Lebensdaten
1511 bis 1536
Geburtsort
Den Haag
Sterbeort
Saint-Amand bei Tournai (Doornik)
Beruf/Funktion
neulateinischer Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118712594 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Secundus, Joannes
  • Secundus, Joannes Nicolai
  • Everaerts, Jan Nicolai (eigentlich)
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Zitierweise

Secundus, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118712594.html [14.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Nicolaus Everardi (Nicolaes Everaerts, Klaas Everts, Evertsen, Ervertszoon, Nicolaus de Middleburgo) (1462–1532), aus Grypskerke b. Middelburg, 1493 Dr. iur. in Löwen, Official d. Bf. v. Kamryck f. Brabant, 1498 Dekan d. Kap. St. Guido in Anderlecht b. Brüssel, 1506 Dekan v. St. Gudula in Brüssel, unter Hzg. Philipp d. Schönen Mitgl. d. gr. Rats in Mecheln, 1509 Präs. d. Ger.hofs f. Holland, Seeland u. Friesland, 1528 Präs. d. Ger.hofs in Mecheln, humanist. Schriftst. (s. ADB VI; VD 16);
    M Elisabeth van Blayele (Bladel, du Blioul) (1466/67–1547);
    17 Geschw u. a. Petrus (Hieronymus) (um 1488–1529?9, Nicolaus (Grudius) (1503/04–70/71), Sekr. d. persönl. Rats Ks. Karls V., Botschafter in Venedig, lat. Poet, Hadrianus (Marius) (1509–68), Kanzler v. Geldern u. Zütphen, mit S. 1532/33 Schüler v. Andreas Alciatus in Bourges, lat. Poet.

  • Leben

    S. erhielt mit seinen Brüdern Grudius und Marius in Den Haag seit 1520 durch Jacobus Volcardus (um 1500–26?), seit 1522 und nach dem Umzug nach Mecheln 1528 durch Rumoldus Stenemola (1491–1541) eine klassische Ausbildung. Mit seinen Brüdern trat er 1530 durch eine lat. Nachdichtung von Lukians „Göttergesprächen“ hervor. Neben dem Dichten lernte S., Porträtmedaillen zu gravieren. Mit Gedichten auf Ks. Karl V. fand er bei dessen Besuch der Niederlande 1531 weitere Aufmerksamkeit und Verbindung zum Hof. 1532–34 verfaßte er das in Analogie zum „Cynthia-Buch“ des Properz benannte „Julia-Buch“ (Julia Monobiblos), das zu den wichtigsten neulat. Dichtungen zählt. Ausgehend von der Form der röm. Liebeselegie gab er hierin erst dem Liebesglück Ausdruck, dann dem Verlust der Geliebten durch intensiv vorgestellte Situationen, die das Liebeserlebnis aus dem weiteren Lebenszusammenhang isolieren und zu verblüffenden Gegensätzen und ihrer Aufhebung transformieren. Zeitlich ging S. über das Ende der Beziehung zu Julia hinaus, indem er Maigedichte zu den folgenden drei Jahrestagen des Liebesbeginns (Elegiae solennes, 1532–34) anfügte.

    1532/33 studierte S. Rechtswissenschaft in Bourges, wo ihn der ital. Jurist Andreas Alciatus faszinierte, der zugleich ein Wegbereiter der Emblematik war. Bei einem anschließenden Spanienaufenthalt mit seinem Bruder Grudius 1533–35 begleitete S. den ksl. Hof von Monzón über Saragossa, Toledo – wo er Sekretär von Ebf. Juan Pardo de Tavera wurde – und Palencia nach Madrid. Das Hofmilieu gab ihm Anregungen für ein zweites erotisches Elegienbuch und seine berühmteste Liebesdichtung, den Lyrikzyklus „Küsse“ (Basia, 1534, neu hg. v. G. Ellinger, 1899). Konsequenter als zuvor wird die Geliebte auf die sexuelle Erwartung beschränkt, sogar nur auf die Kontaktform des Kusses. Aus den antiken Motiven der Häufung von Küssen (Catull) und der Synthese des Seelenkusses (Pseudo-Platon) werden Küsse in epigrammatischen, catullischen und horazischen Kleinformen generiert, die paradoxerweise als casta basia („reine Küsse“) erscheinen. Goethe definierte S. deswegen als „hl. Küsser“. S.s manierierte Detailerotik wirkt teils als Versinnlichung des Petrarkismus, teils als Analogie zu Petrarkas Erossublimierung. Seine „Küsse“ machten in der franz. Pléiadelyrik (Ronsard, Du Bellay, Baïf, Belleau) und bei den niederl. Neulateinern (Janus Dousa, Janus Lernutius, Daniel Heinsius), über sie dann in der lat.- und der volkssprachigen Liebesdichtung Europas bis in den Barock und ins 18. Jh. Schule (in Dtld. v. a. bei Paul Melissus u. Caspar Barth).

    Im Sommer 1534 kehrte S., an Malaria erkrankt, über Poitiers in die Niederlande zurück, wo er zum ksl. Sekretär berufen wurde, doch schon vor Antritt der Reise an den Hof seinem Leiden erlag. Seit der Rückkehr aus Spanien schrieb S. nur noch wenige Gedichte, darunter aktuelle, in denen er – wohl im Einklang mit der offiziellen Meinung – am engl. und franz. König Kritik übte, die er aber vorläufig als zu provozierend zurückhielt. In der Reformationsfrage bekannte er sich zu Erasmus und gegen die Wiedertäufer. Zugleich ordnete S. sein Werk für eine zehnbändige Ausgabe letzter Hand, die neben den Liebeselegien auch Grabgedichte, Epigramme, Versbriefe, Oden sowie ein Buch „Sylvae“ (Wälder) enthält. Der Druck der Werke wurde 1541 in Utrecht von seinen Brüdern veranlaßt (mit Abb. nach e. Porträt v. Jan van Scorel, Neudr. 1969). S. übte von den neulat. Lyrikern wohl die europaweit breiteste Wirkung aus. Beispiel seiner Anregung sogar für den Barockstil ist Giambattista Marinos (1569–1625) Musentanz in „L'Adone“ (1623).

  • Werke

    Opera, nunc primum in lucem edita, 1541;
    Opera omnia, hg. v. P. Bosscha, 2 Bde., 1821;
    P. Murgatroyd (Hg.), The amatory elegies of J. S., 2000;
    Œuvres complètes, hg. v. R. Guillot, bisher 2 Bde., 2005.

  • Literatur

    ADB 33 u. 45;
    G. Schoolfield, J. S., 1980;
    C. Endres, J. S., The Latin Love Elegy in the Ren., 1981;
    A. M. M. Dekker, Janus S., De tekstoverlevering van het tijdens zijn leven gepubliceerde werk, 1986;
    Symposium Janus S. (1511–1536), hg. v. M. de Schepper u. a., 1987;
    J. P. Guépin, De Kunst van J. S., 1991;
    P. Tuynman, The Legacy of J. S., The Bodleian Ms. of His Collected Poems, in: Humanistica Lovaniensia 43, 1994, 262–87;
    J. Balsamo u. a. (Hg.), La Poétique de J. S. et son influence au XVIe sicèle, 2000;
    E. Schäfer (Hg.), J. S. u. d. röm. Liebeslyrik, 2004;
    NBW X, Sp. 431–33;
    A. M. M. Dekker, in: Nationaal Biografisch Woordenboek XII, 1987, Sp. 668–75;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Killy (W, L).

  • Autor/in

    Eckart Schäfer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schäfer, Eckart, "Secundus, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 123-124 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118712594.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Secundus: Johannes (Janus) S., Jan Nicolai Everardi, 14. November 1511 bis 24. September 1536. Sohn des Präsidenten des höchsten Gerichtshofs von Holland, Seeland und Friesland, Dr. Nicolaus Everardi und der Elisabeth van Blyoul; der bedeutendste neulateinische Dichter der Niederlande vor der Zeit der großen Philologie. Ein auf den Gipfeln des geistigen und geselligen Lebens dem Genuß und der künstlerischen Gestaltung und Verklärung desselben hingegebenes Dasein, ausgelöscht, da es beginnt nach ernsteren Zielen sich zu wenden. Die lateinische Muse, die auch seinen Brüdern von den Actenstöcken die Rosenhände willig streckte, hat ihm einen der vollsten Kränze gegönnt derer, die sie ihren nachgeborenen Söhnen je gespendet. Nicht bloß der Kreis der Angehörigen und der näheren Freunde hat sein Gedächtniß besungen, einstimmig fast und unbegrenzt ist die Bewunderung, welche die holländische Philologie ihm darbringt, die in ihm die wiedererstandenen Triumvirn Amors mit dem Glanz antiker Form den batavischen Nebel durchleuchten sah. In Nachahmungen und Variationen klingen die Töne, welche er angeschlagen, zahlreich in der neulateinischen Poesie nach; deren Vermittlung trägt seinen Einfluß hinüber auf die Renaissancedichtung der modernen Sprachen: besonders in der deutschen Lyrik des 17. Jahrh. finden sich seine Spuren auf Schritt und Tritt. Aus dem Kerker von Vincennes sendet Mirabeau seiner Sophie eine Uebertragung der Basia in Prosa, das Wort Neaera durch ihren geliebten Namen ersetzend; noch Goethe ist in den ersten drangvollen Jahren des Weimarer Lebens der Schatten des großen Küssers genaht, und aus demselben Gedicht (Basium VIII), welches damals stimmungerregend gewesen, trägt er darnach in Maximen und|Reflexionen III. das schöne Wort ein: (O)Vis superba formae. Freilich, eine Erscheinung wie er, der von sich sagt, seine Lob der Liebe werde dauern, so lange Amor die weiche Sprache der Romulusenkel rede, ist wohl ein Höhepunkt der ersten Fluthwelle der Renaissance; so sehr widerstandslos gibt sich in ihm der germanische Geist der Antike hin, daß er wieder im Stande ist, eine Individualität zu zeigen, wenn auch nicht die eigene. Erst ein Menschenalter nach ihm beginnt mit der historischen Durchforschung auch das sich als ein Eigenes ihr Gegenübersetzen. Als ihn charakterisirend verbindet sich mit seinem Namen der Titel seiner Gedichtsammlung Basia; nächst dieser hat er in seinen Elegien besonders dem Buch Julia, sein Eigenstes gegeben. Hier athmet sich seine jugendliche Seele, leidenschaftlich begehrend und froh genießend, in vollen Zügen aus. Hier ist wirklich einmal wieder einer der Zeitpunkte nach der Antike, „wo die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wo das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt“ (Goethe, Winckelmann). Im Arm der Geliebten dieses Jahres dem Gedächtniß der des verflossenen die Opferspende ausgießend, so hat er sich selbst dargestellt. Seine Erziehung, des jüngsten von fünf Brüdern, welche theils Geistliche, theils den Musen geschmackvoll huldigende hohe Beamte waren, leitete ihn nach dem Ziel der Vereinigung einer von Fanatismus freien katholischen Frömmigkeit mit Humanismus und praktischem Staatsdienst; die künstlerische Leitung des reichbegabten stand durch Jan van Schoorl unter dem Bann rafaelischer Tradition; die juristische Bildung lenkte Andreas Alciatus in Bourges, der aus Italien eingewanderte elegante Jurist und Emblemendichter. Als er, der bisher dem Hause des Vaters vom Haag nach Mecheln gefolgt war, von der Universität zurückkehrte (1533) zwang ihn der Tod des Vaters auf eignen Füßen zu stehen. Er that die ersten Schritte auf der Bahn, worin seine Brüder zu Stellung und Ehren gelangten, in der Kanzlei des Bischofs von Toledo, Johannes Tavera (1533). Von Spanien berief ihn Karl V. zur Theilnahme am Zuge gegen Tunis (1534), seine geschwächte Gesundheit konnte aber das afrikanische Klima nicht ertragen; über Spanien kehrte er in die Heimath voll Todesahnung zurück; er bekam eine neue Stelle bei Georgius van Egmond, dem Bischof von Utrecht und Abt von St. Amand; doch nicht lange verwaltete er sie: am 24. September 1536 starb er in Doornik. Begraben liegt er in der Benedictinerkirche von St. Amand im Hennegau. Seine Gedichte veröffentlichte sein Bruder Hadrianus Marius in Löwen (1536). Eine eingehende Darstellung, zu der diese Zeilen anregen möchten, hat eine sichere Grundlage in der großen kritischen Ausgabe von Petrus Bosscha, Leyden 1821.

    • Literatur

      Vgl. van der Aa, Peerlkamp: De vita ac studiis Nederlandorum qui latina carmina composuerunt und die Darstellung der Biographie universelle.

    • Korrektur

      Ergänzung: Eine gute Biographie des Secundus gab bereits Edmund Dorer: Johannes Secundus, ein niederländisches Dichterleben. Baden 1854. Ebenderselbe hat auch eine Anzahl Gedichte des Secundus gemeinsam mit seinem Vater Edward Dorer in trefflicher Weise übersetzt: „Elegien von Joh. Secundus“ I—III. Heft und „Elegien und Oden von Joh. Secundus“ IV. Heft. Baden 1854. Schumann.

  • Autor/in

    Eugen Ehrmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Ehrmann, Eugen; Schumann, "Secundus, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 524-525 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118712594.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA