Darstellung

    Angehörige der Familie sind bereits im 13. Jh. als Besitzer der Herrschaft Villeroi in Lothringen erwähnt, erste um 1700 genealogisch nachweisbare Vorfahren stammen aus dem lothring. Vaucouleurs (b. Toul), wo mindestens vier Generationen ansässig waren und einer Handwerkerzunft angehörten. Etienne (1645–88) verlagerte 1675 durch Heirat mit einer Verwandten der Jeanne d’Arc den Familiensitz ins benachbarte Void, das sein Enkel Claude-Ambroise (1726–1800) früh verließ, um in Nancy Jura zu studieren. Dort heiratete er 1747 Catherine Drouet (um 1727–90). Seine Tätigkeit als Jurist führte ihn nach Bar-le-Duc, Nancy und Metz, wo Nicolas (1759–1843) als jüngstes von sieben Kindern zur Welt kam; er ist der Stammvater des heute noch in der achten Generation in Wallerfangen ansässigen Zweigs der Familie.

    Nicolas erhielt eine kaufmännische Ausbildung auf dem Weingut der Kaufmanns- und Bankiersfamilie Böcking, Traben-Trarbach, deren einzige Tochter Thérèse Sophie (1764–1842) er 1786 heiratete. Als Vertriebsleiter war er seit 1784 in der Salzmagazinverwaltung von St. Avold tätig. Hier lernte er neben dem Steingutfabrikanten Jean-François Boch-Buschmann (1782–1858) aus Mettlach auch Jean Thibault (1741–1816) kennen, der sich 1785 als Steingutfabrikant in Frauenberg bei Saargemünd selbständig machte. Nicolas wurde 1789 dessen Miteigentümer, zunächst mit knapp 10 %. Bereits Anfang 1790 hatte er die Leitung der Frauenberger Manufaktur inne, 1791 erhielt er im Zuge ihrer Verlegung nach Wallerfangen 50 % der Gesellschafteranteile. 1797 wurde Nicolas alleiniger Besitzer der Wallerfanger Steingutmanufaktur, deren Brennöfen er bald darauf als einer der ersten seiner Branche mit Steinkohle statt Holz befeuerte. 1798 erwarb er große Teile des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters in Wadgassen, wo er eine Rohstoffmühle einrichten ließ, und Förderkonzessionen für die benachbarte Hostenbacher Kohlegrube. 1802 waren zwei Drittel seiner Steingutfabrikation auf Kohlefeuer umgestellt. 1809 setzte er als erster Saarländer eine Dampfmaschine ein, 1815 führte er mit Hilfe engl. Fachkräfte den Kupferdruck ein. Nicolas legte mit diesen Innovationen die Grundlagen für eine industrielle Serienproduktion preisgünstiger Gebrauchswaren. 1816 übertrug er seine Anteile zu je 25% seinen vier Kindern Charles Ambroise (1789–1843), Louis (1790–1830), Sophie (1794–1856) und Caroline (1796–1819),|er behielt aber bis zu seinem Tod mit großem unternehmerischen Geschick die Leitung der Geschäfte.

    Louis war seit 1819 Direktor und technischer Leiter. Er verfeinerte die Material- und Dekortechniken nach engl. Vorbildern, gründete ein Atelier, um Kupferstiche anzufertigen und steigerte Menge und Qualität der Erzeugnisse erheblich. Charles Ambroise, Direktor und kaufmännischer Leiter 1830–41, war mit der Verbesserung der Brenntechniken und Öfen sowie der Vertriebswege und Exporte für eine enorme Steigerung der Gewinne verantwortlich, durch die sich bei der Fusion mit der Steingutfabrik des Jean-François (Johann Franz) Boch-Buschmann (1782–1858) in Mettlach 1836 eine Verteilung der Gesellschaftsanteile im Verhältnis von 3 zu 2 für die Familie V. ergab. Die geschäftliche Verbindung zwischen den Familien Boch und Villeroy besiegelte 1842 die Heirat von Nicolas’ Enkelin Octavie (1823–99) mit Eugen Anton v. Boch (1809–98), der durch die Neufassung des Gesellschaftervertrags nun neben Gaspard Alfred (1818–96), Enkel Nicolas’, an der Spitze des Familienunternehmens stand, dessen Gesellschafter zu einem Familienverband geworden waren. Seitdem ist Mettlach Sitz der Generaldirektion.

    Als Generaldirektor von „Villeroy & Boch“ sorgte Nicolas bis kurz vor seinem Tod für neue Fabrikgründungen (1843 Kristallerie in Wadgassen), die Spezialisierung der Fabriken und die Produktion von Feldspat-Porzellan in seinem Wallerfanger Stammwerk, dessen Leitung in den Händen der Familie blieb. 1842 übertrug Charles Ambroise die Direktion seinem Sohn Gaspard Alfred. Diesem gelang 1842–73 die Weiterentwicklung der Kupferdruckherstellung, die Produktion von Knochenporzellan (1852), die Erschließung des russ. Marktes, die Gründung der Dresdner Steingutfabrik zur verstärkten Belieferung Osteuropas (1856), die ersten Farbdruckversuche (1859), der Antrieb der Drehscheiben durch Dampfmaschinen (1860) und die Anbindung an das Eisenbahnnetz, was eine sprunghafte Aufwärtsentwicklung der Firma zur Folge hatte.

    1873 löste Ernest (1843–1908) seinen Vater Gaspard Alfred ab. Unter seiner kaufmännischen Leitung 1873–91 entwickelte sich die Wallerfanger Fabrik schnell zur Haupt-Exportfabrik von „Villeroy & Boch“, einem inzwischen durch Mechanisierung und Rationalisierung geprägten Industriebetrieb. Mit Ernest endete nach vier Generationen die Ära der familiengeführten Leitung der Wallerfanger Steingutfabrik; auf ihn folgten in 40 Jahren sieben fremde Direktoren. 1931 wurde die Fabrik im Zuge der Weltwirtschaftskrise endgültig stillgelegt, die Gebäude wurden 1935/36 abgerissen.

    Die Steingutfabrik hat bis heute Spuren in Wallerfangen hinterlassen: Im 19. Jh. errichtete das Unternehmen interne soziale Für- und Vorsorgeeinrichtungen für die Mitarbeiter, außerhalb des Betriebs wurden Institutionen zur Aus- und Weiterbildung, Erholung und sozialen Sicherung geschaffen. 1838 gründete Nicolas einen Armenverein zur Pflege und Betreuung, aus dem sich bald ein Konsumverein zur billigen Beschaffung von Lebensmitteln bildete. 1848 wurde das Prinzip der gleitenden Arbeitszeit eingeführt und Ende des 19. Jh. war die Sechs-Tage-Woche Standard in der Wallerfanger Fabrik. Großes soziales Engagement zeigten auch Nicolas’ Schwiegersohn Louis Henry Fulbert de Galhau (1783–1862), Rechtsanwalt, seit 1813 verheiratet mit Sophie, v. a. aber Nicolas’ Enkel Nicolas Adolphe de Galhau (1814–89), Gutsbesitzer, Politiker und Ehrenbürgermeister, der 1840 Sophie Léonie Elisabeth (1820–85), Tochter von Charles Ambroise, geheiratet hatte und der u. a. Schulen bauen ließ. Als letzter männlicher Namensträger seiner Familie vererbte er testamentarisch seinen Namen an Emmanuel (1878–1932), ältester Sohn von Ernest und Gabrielle Onofrio (1849–1904), der seit 1909 durch Dekret des Präsidenten der franz. Republik den Namen V. de Galhau führen und an seine Nachkommen vererben durfte.

    Nach der Schließung der Wallerfanger Steingutfabrik 1931 wurde die Familie auf anderen Feldern tätig: Henry V. de Galhau (1904–81), ältester Sohn von Emmanuel, wohnte weiterhin mit seiner Frau Jehanne Bazin de Jessey (1909–2010) und den sechs Kindern Claude V. de Galhau (* 1931), Alain V. de Galhau (* 1933), Nicolas V. de Galhau (* 1935), Elisabeth V. de Galhau (* 1938), Emmanuel V. de Galhau (* 1942) und Gabriel V. de Galhau (* 1948) in Wallerfangen; er war neben seinem Amt als Präsident der „Villeroy & Boch S. A.“ in Paris auch Mitglied des Familienrats und franz. Ehrenkonsul in Saarlouis. Sein ältester Sohn Claude wurde Mitglied im Aufsichtsrat, sein dritter Sohn Nicolas war bis 1999 Direktor der Pariser Niederlassung von Villeroy & Boch, „Arts de la Table“. Seit 2010 vertritt Claude’s ältester Sohn François V. de Galhau (* 1959) die Familie V. im Aufsichtsrat. Mit Nicolas Luc (* 1961), Ururenkel von Gaspard Alfred, der seit 2005 die Leitung des Unternehmensbereichs Tischkultur innehat,|ist seit Mai 2012 wieder ein Vertreter der Familie V. im Vorstand der „Villeroy & Boch AG“, die mit 744 Mio. € Umsatz, rund 7400 Mitarbeitern in 15 Produktionsstätten und Vertretungen in 125 Ländern (2012) eines der renommiertesten und traditionsreichsten Familienunternehmen der Keramikbranche ist.

  • Literatur

    L G. de Braux, Les Familles Noel de Lys et V., 1892;
    A. de Boch, La seigneurie de Fremersdorf, 1901;
    F. Hellwig, Untern. u. Untern.reform im saarländ. Ind.gebiet, 1943;
    Th. Liebertz, Wallerfangen u. seine Gesch., 1953;
    E. Gruner, Gesch. d. Fam. Boch, 1968;
    Th. Thomas, Die Rolle d. beiden Fam. Boch u. V. im 18. u. 19. Jh., 1974;
    Ch. Hiegel, La faiencerie de Frauenberg (Moselle) 1785–1791 et les débuts de la faiencerie de Vaudrevange (Sarre) jusque vers 1800, in: Annuaire de la Soc. d’histoire et d’archéologie de la Lorraine, tome LXXVI, 1976;
    K.-H. Gorges, Der christl. geführte Ind.betrieb im 19. Jh. u. d. Modell Villeroy & Boch, 1989;
    B. Adler, 200 J. Keramiktradition Wallerfangen, 1991;
    dies., Wallerfanger Steingut, Gesch. u. Erzeugnisse d. Manufaktur Villeroy Vaudrevange bzw. d. Steingutfabrik Villeroy & Boch Wallerfangen, 1995;
    dies., Villeroy & Boch, Ein Viertelj.tausend europ. Ind.gesch. 1748–1998, 1998;
    G. Müller, Die Fam. V. u. de Galhau im Saarland, 1991;
    Ch. Schneider, La famille de Jeanne d’Arc et sa descendance, in: Généal. Lorraine, 2000–04, Hh. 55–59;
    Qu Privatarchiv Villeroy, Wallerfangen;
    Firmenarchiv Villeroy & Boch, Mettlach;
    Kreisarchiv Saarlouis, Nachlaß Liebertz; Pfarrarchiv Wallerfangen.

  • Porträts

    P zu Claude ( 1800): Gem. (Fam.bes.); – zu Nicolas ( 1843): Gem. v. Schmidt-Chevalier, 1953 (Firmenbes.); Stich v. W. Sauer (Fam.bes.)

  • Autor/in

    Beatrix Adler
  • Zitierweise

    Adler, Beatrix, "Villeroy" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 811-813 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1143988205.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA