Lebensdaten
1799 bis 1851
Geburtsort
Gräfenberg bei Freiwaldau (Jeseník, Österreichisch-Schlesien)
Sterbeort
Gräfenberg bei Freiwaldau (Jeseník, Österreichisch-Schlesien)
Beruf/Funktion
Naturheiler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118741896 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Prießnitz, Vincenz Franz
  • Prisnitz, Vincenz Franz
  • Priesnitz, Vincenz Franz
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Zitierweise

Prießnitz, Vincenz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741896.html [15.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Franz ( 1836), Landwirt in G.;
    M Theresia Kappel ( 1825), T e. Schmieds aus Lindewiese; 5 ältere Geschw u. a. Franz, fürstbfl. Kurpriester b. St. Stephan in Wien, zuletzt Pfarrer d. Gf. Breuner in Gragenegg b. Krems;
    1828 Sophie N. N. ( 1854), T e. Schulzen in Böhmischdorf b. F.;
    1 S, 6 T u. a. Sophie ( Josef v. Ujházy, Gutsbes.), Theresia ( Albert v. Ujházy, Gutsbes), Marie ( Hans Ripper, * 1830, Hptm., Mitgl. d. Kurkomitees in G., Mitgründer d. Sudetengebirgsver.), Anna (1836–1918, Otto Frhr. v. Uslar-Gleichen, 1822–89, auf Démethe, k. u. k. Hptm.).

  • Leben

    P. besuchte die Stadtschule nur kurz, da er nach der Erblindung des Vaters und dem Tod des älteren Bruders die Landwirtschaft übernehmen mußte. In jungen Jahren geriet er unter die Räder eines Bauernwagens und erlitt mehrere Rippenbrüche. Vom herbeigerufenen Wundarzt als hoffnungslos aufgegeben, griff P. zur Selbsthilfe: Nachdem er sich die gebrochenen Rippen eingerenkt hatte, fixierte er den Brustkorb mit einem in kaltes Wasser getauchten Umschlag und darüber mit festanliegenden Tüchern (Prießnitz-Umschlag) und gesundete. Dies war der Beginn seiner „Wasserkur“, die er in den folgenden Jahren weiter entwickelte und damit rasch bekannt wurde. Wunden wusch er mit frischem Quellwasser aus und gab höchstens einen ebenso mit kaltem Wasser getränkten Verband darauf. Er erreichte damit überraschend gute Resultate, denn kaltes Wasser verzögert das Bakterienwachstum und ruft außerdem eine lokale Hyperämie hervor, wodurch die Heilung gefördert wird. Die Rötung als lokale Reaktion der Haut auf kaltes Wasser verwendete P. später sogar als Testmittel, um zu erkennen, ob ein Patient für die Gräfenberger Kur überhaupt geeignet sei. Wer nach dem Eintauchen in kaltes Wasser keine Hautrötung zeigte, wurde von der Behandlung ausgeschlossen oder durfte nur sehr vorsichtig gebadet werden.

    P. entwickelte keine schulmedizinische Theorie, sondern folgte rein humoralpathologischen Anschauungen, nach denen jeder Krankheit ein gestörtes Verhältnis der Körpersäfte zugrunde liegt. Das Wesentlichste seiner Methode sah er in der Anregung der Naturheilkraft zur Ausscheidung krankhafter Produkte durch Vollbäder, Teilbäder, Abreibungen und Übergießungen mit verschieden temperiertem Wasser. Dazu kam das „Luftbad“, ferner eine Lebensweise, die Barfußgehen, bäuerliche Kleidung und deftige Ernährung bevorzugte und die Kurgäste aus ihrem gewohnten bürgerlichen Milieu herausführte. Trotz bzw. wegen seiner Erfolge von Schulmedizinern heftig kritisiert, mußte sich P. 1829 als Kurpfuscher vor Gericht verantworten. 1831 erhielt er die Genehmigung zur Führung einer Kaltwasser-Heilanstalt.

    P.s bis heute praktiziertes Naturheilverfahren entstand parallel zu den Bemühungen, durch die klinische Verwertung pathomorphologischer Befunde neue wissenschaftliche Grundlagen für die Schulmedizin zu entwickeln. Beachtlichen Ergebnissen bei der Diagnostik standen zunächst nur wenige Therapieerfolge gegenüber, die neben den Resultaten des schles. Bauern P. verblaßten, der vorwiegend Kranke behandelte, die schon verschiedene Ärzte vergeblich konsultiert hatten. P. publizierte keine Schriften; 1847 diktierte er für seine Tochter Hedwig das „Vinzenz Prießnitz'sche Familien Wasserbuch“, das indes nicht veröffentlicht wurde (Photokopie im Inst. f. Gesch. d. Med. d. Univ. Wien, mit Anm. v. Walther Schindler, 1983).|

  • Auszeichnungen

    Prießnitz-Medaille d. Dt. Heilpraktikerschaft (seit 1960).

  • Literatur

    E. v. Held-Ritt, P. auf Gräfenberg oder treue Darst. seines Heilverfahrens mit kaltem Wasser, 1837, 21988 (hg. v. Ch. Andree, mit e. Einl. z. Gesch. d. Hydrotherapie u. e. Biogr. P.s);
    W. Schlesinger, in: Wiener Med. Wschr. 1, 1851, S. 583-86;
    P. vom Walde (Ps. f. J. Reinelt), V. P., Sein Leben u. sein Wirken, Zur Gedenkfeier seines 100. Geb.tages, 1899 (P);
    H. Wyklicky, Zur Gesch. d. Hydrotherapie. in: Österr. Ärzteztg. 26, 1971, S. 1557-63;
    M. Skopec, Gräfenberg u. Kaltenleutgeben, in: Stud. u. Forsch. aus d. Niederösterr. Inst. f. Landeskde. 20, 1994, S. 123-37;
    H. Hauke u. a., V. P. u. Freiwaldau-Gräfenberg, Ein Alm., dem „Genie d. kalten Wassers“ z. 200. Geb.tag, 1998;
    Wurzbach.

  • Autor/in

    Manfred Skopec
  • Empfohlene Zitierweise

    Skopec, Manfred, "Prießnitz, Vincenz" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 720 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741896.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Prießnitz: Vincenz P., der bekannte ärztliche Empiriker und Begründer des modernen Wasserheilversahrens, als Sohn eines Landmannes zu Gräfenberg bei Freiwaldau in österr. Schlesien am 4. (oder 5.) October 1790 geboren, wuchs, da er nur das Bauerngut seines Vaters übernehmen sollte, ohne jede Schulbildung heran und lernte nicht einmal lesen und schreiben. Von der Natur mit ausgezeichnetem Beobachtungstalent, bewunderswerthem Scharfsinn und ganz eminentem Gedächtniß begabt, bemerkte er schon als Knabe, daß seine Landsleute sehr häufig zur Heilung der kleinen Verletzungen, Quetschungen etc. bei ihren Pferden und anderen Thieren mit gutem Erfolge von kalten Wasserumschlägen Gebrauch machten. Dies fesselte seine Aufmerksamkeit in dem Grade, daß er selber auf die Idee kam, Leuten seiner Umgebung bezw. den Bewohnern der Umgegend in Fällen von Verwundungen, Contusionen u. dgl. die Application von kaltem Wasser zu empfehlen. Er erzielte damit überraschend glückliche Erfolge und wurde durch einen Zufall, der für ihn leicht hätte von verhängnißvollen Folgen sein können, in dem Entschluß zu weiteren Kuren mit seinem Verfahren noch mehr ermuthigt. Als 17jähriger Jüngling hatte er nämlich das Unglück, von einem durchgehenden Pferde zu stürzen und einen Bruch zweier Nippen zu erleiden. Da die herbeigeholten Wundärzte die Behandlung nicht übernehmen zu können erklärtet!, beschloß P., das selbst zu thun. Er lehnte sich an einen Stuhl, dehnte seinen Brustkorb durch ein möglichst tiefes Athmen aus, bewirkte dadurch eine Einrenkung der Rippenfragmente in ihre normale Stellung, und indem er diese durch krampfhaft forcirte Inspiration festzuhalten suchte, umgab er zugleich den Brustkasten mit einem breiten feuchten Gürtel, den er durch ein darüber gelegtes trockenes Tuch befestigte. Die Heilung gelang auf diese Weise vollständig, und damit war der erste Schritt zur methodischen Kaltwasserbehandlung geschehen, die für ihn in der Folge die Quelle unsterblicher Berühmtheit und sehr großen Reichthums werden sollte. Denn bald hatte sich durch diese und andere ähnliche Kuren sein Ruf so sehr verbreitet, daß er schon mit 19 Jahren in die entferntesten Orte seiner Gebirgsgegend bis nach Mähren und Böhmen gerufen wurde, wo Schaaren von Kranken seines Raths harrten. Auch Wohlhabende kamen, um in oft schwierigen Fällen von verjährten Uebeln seine Ansicht zu hören. Im J. 1826, wo sich zum ersten Male Kranke in Gräfenberg einfanden, erbaute P., der sich bis dahin eines Waschtroges zu seinen Proceduren bedient hatte, das sog. alte Badehaus. Er selbst machte den Badediener und rieb und badete seine Patienten eigenhändig. 1829 von den Aerzten seiner Gegend der Kurpfuscherei angeklagt, ging er nach Preußisch-Schlesien hinüber, war aber auch hier vor den Verfolgungen der Aerzte nicht sicher und kehrte deswegen nach seinem Geburtsorte wieder zurück, wo er dann 1830 von der Regierung die Erlaubniß erhielt. Kranke nach seiner Methode zu behandeln, da man sich überzeugt hatte, daß seine Tücher und Compressen, mit denen er arbeitete, nicht mit Medicamenten, wie man glaubte, sondern mit reinem Wasser getränkt waren. Nun wuchs die Zahl seiner Kurgäste, die 1829 nur 49 betragen hatte, von Jahr zu Jahr immer mehr und stieg 1839 bis auf 1780 Nummern. Aus den entferntesten Gegenden, nicht bloß Europas, sondern auch Asiens und Amerikas, sowie aus den höchsten und allerhöchsten Ständen strömten Clienten förmlich schaarenweise nach Gräfenberg. Auch wissenschaftlich gebildete Aerzte, wie Hallmann, der nachmals so berühmt gewordene Hydrotherapeut, u. v. a. besuchten zu Studienzwecken die Anstalten von P. Später wurden dann von diesen, wie von zahlreichen Laien nach dem Muster der Prießnitz'schen an vielen Orten Wasserheilanstalten errichtet, was zur Folge hatte, daß der Besuch in Gräfenberg allmählich wieder abnahm. Obwohl ganz ohne medicinische Kenntnisse, besonders in der Anatomie und Physiologie, hatte|sich P. nach und nach ein freilich auf ganz grob materiellen, z. Th. humoralpathologischen Ansichten aufgebautes System zurecht gelegt, nach welchem er seine Kranken behandelte. Außer einer entsprechenden Diät, wobei der Genuß meist kalter, ungewürzter Speisen und vielen kalten Wassers (20—25 Gläser pro Tag) eine Rolle spielte, fleißigen körperlichen Bewegungen, gymnastischen Uebungen und ausgedehnten Spaziergängen mußten die Patienten sich verschiedenen Schwitzproceduren unterwerfen, durch Einwickelung in feuchte Laken mit darüber geschlagenen trockenen, wollenen Decken etc. In den letzten acht Jahren wechselte P. die Kur und verließ den Weg des vielen Schwitzens, um an Stelle desselben je nach der Lage des Falls entweder kalte Bäder, Douchen, Abreibungen, Einwickelung in feuchte Compressen (sog. Prießnitz'scher „Gürtel"), Anlegung von Umschlägen etc. zu setzen. — Die Zahl der im Ganzen von P. während seines Lebens entweder durch vorübergehende Rathertheilung oder längeren Aufenthalt in Gräfenberg Behandelten betrug etwa 36 009. Eine wie ungeheure Gedächtnißkraft P. besaß, beweist der Umstand, daß er bei 1000 Kranken, die er zu einer Zeit behandelte, genau wußte, was er jedem Einzelnen verordnet hatte. 1846 erhielt er am Namensfest des Kaisers von Oesterreich die große goldene Verdienstmedaille. 1848 erlitt er einen Schlagfluß und kränkelte seitdem bis zu seinem am 26. November 1851 an Leberschrumpfung und Wassersucht erfolgten Tode. Das von ihm hinterlassene Vermögen wurde auf 8—10 Mill. Gulden geschätzt. Seine Anstalten übernahm sein Schwiegersohn Ujhazy, da Prießnitz's einziger Sohn beim Tode seines Vaters noch ein Kind war. P. besaß keine günstigen Charaktereigenschaften. Er wird von einigen Biographen als hochmüthig, selbstsüchtig und geizig geschildert. — Von allen jenen Männern, die als grobe Empiriker durch ihre Heilerfolge oder durch Einführung zweckmäßiger, auch von den Grundsätzen der Wissenschaft später anerkannter therapeutischer Neuerungen in der Geschichte der Medicin einen Namen erlangt haben, ist P. unstreitig einer der bedeutendsten und verdienstvollsten. Denn wenn auch längst schon vor ihm von zahlreichen wissenschaftlich gebildeten Aerzten der große Nutzen des kalten Wassers in der Therapie gekannt und gelehrt worden war, so gebührt doch P. das Verdienst, dieses bereits in Vergessenheit gerathene Heilmittel wieder bei der ärztlichen Welt in Erinnerung und die Verwerthung desselben durch Ausbildung verschiedener, ganz zweckmäßiger technischer Modifikationen in ein, auch von der Wissenschaft als durchaus rationell gutgeheißenes System gebracht zu haben.

    • Literatur

      Vgl. E. M. Selinger, Vincenz Prießnitz. Eine Lebensbeschreibung, Wien 1852. — Ruppricht, Ehrenrettung des V. P., Breslau 1840. —
      Decken-Himmelreich, P. und die Wasserkur, Breslau 1845. —
      Biogr. Lexicon hervorragender Aerzte von Hirsch u. Gurlt, Bd. 4, S. 627. — Biogr. univers. XXXIV, p. 351.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Prießnitz, Vincenz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 589-590 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118741896.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA