Lebensdaten
1900 bis 1964
Geburtsort
Hohensalza
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
Verbandsfunktionär
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 120431459 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reichmann, Hans

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Zitierweise

Reichmann, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd120431459.html [21.06.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Martin (1867–1914), Apotheker in H.;
    M Martha Sachs (1874–1922);
    1930 Eva Jungmann (s. 1); kinderlos.

  • Leben

    Nach dem Abitur 1918 wurde R. eingezogen, kam jedoch nicht an die Front. Als Student der Rechtswissenschaften in Berlin, Freiburg (Br.) und Greifswald war er aktives Mitglied im Kartell-Convent, der Verbindung für jüd. Studenten. Nach vier Jahren als Geschäftsführer des Landesverbands Oberschlesien des Centralvereins dt. Staatsbürger jüd. Glaubens (C. V.) und der Promotion 1924 zum Dr. iur. ließ sich R. für kurze Zeit in Hindenburg (Oberschlesien) als Rechtsanwalt nieder.

    Ludwig Holländer (1877–1936), Direktor des C. V., holte R. 1927 als Syndikus in die Zentrale nach Berlin. Im Gegensatz zum Zionismus verstand sich der 1893 gegründete C. V., mit ca. 60 000 Mitgliedern am Ende der Weimarer Republik die größte dt.-jüd. Organisation, als Verband, der für die Gleichberechtigung der dt. Juden und gegen den „undeutschen“ Geist des Antisemitismus kämpfte. R., der auch Mitglied im sozialdemokratischen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold war, setzte sich früh dafür sein, daß der C. V. mit neuen Formen der Massenpropaganda die Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten führte. Der Flut antijüd. Broschüren, Flugblätter und Pamphlete begegnete der C. V. unter R.s maßgeblichem Anteil mit eigener Aufklärungsliteratur und dem wiederholt aufgelegten Handbuch „Anti-Anti“, das im C. V.-eigenen Philo-Verlag in Berlin erschien. R. schuf und leitete de facto das sog. „Büro Wilhelmstraße“ des C. V., das seit 1929 verdeckt und wirkungsvoll den Kampf gegen den Nationalsozialismus aufnahm, indem es hochrangige Politiker, Zeitungsredakteure, Hochschullehrer und christl. Geistliche mit Materialien, Dokumenten und internen Informationen zur NSDAP versorgte.

    Nach deren „Machtergreifung“ konzentrierte sich R., seit 1936 zusammen mit Alfred Hirschberg (1901–71) geschäftsführender|Syndicus des C. V., auf die juristisch-wirtschaftliche Beratung für bedrohte jüd. Bürger und die Weiterführung des „Büros Wilhelmstraße“, nun unter streng konspirativen Bedingungen. Nach dem Pogrom im Nov. 1938 wurde er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Unter der Auflage, sofort zu emigrieren, kam er Ende Dezember frei. Im April 1939 verließ R. mit seiner Frau Deutschland.

    Beide fanden Zuflucht in England, wo R. sich, nachdem er 1940 für mehrere Monate auf der Isle of Man interniert war, anfangs als Hauslehrer durchschlug. 1946 wurde er Geschäftsführer der Hebrew Sheltering and Immigration Aid Society (HIAS) in London, 1949 übernahm er das Londoner Sekretariat des United Restitution Office (seit 1955: United Restitution Organzisation, URO). Als Generalsekretär der URO 1955-64 war er einer der führenden Anwälte für die Interessen dt. Juden in Wiedergutmachungsangelegenheiten. 1949-55 diente R. dem Council of Jews from Germany als ehrenamtlicher Geschäftsführer, anschließend als Präsidiumsmitglied, und zählte zu den Mitbegründern des Leo Baeck Instituts in London. Er starb auf einer Dienstreise in Wiesbaden.

  • Werke

    Zur Lehre v. d. falschen Anschuldigung, Diss. Greifswald 1924;
    Der Centralver. dt. Staatsbürger jüd. Glaubens, in: FS z. 80. Geb.tag v. Rabbiner Dr. Leo Baeck, 1953, S. 63-75;
    Der drohende Sturm, Episoden aus d. Kampf d. dt. Juden gegen d. nat.-soz. Gefahr 1929 bis 1933, in: In zwei Welten, Siegfried Moses z. 75. Geb.tag, hg. v. H. Tramer, 1962, S. 556-77;
    Dt. Bürger u. verfolgter Jude, Nov.pogrom u. KZ Sachsenhausen 1937 bis 1939, bearb. v. M. Wildt, 1998 (aütobiogr. Aufzeichnungen);
    zahlr. Btrr. in d. C. V. Ztg.

  • Literatur

    Zum Gedenken an H. R., hg. v. Council of Jews from Germany, 1965;
    N. Bentwich, Nazi Spoliation and German Restitution, The Work of the United Restitution Office, in: LBI Year Book X, 1965, S. 204 ff. (P);
    A. Paucker, Der jüd. Abwehrkampf gegen Antisemitismus u. NS in d. letzten J. d. Weimarer Rep., 21969;
    BHdE I;
    Göppinger.

  • Autor/in

    Michael Wildt
  • Empfohlene Zitierweise

    Wildt, Michael, "Reichmann, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 319-320 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd120431459.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA