Lebensdaten
1821 bis 1878
Geburtsort
Seebach bei Zürich
Sterbeort
Hottingen bei Zürich
Beruf/Funktion
Lehrer ; Journalist ; Politiker
Konfession
-
Normdaten
GND: 128808578 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sieber, Johann Caspar

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Zitierweise

Sieber, Johann Caspar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd128808578.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus bäuerl. Fam. in S.;
    V Diethelm (1786–1831), Bauer in S.;
    Ov u. seit 1833 Stief-V Johannes (1798–1876), Bauer, Säckelmeister in S.;
    M Regula Christinger (1792–1866); zahlr. Geschw; – ledig.

  • Leben

    Nach der Dorfschule in Seebach besuchte S. 1831–34 das Landknabeninstitut und 1835–37 die Industrieschule in Zürich sowie 1837–39 das kantonale Lehrerseminar in Küsnacht, das er als Sekundarlehrer abschloß. Hier beeinflußte ihn der liberale Direktor Ignaz Thomas Scherr (1801–70). S. unterrichtete zunächst an mehreren Stellen als Vikar, seit 1841 als Lehrer an der Sekundarschule in Wetzikon, wurde aber 1843 aufgrund seiner republikanischen und religionskritischen Lehrinhalte mit einem fünfjährigen Berufsverbot belegt. 1845 erhielt er eine Stelle an der Mädchenschule in Murten (Kt. Freiburg). Zuvor nahm er im März 1845 am 2. Freischarenzug teil. Weil er sich im Jan. 1847 am gescheiterten Zug zum Sturz der konservativen Freiburger Regierung beteiligt hatte, wurde er im April aus dem Kanton verwiesen und übersiedelte nach Bern. Im Nov. zog S. als Freiwilliger mit den Sonderbundstruppen gegen Freiburg und kehrte nach dem Sturz der Konservativen nach Murten zurück. Hier gründete er die Zeitung „Der Wächter, Ein freisinniges Volksblatt“, die er von Jan. bis Nov. 1848 herausgab, und bald danach einen Volksverein. Seine Kritik an der liberalen Regierung führte im Okt. zur erneuten Ausweisung aus dem Kt. Freiburg und zur Niederlassung in Bern. Durch Vermittlung von Ludwig und Wilhelm Snell wurde er Mitredakteur der radikalen „Berner Zeitung“.

    1850 kehrte S. in den Kt. Zürich zurück, unterrichtete zunächst als Verweser und 1853–69 als Lehrer an der Sekundarschule in Uster. Zugleich engagierte er sich in der Gemeinde- und Bezirksschulpflege, in der Zürcher Schulsynode (Präs. 1860–62) sowie in Vorträgen und Artikeln für ein fortschrittliches Schulwesen. S. sah, beeinflußt von Scherr, in der obligatorischen, von klerikalen Einflüssen freien staatlichen Volksschule, die zudem sozialpolitischen Ansprüchen genügen sollte, die Voraussetzung für die Teilhabe des mündigen Bürgers am demokratischen Staatswesen. In linksliberal-frühsozialistischen, z. T. von ihm gegründeten Vereinen kämpfte er gegen die Liberalen um Alfred Escher (1819–82), 1854–58 als Mitglied des Großen Rats. Er kritisierte öffentlich die Arbeitsverhältnisse in den Fabriken des „Spinnerkönigs“ Heinrich Kunz (1793–1859) – was ihm Prozesse eintrug – und forderte gesetzliche Schutzbestimmungen. Ende 1864 gründete er die Wochenzeitung „Der Unabhängige“, die er bis 1867 herausgab und zu einem wichtigen Forum im Kampf gegen das „System“ Escher machte. An der Demokratischen Bewegung im Kanton (1867–69) war er führend beteiligt: 1867 als Mitglied des kantonalen Komitees wie als Redner an der Volksversammlung in Uster, 1868/69 als einflußreiches Mitglied des Verfassungsrats, der eine neue, auf der direkten Demokratie basierende Verfassung ausarbeitete. 1869 wurde S. in den Regierungsrat gewählt, dem er mit einer kurzen Unterbrechung 1872 bis zu seinem Tod angehörte. Er stand zunächst der Erziehungs-, seit 1875 der Sanitäts- und seit 1877 der Direktion des Innern vor. Das von S. vorbereitete neue Schulgesetz, mit dem er seine bildungspolitischen und sozialreformerischen Vorstellungen mit weitreichenden Maßnahmen (u. a. neunjährige Schulpflicht, Akademisierung der Lehrerausbildung) umzusetzen suchte, scheiterte 1872 in der Volksabstimmung. Teilerfolge erreichte er zuvor (Abschaffung des Schulgelds) und danach (verbesserte Lehrerbesoldung, unentgeltlicher Sekundarschulunterricht, Eröffnung des Technikums Winterthur). Als Sanitätsdirektor legte er in einem Medizinalgesetz das Schwergewicht auf die Hygiene.

  • Werke

    Was ist zu thun? Festrede, gehalten in Freiburg am 31. Jan. 1848, [1848];
    Gedächtnißrede auf Dr. Thomas Scherr, in: Ber. über d. Verhh. d. Zürcher.|Schulsynode v. 1870, 1870, Beilage I;
    Nachlaß:
    Paul Kläui-Bibl., Uster.

  • Literatur

    E. Sch[önenberger], Aus d. Leben unsers J. K. S., in: Päd. Beobachter NF 4, 1878, Nr. 7, 8, 11, 13, 14 u. 16–19;
    F. Meier, Gesch. d. Gde. Wetzikon, 1881, S. 592–606;
    H. Greulich, in: Der Grütlianer-Kal. 6, 1898, S. 17–19 (P);
    H. Wattelet, Aus d. Leben J. K. S.s, in: Freiburger Gesch.bll. 14, 1907, S. 1–112;
    P. Gilg, Die Entstehung d. demokr. Bewegung u. d. soz. Frage, 1951;
    R. Renschler, Die Linkspresse Zürichs im 19. Jh., 1967;
    J. Frei-Wylenmann, Stammbaum d. S. v. Seebach, 1980 (Ms.);
    F. Wirth, Johann Jakob Treichler u. d. soz. Bewegung im Kt. Zürich (1845/46), 1981;
    T. Koller, Volksbildung, Demokratie u. Soz. Frage, 1987;
    H.-U. Schiedt, Die Welt neu erfinden, Karl Bürkli (1823–1901) u. seine Schrr., 2002;
    M. Köhler, J. C. S., Ein Leben f. d. Volksrechte, 2003 (P);
    S. G. Schmid, Die Zürcher Kt.reg. seit 1803, 2003;
    A. Bloch Pfister, Priester d. Volksbildung, Der Professionalisierungsprozess d. Zürcher Volksschullehrkräfte zw. 1770 u. 1914, 2007;
    M. Lengwiler u. a., Schule macht Gesch., 175 J. Volksschule im Kt. Zürich 1832–2007, 2007;
    HBLS.

  • Autor/in

    Markus Bürgi
  • Empfohlene Zitierweise

    Bürgi, Markus, "Sieber, Johann Caspar" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 322-323 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128808578.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA