Lebensdaten
1817 bis 1893
Geburtsort
Eslohe (Westfalen)
Sterbeort
Dortmund
Beruf/Funktion
sozialdemokratischer Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118623079 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Tölke, Carl Wilhelm
  • Töllcke, Carl Wilhelm
  • Tölcke, Carl Wilhelm
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Zitierweise

Tölcke, Carl Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623079.html [02.07.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Christian Töllcke, Gendarm in E.;
    M Dorothea Schippmann;
    5 B (2 früh †), 3 Schw, 1 Halb-B Franz Wilhelm Hemmerer (1805–34), Soldat;
    Eslohe 1844 Friederike Antonia (1820–1903), T d. N. N. Müller, Ger.aktuar in Suhl (Thür.);
    9 K u. a. S Emil Ernst Friedrich (* 1845, Emma Spelsberg), Baumeister, Carl Albert (* 1848), Bäcker, Gustav Otto (1853–84), Schreibergehilfe, Carl Hugo (* 1862), T Maria Johanna Hermine (* 1846), Maria Menna Alwine (* 1851), Beate (1856–1941?), Rechtsbeistand, Auguste Adele (1858–1932), Rechtsbeistand.

  • Leben

    T. besuchte die Volksschule in Eslohe und wurde 1832 Schreiber und Beamtenanwärter am dortigen Gericht. 1844 kam er als Sekretär und Kassenverwalter an das Land- und Stadtgericht Altena. Er beteiligte sich am bürgerlichen Vereinsleben der Stadt (Turner, Sänger, Diskussionskreis) und stieg in seinem Geschäftsbereich zum Büroleiter auf. In der Revolution 1848/49 geriet T. als talentierter Organisator in die vordere Reihe der sich politisierenden bürgerlichen Bewegung. Zwar verließ er dabei nie den Boden eines streng legalistischen Konstitutionalismus, doch ging dem preuß. Staat auch diese moderate Haltung zu weit. Im Aug. 1848 wurde er wegen „Dienstvernachlässigung“ entlassen. Eine Anklage wegen Unterschlagung beschädigte seine gesellschaftliche Stellung zusätzlich. Die Verfolgung gipfelte in steckbrieflicher Suche wegen Hochverrats. T. stellte sich im Aug. 1849 der Polizei und war bis Mai 1850 inhaftiert. Das politische Verfahren endete mit Freispruch. Im Strafverfahren wegen Unterschlagung entschied das Gericht auf Geldbuße und Ausschluß von öffentlichen Ämtern.

    Im folgenden Jahrzehnt gelang es T., als Händler, Handlungsreisender, zuweilen als Arbeiter, in Iserlohn eine neue Existenz aufzubauen. Nach Beginn der „Neuen Ära“ suchte er die Nähe der neuen politischen Formationen: zunächst der nationalliberalen Bewegung, dann des von Ferdinand Lassalle (1825–64) und Arbeitern aus der Bildungsvereinsbewegung 1863 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ (ADAV). Dessen Iserlohner Gruppe trat T. Anfang 1865 bei. Rasch entwickelte er sich zum führenden ADAV-Agitator und -Organisator in Westfalen. Darüber hinaus wirkte er Jan. – Juni 1866 als Präsident des ADAV, 1868 als Vizepräsident, bis Juni 1870 als besoldeter Sekretär des Präsidiums, danach wiederum als Vizepräsident. T. war 1865–74 neben den jeweiligen Vereinspräsidenten der wichtigste Redner des ADAV auf Parteitagen und Großveranstaltungen.

    T. hatte maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung des (von Wilhelm Liebknecht so genannten) „spezifischen Lassalleanismus“ als Parteipraxis. Damit gemeint ist die Konzentration auf Propaganda für allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht und für Produktivassoziationen auf Staatskredit, die Distanz zu Lohnkämpfen und Gewerkschaften, die schroffe Abwehr von Bündnissen mit dem Bürgertum und das innerparteiliche Organisationsprinzip der Präsidialdiktatur. T. fand damit starken Zuspruch bei den proletarisierten Arbeitern der Heim- und beginnenden Großbetriebe, die das Gros der ADAVMitglieder stellten. Auf Widerspruch stieß er bei bürgerlichen Demokraten in den Reihen des ADAV und bei Mitgliedern, die aus der demokratischen Bildungsvereinsbewegung stammten. Aus diesen beiden Lagern rekrutierte sich 1868 die ADAV-Opposition, die dem spezifischen Lassalleanismus ihr Erfahrungswissen über Bündnis-, Kommunal- und Gewerkschaftspolitik entgegensetzte. Diese Oppositionellen wurden auf Initiative T.s 1869 aus dem ADAV gedrängt und gründeten im selben Jahr gemeinsam mit August Bebel (1840–1913) und Wilhelm Liebknecht (1826–1900) die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands“ (SDAP).

    Mit der SDAP verloren die lassalleanischen Dogmen an Strahlkraft. Ihre Protagonisten schieden aus den Führungspositionen des ADAV aus, so auch T., der nach 1872 keine bedeutenden Ämter auf Vorstands- und Präsidiumsebene mehr innehatte. Der preuß.-dt. Staatsapparat hatte seit der Gründerkrise 1871 die Repression beider Parteien stetig verschärft und damit dem lassalleanischen Traum von der Staatshilfe den Boden entzogen. T. erkannte die historische Tragweite dieser Vorgänge und begann im Sommer 1874, im ADAV für eine Wiedervereinigung der getrennten Lager zu werben. Nach dem Gothaer Vereinigungsparteitag 1875 widmete er sich im Auftrag der Parteiführung organisationspolitischen Aufgaben und schuf wesentliche Grundlagen für die Stabilität der Sozialdemokratie unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes. 1878 zog T. nach Dortmund, um sich Wahlkandidaturen und regionaler Pressearbeit zu widmen. Bei der Neugründung der SPD auf den Parteitagen in Halle 1890 und Erfurt 1891 repräsentierte er als verehrter Parteiveteran die lassalleanische Tradition der Bewegung.

  • Werke

    W Zweck, Mittel u. Organisation d. Allg. dt. Arbeiter-Ver., Ein Leitfaden f. d. Agitatoren, Bevollmächtigten u. Mitgl. d. Ver., 1873; A. Herzig (Bearb.), C. W. T.s Presseberr. z. Entwicklung d. dt. Soz.demokratie 1848–1893, 1976; ders. u. K. Rosenthal (Hg.), C. W. T., Korr. aus d. J. 1848–1893, 1977.

  • Literatur

    L B. Becker, Gesch. d. Arbeiter-Agitation F. Lassalles, 1874;
    F. Mehring, Gesch. d. dt. Soz.demokr., Bd. 2, 1960;
    R. Kuntsch, in: Gesch. d. dt. Arbeiterbewegung, 1970, S. 460 f.; K. Koszyk, Der märk. Arbeiterführer C. W. T., in: Der Märker 12, 1963, S. 94–97; A. Herzig, Der Allg. Dt. Arbeiter-Ver. in d. dt. Soz.demokr., 1979 (Qu-Verz., P); ders., C. W. T., Vater d. westfäl. Soz.demokr., in: Eine Partei in ihrer Region, hg. v. B. Faulenbach u. G. Högl, 1988, S. 158–62;
    K. A. Reinartz, in: SPD Hochsauerlandkreis (Hg.), Sauerländer heben d. Soz.demokr. mit aus d. Taufe, 2013, S. 18–26;
    Westfäl. Köpfe (P);
    Köpfe d. Ruhr; Biogrr. Dortmunder

  • Autor/in

    Christian Gotthardt
  • Empfohlene Zitierweise

    Gotthardt, Christian, "Tölcke, Carl Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 321-322 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118623079.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA