Lebensdaten
1737 bis 1793
Geburtsort
Hanau
Sterbeort
Karlsruhe
Beruf/Funktion
badischer Staatsminister
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118681621 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Edelsheimb, Wilhelm Freiherr von
  • Edelsheim, Wilhelm Freiherr von
  • Edelsheimb, Wilhelm Freiherr von
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Zitierweise

Edelsheim, Wilhelm Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118681621.html [20.04.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Phil. Reinhard (1695–1772), hanau-münzenbergischer Kammerpräsident, S des Frdr. Christian (1669–1722), kurmainzischer Rat (S des Joh. Gg., s. Einl.), u. der Clara Elis. Rau v. u. zu Holzhausen;
    M Friederica Charl. Maria (1703–61), T des Joh. Heinr. Frhr. v. Zeschlin (1674–1748) u. der Cath. Rebecca Freiin v. Witzleben;
    B Gg. Ludw. (siehe Genealogie 1); ledig; Großneffen Leopold s. (1), Ludw. s. (2).

  • Leben

    Nach juristischem Studium in Göttingen und kurzer Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar trat E. in den Dienst des Markgrafen Karl Friedrich von Baden, dessen humane Regierungsgrundsätze ihn anzogen. 1758 wurde er zum Hofrat ernannt mit Sitz im Hof- und Ehegericht. 1760/61 sandte Karl Friedrich ihn in geheimen Missionen an die Höfe von Gotha, Dresden und London, um zu sondieren, wie weit die protestantischen Mächte im Falle eines Friedensschlusses Gebietserweiterungen für die Markgrafschaft zustimmten. 1763 mußte E. die Verwaltung der Familiengüter übernehmen. Als Schwierigkeiten in der baden-badischen Erbfolgefrage drohten, sandte Karl Friedrich ihn 1767 nach Wien, wo E. bis zur Klärung 1769 blieb. 1770 unternahm er eine Bildungsreise über Holland und Frankreich nach Italien, wo er in dem Musterstaat Leopolds von Toskana Studien über Verwaltungs- und Finanzangelegenheiten betrieb und sich mit der physiokratischen Lehre beschäftigte. Der Tod seines Vaters rief ihn 1772 zurück. Als sein jüngerer Bruder Georg Ludwig die Familiengüter übernahm, folgte E. erneut dem Rufe Karl Friedrichs, dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb. Im April 1774 wurde er zum Wirklichen Geheimen Rat und Minister für die auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Auch die Kontrolle des Finanzwesens unterstand ihm. In jährlichen Landesbereisungen schaffte er sich Kenntnis von Land und Leuten. 1776 führte er die Teilung der hinteren Grafschaft Sponheim|durch. 1777 erhielt er das Referat über Einführung neuer und Abänderung alter Gesetze; damit gingen alle Landesreformen durch seine Hand. Stand er 1778 der Teilnahme Badens an einem Fürstenbund gegen die Übermacht Österreichs im Reiche ablehnend gegenüber, so ließ ihn die veränderte politische Situation von 1782 an immer stärker auf einen solchen Zusammenschluß hinarbeiten. Seine Bemühungen trugen wesentlich zum Abschluß des Fürstenbundes 1785 bei, dem sich Baden anschloß. 1788 übernahm E. das Präsidium im Geheimen Rat und damit die Führung der gesamten Staatsgeschäfte. 1790 ordnete er die badische Regierungsverfassung neu. Seine letzten Jahre sind überschattet von der Französischen Revolution, deren Auswirkungen den badischen Staat vor immer neue Probleme stellten. – In der Aufklärung wurzelnd, eine weltgewandte, liebenswürdige und vielseitige Persönlichkeit, unterhielt E. Beziehungen zu vielen bekannten Zeitgenossen. Ziel seiner Arbeit war ihm „Glückseligkeit des Ganzen, Glückseligkeit im Großen“. An der Aufhebung der Leibeigenschaft in Baden 1783 ist er maßgebend beteiligt. Ein unermüdlicher Arbeiter, förderte er Landwirtschaft und Gewerbe, Künste und Wissenschaften gleichermaßen. Durch ihn erhob sich das kleine badische Staatswesen weit über seine eigentliche Bedeutung. Doch war es ihm versagt, die Bildung eines lebensfähigen Staates zu erleben, den erst Napoleon schuf.

  • Literatur

    ADB 48;
    Pol. Corr. Carl Frdr.s v. Baden 1783-1806, hrsg. v. B. Erdmannsdörffer u. K. Obser I, II, VI, 1888-1915;
    K. Obser, Zur Erinnerung an W. v. E., in: Karlsruher Ztg. v. 6.12.1893, Beil.;
    H. Gerspacher, Die bad. Pol. im Siebenjähr. Kriege, 1934, = Heidelberger Abhh. z. mittl. u. neueren Gesch. 67;
    H. Mylius, Die röm. Heilthermen v. Badenweiler, 1936, = Röm.-germ. F 12, S. 133 ff.;
    B. Beinert, Geh. Rat u. Kabinett in Baden unter Karl Frdr. 1738-1811, 1937, = Hist. Stud. 320;
    D. Sautter, W. v. E. an Carl Aug. v. Weimar, in: Neue Heidelberger Jbb., 1937, S. 78-119;
    ders., W. v. E. u. d. bad. Fürstenbundspol., Diss. Heidelberg 1938;
    W. v. E. in Italien (1770–72), Reisebriefe an die Mgfn. K. L. v. Baden, in: ZGORh 99, 1951, S. 240-70 (P);
    - Qu.:
    Akten d. Bad. Generallandesarchivs u. d. Haus- u. Staatsarchivs Karlsruhe.

  • Portraits

    Gem. v. R. Mengs u. v. Ph. J. Becker (beide in Fam.bes.), Abb. in: ZGORh 99, 1951, S. 256.

  • Autor/in

    Dorothea Hauck
  • Empfohlene Zitierweise

    Hauck, Dorothea, "Edelsheim, Wilhelm Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 310 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118681621.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Edelsheim: Wilhelm Freiherr von E., badischer Minister, stammte aus einem zur fränkischen Ritterschaft gehörigen, in der Wetterau begüterten Adelsgeschlechte und wurde als ältester Sohn des gräflich Hanau-Münzenbergischen Kammerpräsidenten Philipp Reinhard v. E. am 13. November 1737 zu Hanau geboren. Ueber Jugend und Studienzeit fehlen alle Nachrichten; seine erste praktische juristische Schulung erhielt er beim Reichskammergericht in Wetzlar. Im August 1758 trat er in die Dienste des Markgrafen Karl Friedrich von Baden-Durlach, der ihn zum Hofrathe ernannte und ihm die Bearbeitung der beim Kammergerichte schwebenden Rechtshändel übertrug. Auf Wunsch seines Herrn, dessen volles Vertrauen er in kürzester Frist erwarb, ging er 1760/61 wiederholt als geheimer Sendbote nach Norddeutschland, um Badens Interessen beim Friedensschlusse im voraus zu wahren und Friedrich d. Gr. für die hochfliegenden, auf Gründung einer starken protestantischen Macht im Südwesten des Reiches abzielenden Pläne des Karlsruher Hofes zu gewinnen; ein Besuch in London verfolgte einen ähnlichen Zweck. Pflichten der Pietät gegen den kränklichen Vater nöthigten ihn dann im Frühjahr 1763, um seine Entlassung nachzusuchen und die Verwaltung der Familiengüter selbst in die Hand zu nehmen; er legte dabei den Grund zu den tüchtigen wirthschaftlichen Kenntnissen, die ihm in seiner späteren Stellung zu statten kamen. Eine ehrenvolle Einladung Friedrich's des Großen, in preußische Dienste zu treten, schlug er ebenso aus, wie er späterhin (1775) ein schmeichelhaftes Anerbieten des ihm nahe befreundeten Herzogs Karl August von Weimar ablehnte: er wollte, sagte er ein mal, keinem anderen Herrn als seinem Markgrafen dienen. Bald erging Karl Friedrich's Ruf von neuem an ihn. Die Schwierigkeiten, die der Lösung der baden-badischen Erbfolgefrage von österreichischer Seite bereitet wurden, machten die Entsendung eines Unterhändlers nach Wien erforderlich: auf Bitten des Markgrafen, dem er auch von der Ferne stets ein treuer Berather blieb, übernahm E. 1767 den Auftrag, der ihn fast zwei Jahre am kaiserlichen Hofe festhielt, und erzielte einen vollen Erfolg. Ausgedehnte Reisen, die ihn nach Frankreich und Italien und durch einen großen Theil des Reiches führten, erweiterten seine Bildung und boten ihm willkommene Gelegenheit, seinen vielseitigen künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen zu leben. Nach der Rückkehr — der Vater war inzwischen gestorben — erfolgte auf dringendes Zureden des Markgrafen seine dauernde Uebersiedlung nach Karlsruhe und seine Ernennung zum wirklichen Geh. Rath und Minister (April 1774). War seine Hauptaufgabe hierbei zunächst die Ueberwachung der auswärtigen Beziehungen, so wurde er durch das besondere Vertrauen seines Herrn, zu dem er mit der Zeit in ein freundschaftliches Verhältniß seltener Art trat, auch dazu berufen, in allen wichtigen Fragen des staatlichen Lebens sein Urtheil abzugeben. So hatte er an fast allen Reformen der nächsten zwanzig Jahre Antheil und fast überall wußte er mit dem klaren, praktischen Blicke für die Bedürfnisse des Landes, den er sich auf zahlreichen Bereisungen desselben erworben, das Richtige zu treffen. Das Jahr 1776 stellte ihn vor eine neue mühevolle Aufgabe, der er sich mit Geschick entledigte: die Verhandlungen mit Pfalz-Zweibrücken wegen der Theilung der hinteren Grafschaft Sponheim wurden von ihm zu einem glücklichen Ende geführt. Die bairische Erbfolgefrage, die nach dem Tode des Kurfürsten Max Josef eine bedrohliche Wendung annahm, gab ihm wiederholt Anlaß zum Meinungsaustausche mit dem Berliner Hofe und dessen Vertreter, seinem jüngeren Bruder; bei aller Sympathie für Preußen vermochte er indeß nicht, seinem Herrn die Uebernahme weitgehender Verpflichtungen, insbesondere den Beitritt zu der geplanten Fürstenvereinigung zu empfehlen. Erst als mit dem Anbruch der achtziger|Jahre die Freiheiten und Gerechtsame der Reichsstände durch die wiederholten Angriffe Josef's II. ernstlicher gefährdet schienen und das Wiederauftauchen des bairisch-belgischen Tauschprojects die Gemüther beunruhigte, kam er auf die früher erörterten Ideen zurück und betheiligte sich lebhaft an den Verhandlungen der bedrohten Stände, die unter Preußens Leitung ihren Abschluß in dem Fürstenbund von 1785 fanden. Von seiner Hand stammt bekanntlich der erste Unionsentwurf aus dem Winter 1783. Unermüdlich und mit großem Geschick war er von diesem Zeitpunkte ab für das Project thätig und suchte es durch rege Correspondenz mit den Höfen von Weimar und Dessau zu fördern; die für die spätere Gestaltung des Fürstenbundes bedeutsame Verbindung mit dem Mainzer Hofe wurde wesentlich durch ihn vermittelt. Ein schwerer Krankheitsanfall — die Folge übermäßiger Anspannung seiner Kräfte — wurde glücklich überwunden, aber, wenngleich er in jenen Tagen gelegentlich an seinen Rücktritt dachte, vermochte er doch nicht dem Rathe des erfahrenen Arztes zu folgen und sich ins Privatleben zurückzuziehen. Er verblieb auf seinem Posten, auf dem man in den kritischen Zeiten, denen das Land mit dem Ausbruch der französischen Revolution entgegenging, seiner bald mehr bedurfte denn je. Die Beeinträchtigung der Rechte der linksrheinisch begüterten Reichsstände durch die Beschlüsse der Pariser Nationalversammlung vom 4. bis 10. August 1789 zogen auch Baden in Mitleidenschaft. Die daran anknüpfenden Entschädigungsverhandlungen mit dem Chevalier de Ternant wurden in Karlsruhe durch E. geführt und gaben Anlaß zu einem regen, infolge der weiteren Wendung der Dinge in Frankreich freilich ergebnißlosen Meinungsaustausch mit den übrigen Interessenten. Die Unruhen im Elsaß, die sich auch nach den rechtsrheinischen badischen Landen verpflanzten, erheischten energische Gegenmaßregeln; dem Einschreiten des Ministers war es wesentlich zu verdanken, daß auf dem rechten Rheinufer die Ordnung aufrecht erhalten blieb. Eine Convention mit Oesterreich, die er im Sommer 1791 zu Stande brachte, sollte die Markgrafschaft vor einem feindlichen Einfalle schützen, die im Frühjahr 1792 geplante Association der Kreise, die er eifrig betrieb, verstärkte Sicherheit schaffen. Auch sein Verhalten in der Emigrantenfrage zeugte von Einsicht: während er die unziemlichen Zumuthungen des französischen Gesandten, durch polternde Kriegsdrohungen unbeirrt, mit Würde und Entschiedenheit zurückwies, bemühte er sich andererseits, alles aus dem Wege zu räumen, was berechtigten Anlaß zu Klagen bieten konnte, und sorgte für die Entfernung der disciplinlosen Mirabeau'schen Legion vom Oberrhein. Als schließlich der Kampf doch nicht zu vermeiden war, unterzeichnete er im September 1792 eine Militärconvention, durch welche Baden gegen gewisse militärische Leistungen von Oesterreich und Preußen die Zusage voller Restitution seiner Rechte und Besitzungen im Elsaß beim künftigen Friedensschlusse erhielt. Der Abschluß eines Subsidienvertrages mit England im September 1793 war Edelsheim's letztes Werk. Unter dem Uebermaße von Arbeit, das ihm in den letzten Jahren beschieden war, brach sein Körper zusammen; ein Schlagfluß setzte am 6. December 1793 seinem Leben ein Ziel, — zu einer Zeit, wo er, wie Karl Friedrich klagte, dem Staate zwei Mal unentbehrlich war. Er war neben Reitzenstein unzweifelhaft der bedeutendste Staatsmann, den Baden unter Karl Friedrich besessen hat: von beweglicherem Geiste und lebhafterem, lebensfroherem Temperamente, wie dieser, aber ihm ebenbürtig an Vielseitigkeit der Interessen und des Wissens. Wie die Geschichte der physiokratischen Bestrebungen auf deutschem Boden ihn als Freund des älteren Mirabeau und Dupont's kennt und nennt, so ist er auch in der Geschichte unserer Litteratur kein Unbekannter. Mit Lavater, Klopstock und Herder, denen er in Karlsruhe|begegnete, hat er persönlichen und brieflichen Verkehr gepflegt; Goethe hat als Gast in seinem Hause geweilt, gemeinsame politische Arbeit hat beide späterhin näher zusammengeführt, und der Dichter hat sich am Hofe von Weimar, wie in Karlsbad stets des freundschaftlichen Umganges mit dem in „Staats- und Wirthschaftssachen“ wohl bewanderten Manne gefreut und gerne von ihm bekannt, er „kenne keinen klügeren Menschen“.

    • Literatur

      K. Obser, Zur Erinnerung an Wilhelm von Edelsheim. Karlsruher Zeitung vom 6. Dec. 1893. — B. Erdmannsdörffer und K. Obser, Politische Correspondenz Karl Friedrich's von Baden. Bd. I ff. —
      Knies, Karl Friedrich von Badens brieflicher Verkehr mit Mirabeau und Dupont. 2 Bde. —
      Th. Ludwig, Der badische Bauer im 18. Jahrhundert. — Th. Ludwig, Die deutschen Reichsstände im Elsaß und der Ausbruch der Revolutionskriege. — In der Goethelitteratur wird Wilhelm v. E. fast durchweg mit seinem jüngeren Bruder Georg Ludwig verwechselt.

  • Autor/in

    K. Obser.
  • Empfohlene Zitierweise

    Obser, Karl, "Edelsheim, Wilhelm Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 48 (1904), S. 263-265 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118681621.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA