Lebensdaten
1893 bis 1959
Geburtsort
Osterholz-Scharmbeck bei Bremen
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Unternehmer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 132264005 | OGND | VIAF: 55302871
Namensvarianten
  • Reemtsma, Philipp
  • Reemtsma, Philipp Fürchtegott
  • Reemtsma, Philipp F.

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Reemtsma, Philipp, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd132264005.html [04.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Bernhard (1857–1925), aus Sielmönken (Ostfriesland), Gastwirt, Zigarren- u. Zigarettenfabr., S d. Behrend Hinrich, aus Pewsum (Ostfriesland), Bäcker, Gastwirt, Zollpächter;
    M Flora (1867–1931), aus Karlshafen/Weser, T d. Karl Zülch, Zigarrenfabr.;
    Om Karl Georg Heinrich Fürchtegott Zülch (1870–1942), RA. OB v. Allenstein (Ostpreußen) (s. Altpreuß. Biogr. II);
    2 B u. a. Hermann (1892–1961), Zigarettenfabr., Kunstmäzen, Alwin (1895–1970), Privatier, Teilh. d. Fa. Reemtsma;
    1) Bremen 1920 ( 1938) Gertrud (1898–1939), aus O.-Sch., T d. Hermann Ludwig Fürchtegott Zülch, Zigarrenfabr., 2) Hamburg 1939 Gertrud (1916–96), Gesellschafterin d. Unternehmensgruppe „Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH“, gründete 1989 d. v. d. MPG treuhänderisch verwaltete G.-R.-Stiftung, welche seit 1990 d. K. J. Zülch-Preis f. hervorragende Leistungen in d. neurolog. Grundlagenforsch. verleiht, Cousine d. 1. Ehefrau (s. NZZ v. 2.9.1997), T d. Karl Georg Heinrich Fürchtegott Zülch (s. o.);
    3 S aus 1), 1 S aus 2) Jan Philipp (* 1952), Lit.- u. Soz.wiss., sein Hörspiel „Im Keller“, in dem er seine Entführung und 33-tägige Geiselhaft 1996 beschrieb, wurde 1998 v. d. Dt. Ak. d. Darst. Künste als Hörspiel d. J. ausgezeichnet (s. L); Schwager Klaus Joachim Zülch (1910–88), aus Allenstein, Prof. f. Neurol. in Köln, 1951-78 Dir. d. MPI f. Hirnforsch., 1959-78 auch Dir. d. Neurolog. Abt. d. Krankenanstalten Köln-Merheim, Dr. h. c. (s. Kürschner, Gel.-Kal. 1987; FAZ v. 8.12.1988).

  • Leben

    Nach einer Lehre bei einer Hamburger Im- und Exportfirma leistete R. im 1. Weltkrieg Kriegsdienst bei Infanterie und Fliegern (als mitfliegender Beobachter). Aufgrund schwerer Verwundungen blieb er gehbehindert. Gemeinsam mit seinem Bruder Hermann trat er 1917 als Mitgesellschafter in die väterliche Zigarettenfirma „Dixi“ (seit 1919 „B. Reemtsma und Söhne“) in Erfurt ein, wo er die Abteilungen Finanzen, Verkauf und Werbung leitete. Er entwickelte mittels konstanter Tabakmischungen und moderner Werbemethoden die Zigarette in Deutschland zum Markenartikel. 1921 folgte die Umwandlung des Betriebs in die „Reemtsma AG“, wobei die Familie 75% der Aktien hielt und David Schnur die restlichen Anteile erwarb. 1923 wurde der Betrieb nach Hamburg verlegt. Im Zuge des radikalen Verdrängungswettbewerbs in der Zigarettenbranche Ende der 20er Jahre erlangte R. durch effiziente Markenpolitik (u. a. Eckstein 5, Salem, Juno) und Firmenfusionen („Manoli“, „Josetti“, „Jasmatzi“, „Yenidze“, „Batschari“) die Marktführerschaft in Deutschland.

    Im Zuge der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde der Reemtsma-Konzern von staatlichen Stellen unter Druck gesetzt. R. wurde u. a. beschuldigt, den Konkurrenzkampf in der Branche 1929-31 mittels illegaler Absprachen, Bestechung und Steuerhinterziehunggeführt zu haben. Im Sommer 1933 wurde gegen ihn ein Steuerstrafverfahren eingeleitet. R., der nie Mitglied der NSDAP war und zur Sicherung des Fortbestandes seines Unternehmens 1933/34 hohe Beträge an NSDAP, HJ, SA und SS spendete, wandte sich wegen des Steuerstrafverfahrens mit der Bitte um Unterstützung an den preuß. Ministerpräsidenten Hermann Göring, der von R. im Jan. 1934 Millionenzahlungen verlangte und sich dabei persönlich bereicherte. Im Febr. 1934 verfügte Göring die Niederschlagung der gerichtlichen Voruntersuchung gegen den Konzern und protegierte R. fortan. Dieser konnte im kommenden Jahrzehnt seine einflußreiche Stellung über die Zigarettenbranche hinaus ausweiten: 1935 entstand unter Eingliederung des zweitgrößten dt. Zigarettenherstellers „Haus Neuerburg“ (Köln) die Kommanditgesellschaft „H. F. & Ph. F. Reemtsma“. Deren Hauptgesellschafter R. und sein Bruder Hermann (69%) kontrollierten damit einen Konzern mit über 20 bedeutenden Zigaretten- und Tabakfirmen (u. a. „N. V. Caland“, Amsterdam), der im Hamburger Hauptwerk, Zweigbetrieben und Tochterfirmen in Hannover, Berlin, Dresden, Köln, Baden-Baden und München 1935 über 70% der dt. Zigarettenproduktion fertigte. Im Okt. 1939 ernannte Göring R. zum Wehrwirtschaftsführer. Große Gewinne zog der Konzern aus Zigarettenlieferungen für die Wehrmacht. R. leitete die Fachuntergruppe Zigarettenindustrie in der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie (Berlin). Dabei organisierte er die Beschaffung und Verarbeitung von Tabaken für das Dt. Reich und die besetzten Gebiete bis Kriegsende. Daneben engagierte er sich in der Entwicklung des Tiefkühlverfahrens und investierte im Bergbau, in der Holz- und Fischwirtschaft sowie in Reedereien („Hapag“, „Hansa“, „Hasüda“, „Norddt. Lloyd“). Bei der Reprivatisierung der im Reichsbesitz befindlichen Hapag fungierte R. 1941 als Reichstreuhänder der Hapag-Aktien und wurde zum beherrschenden Aktionär dieser Reederei. Darüber hinaus amtierte er u. a. im Aufsichtsrat der „Dt. Bank“ (seit 1934) und der „Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG“ (Wuppertal). Er gehörte seit 1939 auch zum Beirat der Dt. Reichsbank.

    Nach Kriegsende wurden R. und seine Brüder interniert, während die Alliierten die weitgehend zerstörten Betriebe und die Kapitalien blockierten. 1947/48 mußte sich R. vor dem Hamburger Landgericht wegen „fortgesetzter Bestechung“ Görings verantworten. Gegen das Urteil (Geldstrafe 10 Mio. DM) legte R. erfolgreich Widerspruch ein. 1950 wurde das Verfahren aufgrund eines Bundesamnestiegesetzes eingestellt. Ende 1948 wurde die Zigarettenherstellung in Hamburg, Hannover und München wieder aufgenommen. R. konnte seine Firma nach der Entflechtung von „Haus Neuerburg“ erneut etablieren und innerhalb eines Jahrzehnts ca. 40% Marktanteil erlangen (Ernte 23, HB, Peter Stuyvesant). Sein Bruder Hermann führte den Zigarettenkonzern nach seinem Tod weiter. R.s Sohn Jan Philipp verkaufte seinen ererbten Mehrheitsanteil am Konzern 1980 an die Hamburger Unternehmerfamilie Herz.|

  • Auszeichnungen

    E. K. II. Kl.;
    Frontkämpferkreuz;
    Braunschweig. Kriegsverdienstkreuz;
    Verwundetenabzeichen;
    Offz.kreuz d. Griech. Erlöserordens;
    Großoffz.kreuz d. Belg. Verdienstordens.

  • Literatur

    R. Carpen, Die weiße Kette, Roman d. Cigarette, 1955 (P);
    E. Topf, König im Reich d. Cigarette, Die Gesch. e. Schöpfer. Unternehmers u. seines Hauses: P. F. R., in: Die Zeit v. 18.12.1959;
    Zigarettenind., Auskunft über P. F. R., in: Das Dossier, Nr. 27/28, 1959, S. 1-20. - Zu Jan Philipp: Kosch, Lit.-Lex.3
    , Erg.bd. VI;
    zur Fam.:
    O. Beermann, Zur Geneal. d. Fam. Beermann u. Kogeler, zugl. e. Berichtigung d. R.-Ahnen, in: Zs. f. Niedersächs. Fam.kunde 32, H. 1, 1957. |

  • Quellen

    Qu StA Hamburg; BA Berlin; Archiv d. Hamburger Inst. f. Soz.forsch.

  • Autor/in

    Erik Lindner
  • Empfohlene Zitierweise

    Lindner, Erik, "Reemtsma, Philipp" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 254-255 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd132264005.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA