Lebensdaten
1875 bis 1939
Geburtsort
Mödling (Niederösterreich)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 1033101540 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schürff, Hans
  • Schuerff, Hans

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Zitierweise

Schürff, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1033101540.html [16.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Schörf (1850–1928), Inh. e. Fuhr- u. Transportuntern., Realitätenbes., Gde.rat in M., änderte ca. 1878 d. Fam.- u. Firmennamen in „Schürff“, S d. Jakob Schörf (1828–92), Fuhrwerksuntern. in M., u. d. Katharina N. N. (1828–93);
    M Franziska Dachler (1821–1927), T e. Gastwirts in Siebenhirten (heute Wien, 23. Bez.);
    B Rudolf Jakob (1878–1915 kriegsvermißt);
    Schw Wilhelmina (* 1876, N. N. Schönfelder, dt. Admiral); – ledig; 1 außerehel. S.

  • Leben

    S. maturierte 1896 am Staatsgymnasium von Freistadt (Oberösterr.), rückte als Einjährig-Freiwilliger zur Armee ein, wurde aber 1897 aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Er absolvierte in Wien einen Abiturientenkurs an der Handelsakademie und begann ein Jurastudium, das er 1907 mit der Promotion zum Dr. iur. abschloß. Als Student erlebte er die „Badeni-Krawalle“, die 1897 infolge der Sprachenverordnungen des österr. Ministerpräsidenten Badeni für Böhmen und Mähren ausbrachen und auf Parlament und Universität übergriffen. Um 1903/04 trat er in den „Bund der Deutschen in Niederösterreich“ ein, eine politische Vereinigung, die mit antisemitischen, antiklerikalen und antislawischen Parolen für die Vorherrschaft der Deutschen in der westlichen Reichshälfte der Österr.-Ungar. Monarchie kämpfte. Der „Bund“ wandte sich v. a. gegen die tschech. Zuwanderer in Wien und Niederösterreich, gegen den Schulverein Komenský und gegen die Aktivitäten der Živnostenská banka. S., der als Redner und Publizist für die Anliegen des „Bundes“ eintrat, wurde mit dt.nationaler Unterstützung 1911 in den Reichsrat gewählt und schloß sich der Dt. Volkspartei an. Da der Reichsrat im März 1914 vertagt wurde, arbeitete S. vorübergehend in der Firma seines Vaters und rückte nach Ausbruch des 1. Weltkriegs freiwillig ein (1917 Lt.). Nach der Wiedereinberufung des Reichsrats im Mai 1917 erregte S. durch eine Interpellation über „Das Verhalten der Tschechen im Weltkrieg“, in welcher er die Loyalität einer ganzen Volksgruppe polemisch in Frage stellte, großes Aufsehen.

    Nach dem Zusammenbruch der Monarchie war S. 1918/19 Abgeordneter in der Provisorischen, 1919/20 in der Konstituierenden Nationalversammlung und gehörte bis 1921 der Landesvertretung von Niederösterreich an. Er förderte den Zusammenschluß mehrerer dt.nationaler Vereinigungen zur Großdt. Volkspartei (GDVP) 1920 und vertrat diese Partei bis 1933 im Nationalrat. Als die Führung der GDVP mit den Christlichsozialen eine Regierung bildete, wurde S. am 17.4.1923 Bundesminister für Handel und Verkehr. Am Ende seiner Amtszeit (25.9.1929) konnte er auf eindrucksvolle Leistungen verweisen. Es wurden mit den meisten europ. Staaten Handelsverträge abgeschlossen, die Zolltarife wurden überarbeitet, die Entwicklung von Verkehr und infrastrukturellen Einrichtungen (Post. Telefon, Telegraphie) wurde gefördert, besonders im erst 1921 an Österreich angeschlossenen Burgenland. Unter S. erfolgte die Reorganisation der Österr. Bundesbahnen (Schaffung e. eigenen Wirtschaftskörpers ÖBB), der Ausbau des Streckennetzes der Eisenbahnen und deren teilweise Elektrifizierung sowie die Errichtung neuer Berg- und Seilbahnen. Dies kam dem Fremdenverkehr zugute, auf dessen Bedeutung für die österr. Wirtschaft S. immer wieder hinwies. Mit besonderer Energie vertrat er die handels- und zollpolitische Annäherung an Deutschland, auch 1930-32, als er das Justizressort leitete und sich um eine Rechtsangleichung zwischen Österreich und Deutschland bemühte. 1930/31 stand er als „Reichsparteiobmann“ an der Spitze der GDVP, die damals viele Sympathisanten an die NSDAP verlor, so daß die GDVP bei den Landtags- und Gemeindewahlen 1932 schwere Verluste erlebte. Der von Dollfuß geführten Regierung gehörte die GDVP nicht mehr an. S.s politischer Wirkungskreis beschränkte sich fortan auf das Amt des Bürgermeisters von Mödling, das er seit 1929 führte, und auf sein Abgeordnetenmandat im Nationalrat. Hier hielt er am 4.3.1933 seine letzte große Rede, in der er den Antrag stellte, die Teilnehmer des Eisenbahnerstreiks vom 1. März mit derselben Nachsicht zu behandeln, die den Streikenden 1927 gewährt worden war. Im Anschluß an seine Rede kam es zu Tumulten, ein Formfehler bei der Abstimmung führte zum Rücktritt aller drei Präsidenten des Nationalrats und damit – nach Ansicht mancher Verfassungsrechtler – zu seiner „Selbstauflösung“. Der Vorfall bot Bundeskanzler Dollfuß den Anlaß zur Einführung einer autoritären „austrofaschistischen“ Regierungsform. Als Bürgermeister von Mödling bereitete S. den dt. NS-Politikern Hanns Kerrl und Hans Frank am 13.5.1933 gegen den Willen der Regierung einen herzlichen Empfang und veranlaßte eine Beflaggung mit dt. Fahnen. Nach den „Februarereignissen“ 1934 mußte er zurücktreten. Den „Anschluß“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 begrüßte er. Schon im folgenden Monat wurde er zum „Betriebsführer“ der „arisierten“ Firma „A. Gerngroß AG“ bestellt und in den Verwaltungsrat dieses größten Wiener Warenhauses sowie in jenen des Wiener Neustädter Unternehmens „Bickford & Co.“ aufgenommen.

  • Werke

    u. a. Oesterr.s wirtschaftl. Wiederaufbau, in: Österr. 10 J. Rep., 1928;
    Die staatl. Förderung d. Kunstgewerbes, Vortrag im Österr. Mus. f. Kunst u. Ind. v. 14.2.1929, 1929;
    Dt. Schicksalsgemeinschaft, in: Wiener Neueste Nachrr. v. 3.3.1931;
    Nat. Pol. in Österr., ebd. v. 19.7.1931;
    Donauföderation?, Ein Vortrag d. Bundesmin. Dr. H. S. (18.1.1932), hg. v. d. GDVP, 1932;
    Die zukünftige Großgde Mödling, in: Die Städte Dt.üsterr.s, hg. v. E. Stein, IX: Mödling, 1933, S. 51 ff.;
    Gedr. Qu:
    Jb., Mitt. u. Zeitweiser d. Bundes d. Deutschen in Niederösterr., 1906-19;
    Mödlinger Dt. Wbl. (später u. d. T. Dt. Wbl., Völk. Zs. f. d. Bez. Mödling u. Liesing), 1-22, 1912-33;
    Stenograph. Protokolle über d. Sitzungen d. Hauses d. Abgeordneten d. Österr. RR XII. Wahlperiode, XXI. u. XXII. Session, 1911-18;
    Stenograph. Protokolle über d. Sitzungen d. Prov. NV f. Dt.österr. 1918 u. 1919, 1919;
    Stenograph Protokolle über d. Sitzungen d. Nationalrates d. Rep. Österr., 1920-33;
    Protokolle d. Min.rates d. Ersten Rep., IV.-VI. Abt., 1983-2002;
    K. Jung, Gesch. d. Großdt. Volkspartei 1920-1934 (Typoskr., Österr. Nat.bibl., 664.223 C), 1937;
    A. G. Post, Hausmitt. d. A. Gerngross AG, Folge 1-4, 1939, hg. v. H. S.

  • Literatur

    F. K. Mundt, in: Mödlinger Nachrr. 28, Nr. 13 v. 1.4.1939;
    Neues Wiener Tagbl. v. 29.3.1939;
    W. G. Wieser, in: 100 J. im Dienste d. Wirtsch. 1, 1961, S. 448 f. (L, P);
    I. Ackerl, Die Großdt. Volkspartei 1920–34, Diss. Wien 1967;
    dies., Das Kampfbündnis d. NSDAP mit d. Großdt. Volkspartei v. 15. Mai 1933, in: Vom Justizpalast z. Heldenplatz, hg. v. R. Neck, 1975, S. 121 ff.;
    dies., Die Großdeutschen u. d. Anschluß, in: Forsch. u. Btrr. z. Wiener Stadtgesch. 2, 1978, bes. S. 160;
    H. Riepl, Der LT in d. Ersten Rep., in: 50 J. LT v. Niederösterr. 1, 1972;
    A. Mayerhofer, in: Mödling, Landsch., Kultur u. Wirtsch., 1975, bes. S. 176 f.;
    F. Wolfram, Das freiheitl. Porträt: H. S. (1875-1939), in: Freie Argumente 17, 1990, Folge 2, S. 21 ff.;
    Th. Dostal, Aspekte dt.nat. Pol. in Österr., Zu e. Gesch. d. Großdt. Volkspartei 1920–34, Dipl arbeit Wien 1994, bes. S. 307;
    I. u. G. Waldner u. H. Kucera, 1100 J. Mödling, 2003, bes. S. 73 ff.;
    U. Felber u. a., Ökonomie d. Arisierung, T. 2, 2004 (Veröff. d. Österr. Hist.komm. X/2), S. 84-93;
    ÖBL;
    I. Ackerl u. F. Weissensteiner, Österr. Personen Lex., 1992; |

  • Quellen

    Qu: Kath. Pfarramt Mödling (Matrikel); Univ.archiv Wien; Österr. StA, Abt. Archiv d. Rep. (Großdt. Parteiarchiv), Abt. Kriegsarchiv („Grundbuch“); Wiener Stadt- u. Landesarchiv; Bibl. d. Stadt Wien (Tagbl.-Archiv); Niederösterr. Landesarchiv St. Pölten; StadtA Mödling; Mus. d. Stadt Mödling.

  • Portraits

    Bildarchiv d. Österr. Nat.bibl.

  • Autor/in

    Silvia Petrin
  • Empfohlene Zitierweise

    Petrin, Silvia, "Schürff, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 643-645 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1033101540.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA