Lebensdaten
1717 bis 1791
Geburtsort
Friedeberg (Isergebirge)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Jesuitenmissionar ; Ethnologe ; Ethnograph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 130235547 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Dobritzhofer, Martin
  • Dobrizhoffer, Martin
  • Dobritzhofer, Martin
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Zitierweise

Dobrizhoffer, Martin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd130235547.html [22.05.2019].

CC0

  • Leben

    D. trat 1734 zu Wien in die Societas Jesu ein, studierte hier Philosophie und später in Graz Theologie. 1748 berief man ihn in die Jesuitenreduktionen nach Paraguay. Zunächst blieb er kurze Zeit in San Xavier und studierte die Sprache und Eigenart der Mocobier, dann wurde er in die abiponischen Reduktionen Concepción und Saint(e) Hieronymus versetzt, wo er als erster ein Wörterverzeichnis des Abiponischen anlegte. Kaum war diese Aufgabe gelöst, wurde er in die unruhige Kolonie Sankt, Saint(e) Ferdinand des Volksstammes der Yaaukanigas versetzt, wo er schwer erkrankte, so daß man ihn nach 5jähriger Tätigkeit bei den Abiponen in die friedliche Guaranireduktion Santa Maria zur Pflege und Genesung zurückberief. Hier blieb er 9 Jahre, ohne jedoch untätig zu sein, denn er bekehrte in den Wäldern von Taruma die|Ytatinguas und stellte in 6 großen Missionsreisen zwischen den Flüssen Acaray und Munday erstmals Kontakt mit den Mbaeverás her. In der Reduktion Santa Rosa erreichte ihn der Befehl des Provinzials, daß er in Timbo die neuerrichtete Kolonie zum heilig Rosenkranz und Sankt, Saint(e) Karolus aufzubauen habe. In ständigen Kämpfen mit den feindlichen Tobas, bedroht von der Pest, harrte er 1763-67 im tiefsten Urwald unter dürftigsten Verhältnissen bei seinen Abiponen aus, bis die Aufhebung des „Jesuitenstaates“ (1767) auch sein Werk zerstörte. D. wurde wie alle anderen Patres als Gefangener nach Europa deportiert. Von Cadix kehrte er über Italien nach Wien zurück, wo er seit 1769 als Bibliotheksgehilfe am Profeßhaus tätig war. Sein Predigeramt brachte ihn mit Kaiserin Maria Theresia in Beziehung, die sich für sein Wirken in Paraguay sehr interessierte und ihm nach Aufhebung des Ordens (1773) eine Pension gewährte. In diesen Jahren verfaßte er seine berühmte „Historia de Abiponibus“, eine in klassischem Latein abgefaßte Schilderung seiner Erlebnisse und Beobachtungen. Das Werk ist neben der „Reisebeschreibung“ des P. Anton Sepp und dem „Zwettler Codex 420“ des P. Florian Paucke die wichtigste Quelle zur Geschichte des „Jesuitenstaates“ von Paraguay. Seine sachlichen Beiträge zur Geographie, Naturgeschichte und Völkerkunde unterscheiden es vorteilhaft von den übrigen zeitgenössischen Reisebeschreibungen mit ihren barocken Übertreibungen. Darum zählt man es zu den frühesten Werken moderner Ethnologie.

  • Werke

    Historia de Abiponibus, …, 3 Bde., Wien 1784 (dt. Übers. v. A. Kreil, Wien 1783/84, engl. Übers. v. S. Coloridge, London 1822); Mitt. üb. d. Guaranisprache, in: Murr's Journal zur Kunstgesch. IX, Nürnberg 1780, S. 80; Regeln d. Abiponer-Sprache nebst e. Wörterbuch (Hs., verschollen).

  • Literatur

    ADB 47;
    A. Huonder, Dt. Jesuitenmissionäre d. 17. u. 18. Jh., 1891, S. 142;
    G. Furlong, Entre los Abipones del Chaco, Buenos Aires 1938;
    H. Hassinger, Österreichs Anteil an d. Erforschung d. Erde, 1950, S. 85;
    G. Otruba, Der Anteil österr. Jesuitenmissionäre am „heiligen Experiment“ v. Paraguay, in: MIÖG 63, 1955, S.441;
    Österreicher als Erforscher d. Erde = Notring-Jb., 1956, S. 28;
    Wurzbach;
    Sommervogel III;
    L. Koch, Jesuiten-Lex., 1934, S. 430;
    Enc.Catt.Qu.:
    Bibl.verz. u. eigenhändiges Testament (Stadtarchiv Wien).

  • Autor/in

    Gustav Otruba
  • Empfohlene Zitierweise

    Otruba, Gustav, "Dobrizhoffer, Martin" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 6 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd130235547.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Dobrizhoffer: Martin D., Missionar und Ethnograph, geboren am 7. September 1717 wahrscheinlich in Steiermark (nicht in Freiberg in Mähren), trat 1734 in die Gesellschaft Jesu zu Wien ein und wurde im Jahre 1748 nach Südamerika gesandt, wo er, nach seiner eigenen Angabe, 18 Jahre als Missionar, davon 7 unter den Abiponern, dann unter den Guaranistämmen Paraguays lebte. Er war Zeuge und Opfer der Aufhebung des Jesuitenordens und der Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay. 1768 landete er mit einer größeren Anzahl von Ordensbrüdern bei Cadiz. Nach der Rückkehr weilte er in verschiedenen Theilen von Europa, zuletzt als Weltpriester in Wien, wo er am 17. Juli 1791 starb. 1784 gab er sein großes, 1778 vollendetes Werk: „Historia de Abiponibus, equestri bellicosaque Paraquariae natione, locupletata copiosis barbarorum gentium, urbium, fluminum, ferarum, amphibiorum, insectorum, serpentium praecipuorum, piscium, avium, arborum, plantarum aliarumque ejusdem provinciae proprietatum observationibus“ (Wien 1784, 3 Bde.) heraus. Von diesem Werk erschien in demselben Jahr zu Wien eine deutsche Ausgabe, 1821 zu London eine englische. Bis zu dem großen Werke von Felix de Azara, das ein Vierteljahrhundert später erschien, war Dobrizhoffer's Werk die reichste und sicherste Quelle zur Kenntniß Paraguay's. Der erste Band gibt eine allgemeine physische und politische Beschreibung des Landes und seiner Nachbargebiete, zugleich mit zahlreichen Angaben über die Geschichte der Niederlassungen der Jesuiten in Paraguay und überhaupt der spanischen Colonien im La Plata-Gebiet. Von besonderem Werth sind seine Berichte über eine eigene größere Reise zu den Mbaeverá am rechten Ufer des Acaraý und über die Reisen der Patres Strobel und Cardiel von 1745 in Patagonien. Der zweite und dritte Band sind wesentlich der Völkerschilderung gewidmet; beide beschränken sich indessen nicht auf das Land der Abiponer und auf Paraguay, sondern bringen eine große Zahl von Beiträgen|zur Geographie, Naturgeschichte und Völkerkunde, zur politischen und Missionsgeschichte des gemäßigten Südamerikas. D., der ein sehr gründlicher und kritischer Gelehrter und scharfer Beobachter war, — seine Urtheile über die Bücher und Karten zur Geographie des La Plata-Gebietes im ersten Band sind, soweit man sie heute prüfen kann, gut begründet, — hat sich mit großer Liebe besonders in die Sprache der Abiponer vertieft, über die er verschiedene handschriftliche Arbeiten (Wörterbuch, Predigten u. a.) hinterließ. 1780 brachte Murr's Journal zur Kunstgeschichte von ihm auch einige Mittheilungen über die Guaranisprache. Dobrizhoffer's „Geschichte der Abiponer“ ist eine Völlerschilderung von bleibendem Werth; in dem südamerikanischen Reitervolke zeichnet sie einen jetzt verschwundenen Typus. Bemerkenswerth ist die hohe Gegenständlichkeit und das absolute Fehlen der damals zeitgemäßen ethnographischen Schönfärberei und Empfindsamkeit. Außerdem gehört das Buch zu den Quellenwerken für die Missionsgeschichte Südamerikas.

    • Literatur

      Eigene Angaben Dobrizhoffer's im ersten Band seines Hauptwerkes und in v. Murr's Journal zur Kunstgeschichte, 1780. — v. Wurzbach's Biogr. Lexikon III (hier nicht ganz zuverlässig).

  • Autor/in

    F. Ratzel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ratzel, Friedrich, "Dobrizhoffer, Martin" in: Allgemeine Deutsche Biographie 47 (1903), S. 735-736 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd130235547.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA