Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Gelehrtenfamilie
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 1143724801 | OGND | VIAF: 5605151052080633530003
Namensvarianten
  • Tiktin

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Zitierweise

Tiktin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1143724801.html [24.09.2021].

CC0

  • Leben

    Der rabbinische Gelehrte Abraham (1764– 1820) war Sohn eines Gedalja aus Tykocin bei Białystok, woher sich der Familienname ableitet. Geboren in Swarze ˛dz (Schwersenz, Großpolen), wurde er nach dem frühen Tod seines Vaters 1773 durch die Ehemänner seiner Schwestern, Isaak-Mordechai ben Baruch in Grodzisk (Grätz) und den Posener Dajan Jakob, erzogen und ausgebildet. Nach seiner Heirat mit Esther, Tochter des Aron Kuttner (Kutschinski), lebte er zwölf Jahre lernend und lehrend bei seinen Schwiegereltern in Swarze ˛dz. Seit 1797 versah er kurzzeitig das örtliche Rabbinat, wenig später amtierte er als Rabbiner in Łe ˛czyca (Luntschütz) in Russ.-Großpolen. 1803 wurde er zum Oberrabbiner in Glogau berufen und übte dort anfänglich auch zivilrichterliche Funktionen aus. 1816 wurde er Oberlandesrabbiner von Schlesien mit Sitz in Breslau. Bei seiner Anstellung spielte u. a. eine Rolle, daß er Vorträge und Reden in der Landessprache zu halten verstand. Einem Ruf auf das Fürther Oberrabbinat 1820 konnte er nicht mehr Folge leisten. Er starb in Breslau.|Sein Sohn Salomon (Salman, 1791–1843), ebenfalls in Swarze ˛dz geboren, heiratete 1808 Rechel, Tochter des Wolff Landau aus Cze ˛stochowa (Tschenstochau), wo auch der Sohn Gedalja (1808–86) zur Welt kam. 1821 wurde Salomon zum Nachfolger seines Vaters gewählt. Die Anstellung erfolgte zunächst für drei Jahre als Vakanzvertreter, wurde 1823 amtlich bestätigt und im folgenden stillschweigend verlängert. 1836 ließ er in Breslau die Publikation von Moses Bruecks „Reform des Judenthums“ verbieten und opponierte 1838 gegen den Reformtheologen Abraham Geiger (1810–74), als dieser zum zweiten Rabbiner in Breslau gewählt wurde, weil er die Religion angreife und als Absolvent einer Universität generell für das rabbinische Amt ungeeignet sei. Der Konflikt zwischen Salomon und Geiger und ihren Anhängern eskalierte; im April 1842 wurde Salomon vom Gemeindevorstand abgesetzt. Im Jahr darauf starb er in Breslau.

    Gedalja folgte der Gelehrtenlaufbahn seines Vaters und Großvaters. Er war Schüler des Chaim Auerbach in Łe ˛czyca (Luntschütz). In Breslau gehörte er zum Kreis der orthodoxen „Tempel-Schul“ in der Antoniengasse (ul. s ´w. Antoniego). 1843 kürten ihn 200 Gesinnungsgenossen gegen Geiger, aber ohne rechtliche Wirkung, zum Rabbiner der Breslauer Gemeinde. Trotz eines Versuchs der Regierung, den Konflikt 1844 dahingehend zu lösen, daß die Gesamtgemeinde einen zweiten Rabbiner wählte, stellte sich Gedalja nicht der Wahl. Er blieb inoffizieller Rabbiner allein der orthodoxen Fraktion, bis er 1847 in dieser Stellung auch amtlich anerkannt wurde. 1854 verlieh ihm eine Kabinettsordre den Titel des Landrabbiners von Schlesien, zugleich übernahm er die Gefangenenseelsorge in der Strafanstalt. Bei der Teilung der Gemeinde in zwei getrennte Kultuskommissionen wurde er 1856 offizieller orthodoxer Gemeinderabbiner, weihte jedoch einvernehmlich mit seinem liberalen Rabbiner-Kollegen Manuel Joël die neue Breslauer Hauptsynagoge „Auf dem Anger“ ein. Er wirkte bis zu seinem Tod in Breslau.

    Gedaljas Sohn, der Romanist Heinrich (Heyman, Hariton, 1850–1936), zog nach Abschluß der Schule nach Ias ¸i (Rumänien), wo er als Lehrer für Deutsch und Latein an Gymnasien unterrichtete und die rumän. Sprache studierte. Nach der Heirat mit einer Rumänin nahm er die rumän. Staatsbürgerschaft an. Seit 1879 publizierte er zur rumän. Sprachwissenschaft, sowohl sprachwissenschaftlich-philologisch wie sprachdidaktisch, und unterhielt Verbindungen zur rumän. literarischen Gesellschaft „Junimea“. 1884 wurde er mit seinen „Studien zur rumän. Philologie“, einer Darstellung des Forschungsstands in der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, an der Univ. Leipzig promoviert. Er unterhielt enge Kontakte zu Romanisten in Rumänien und Deutschland. 1900 ließ er sich taufen und nahm den Namen Hariton an, 1905 folgte er einem Ruf nach Berlin, wo er das erste Seminar für rumän. Linguistik außerhalb Rumäniens begründete. Er lebte zwischenzeitlich wieder in Rumänien, unterrichtete aber noch in den 1920er Jahren erneut am Seminar für Oriental. Sprachen in Berlin. Heinrich war Mitglied im Allgemeinen Dt. Neuphilologenverband, der ihm 1930 zum 80. Geburtstag eine Feier ausrichtete und ihn 1933 im Zuge rassistischer Verfolgung von der Mitgliedschaft ausschloß.

    Ein Enkel des Gedalja (d. J.), der auch die rabbinische Laufbahn einschlug, hieß ebenfalls Salomon (1863–1942). Anders als seine Vorfahren absolvierte er eine akademische Rabbinerausbildung an der Universität und dem Jüd.-Theol. Seminar Breslau. Er diente anfänglich als Hilfsprediger in Breslau, bevor er 1902 Prediger in Głubczyce (Leobschütz), Oberschlesien, und 1925–35 Rabbiner beim Religionsverein Jüd. Glaubensgenossen in Berlin-Steglitz wurde. Er starb im Febr. 1942 und fand seine letzte Ruhestätte auf dem jüd. Friedhof Berlin-Weißensee; seine Frau Frieda, geb. Szkolny (1881–1942) wurde im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert und kam dort ums Leben.

  • Werke

    W zu Abraham, Salomon d. Ä. u. Gedalja: Hebr. Publl.;
    Autographen: Jüd. Hist. Inst. (Z˙ydowski Instytut Historyczny) Warschau; – zu Salomon d. Ä.: Darst. d. Sachverhältnisses in seiner hiesigen Rabbinats-Angelegenheit, 1842; – zu Heinrich: Der Vokalismus d. Rumän., in: Zs. d. Roman. Philol. 10, 1886, S. 246–55, 11, 1887, S. 56–85, 12, 1888, S. 220–41, 436–62; Der Konsonantismus d. Rumän., ebd. 24, 1900, S. 319–28, 489–500; Die rumän. Sprache, Grundriss d. roman. Philol. 1, 1888; Grammatik d. rumän. Sprache, 2 Bde., 1892/93, ²1905; Rumän.-dt. Wörterbuch, 3 Bde., 1903–25; Rumän. Elementarbuch, 1905; – zu Salomon d. J.: Die Lehre v. d. Pflichten u. Tugenden b. Philo v. Alexandrien, 1895.

  • Literatur

    L zu Abraham, Salomon d. Ä. u. Gedalja: A. Heppner, Drei Breslauer Rabbiner (1816–1886), A., S. u. G. T., in: Breslauer Jüd. Gde.bl. 5, Sept. 1928, S. 152 f., 172 f., 192 f.;
    ders., Jüd. Persönlichkeiten in u. aus Breslau, 1931 (P);
    F. D. Lucas u. M. Heitmann, Stadt d. Glaubens, Gesch. u. Kultur d. Juden in Glogau, 1991, S. 244–51;
    A. Brämer, Rabbiner u. Vorstand, Zur Gesch. d. jüd. Gde. in Dtld. u. Österr., 1999;
    C. Wilke, Den Talmud u. d. Kant, Rabbinerausbildung an d. Schwelle z. Moderne, 2003;
    Biogr. Hdb. Rabbiner I (W);
    zu Heinrich: U. Maas, Verfolgung u. Auswanderung dt.sprachiger Sprachforscher 1933–45, 2010;
    Lex. grammaticorum;
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L); – zu Salomon d. J.: Biogr. Hdb. Rabbiner II (W).

  • Autor/in

    Katrin Nele Jansen
  • Empfohlene Zitierweise

    Jansen, Katrin Nele, "Tiktin" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 277-279 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1143724801.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA