Lebensdaten
1868 bis 1951
Geburtsort
Struthütten (Siegerland)
Sterbeort
Recklinghausen
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Kokereipionier
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 1013318005 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Still, Carl
  • Still, Karl

Quellen(nachweise)

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Zitierweise

Still, Carl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1013318005.html [28.02.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich Friedrich (1831–1908, Bauer u. Ortsvorsteher in S.;
    M Amalie Roth (1839–99;
    Fraustadt (Posen) 1908 Hanna Gürtler (1883–1978, T e. Geistlichen in Fraustadt;
    2 S u. a. Karl-Friedrich (1911–93, Untern., Dr.-Ing. E. h. (TH Aachen 1962);
    E Carl Otto (* 1940), Untern.

  • Leben

    Nach acht Jahren Volksschule und Privatunterricht durch den Ortspfarrer besuchte S. die Maschinenbauschule in Betzdorf (1882/83) und die Baugewerkschule in Holzminden (1886–88). Anschließend bei der Maschinenfabrik Baum in Herne tätig, wechselte er 1890 zu der wegen ihrer Nebenproduktengewinnung führenden, zudem sehr gewinnträchtigen Kokereibaufirma „Dr. C. Otto & Comp.“ in Dahlhausen bei Bochum. S. beschäftigte sich hier v. a. mit der verbesserten Gewinnung von Benzol aus Kokereigas. 1898 eröffnete S., gefördert durch den Montanindustriellen Carl Funke (1855–1912), ein eigenes Ingenieurbüro in Recklinghausen, woraus sich die nach ihm benannte Firma „Carl Still“ entwickelte. Zunächst baute S. Benzolgewinnungsanlagen nach den von ihm verbesserten Ideen des Hochschullehrers Heinrich Hirzel (1828–1908). 1899 folgten erste Ammoniakfabriken, dann Rohgaskondensationsanlagen und Teerdestillationen, seit 1906 komplette Kokereianlagen (1. Kokerei: Pluto Wilhelm, Wanne b. Herne), bis 1910 wurden sog. Otto-Hilgenstock-Öfen in Lizenz gebaut. 1905 und 1926 gelangen S. Innovationen beim Ammoniakwascher, die bei größerer Betriebssicherheit zu höherer Ausbeute führten. 1915 klärte S. die chemischen und physikalischen Grundlagen des Ammoniakwaschverfahrens; seine diesbezüglichen Publikationen förderten die theoretisch-physikalische Durchdringung von Problemen der bisher empirisch betriebenen Kokereitechnik. Der Autodidakt S. wandte Rudolf Clausius’ (1822–88) kinetische Gastheorie an und benutzte zur Ableitung Bernoullische Gleichungen ebenso wie Lagrangesche Integrale für Variationsprobleme. 1919 war er maßgeblich beteiligt an der Gründung der „Gesellschaft für Kohlentechnik“, die im Gegensatz zum KWI für Kohlenforschung mehr praxisbezogene Forschung auf wissenschaftlicher Grundlage betreiben sollte. Beabsichtigt war auch, die Patente der BASF auf das Haber-Bosch-Verfahren (Ammoniak-Synthese) zu bekämpfen, welche die ökonomischen Grundlagen sowohl der Kokereibetreiber als auch der Kokereibaufirmen gefährdeten.

    Mit der von S. seit 1908/10 entwickelten senkrechten Stufenbeheizung der Koksöfen wurde die bis dahin erreichte Kammerhöhe bis 1927 auf 6 m (Kokerei Nordstern) mehr als verdoppelt, damit vergrößerte S. den Kammerdurchsatz auf 35 Tagestonnen. Diese Dimension wurde erst 40 Jahre später übertroffen. S. verbesserte nicht nur die Energiebilanz (Wärmeökonomie) der Kokereien sondern mechanisierte die Kokereien mit Kokslöscheinrichtungen, Türhebe-, Ausdrück- und Befüllmaschinen. Schon vor dem 1. Weltkrieg errichtete S. Benzolgewinnungsanlagen und ganze Kokereien in den USA, Frankreich, Belgien, Schweden, Österreich, Ungarn und Großbritannien. In den 1920er Jahren folgte der Bau von Anlagen in der Sowjetunion, in der Tschechoslowakei und Polen, in den 1930er Jahren in Italien.

    Die angestrebte NS-Treibstoffautarkie führte dazu, daß die Fa. Still seit 1935 Anlagen zur Aufbereitung von Hydrierbenzin bzw. Fischer-Tropsch-Primärproduktion konstruierte, ohne daß S. oder sein Sohn mit dem Regime in enger Verbindung standen. Nach dem Krieg erfolgte die Erweiterung des Geschäftsfeldes zu Mineralölverarbeitungsanlagen und zur Aufnahme des Anlagenbaus für die allgemeine chemische Industrie.

    S. unterhielt seit den 1920er Jahren enge Beziehungen zu berühmten Physikern und Mathematikern. Sein Wohnhaus in Recklinghausen ebenso wie sein Gut Rogätz bei Magdeburg dienten als Treffpunkt u. a. mit Richard Courant, Max Born, James Franck und Max Planck, der seit 1943 in Rogätz wohnte. S. errichtete kleinere Stiftungen an den Universitäten Göttingen und Münster; er war 1915–24 Stadtratsmitglied in Recklinghausen.

    Sein Sohn Karl-Friedrich trat 1939 in die Firma ein, führte aber erst nach S.s Tod das|Unternehmen. Er errichtete 1951 die erste moderne Teerdestillation für die „Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke AG“. Seit 1952 hatte die Firma ein ständiges Zweigbüro in Calcutta. 1952–54 wurde die erste vollständige Kokereianlage in Indien gebaut, weitere Anlagen folgten. S.s Enkel Carl Otto erwarb 1985 mit der „Carl Still GmbH & Co. KG“ den Engineeringteil von Dr. C. Otto & Comp. GmbH und fusionierte diese 1987 zur „Still Otto GmbH“ bei einer 75%igen Beteiligung der „Thyssen Industrie AG“. 1993 erfolgte die Zusammenfassung mit der „Thyssen Engineering GmbH“ zur „Thyssen Still Otto Anlagentechnik GmbH“, die nach mehreren Umfirmierungen seit 2004 in der „Uhde GmbH“, Dortmund, integriert ist. Die Familie ist nicht mehr am Unternehmen beteiligt.

  • Auszeichnungen

    A Dr.-Ing. E. h. (TH Aachen 1919);
    Ehrenbürger v. Struthütten u. Recklinghausen (1938);
    Ehrenmitgl. d. Univ. Göttingen u. Münster (1948).

  • Werke

    Kompensationsrohre, in: Glückauf 41, 1905, S. 44–47;
    Krit. Streifzüge durch d. techn. Gebiet d. Koksofenind., ebd. 44, 1908, S. 961–69 u. 993–1000, ebd. 47, 1911, S. 1509–17, 1549–58 u. 1600–08, ebd. 52, 1916, S. 805–14, 829–36, 853–60, 906–16 u. 937–43, ebd. 62, 1926, S. 453–58;
    Gleichmäßige Beheizung sämtl. Ofenpartien sowohl in waagerechter als auch senkrechter Richtung, DRP 243320, 1910;
    zahlr. weitere Patente.

  • Literatur

    P. Hilgenstock, Ein Wegbereiter d. techn. Kohlechemie, in: Glückauf 81/84, 1948, S. 533 f.;
    F. Pudor, Nekrologe aus d. rhein.-westfäl. Ind.gebiet, Jg. 1939–1951, 1955, S. 233 f.;
    F. M. Ress, Gesch. d. Kokereitechnik, 1957, S. 531 f.;
    H. Behnke, Das Haus S. u. seine Freunde aus d. Wiss., 1973 (P);
    M. Rasch, Gesch. d. KWI f. Kohlenforsch. 1913–1943, 1989, S. 97 f.;
    D. Bleidick, Die zuliefernde Ind. d. Steinkohlebergbaus u. deren Entwicklung in Recklinghausen, in: K. Bresser u. Ch. Thüer (Hg.), Recklinghausen im Ind.za., 2000, S. 162–67;
    M. Farrenkopf (Hg.), Koks, Die Gesch. e. Wertstoffes, Bd. 2, 2003, S. 121, 145, 150, 183 u. 214;
    Nassau. Biogr.;
    Qu
    ThyssenKrupp Konzernarchiv (Untern.archiv, Splitterbestand, P).

  • Autor/in

    Manfred Rasch
  • Empfohlene Zitierweise

    Rasch, Manfred, "Still, Carl" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 345-346 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1013318005.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA