Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Büchsenmacher ; Waffenfabrikanten ; Waffenhändler
Konfession
-
Normdaten
GND: 133904350 | OGND | VIAF: 52890580
Namensvarianten
  • Spangenberg

Zitierweise

Spangenberg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd133904350.html [29.09.2020].

CC0

  • Leben

    Ein S. aus Suhl (damals: Sula) wird erstmals mit dem Wagenbauer Wilhelm der Alte (um 1410-um 1482) urkundlich erwähnt. Bis zur übernächsten Generation verdienten die S. ihren Lebensunterhalt mit Wagenbau sowie der Herstellung von Pflugscharen. Hans' (* um 1470) Sohn Volck(mar) (* um 1500) gelang in der damals v. a. vom Eisenerzbergbau und der Waffenherstellung (Harnische, Lanzen- u. Armbrustbolzenspitzen) lebenden Stadt mit der Berufung zum Bergmeister ein sozialer Aufstieg. Erste Ansätze, in das Waffengeschäft umzusteigen, lassen sich mit dessen Neffen Johannes (um 1530–88), Sohn des Georgius (* um 1500), nachweisen, der vermutlich als Büchsenschäfter arbeitete. Er hatte vier Söhne, den Lateinschüler Leonhart (um 1580–1637), den (Armbrust-)Windenmacher Michael, den Büchsenmacher Richard und den Webermeister Stephan. Mit Leonhart setzte der Aufstieg der S. zu einer der führenden Suhler Waffendynastien ein. Auf der wirtschaftlichen Grundlage des konjunkturell zwar schwankenden, insgesamt aber wegen der häufigen Kriege dieser Epoche einträglichen Geschäfts mit der Schäftung von Handfeuerwaffen und deren europaweitem Vertrieb brachte die Familie eine Vielzahl von stadtgeschichtlich bedeutenden Honoratioren und Amtsträgern hervor, u. a. drei der vier Söhne des Schäfters und Gewehrhändlers Johann (1607–69): Johann Heinrich, gen. Heinricus (1634–1715), mehrmaliger Bürgermeister und Senator, dessen Bruder Georg (1636–91), ebenfalls Bürgermeister und Inhaber verschiedener städtischer Ämter, und der Gemeindevorsteher Zacharias (1637–1718). Heinricus begründete mit seinen Söhnen Johann Stephan (1681–1731) und Georg Daniel (1670–1746) zwei Linien, die mit Johann Wilhelm (1722–95), Sohn des Johann Stephan, und dem kgl. sächs. Bergmeister, Hammer- und Fabrikinspektor und Bürgermeister Wilhelm Gottlieb (1763–1827), Enkel des Georg Daniel, zwei der für die Suhler Stadt- und Waffengeschichte der Frühen Neuzeit wichtigsten Persönlichkeiten hervorbrachten. Heinricus' dritter Sohn Johann Martin ist seit 1713 in Augsburg als Gewehrhändler nachweisbar; dort verlieren sich seine Spuren. Johanna Friederike Emilie (1831–59), Tochter des Suhler Bankiers und Gewehrhändlers Heinrich Louis (1798–1842), heiratete den Militärschriftsteller Cäsar Rüstow (1826–66).

    Der Gewehrfabrikant und -händler, Senator, regierender und Ratsbürgermeister (1761), „Landstandt- und Stadthauptmann“ Johann Wilhelm (1722–95) gilt als einer der technisch, kaufmännisch und (stadt-)politisch herausragendsten Vertreter der Familie. Aus seiner anfangs nur auf die Schäftung spezialisierten Werkstatt entwickelte er eine bereits fabrikmäßig arbeitende Manufaktur, in der die Gewehre in allen ihren Teilen produziert wurden und nicht, wie bisher, nur Komponenten. Als Hoflieferant des sächs. Kurfürstenhofs unterhielt er enge Beziehungen nach Dresden. Er produzierte für den Dresdner Hof bis zum Siebenjährigen Krieg ausschließlich „Luxuswaffen der vorzüglichsten Art“, damals ausgesprochene Repräsentations- und Statussymbole. Für 1753 ist eine erste Zusammenarbeit mit der zwei Jahre zuvor gegründeten Waffenfabrik „Sauer & Sohn“ dokumentiert. Diese Kooperation, an der auch u. a. der in der Zeit der Napoleon. Kriege S.s schärfster Konkurrent, die ebenfalls in Suhl ansässige Firma „Anschütz“, beteiligt war, mündete 1839 auf Initiative Ferdinands (1802–66) in die Gründung der „Königl. Gewehrfabrik Spangenberg & Sauer“, die jedoch hauptsächlich von der Familie Sauer geleitet wurde. Nach dem Siebenjährigen Krieg beauftragte der Dresdner Hof Johann Wilhelm mit der Leitung des Wiederaufbaus der mehrfach geplünderten Stadt. Seit 1778 vertrieb Johann Wilhelm nach einer kurzen Phase des wirtschaftlichen Niedergangs das sog. „Alt-Suhler Gewehr“, eine bald sehr bekannte, geschätzte und reichsweit verkaufte Infanteriewaffe. Wilhelm Gottlieb machte sich v. a. als Stadtsyndicus durch sein kulturelles Engagement einen Namen (Spangenberghaus), erwarb sich einen Ruf als Mineraloge und errichtete öffentlich zugängliche Gartenanlagen um den Suhler Hausberg, den Domberg. In der ersten Hälfte des 19. Jh. etablierten die verschiedenen Zweige der S. ein wahres Firmen- und Werkstättengeflecht, v. a. mit Militäraufträgen und neuen Technologien (Neuanfertigungen sowie Aptierungen v. Stein- auf Perkussionsschloß). Allein „Spangenberg & Sauer“ lieferten zwischen 1839 und 1880 in 22 Staaten über 200 000 neue Gewehre, Karabiner und Pistolen sowie 128 000 aptierte Waffen. 1849 rüstete das einzige damals lieferfähige Suhler Konsortium, dem auch die um einen dritten Teilhaber erweiterte Firma „Spangenberg, Sauer & Sturm“ angehörte, die 1848 gegründete, allerdings nur kurzlebige erste dt. Marine mit Hand- und Faustfeuerwaffen aus. Nach diesem wirtschaftlichen Höhenflug setzte eine erneute Depression ein, da Preußen staatliche Gewehrfabriken beauftragte. Der Sohn und Nachfolger Ferdinands in der Firmenleitung, Heinrich (1852–70), war der letzte Büchsenmacher aus der Familie S. Zwar lief die Firma unter ihrem bisherigen Namen noch einige Jahre weiter, auch zeigte sich ein gewisser wirtschaftlicher Lichtblick in Form einer „Mauser“-Lizenzlieferung von „Modell 71“-Zylinderschloß-Gewehren, doch Ferdinands Witwe Hedwig geb. v. Flotow (1827–1912) war 1879 gezwungen, die Firmenanteile ihres Mannes zu sehr schlechten Bedingungen an Johann Paul Sauer zu verkaufen. Am 30.9.1880 wurde die „Königliche Gewehrfabrik Spangenberg & Sauer“ aus dem Handelsregister gestrichen. In den 1930er Jahren erlosch die Familie endgültig.

  • Auszeichnungen

    A zu Ferdinand: preuß. KR.

  • Quellen

    Qu StadtA Suhl; B. Schwineköper, Gesamtübers. über d. Bestände d. Landeshauptarchivs Magdeburg, Bd. II, 1955, S. 358 (Rep. A 33, Punkt XII).

  • Literatur

    F. Werther, Sieben Bücher d. Chronik d. Stadt Suhl in d. gefürsteten Gfsch. Henneberg, Bd. 1, 1846;
    H. Stoll, Aus d. Vergangenheit d. Stadt Suhl, in: Henneberger Heimatbll., Nr. 9, Okt. 1927;
    M. Perkow, Suhl in alter u. neuer Zeit, 1928;
    A. Haussknecht, Die S., Eine alte Suhler Büchsenmacherfam., in: Zs. f. hist. Waffen- u. Kostümkde., NF V, 1943/44;
    J. W. Müller, Die S., in: Suhler Tagesztg., 18./19. u. 25./26. März 1944;
    H. Wittmann, Der Stadt- u. Fam.name S., in: Genealogie 11, 1962, S. 239 f.;
    W. Hubatsch, Die erste dt. Flotte 1848–1853, 1981;
    R. Kallmeyer, J. P. Sauer & Sohn, 2004;
    G. Schumacher, S., Geneal. e. Suhler Fam. u. d. Gesch. ihres Hauses, 22006.

  • Autor/in

    Thomas Müller
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, Thomas, "Spangenberg" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 621-622 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd133904350.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA