Lebensdaten
1930 bis 2000
Geburtsort
Essen
Sterbeort
Jona (Kanton Sankt Gallen)
Beruf/Funktion
Volkskundler ; Literaturwissenschaftler ; Kulturwissenschaftler
Konfession
katholisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 119071789 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schenda, Rudolf Wilhelm
  • Schenda, Rudolf
  • Schenda, Rudolf Wilhelm
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Zitierweise

Schenda, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119071789.html [19.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Rudolf Christian (1897–1966), Malermeister, S d. Bergmanns Christoph (1870–1950) u. d. Emma Auguste Paschkowski (1883–1965);
    M Christine (1898–1997), T d. Bergmanns Anton Schmidt (1868–1944) u. d. Margarete Schug (1872–1938);
    München 1958 Susanne (* 1931), Malerin. T d. Dr. iur. Karl Kratschmer (1891–1952) u. d. Hedwig Kermer (1900–89);
    2 T Nicole (* 1959), Romanistin in Nürnberg, Catherine (* 1966), Kulturwiss. in Bremen.

  • Leben

    Nach der Reifeprüfung 1950 in Nördlingen studierte S. v. a. in München 1951-57 Amerikanistik, Anglistik und Romanistik und wurde 1959 bei Hans Rheinfelder (1898–1971) aufgrund einer Dissertation über die franz. Prodigienliteratur in der frühen Neuzeit (veröff. 1961) promoviert. 1960-62 war der von Gerhard Rohlfs und Giuseppe Cocchiara geprägte S. Lektor für dt. Sprache und Literatur an der Univ. Palermo, wo er sich mit ital. Volkslesestoffen und dem Werk Giuseppe Pitrès befaßte sowie zusammen mit seiner Ehefrau ethnologische Studien betrieb (Eine sizilian. Straße, 1965). Von Hermann Bausinger 1962 als Assistent nach Tübingen verpflichtet, habilitierte sich S. 1969 mit einer Untersuchung zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe des späten 18. bis frühen 20. Jh. (Volk ohne Buch, 1970, 31988). Im Zentrum stehen anspruchslose Lesestoffe wie Bilderbogen, Flugblätter und Heftchen, ihre Hersteller, Kritiker, Zensoren, Vermittler und Verbraucher. Seit 1973 leitete S. als Nachfolger Kurt Rankes (1908–85) das Seminar für Volkskunde in Göttingen und prägte mit diesem als Mitherausgeber das Projekt „Enzyklopädie des Märchens“ (1977 ff.). Forschungsschwerpunkte der Tübinger und Göttinger Jahre waren u. a. die Sozialgeschichte und Gegenwart der populären Lesestoffe in Deutschland, Frankreich und Italien (Die Lesestoffe d. Kleinen Leute, 1976), Probleme wie Alter und Tod (Das Elend d. alten Leute, 1972), populäre Frömmigkeit und eine von empirischer Sozialforschung bestimmte volkskundliche Theorie und Methodik.

    1979 übernahm S. in der Nachfolge Max Lüthis den Lehrstuhl für Europ. Volksliteratur an der Univ. Zürich (em. 1995), wo er seine Arbeit im Bereich der Erzählforschung mit Schwerpunkt in schweizer. Erzählkultur und Volkserziehung (Literarisierung, Alphabetisierung, Disziplinierung) intensivierte. Detailliert untersuchte S. für Sagen die Kommunikationszusammenhänge literarischer Produktion und wies nach, wie wenig Sagen|mündlich tradierter Erinnerungsschatz des nicht alphabetisierten Volkes waren, sondern vielmehr geistiger Besitz und literarisch vermitteltes Wissen der jeweiligen Bildungsschicht (Sagenerzähler u. Sagensammler d. Schweiz, 1987). Später konzentrierte sich S. auf die Kommunikationsweisen und die Interdependenzen von mündlicher und schriftlicher Erzählkultur. Er stellte Überlegungen zum Miteinander-Reden, zur Wissensvermittlung und zum Erzählen an und untersuchte, wie das Lesen in Europa vom 16. zum 20. Jh. die alten oralen Kulturtechniken modifizierte und wie durch die Schriftlichkeit neue Kommunikationspraktiken eingeführt wurden. Als Kenner der mediterranen Literatur befaßte sich S. mit ital. Märchen (kommentierte Überss. v. Märchen aus Sizilien, 1991, mit D. Senn, u. d. Toskana, 1996; kommentierte erste vollständige Übers. v. Giambattista Basiles „Pentamerone“, 2000). In „Gut bei Leibe“ (1998) zeigte S. anhand von Geschichten, med. Berichten, Redensarten und Beispielen aus der Belletristik auf, woher menschliche Körperbilder und -mythen stammen und wie sie sich veränderten.

    S. verstand Wissenschaft als eine politischaufklärerische Aufgabe und verband historisch-philologische Fragestellungen und Methoden mit solchen aus den Sozialwissenschaften. Für eine soziologisch und kommunikationstheoretisch fundierte Lesestoff- und Erzählforschung leistete er Pionierarbeit.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Internat. Soc. for Folk Narrative Research (1959), d. Dt. Ges. f. Volkskunde (1964), d. Schweizer Ges. f. Volkskunde (1979); Folklore Fellows (Full Member 1990); Wilhelmine-Lübke-Preis (Bonn 1974); Kulturpreis d. Stadt Reggio Calabria (1978); Premio Giuseppe Pitrè (Palermo 1988); Ehrengabe d. kantonalen Kulturförderungskomm., Zürich (1989).

  • Werke

    Weitere W Folklore e letteratura popolare: Italia – Germania – Francia, 1986;
    Istorie bellissime, Ital. Volksdrr. d. 19. Jh. aus d. Slg. Reinhold Köhlers in Weimar, 1993 (mit I. Tomkowiak);
    ca. 180 Aufss.;
    Mithg.:
    Enz. d. Märchens, 1977-93 (darin auch mehr als 60 Art.);
    Volksleben, 1964-74;
    Fabula, 1975-80;
    W-Verz.:
    R. Geiser u. E. Keller, R. S. Wiss. Veröff. 1958-1990, 1990;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Zentralbibl. Zürich.

  • Literatur

    Hören Sagen Lesen Lernen, Bausteine zu e. Gesch. d. kommunikativen Kultur, FS f R. S. z. 65. Geb.tag, hg. v. U. Brunold-Bigler u. H. Bausinger, 1995 (P);
    U. Brunold-Bigler, Laudatio f. R. S., gehalten am 13. Okt. 1995. in: Fabula 37,1996, S. 1-7;
    H. Bausinger, ebd. 42, 2001, S. 134-38;
    L. Rubini, I recenti contributi di R. S. allo studio della narrativa popolare, in: La ricerca folklorica 32,1996, S. 133 f. (W-Verz);
    ders., ebd. 43, 2001, S. 103-16 (W-Verz.);
    I. Tomkowiak, Lesestoffe u. Kleine Leute, in: Schweizer. Archiv f. Volkskunde 92,1996, S. 33-54 (W-Verz.);
    B. F., ebd. 97, 2001, S. 157-59;
    R. B. Bottigheimer, A. Messerli u. L. Rubini, The European Ethnology of R. S., in: Europaea 1997/III-1, S. 123-55;
    I. Tomkowiak, Von Folio bis Duodez, in: NZZ v. 13.10.2000, S. 66;
    dies., in: Univ. Zürich, Nekrologe 2000, 2001, S. 17 f.;
    G. Kalberer, Erforscher d. Volksseele, in: Tages-Anz. v. 17.10.2000, S. 63;
    R. S. (13. Okt. 1930–14. Okt. 2000), Gedenkreden gehalten am 3. Nov. 2000 in d. Wasserkirche in Zürich, hg. v. U. Gyr, 2000 (P);
    R. Siegert, in: Buchhandelsgesch., H. 4, 2000, S. B 191-B 192;
    R. W. Brednich, in: Zs. f. Volkskunde 97, 2001, S. 121-25;
    C. Daxelmüller, in: Bayer. Bll. f. Volkskunde NF 2, H. 2, 2001, S. 53 f.;
    Enz. d. Märchens.

  • Autor/in

    Ingrid Tomkowiak
  • Empfohlene Zitierweise

    Tomkowiak, Ingrid, "Schenda, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 670-671 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119071789.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA