Lebensdaten
1681 bis 1764 oder 1763
Geburtsort
Allstedt (Thüringen)
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Polyhistor
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 119028123 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heumann, Christoph August
  • C. A. H.
  • Ferraris, Gustav
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Zitierweise

Heumann, Christoph August, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119028123.html [15.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus thür. Pfarrerfam.;
    V Johann (1631–81), Diakonus in A. u. Pfarrer in Mönchpfiffel, S d. Archidiakonus David in Saalfeld u. d. Anna Maria Blumröder;
    M Maria Barbara, T d. Pfarrers Mag. Christoph Schmid u. d. Maria Kittelmann; Vorfahre Kaspar Aquila ( 1560), 1. luth. Sup. in Saalfeld (s. NDB I);
    Stief-V Mag. Andreas Rose ( 1694), Pfarrer in A.;
    - Göttingen 1719 Maria Cath. (1700–50), T d. Lic. iur. Albrecht Winicker, Stadtsyndikus in G., u. d. Anna Cath. Böning; kinderlos.

  • Leben

    H. studierte in Jena Theologie und Philosophie. Nach Erlangung der Magisterwürde (1702) hielt er philosophische Vorlesungen und predigte in der Universitätskirche. Eine Bildungsreise brachte ihn in Deutschland und den Niederlanden mit bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen. Zurückgekehrt, hielt er neben philosophischen auch theologische Vorlesungen. Nachdem er wegen seiner freimütigen Auffassungen bei der Besetzung einer akademischen Stelle übergangen worden war, ging er 1709 als Inspektor des theologischen Seminars und Collaborator des Gymnasiums nach Eisenach. 1717 wurde er Inspektor am Göttinger Gymnasium und promovierte 1728 in Helmstedt mit der Dissertation „Disputatio de superstitione verae fidei innocue admixta …“ zum Dr. theol. Nach Aufhebung des Gymnasiums 1734 wurde er als dessen letzter Rektor an die neu errichtete Universität berufen, als Ordinarius für Literaturgeschichte an die Philosophische Fakultät, gegen sein Erwarten nur als Extraordinarius (seit 1745 dann aber auch als Ordinarius) an die Theologische Fakultät. Als Polyhistor (Kirchengeschichte, Exegese, besonders des Neuen Testamentes, philosophische, philologische und historische Themen) entfaltete H. eine äußerst fruchtbare literarische Tätigkeit. Seine Zuneigung zur reformierten Abendmahlslehre führte zum Einschreiten der Fakultät und des Ministeriums. Als H. fest blieb, kam es zu seiner Emeritierung (1758). Diese wurde ihm in Ehren gewährt, da er sich verpflichtete, seine reformierte Auffassung nicht in der Öffentlichkeit zu vertreten. Er veranlaßte jedoch, daß seine Schrift: „D. C. A. H.s Erweiß, daß die Lehre der Reformierten Kirche von dem heiligen Abendmahle die rechte und wahre sei“ nach seinem Tode durch den Berliner Hofprediger A. F. W. Sack herausgegeben wurde (1764). Die Schärfe der Polemik führte zu Erwiderungen (Ernesti und andere, insgesamt sind 64 Schriften gegen H. bekannt geworden); die Theologische Fakultät Göttingen erklärte die Arbeit als eine der Universität zugefügte Beleidigung (Göttinger Anzeigen von gelehrten Sachen, 80. Stück von 5.7.1764). Der theologische Standpunkt H.s stand auch im Dienst einer evangelischen Union. Als Voraussetzung dafür sollten die Lutheraner die Realpräsenz, die Reformierten das Decretum absolutum aufgeben.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. lat. Sozietät Jena (1737).

  • Werke

    Weitere W u. a. Acta philosophorum (d. i. Gründl. Nachrr. a. d. Hist. philosophica), 1715-27;
    Conspectus reipublicae litterariae sive via ad Historiam litterariam, 1718, 71763;
    Zeit- u. Gesch.-Beschreibung d. Stadt Göttingen, 3. T. (Civil-, Natur-, Kirchen- u. Schul-Hist.), 1738;
    Übers. d. NT, 1748, 21750;
    Erklärung d. NT, 12 Bde., 1750–63, Nachtrag postum: Anm. üb. s. Erklärungen d. NT, 1764 u. succincta interpretatio apocalypseos Joannis Apostoli, 1764. - Sammelwerke eigener Schrr.:
    Poecile, 3 Bde., 1722-31;
    Sylloge dissertationum, 4 Bde., 1743-50;
    Nova sylloge dissertationum, 2 Bde., 1752/54. -
    Umfangr. Briefslg. mit hs. Kat. in Hannover, Nd.sächs. Landesbibl.

  • Literatur

    ADB XII;
    G. A. Cassius, Ausführl. Lebensbeschreibung d. um d. gel. Welt Hochverdienten D. Ch. A. H.s, 1768 (mit Reiseber. u. ßibliogr.);
    Hirsch IV, S. 90-92;
    PRE3;
    RGG3.

  • Portraits

    Stich v. Busch (Göttingen, Nd.sächs. Staats- u. Univ.-Bibl.), Abb. in: Göttinger Jb., 1967, Tafel 4;
    Epitaph (ebd., Städt. Mus.);
    Porträt (ebd., Aulagebäude d. Univ.).

  • Autor/in

    Hans-Walter Krumwiede
  • Empfohlene Zitierweise

    Krumwiede, Hans-Walter, "Heumann, Christoph August" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 43 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119028123.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Heumann: Christoph August H., Polyhistor, einer der bedeutendsten deutschen Gelehrten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Geboren am 3. August 1681 zu Allstädt in Thüringen, wo sein Vater Diaconus war, erhielt er seine Vorbildung auf der Schule seiner Vaterstadt und auf den Gymnasien zu Saalfeld und Zeitz; um Michaelis 1699 bezog er die Universität Jena, woselbst er vier Jahre lang aufs eifrigste theologischen und allgemeinen Studien oblag. Noch als Student hielt er häufig Predigten; weil er aber keine Lust fühlte, in ein geistliches Amt zu treten, nahm er 1792 die Magisterwürde auf Grund einer Dissertation „de duellis principum“ und begann 1703 als Docent über philosophische Gegenstände aufzutreten. Zu seiner weiteren Ausbildung unternahm er 1705 mit seinem Freunde, dem Magister Ehrenberger, eine Reise nach Holland, auf welcher er mit den berühmtesten Professoren und insbesondere mit den|Häuptern der verschiedenen christlichen Secten bekannt wurde. Sein Reisetagebuch, aus dem Cassius im Leben Heumann's reichliche Auszüge mittheilt (S. 32—137), ist für die Gelehrtengeschichte der Zeit von hohem Interesse. Nach Jena im Herbst zurückgekehrt nahm H. seine Lehrthätigkeit wieder auf, dehnte aber seine Vorträge jetzt auch auf Erklärung biblischer Bücher und auf philologische Gegenstände aus. 1709 nahm er einen Ruf nach Eisenach an als Inspector des damaligen Seminarium theologicum, in welcher Stellung er auch Collegien über Philosophie, Exegese und de stilo zu halten hatte, und als Collaborator am Gymnasium. Schon damals hatte ihm seine ausgebreitete Gelehrsamkeit und bedeutendes Lehrtalent einen solchen Namen verschafft, daß ihm wiederholt höhere Lehrstellen angetragen wurden, die er immer ablehnte; als er aber einen Ruf nach Göttingen als Inspector des Gymnasiums unter sehr günstigen Bedingungen erhielt, konnte er nicht widerstehen und verließ das ihm liebgewordene Eisenach, wo er, wie er sich selbst ausdrückt, täglich Gelegenheit gehabt hatte, das studium theologicum, philosophicum und philologicum, seine drei summa bona, zu treiben. Um die neue seiner Leitung anvertraute Anstalt, für die er auch die Einführung einer besseren Schulordnung durchsetzte, erwarb er sich die größten Verdienste und steigerte bedeutend ihren Besuch. Sein Leben als Rector der Göttinger Schule schildert er selbst ausführlich im dritten Theile der Zeit- und Geschichtsbeschreibung der Stadt Göttingen S. 126—209 und theilt auch die Lehrgegenstände mit, die er selbst innerhalb eines dreijährigen Cursus zu behandeln pflegte. Erfreulich ist es, aus dieser Schilderung zu erfahren, daß er auch auf die Pflege der Muttersprache bestens bedacht war, da die Jugend bei Erklärung von Classikern eben so sehr in der deutschen als römischen Beredsamkeit zunehmen sollte, und daß er dem damals ganz vernachlässigten Studium der Geschichte besonderes Augenmerk zuwandte; denn, sagte er, die Historie ist das erste, was ein zukünftiger Gelehrter erlernen muß. Da er als Vorstand einer viel besuchten Schule von auswärtigen Eltern oft angegangen wurde, Schüler in Kost und Wohnung zu nehmen, entschloß er sich jetzt auch zu heirathen; aber die Ehe, die er im Jahre 1719 mit einer Tochter des Stadtsyndicus Winicker einging, wo insofern keine glückliche, als sich schon nach einigen Jahren bei der jungen Frau gichtische Leiden einstellten, die sie fast immer bis zu ihrem erst 1750 erfolgten Tode ans Bett fesselten. Wie H. überhaupt einen trefflichen Charakter hatte und von ächter Frömmigkeit erfüllt war, so ertrug er das Schicksal, eine gebrechliche Frau zu besitzen, mit großer Gelassenheit und christlicher Geduld: viele Stunden brach er seinen Studien ab, um sie zu unterhalten, zu trösten oder in frommen Gesprächen und Gebeten der Gelähmten die versagte Kirche zu ersetzen. Die Ehe ist kinderlos geblieben; zu einer zweiten vermochte sich der Wittwer nicht zu entschließen. — Als im Jahre 1734 die neu gestiftete Georgia Augusta ins Leben trat, wurde das Gymnasium, das schon eine Art höherer Schule gewesen war, aufgehoben und seine Räumlichkeiten zu Universitätszwecken verwendet. Es war H. vergönnt, in Göttingen zu verbleiben, aber wiewol er in zahlreichen Schriften sich als einen der gelehrtesten Theologen der Zeit erwiesen hatte (auch hatte er 1728 zu Helmstedt in öffentlicher Disputation sich den theologischen Doctorgrad erworben), so war doch seine Hoffnung, eine ordentliche Professur in der theologischen Facultät zu erhalten, nicht in Erfüllung gegangen; er wurde zum ordentlichen Professor der Literaturgeschichte und daneben zum außerordentlichen der Theologie unter Belassung seiner bisherigen Bezüge ernannt. Doch fanden seine Verdienste bei der ungemeinen Thätigkeit, die er entwickelte, und bei dem Beifall, den seine gediegenen Vorträge fanden, bald ihre gebührende Anerkennung; er erhielt zuerst eine Zulage zu seiner Besoldung und 1745 die Ernennung zum ordentlichen Professor der|Theologie, womit der lebhafteste Wunsch seines Lebens erfüllt war. Im Jahre 1758 erbat er sich als emeritus seine Enthebung vom Lehramt, nicht als ob er sich altersschwach gefühlt hätte, sondern er konnte, da er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß nicht die lutherische Ansicht vom Abendmahl, sondern die der Reformirten die richtige sei, es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, noch länger an einer evangelisch-lutherischen Universität als Professor der Theologie zu wirken. Er lebte noch mehrere Jahre in gewohnter literarischer Thätigkeit und starb in dem hohen Alter von über 82 Jahren am 1. Mai 1763. — Heumann's schriftstellerische Thätigkeit war von ungemeinem Umfang, aber wie vielfältige Gegenstände er auch in seinen zahllosen Abhandlungen behandelt hat, so wußte er doch in der Regel seien Stoffen neue Seiten abzugewinnen und neben gründlicher Gelehrsamkeit großen Scharfsinn zu bekunden. Die Aufzählung seiner gelehrten Arbeiten bei seinem Biographen Cassius nimmt nicht weniger als 134 Seiten ein. Einen großen Theil seiner kleineren Schriften buntesten Inhalts umfassen folgende Sammelwerke: „Poecile“, eine Art von Journal mit Aufsätzen aus fast allen Gebieten der Gelehrsamkeit, 3 Bde. in je 4 Büchern (Halle 1722—31). „Primitiae Gottingenses“, Hannover 1738, 287 S. 4° „Sylloge dissertationum“, 4 partes (Göttingen 1743—50). „Nova sylloge“, 2 partes (1752—54). Der reiche Inhalt dieser Sammlungen, in denen Theologie und Kirchengeschichte die Hauptrolle spielen, ist bei Pütter (Geschichte der Universität Göttingen) in kurzer Uebersicht zusammengestellt. Von seinen übrigen theologischen Schriften sind die bedeutendsten „die Uebersetzung des neuen Testaments“ (Hannover 1748 und 2. Ausg. 1750 in 2 Bdn.), eine trotz mancher Schwächen sehr verdienstliche Arbeit (s. G. W. Meyer's Geschichte der Schrifterklärung IV, 389 ff.), und die Erklärung des neuen Testaments in 12 Bdn. (Hannover 1750—63), ein grammatisch-historischer Commentar, der eine eben so gute Kenntniß der Sprache wie der Sachen ausweist und auch jetzt noch nicht seine Brauchbarkeit verloren hat. Auf philosophischem Gebiete sind zu nennen vor allem das Hauptwerk; „Acta philosophorum, d. i. Gründliche Nachrichten aus der Historia philosophica nebst beigefügten Urtheilen von denen dahin gehörigen alten und neuen Büchern“, ebenfalls eine Art von Journal, das in 18 Stücken 1715—26 erschienen ist, die 3 Bände à circa 1000 Seiten bilden. Anknüpfend an eine seiner frühesten Schriften „Der politische Philosophus, d. i. eine Anweisung zur Klugheit im gemeinen Leben“ (Franks. u. Leipz. 1714 und mit einem Capitel über die Freundschaft vermehrt 1724) verfaßte H. noch im hohen Greisenalter die moral-theologische Schritt „De prudentia christiana liber“ (Göttingen 1761—63, 2 partes). Um die Litteraturgeschichte erwarb er sich hohe Verdienste außer zahlreichen einzelnen Beiträgen und Biographien von Gelehrten durch die Schriften: „Schediasma de anonymis et pseudonymis“ (Jena 1711 und vermehrt in J. Chr. Mylii Bibliotheca anonymorum etc. 1740). „Epistola de circumforanea literatorum vanitate“ unter dem Namen Stadelius, d. i. der Alstedter, in J. B. Menckenii de charlataneria eruditorum declamationes (Amsterdam 1716 u. ö.). „Göttingische Schulhistorie“ 1735. 4°. „Bibliotheca historica academica“ (1738, 248 pp. 4°) im Anhang der neuen Ausg. von Conringii Antiquitates academicae; vor allem durch sein Hauptwerk: „Conspectus reip. litterariae, sive via ad hist. litterariam“ (Hannover 1718, 1763 in 7. Aufl.). Sehr zahlreich sind auch Heumann's philologische Arbeiten: „Parerga critica“ (Jena 1712) mit kritischen Beiträgen zu Cicero, Zosimus, Tacitus' Agricola, Jamblichus (de vita Pythagorica), Curtius, Palaephatus. Ovidius etc. und einer verständigen „commentatio de arte critica“, die auch einzeln (Nürnberg 1747) erschienen ist. „Sapientia scenae Romanae“ 1716, eine Sammlung moralischer Sentenzen aus den Komikern, Syrus, Phaedrus etc. mit kurzen Noten. „Quintiliani (d. i. Taciti) dialogus de causis corruptae eloquentiae, emendatus et illustratus,“ Göttingen 1719. „Anthologia latina, h. e. Epigrammata selecta,“ Hannover 1721. „Ciceronis oratio pro Milone, emendata et illustrata,“ mit deutscher Uebersetzung (1733), „orationes IX selectae“ 1735, „orr. pro Marcello, Ligario, rege Deiotaro“ 1749, sechs Neben verdeutscht 1735. „Lactantii opera cum notis criticis“ 1736, Heumann's beste Arbeit auf philologischem Gebiete, die viele treffende Verbesserungen besonders zum schwierigen liber de mortibus persecutorum enthält. (Die früher unter dem seltsamen Titel „Lactantii Symposium“ (Hannover 1722) erschienene Separatausgabe beruhte auf dem thörichten Einfall, die den Namen des Symphosius tragenden Räthselgedichte dem Lactantius beizulegen.) „Plutarchi lib. de liderorum educatione cum nova interpret. latina et notis“, Leipzig 1748. Außerdem lieferte H. zahlreiche zerstreute kritische Beiträge zu vielen römischen Auctoren und Kirchenvätern (besonders Minutius Felir und Tertullianus), in welchen er sich als einen zwar kühnen, aber sehr scharfsinnigen Kritiker bewährt hat, so daß ihm sichere Verbesserung vieler verderbten Stellen lateinischer Texte verdankt wird.

    • Literatur

      Quellen: H. selbst in der Göttingischen Schulhistorie. Pütter's Geschichte der Universität zu Göttingen I, S. 29—34, 1765. Ausführliche Lebensbeschreibung von Georg Andr. Cassius, Cassel 1768, 450 Seiten. G. H. Klippel in Herzog's Realencyklopadie.

  • Autor/in

    Halm.
  • Empfohlene Zitierweise

    Halm, Karl Ritter von, "Heumann, Christoph August" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 327-330 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119028123.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA