Lebensdaten
gestorben 1389
Geburtsort
Lichtenau (Landkreis Ansbach)
Beruf/Funktion
Fechtmeister
Konfession
-
Normdaten
GND: 118761390 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lichtenauer, Johannes
  • Liechtenauer, Johannes
  • Lichtenauer, Johannes
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Zitierweise

Liechtenauer, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118761390.html [25.06.2019].

CC0

  • Leben

    Als Fechtmeister genoß L. durch Jahrhunderte ungewöhnliches, fast legendäres Ansehen. Es beruhte darauf, daß mit ihm erstmals ein Praktiker des Fechtens einen begrenzten, aber umfassenden Kanon schlichter, gereimter Regeln – von sehr unterschiedlicher Hebungszahl – für den Ernstkampf mit den ritterlichen Waffen aufstellte. Damit war der Schritt vom rein Praktischen zur Theorie getan, die Möglichkeit einer festen Tradition war gegeben. L. faßte seine ausschließlich für die mündliche Weitergabe gedachten Vorschriften absichtlich in „dunkle und verdeckte Worte“; nur der Eingeweihte sollte sie verstehen. Nach dem Tode des Meisters polemisierte einer seiner Schüler, der Pfaffe Hanko Döbringer, schriftlich gegen eine Anzahl auf publikumswirksame Effekte bedachte Tanz-Fechtmeister. Diese Aufzeichnungen Hankos von 1389 (in: Cod.ms. 3227 a, German. Nat.mus. Nürnberg) sind zwar Fragment geblieben, sie begründeten jedoch einen neuen Überlieferungstyp, den des Fechtbuches, der sich aus Gründen der Anschaulichkeit bald von der reinen Textüberlieferung zur illuminierten und dann zur reinen Bilderhandschrift entwickelte. Hankos Absicht war es, den dunklen Inhalt der Merkverse seines Lehrers durch eine Auslegung und Glossierung in Prosa verständlich zu machen und so zu beweisen, daß L.s Regeln in nuce die gesamte Kunst ritterlichen Fechtens in sich begriffen, scheinbare Neuerungen sich lediglich als Variationen erweisen konnten. Hanko betont jedoch andererseits, es handle sich bei L.s Kunst keineswegs um eine Erfindung des Meisters. Dieser habe vielmehr eine „vor manchen hundert Jahren“ erdachte und erfundene Kunst auf ausgedehnten Studienreisen kennengelernt und sie zu einem unübertrefflichen System geordnet. Die erhaltene Überlieferung der Fechtkunst zeigt, daß Hanko dies zu Recht behaupten durfte. Alle wichtigen Handschriften setzen Hankos Prinzip der Prosa-Glossierung fort, suchen eine fachgenealogische Beziehung zu L. herzustellen (vgl. etwa Cgm 1507). Selbst Drucke aus dem 17. Jh., als die europ. Fechtkunst längst im Zeichen ganz anderer – italienischer, spanischer, französischer – Waffen und Techniken stand, verzichten nicht darauf, L. als anerkannte Autorität zu zitieren. – Leider sind von L. selbst keinerlei Aufzeichnungen überliefert. Einzige – recht spärliche – biographische Quelle ist Hankos Fechtbuch-Fragment. Hiernach muß es sich bei dem Meister um eine durchaus gebildete Persönlichkeit gehandelt haben. Eine adlige Abstammung ist nicht auszuschließen. Wahrscheinlich stand L. zeitweilig in oberdeutschen Hofdiensten. Später muß er in einer der großen oberdeutschen Städte gelebt und einen ausgewählten kleinen Schülerkreis um sich versammelt haben. Der oft zusammen mit seinem Namen genannte Begriff der „Fechtschule“ darf nicht als pädagogische Einrichtung mißverstanden werden. Eine große Anzahl urkundlicher und handschriftlicher Belege zeigt, daß es sich hierbei um gelegentliche öffentliche Veranstaltungen handelte, die dazu bestimmt waren, die Fähigkeiten der auftretenden Fechter unter Beweis zu stellen.

  • Werke

    L. Merkverse in: M. Wierschin, Meister J. L.s Kunst d. Fechtens, 1965.

  • Literatur

    ADB 18;
    G. Eis, in: Dt. Philol, im Aufriß II. 21960, S. 1200;
    M. Wierschin, Meister J. L.s Kunst d. Fechtens, 1965;
    Vf.-Lex. d. MA III.

  • Autor/in

    Martin Wierschin
  • Empfohlene Zitierweise

    Wierschin, Martin, "Liechtenauer, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 513 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118761390.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lichtenauer oder Liechtenauer, wahrscheinlich aus Liechtenau in Oberösterreich, ein berühmter Fechtlehrer des 15. Jahrhunderts, auf dessen Theorie und Schrift darüber fast alle späteren Fechtbücher zurückgehen. Sein Fechtbuch handelt insbesondere von der Führung des langen Schwertes. Er lebte um die Mitte des Jahrhunderts, die älteste datirte Handschrift ist vom J. 1452. Das Werk ist zum größten Theil Prosa, die eigentlichen Lehren aber in poetischer Form, und zwar in gereimten (leoninischen) Hexametern, die in den Handschriften mancherlei Corruption erfahren haben. Daß es speziell an die ritterliche Jugend gerichtet ist, ergiebt sich gleich aus dem Anfangsverse: „Jung Ritter, lehre (= lerne) Gott lieb haben, Frauen jo ehre“. Zahlreiche Abbildungen sind zur Verdeutlichung der Fechtregeln beigefügt. L. war Leiter einer wirklichen Fechtschule, welcher Schüler aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands, aus Danzig, Prag, Glatz, Znaim, Erfurt, Nürnberg, Krakau angehörten. Bemerkenswerth ist darunter ein getaufter Jude, Namens Ott (Otto) welcher als Ringer der Herren von Oesterreich bezeichnet wird. In einer Handschrift wird L. auch die Kunst des Fechtens zu Roß zugeschrieben.

    • Literatur

      Vgl. Maßmann im Serapeum 5, 52 ff. Jacobs und Ukert, Beiträge zur älteren Literatur 3, 107 ff.

  • Autor/in

    K. Bartsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bartsch, Karl, "Liechtenauer, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 18 (1883), S. 536-537 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118761390.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA