Lebensdaten
1871 bis 1940
Geburtsort
Bremen
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Reformpädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118794906 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Scharrelmann, Heinrich Ludwig Friedrich
  • Scharrelmann, Heinrich
  • Scharrelmann, Heinrich Ludwig Friedrich
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Scharrelmann, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794906.html [09.12.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus in Scharrel (Gfsch. Diepholz) ansässiger Fam.;
    V Ludwig (1845–1934), Kolonialwarenhändler in Bremen, S d. Friedrich (1806–69), aus Scharrel, u. d. Sophie Christine Helmsmüller (1814–71);
    M Wilhelmine Vollmer (1846–1920), aus Bremen;
    3 B u. a. Ludwig (* 1873), Kaufm., Wilhelm (1875–1950), Volksschullehrer, Schriftst., seit 1928 in Worpswede (s. Niedersächs. Lb. II; Brem. Biogr.);
    Bremen 1896 Antonie Isenbeck (1872–1927), aus Bremen;
    2 S Walter (1898–1966), 1929-45 Journalist in Leipzig, 1949-63 in Bremen, Herbert (* 1899), 2 T Gertrud Koopmann (* 1897), Ingeborg (* 1910).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Domschule in Bremen 1878-86 und einer vierjährigen Ausbildung am brem. Volksschulseminar unter Georg Credner trat S. 1891 als Lehrer in den Schuldienst ein. Durch erste Zeitschriftenaufsätze und öffentliche Auftritte wurde er nach 1900 mit Fritz Gansberg (1871–1950) zum Protagonisten der brem. Schulreformbewegung. Seine zahlreichen Bücher erschienen bis 1916 im freidenkerischen, lebensreformerisch geprägten Alfred Janßen Verlag, die Neuauflagen nach dem 1. Weltkrieg im Georg Westermann Verlag. S. wandte sich gegen das als „Knechtung“ interpretierte System der Schulaufsicht und die staatliche Lenkung des Schulalltags durch Stoff- und Stundenpläne. Unter dem Einfluß von Kunsterziehungsbewegung und Lebensphilosophie forderte er die eigenständige Auswahl und Gestaltung des Schulstoffs durch den Lehrer im Rahmen des Gelegenheits- und Gesamtunterrichts. Durch seine provokativen Schriften und Vorträge gelangte S. rasch zu Bekanntheit in ganz Deutschland. Kollegen kritisierten früh die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im pädagogischen Wirken S.s sowie seinen impulsiven, geltungsbedürftigen Charakter (Gansberg 1950).

    1904 war S. Mitbegründer der Lehrloge des freidenkerischen „Guttemplerordens“, ein Jahr später gehörte er zu den maßgeblichen Mitarbeitern der neuen Zeitschrift „Roland“, die zum Sprachrohr der reformorientierten Lehrerschaft in Bremen wurde. Er unterstützte außerdem die „Denkschrift“ der brem. Lehrerschaft zur Abschaffung des Religionsunterrichts (Gansberg 1906). Im religiösen Bereich wandte sich S. gegen den Kirchen- und Offenbarungsglauben und propagierte die absolute Freiheit und Subjektivität des Lehrers im Umgang mit biblischen Stoffen. Seine radikalen Ansichten führten zu Konflikten mit der Schulaufsicht. Nach zwei Disziplinarverfahren 1908 schied S. auf eigenen Wunsch 1909 aus dem Schuldienst aus und wurde bis 1914 Alleinherausgeber des „Roland“. Nach einem Aufenthalt in Kressbronn als Schriftsteller und Privatlehrer (1909/10) wirkte S. 1910-13 erneut als Lehrer an privaten Töchterschulen in Hamburg, 1913-15 an einer Reformschule in Ludwigshafen. 1916/17 diente er als Soldat in Lothringen, nach kurzer Tätigkeit an einer Mainzer Keformschule als Telefonstenograph bei den „Bremer Nachrichten“. Nachdem ein erstes Wiedereinstellungsgesuch 1917 vom Senat abschlägig beschieden wurde, trat S. 1919 wieder in den brem. Schuldienst ein, agierte aber nicht mehr als der kämpferische Reformer der Vorkriegszeit (Müller 1979). 1920 übernahm er die Leitung einer freigeistig-sozialistisch inspirierten Bremer „Lebensgemeinschaftsschule“. Wegen Divergenzen mit dem Kollegium, die durch S.s Hinwendung zu einer religiös-mythischen Weltdeutung und religiös-pädagogischen Teleologie hervorgerufen wurden, legte er schon 1921 sein Amt nieder. 1927 wurde er endgültig in den Ruhestand versetzt. Seit 1931 beteiligte sich S. an Agitationen für die NSDAP, 1933 wurde er in Bremen vorübergehend „Fachberater für Volksschulwesen“. In dieser Funktion war er mit der ideologischen „Säuberung“ der Schulbibliotheken betraut. Eine unmittelbare Beteiligung S.s an der Entlassung mißliebiger Kollegen läßt sich nicht nachweisen (Wissmann 1993). Nach seiner anfänglichen Begeisterung distanzierte er sich von der nationalsozialistischen Ideologie und Pädagogik und trat 1939 aus der Partei aus.

    S. gilt als wichtiger Vertreter der dt. Reformpädagogik, deren weltanschauliche und pädagogische Ambivalenz und politische Anfälligkeit er zugleich zeigt. Sein Werk ist insbesondere für den Deutsch- und Heimatkundeunterricht von historischem Interesse.

  • Werke

    Weitere W Herzhafter Unterr., Gedanken u. Proben aus e. unmodernen Päd., 1902, Neuaufl. 1922;
    Weg zur Kraft, Des herzhaften Unterr. zweiter T., 1904, Neuaufl. 1920;
    Goldene Heimat, Für d. Anschauungsunterr. u. d. Heimatkunde, 1908;
    Im Rahmen d. Alltags, 88 Aufss. u. Aufs.themen f. d. erste bis fünfte Schulj., 1908;
    Erlebte Päd., Ges. Aufss. u. Unterr.proben, 1912, Neuaufl. 1922;
    Das Malen u. Zeichnen, Zur Belebung d. Elementarunterr. u. d. häuslichen Beschäftigung d. Kinder, 1913;
    Aus d. Gesch. e. alten dt. Stadt, 1914, Neuaufl. 1921;
    Die Technik d. Schilderns u. Erzählens, 1919;
    Aus meiner Werkstatt, Präparationen f. Anschauungsunterr. u. Heimatkunde, 1922;
    Von d. Lernschule über d. Arbeitsschule z. Charakterschule, 1937;
    Archivmaterialien:
    StA Bremen: 4,111 Personalakte;
    „Graue Mappe“ Scharrelmann;
    9, S 3 Scharrelmann, Heinrich.

  • Literatur

    F. Gansberg (Hg.), Rel.unterr.?, Achtzig Gutachten, Ergebnis e. v. d. Vereinigung f. Schulreform in Bremen veranstalteten allg. dt. Umfrage, 1906;
    ders., Was ich als Lehrer erlebte u. erstrebte, in: Westermanns Pädagog. Btrr. 2, 1950, S. 204-08;
    Fam. Scharrelmann, Die Gesch. e. niederdt. Bauernfam., 1934;
    H. Wulff, Gesch. u. Gesicht d. Brem. Lehrerschaft, Gestalten u. Generationen aus hundert J. (1848–1948), II, 1950 (P);
    K.-H. Günther, Der lebensphil. Ansatz d. Bremer Schulreformer Gansberg u. S., in: ders. u. a., Erziehung u. Leben, 1960, S. 13-36;
    P. C. Bloth, Der Bremer Schulstreit als Frage an d. Theol., E. Stud. z. Problematik d. Rel.-unterr. in d. Volksschule d. frühen 20. Jh., 1961;
    D. Hagener, Radikale Schulreform zw. Programmatik u. Realität, Die schulpol. Kämpfe in Bremen vor d. Ersten Weltkrieg u. in d. Entstehungsphase d. Weimarer Rep., 1973;
    W. Müllers, Die Päd. D. S.s, Ein Btr. z. Historiogr. d. reformpäd. Bewegung, o. J. [1974];
    A. Pehnke, Schulpol. u. päd. Auffassungen d. Reformpädagogen H. S. (1871-1940), 1984;
    S. Wissmann, Es war eben unsere Schulzeit. Das Bremer Volksschulwesen unter d. NS. 1993;
    R. Koerrenz u. N. Collmar (Hg.), Die Rel. d. Reformpädagogen, 1994;
    R. Koerrenz, Narrative Didaktik, Stud. z. Päd. H. S.s, 1997;
    Dt. Pädagogen d. Neuzeit, 1929, S. 185 ff. (P);
    Lex. d. Päd.;
    Brem. Biogr.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W).

  • Autor/in

    Susanne Enders
  • Empfohlene Zitierweise

    Enders, Susanne, "Scharrelmann, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 579-580 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118794906.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA