Lebensdaten
gestorben Anfang 16. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Dramatiker ; Notar
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119006677 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schernbergk, Theodor
  • Schermberg, Ditter
  • Schermbergk, Theodoricus
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel
Personen in der GND - Bekannte und Freunde

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Zitierweise

Schernberg, Dietrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119006677.html [23.04.2019].

CC0

  • Leben

    Der 1483-1502 als ksl. Notar (cleric, schrieber) und Vikar an der Johanneskirche im thür. Mühlhausen urkundlich bezeugte S. entstammt einem seit 1310 kontinuierlich dort belegten, offenbar niederadligen Geschlecht. Sein „Schoen spiel von fraw Jutten“ ist nur in einem 1565 bei Andreas Petri in Eisleben erschienenen Druck überliefert, den der erste prot. Superintendent Mühlhausens, Hieronymus Tilesius (1529–66), nach eigener Aussage auf der Grundlage der heute verschollenen, um 1485 geschriebenen Originalhandschrift unter dem Titel „Apotheosis Iohannis VIII. Pontificis Romani“ veranstalten ließ. Das 1724 Verse umfassende Spiel ist die älteste dichterische Bearbeitung des in der Chronikliteratur Thüringens seit dem 13. Jh. (Erfurter Chronica minor, 1261/62; Johannes Rothe, Düring. Chronik, 1421) bekannten „Päpstin-Johanna“-Stoffs. S. wertete bei seiner Dramatisierung neben diesen historiographischen Quellen auch das „Thür. Zehnjungfrauenspiel“, das „Mühlhäuser Katharinenspiel“, das mittelniederdt. „Theophilusspiel“ und vielleicht auch das „Alsfelder Passionsspiel“ und das „Künzelsauer Fronleichnamsspiel“ (Haage) aus. Die für eine Simultanbühne mit vier Spielplätzen (Himmel, Hölle, Paris, Rom) konzipierte Aufführung erfordert außer Statisten 26 Darsteller, und, wie im Erstdruck überlieferte Melodien nahelegen, die Mitwirkung von Musikern.

    S. wollte am Beispiel seiner zum Papst aufgestiegenen und erst bei der Geburt ihres Kindes entlarvten Protagonistin demonstrieren, daß für den reuigen Sünder Erlösungsgewißheit selbst bei schwersten Vergehen gilt: Jutta, die sich in der Hölle durch Glaubensfestigkeit und v. a. Marienfrömmigkeit auszeichnet, findet Gnade vor Christus und wird schließlich vom Erzengel Michael in den Himmel gebracht. Für den prot. Herausgeber des 16. Jh. war der Text, in den er offensichtlich kaum bearbeitend eingriff, Anlaß reformatorischer Konfessionspolemik: Die Vorrede von Tilesius und das Nachwort des Eislebener Pfarrers Christoph Irenäus (1522 – um 1595) umklammern S.s Spiel und interpretieren es als historisches Zeugnis für die moralische Verkommenheit des Papsttums. Der Stoff entfaltete, nicht zuletzt vermittelt durch Gottscheds Abdruck von S.s Spiel (Des nöthigen Vorraths z. Gesch d. dt. Dramat. Dichtkunst Zweyter Theil, 1765, S. 81-138), eine breite, über Klassik und Romantik (Goethe, Arnim) bis ins 20. Jh. (Rudolf Borchardt) reichende Wirkungsgeschichte.

  • Werke

    W-Ausgg. u. a. D. S.s Spiel v. Frau Jutten (1480), hg. v. E. Schröder, 1911;
    D. S., Ein schoen Spiel v. Frau Jutten, hg. v. M. Lemmer, 1971.

  • Literatur

    ADB 31;
    R. Haage, D. S. u. sein Spiel v. Frau Jutten, 1891;
    J. E. Engel, The Stage Directons in S.s „Spiel v. Frau lütten“, in: Middle Ages, Ref., Volkskunde, FS John G. Kunstmann, 1959, S. 101-07;
    E. Ukena, Die dt. Mirakelspiele d. SpätMA, I, 1975, S. 150-222;
    H. Biermann, Die dt.sprach. Legendenspiele d. späten MA u. d. frühen Neuzeit, 1977, S. 139-76;
    E. v. d. Helder. D. S.s „Ein schön spiel v. fraw Jutten“: How was it staged?, in: Parergon, Bulletin of the Australian and New Zealand Association for Medieval and Ren. Studies NS 1, 1983, S. 113-31;
    R. Bergmann, Kat. d. dt.sprachigen geistl. Spiele u. Marienklagen d. MA, 1986, Nr. 61;
    B. Neumann, Geistl. Schauspiel im Zeugnis d. Zeit, 1987, Nr. 2304, 3760;
    Lex. MA;
    Vf.-Lex. d. MA2 (L);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (L);
    Kiüy (L).

  • Autor/in

    Norbert H. Ott
  • Empfohlene Zitierweise

    Ott, Norbert H., "Schernberg, Dietrich" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 701 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119006677.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schernbergk: Dietrich (Theodoricus) S., deutscher Dramatiker des 15. Jahrhunderts, war Cleriker und Notar in der Reichsstadt Mühlhausen i. Th., aus deren Nachbarstecken Schernberg seine Familie stammen mag; er hat bis ins erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts hinein gelebt. Im J. 1480 brachte er sein „Spiel von Frau Jutten“ zur Aufführung, eine Dramatisierung der Sage von der Päpstin Johanna mit Anlehnung an das Theophilusdrama. Die Jungfrau Jutta aus England, die, von den Teufeln zur Ehrsucht angestachelt, Männerkleider angelegt hat, ist in rascher Laufbahn bis zum päpstlichen Stuhl emporgestiegen, als durch den Teufel Unversün, den sie austreiben muß, ihr wahres Geschlecht und zugleich ihr schwangerer Zustand verrathen wird. Der fürbittenden Maria sagt der Heiland zu, daß Jutta der ewigen Verdammniß entzogen werden soll, wenn sie vor der Welt die Schande auf sich lädt. Jutta unterzieht sich der schwersten Schmach des Weibes und stirbt in der Geburt: allem Volke wird ihre Schande offenbar, die Teufel führen ihre Seele zur Hölle. Auf erneute Fürbitten Maria's und des hl. Nicolaus holt sie der von Christus gesandte Erzengel Michael aus der Gewalt der widerstrebenden Teufel in den Himmel empor und der Heiland empfängt sie als seine „liebste Tochter“. Preis und Dank der geretteten Seele schließen das Stück, das trotz seiner formelhaften und wenig gewandten Sprache technisch und inhaltlich den Höhepunkt des mittelalterlichen Dramas darstellt und mit seinem versöhnenden Ausgang im deutlichen Gegensatz steht zu der hoffnungslosen Strenge des anderthalb Jahrhundert älteren, gleichfalls thüringischen Spiels von den zehn Jungfrauen.

    Daß der Dichter in einer bestimmten localen Tradition steht, beweisen einige Anklänge an das Gothaer Fragment von der Zerstörung Jerusalems und deutliche Anleihen bei dem Spiel von der hl. Katharina, das mit jenem Eisenacher Mysterium zusammen eben in einer Mühlhäuser Handschrift erhalten ist. Die Teufelsscenen zeigen nahe Berührungen mit den Osterspielen, besonders dem Redentiner, auch mit dem Hessischen Weihnachtsspiel (hrsg. v. Piderit), das in dieser Hinsicht sich den Osterspielen anreiht.

    Der Freimuth, mit welchem Lucifers Herrschaft auch über den päpstlichen Stuhl ausgedehnt wird, macht es verständlich, daß der erste Mühlhäuser evangelische Prediger Hier. Tilesius, ein wüthender Antipapist, das Stück im J. 1565 zum Druck beförderte (Eisleben, bei Andreas Petri) wie eine Streitschrift. Es ist so gut wie sicher, daß er das seitdem verschollene Originalmanuscript direct in die Presse gab; Goedeke's Angabe, er habe das Stück „ungehörig interpoliert“ ist irrig, wie eine demnächst erscheinende Umschrift des Ganzen in die ursprüngliche Sprachform zeigen wird.

    • Literatur

      Exemplare der Ausgabe des Tilesius liegen auf der kgl. Bibliothek zu Berlin und Dresden. Einen Abdruck davon (ohne die Beigaben des Herausgebers) lieferte Gottsched im nöthigen Vorrath 2, 81—138, danach wiederholt bei Keller, Fastnachtspiele 2, 900—955. — Vgl. auch Goedeke, Grundriß I², 321 f. — Eine Marburger Dissertation wird aus dem Mühlhäuser Stadtarchiv auch einiges über den Verfasser bringen können.

  • Autor/in

    Edward Schröder.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schröder, Edward, "Schernberg, Dietrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 31 (1890), S. 120-121 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119006677.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA