Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
schlesisch-böhmische Adelsfamilie
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 123404215 | OGND | VIAF: 72300201
Namensvarianten
  • Schaffgotsch, Freiherren (seit 1592)
  • Schaffgotsch, Grafen (seit 1654)
  • Schaffgotsch, Reichsgrafen (seit 1708)
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Zitierweise

Schaffgotsch, von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123404215.html [21.10.2020].

CC0

  • Leben

    Aus der Mark Meißen kommend, erscheinen die S. in Schlesien entgegen früheren Ansichten urkundlich erstmals 1287 mit Reinhard Schaph. Im Iser- und Riesengebirgsvorland erwarb der Ritter Gotsche II. Schoff ( 1420) gegen Ende des 14. Jh. mit den Herrschaften Kynast und Greiffenstein umfangreiche Besitzungen; 1403 stiftete er die Zisterzienserpropstei Warmbrunn. Nach ihm als Begründer der wirtschaftlichen Grundlagen des Geschlechts führte die Familie „Schaff' zunächst den Beinamen „Gotsch“, später verband sie beide Namen zu „Schaffgotsch“. Gotsches Sohn Hans ( 1469) bekleidete als erster der Familie die Ämter des Kanzlers und Hofrichters sowie seit 1457 auch das Amt des Landeshauptmanns des Fürstentums Schweidnitz-Jauer. Mit seinen drei Söhnen Anton, Kaspar und Ulrich beginnt die gesicherte Genealogie des Geschlechts, das sich mit ihnen in drei Stämme teilte.

    Anton ( 1508) begründete den böhm. Stamm, dessen Linien Seifersdorf 1632 und Kreppelhof-Reußendorf-Ullersdorf im 17. Jh. erloschen. Aus der Hauptlinie erlangte Johann Ernst 1674 den böhm. Freiherren- und 1681 den böhm. Grafenstand. Zu den bedeutenden Vertretern der Hauptlinie gehören Christoph Wilhelm (1687–1768) als Landeshauptmann von Schlesien, Johann Ernst Anton (1685–1747, s. Biogr. Lex. Böhmen) als Oberstburggraf von Prag. Johann Prokop (1748–1813, s. Gatz II) als erster Bischof von Budweis und Anton Ernst (1804–70, s. ÖBL, Biogr. Lex. Böhmen) als Bischof von Brünn; Anton Ernsts Brüder avancierten beim Militär: Johann Franz (1792–1866, s. Biogr. Lex. Böhmen) zum General der Kavallerie und Johann Rudolf (1793–1866) zum Feldmarschall. Die Angehörigen dieser, vornehmlich in Ostböhmen begüterten Linie, verschwägerten sich mit Familien des böhm., österr. und ungar. Adels; der böhm. Stamm starb 1993 aus.

    Der Stamm des Ulrich (1453–1543) erlosch 1661, doch gelangte der Hauptbesitz Greiffenstein bereits 1578 an Christoph (1552–1601), einen Enkel des Kaspar (1476–1534). Dieser ist der Ahnherr des schles. Stammes, der sich dauerhaft erst 1766 in die Linien Kynast-Warmbrunn und Wildschütz teilte. Letztere war in Österreichisch-Schlesien ansässig und starb in der ersten Hälfte des 20. Jh. in ihren vier Ästen im Mannesstamme aus.

    Die Enkel des Kaspar ertauschten 1592 die Freie Standesherrschaft Trachenberg und ließen sich mit deren Erwerb den Freiherren-Titel „bestätigen“. Die Hauptgüter der Familie vereinte in seiner Hand Christophs Sohn Hans Ulrich (1595–1635, s. ADB 30; J. Krebs, H. U. S., 1890; Schles. Lb. III, 1928, S. 27-36, P). Er war wie sein Vater Protestant, heiratete als einziger S. mit Barbara Agnes Prn. v. Liegnitz-Brieg ( 1631) in ein Dynastengeschlecht ein und wurde 1627 vom Kaiser mit allen Rechten der schles. Fürsten und dem Titel „Semperfrei“ ausgezeichnet. Als ksl. General diente er unter Wallenstein, unterzeichnete allerdings den Ersten Pilsener Revers, was in Wien als Verrat ausgelegt wurde und zu seiner Enthauptung führte. Sein Sohn Christoph Leopold (1623–1703, s. ADB 30) konvertierte zum Katholizismus und stand in der Gnade des Kaisers: Er erhielt die eingezogenen Besitzungen Greiffenstein und Kynast – nicht jedoch Trachenberg – zurück, wurde 1654 Graf, erlangte 1662 das ungar. Indigenat, war mehrfach ksl. Gesandter in Polen und begleitete als Vertreter des Kaisers 1683 den poln. Kg. Jan Sobiecki beim Entsatz von Wien; in Schlesien wurde er Erbhofmeister und -richter in den Fürstentümern Schweidnitz und Jauer, zudem Kammerpräsident und Oberlandeshauptmann. Sein Sohn Johann Anton Gotthard (1675–1742), 1708 zum Reichsgrafen erhoben, wurde Direktor des schles. Oberamtes.

    In der folgenden Generation führte die Eroberung Schlesiens durch Preußen 1742 zur|Teilung des Stammes in die beiden oben genannten Linien. Als Günstling Friedrichs d. Gr. avancierte der Breslauer Domherr Philipp Gotthard (1715–95, s. ADB 30; Gatz II, P; BBKL; LThK3) 1743 zum Abt des Breslauer Sandstiftes, wurde vom König 1744 gefürstet und zum Koadjutor ernannt sowie 1747 auf des Königs Druck Bischof von Breslau. Als solcher stand er im Spannungsfeld zwischen röm.-zentralistischen und landesherrlichpartikularistischen Interessen sowie zwischen den Habsburgern und den Hohenzollern. Während des Siebenjährigen Kriegs begab sich Philipp Gotthard in den habsburgischen Teil seines Bistums, was der Preußenkönig als Flucht und Verrat ansah; nach Kriegsende durfte der Bischof zurückkehren, mußte allerdings in Oppeln residieren, von wo er drei Jahre später wieder nach Johannesberg ging. Während seiner Exilzeiten war ihm die Verwaltung des preuß. Bistumsteils entzogen. Sein Bruder Ceslaus (1726–81, s. Gatz II) war ebenfalls Domherr und Propst zu Breslau.

    In der Generation darauf erwarb Johann Nepomuk Gotthard (1732–1808) 1786 den Titel eines Erblandhofmeisters in Schlesien. In der Folge erkannten die preuß. Könige den jeweils Ältesten der Linie Kynast-Warmbrunn als Freien Standesherrn zu Warmbrunn und Kynast an, der 1854 auch erbliches Mitglied des preuß. Herrenhauses wurde. In der ersten Hälfte des 19. Jh. spalteten sich die Äste Koppitz (Oberschlesien) und Niederleis (Niederösterreich) ab. Letzterer stellte mit Levin Gotthard (1852–1913, s. BJ 18, Tl. 1913) einen Landespräsidenten im Hzgt. Salzburg und mit seinen beiden (Ordensfrauen gewordenen) Schwestern Josephine (1850–1922) und Mechthild Maria (1857–1919, s. ÖBL) die Stifterin der Kongregation der Schwestern vom Hl. Josef (Trier) bzw. eine Schriftstellerin. Hans Ulrich (1831–1915, s. RT Norddt. Bund; Biogr. Hdb. Preuß. Abg.haus; BJ, Tl.) aus dem Ast Koppitz heiratete 1858 Johanna Gryczik v. Schomberg-Godulla (1842–1910), Adoptivtochter und Erbin des Industriellen Karl Godulla (1781–1848). Seine Bergwerke und Unternehmen fielen 1905 an die Gfl. Schaffgotschen Werke GmbH, die 1922 die größten Steinkohlengruben im dt. Teil Oberschlesiens betrieben. Dieser Zweig der S. war zu Industriemagnaten geworden.

    Bergwerke und industrielle Kleinunternehmen hatten die S. seit alters her auch im Iser- und Riesengebirge betrieben; 1842 ließ Leopold Christian Gotthard (1793–1864) in Schreiberhau die nach seiner Frau benannte Josephinenhütte zur Glasherstellung errichten, die noch heute als „Huta Julia“ und bis 1974 in Schwäb. Gmünd als „Gf. Schaffgott'sche Josephinenhütte GmbH“ weiterbetrieben wird bzw. wurde. Warmbrunn mit seiner warmen Quelle, seit 1675 ständiger Wohnsitz des schles. Stammes, bauten die S. mit ihrem Schloß und der „Galerie“ (1797-1809), dem Leopoldbad (1823) und dem Kurtheater (1836) zu einem noch heute frequentierten Badeort aus. Die S. galten vor dem 1. Weltkrieg als zweitreichste Familie in Deutschland; um 1925 verfügte der letzte Freie Standesherr Friedrich (1883–1947) über den sechstgrößten Betriebskomplex in Preußen mit 27 668 ha.

    Bemerkenswerte Grablegen finden sich u. a. in Greiffenberg, in Reußendorf bei Landeshut, in Koppitz bei Grottkau und in Warmbrunn. Die Sammelleidenschaft der Familie galt Gemälden, Kupferstichen, Mineralien, Waffen, zudem besaß sie in Warmbrunn eine bemerkenswerte ornithologische Sammlung und neben dem Familienarchiv eine bedeutende Bibliothek mit umfangreichen Silesiaca. In seinem Gedicht „Schäferei von der Nymphe Hercynie“ (1630), der ersten Riesengebirgsdichtung in dt. Sprache, verherrlichte der Barockdichter Martin Opitz das Haus S.

  • Literatur

    ADB 30;
    H. Nentwig, Schaffgotschiana in d. Reichsgfl. S.'schen Majoratsbibl. zu Warmbrunn, 1899;
    H. v. Prittwitz u. Gaffron, Die Schaff im Oelsnischen, in: Zs. d. Ver. f. Gesch. u. Althertum Schlesiens 14, 1878/79, S. 528-31;
    J. Heisig, Hist. Entwicklung d. landwirtschaftl. Verhältnisse auf d. reichsgfl.-freistandesherrl. S.ischen Güterkomplexen in Preuß.-Schlesien, 1884;
    J. Krebs, Hans Ulrich Frhr. v. S., Ein Lb. aus d. Zeit d. 30j. Krieges, 1890;
    H. Nentwig, Gesch. d. reichsgfl. Theaters in Warmbrunn (Mitth. aus d. Reichsgfl. S.'schen Archive 1), 1896;
    ders., S.'sche Gotteshäuser u. Denkmäler im Riesen- u. Isergebirge (ebd. 2), 1898;
    ders., Schoff II. Gotsch gen., Fundator (c. 1346-1420) (ebd. 3), 1904;
    ders., Der gfl. S.'sche Orden d. Ritter u. Damen v. d. Alten Hacke (ebd. 4), 1908;
    ders., Von d. Fam. S. (Aeltere Zeit bis 1742), in: Schlesien 1, 1907/08, S. 359-61, 401-04 (P);
    J. Müting, Philipp Gotthard S., Bischof v. Breslau, als Kirchenpol., Diss. Breslau 1916;
    J. Kaufmann, Die Erhaltung d. S.schen Stammgüter durch Fideicommisse (Hausgesch. u. Diplomatarium der Grafen S., II/2), 1925 (P);
    W. Klawitter, Hans Ulrich Frhr. v. S., in: Schles. Lb. 3, 1928, S. 27-36 (P);
    G. Grundmann, Schles. Architekten im Dienste d. Herrschaft S. u. d. Propstei Warmbrunn, Veröff. aus d. Gf. S.schen Archiv (Studien z. dt. Kunstgesch. 274), 1930;
    H.-J. v. Witzendorff-Rehdiger, Die S., Eine genealog. Studie, in: Jh. d. Schles. Friedrich-Wilhelms-Univ. zu Breslau 4, 1959, S. 104-23 (teils überholt);
    Z. Kwásny, Rozwój przemysłu w majatkach Schaffgotschów w latach 1750-1850 (Die Entwicklung d. Ind.betriebe im Bes. d. S. in d. J. 1750-1850), 1965;
    |K. H. Spieß, Die Grafen S., 1968 (Titel irreführend; Sendems. zu Finanztransaktionen nach 1945)
    ;
    K. H. Ziolko, Die Reichsgfl. S.schen Slgg. in Warmbrunn, in: Der Schlesier 45, Nr. 35 v. 3.9.1993;
    J. K. Lubos, Pałac Schaffgotschów w Cieplicach (Das Schloß d. S. in Warmbrunn), in: Karkonosz 3-4 (10-11), 1993, S. 30-49;
    A. Kwaśniewski, Herb Schaffgotschów, fakty i legendy (Das Wappen d. S., Fakten u. Legenden), ebd., S. 65-117;
    A. Paczos, Zbiroy przyrodnicze hr. Schaffgotschów w Chiplicach do roku 1945 (Die naturkundl. Slgg. der Grafen S. in Warmbrunn bis z. J. 1945), ebd., S. 119-27;
    T. Jurek, Obce rycerstwo na Śłąsku do połowy XIV wieku (Die fremde Rr.schaft in Schlesien bis z. Mitte d. 14. Jh.), 1996, S. 279-81;
    I. Twardoch, Gesch. d. Geschl. v. S., 2001 (Titel irreführend; Godulla, Gryczik u. S.)
    ;
    R. Bendel, Philipp Gotthard Fürst S. (1716-95), in: Schles. Lb. 7, 2001, S. 96-104 (P);
    E. H. Kneschke (Hg.), Neues allg. Dt. Adels-Lex., VIII, 1868, S. 82-85;
    D. Schwennicke (Hg.), Europ. Stammtafeln, NF IX, 1987, Tafel 117-26;
    GHdA 101, Gräfl. Häuser A 13, 1991, S. 286-97;
    Wurzbach 29, S. 67-85 (mit genealog. Tafeln);
    Breslau-Lex.; |

  • Quellen

    Qu StA Breslau (672. Gutsakten d. Fam. S. in Bad Warmbrunn 1312-1945).

  • Autor/in

    Ulrich Schmilewski
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmilewski, Ulrich, "Schaffgotsch, von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 536-538 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123404215.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA