Lebensdaten
um 1440 bis 1509
Geburtsort
Lassan/Peene (Pommern)
Sterbeort
wahrscheinlich Lübeck
Beruf/Funktion
Bildschnitzer ; Maler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118588842 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Notke, Bernt

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Zitierweise

Notke, Bernt, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118588842.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Eltern unbekannt;
    vor 1475 N. N., T d. Hans Jegers;
    1 T Anneke.

  • Leben

    Nach herausragenden künstlerischen Leistungen auf dem Gebiete der Bildkünste um 1400 hat Norddeutschland im Verlauf des 15. Jh. nur weniges hervorgebracht, das sich mit den Ergebnissen der süddeutschen Entwicklung messen könnte. Die einzige Ausnahme bildet das Werk N.s, eines Künstlers, der von seinem Wirkungskreis her wie kaum eine anderer für den balt. Kulturkreis repräsentativ gewesen ist.

    Über das Leben N.s sind nur wenige gesicherte Daten bekannt. Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt wurde er in Lübeck eingebürgert; vor 1467 hatte er bereits eine Werkstatt eingerichtet. Sein Auftreten in Lübeck war von Anfang an mit Aufträgen verbunden, wie es sie nach Art und Größenordnung zu diesem Zeitpunkt im norddeutschen Raum sonst nicht gegeben hat. Allerdings wird die Frage nach seinen ureigenen künstlerischen Fähigkeiten – ob er in erster Linie Bildschnitzer, Maler oder Großunternehmer und Organisator gewesen ist – auch heute noch kontrovers diskutiert. Auch das Problem der künstlerischen Herkunft ist in wesentlichen Punkten noch ungeklärt. Eine Ausbildung in den Niederlanden ist zwar vorauszusetzen, doch erklärt sich von daher kaum die an den skulpturalen Arbeiten zu beobachtende Eigenart, das Bildwerk mit Hilfe des Schnitzmessers nur in seiner Kerngestalt anzulegen und die Vollendung in größerem Umfang als sonst in dieser Epoche üblich der Faßmalerei, d. h. der farbigen Oberflächengestaltung zu überlassen. N. führte hier zeitgenössische künstlerische Tendenzen zu einem Höhepunkt, indem er zugleich auf ältere einheimische Traditionen zurückgriff und diese schöpferisch weiterentwickelte.

    Bereits der erste in Lübeck nachweisbare Auftrag, Beleg für seine Tätigkeit als hochtalentierter Maler, besaß außergewöhnlichen Charakter: Zwischen 1463 und 1466 entstand für die Beichtkapelle der St. Marienkirche eine auf Leinwand gemalte Darstellung des „Totentanzes“, die bei einer Höhe von zwei Metern eine Mindestlänge von 26 Metern besaß. Der Lübecker „Totentanz“ (Totengerippe im Reigen mit Vertretern der Stände und anderer Gruppen) war in einer Kopie aus dem Jahre 1701 überliefert, die allerdings 1942 dem Krieg zum Opfer fiel. Teilweise erhalten blieb indessen in der St. Nikolaikirche in Reval (Tallinn, Estland) eine 1468 entstandene zweite Version. Leinwandgemälde von derartigen Ausmaßen lassen sich sonst in der zeitgenössischen Kunst nicht nachweisen. Von der Aufgabenstellung her hat man sie am ehesten zu Wandmalereien in Beziehung zu setzen. Weniger zutreffend dürfte die Überlegung sein, die Leinwandfriese in Lübeck und Reval seien als Provisorien im Hinblick auf eine spätere Ausstattung mit gewirkten Wandteppichen gedacht gewesen. Wie die Totentanzdarstellungen belegen, ist N.s Kunstauffassung wesentlich von Anregungen aus den Niederlanden geprägt, doch entbehrt die jüngst vertretene Ansicht, der Künstler habe während seiner Gesellenzeit in Tournai in einer der führenden südniederländ. Teppichmanufakturen mitgearbeitet, der urkundlich gesicherten Grundlage.

    Die Triumphkreuzgruppe des Lübecker Domes, eine Gedächtnisstiftung des Bischofs Albert Krummedyk (1417/18-89) über dessen Grab und einem von ihm ebenfalls errichteten Altar, zählt zu den umfangreichsten bildhauerischen Ensembles des späten Mittelalters. Bereits um 1470 begonnen, laut Inschrift auf dem Tragebalken 1478 vollendet, schließt das Werk, in das der lange Zeit an der päpstl. Kurie in Rom weilende Bischof erhebliche Energie und Geldmittel investiert hatte, an spätromanische Kreuzigungsgruppen sächs. Kirchen (wie in Halberstadt u. Wechselburg) an, wobei das von N. als Lebensbaum gestaltete Kreuz mit der daran gehefteten 3, 55 m hohen Christusgestalt sich im Gegensatz zur Tradition nicht am Eingang zum Chor, sondern inmitten des Gemeinderaumes erhob. Der Gekreuzigte sowie die unter ihm auf dem Balken angeordneten Gestalten der Gottesmutter, von Johannes, Maria Magdalena und dem Stifter, alle in Eichenholz gearbeitet, vertreten einen derart hohen Qualitätsmaßstab, dafl man sie zweifellos N. selbst als Schnitzkünstler zuschreiben muß; ihm assistierte ein weiterer Bildschnitzer namens Eggert Svarte. Dessen Name und die Namen weiterer Mitarbeiter überliefert ein an der Johannesfigur aufgefundener Pergamentstreifen. Die besondere künstlerische Leistung N.s bestand darin, im Hinblick auf die Vergegenwärtigung seiner Darstellungen die Gestaltungsprozesse von Schnitzkunst und Polychromierung wirkungsvoll, wie sonst nirgendwo im 15. Jh., miteinander zu verzahnen. Dies ist auch heute noch an den Bildwerken der Triumphkreuzgruppe, trotz der bis in die Nachkriegszeit reichenden Beschädigungen und Verluste an Originalsubstanz, nachzuvollziehen. Über einer abstrahierend mit dem Schnitzmesser durchgebildeten Grundform erfolgte mit Hilfe der Kreidegrundierung und darin eingebetteter „Fremdmaterialien“ (Applikation von Lederschnüren zur Bezeichnung von Adern oder|gedrehter Kordel als Bortenschmuck) eine weitere, naturnah und realitätsgetreu wirkende plastische Ausformung bis hin zur Bemalung. Werke wie die N.s ließen die Faßmalerei des ausgehenden 15. Jh. zu einer selbständigen Kunstgattung werden (E. Oellermann).

    Zwischen 1483 und 1498 hielt sich N. längere Zeit in Schweden auf, 1491-96 bekleidete er dort, wohl auf Betreiben seines Gönners, des Reichsverwesers Sten Sture (um 1440–1503), das Amt des Reichsmünzmeisters. Eine Steigerung erfuhr seine Kunst in der frei im Kirchenraum aufgestellten, 1489 geweihten St. Georgsgruppe der Storkyrkan in Stockholm, die von Sten Sture in Auftrag gegeben worden war. Die Stiftung des in Eichenholz geschnitzten Ensembles (Höhe der Hauptgruppe 3,75 m) steht in einem Zusammenhang mit der Förderung des Georgskultes in Skandinavien wie auch der Wiederbelebung des christlichen Ritterideals. Abermals findet man „Fremdmaterialien“ im Hinblick auf illusionistische Wirkung eingesetzt: Elchschaufeln sind angebracht, um dem stacheligen Aussehen des Drachen Naturnähe zu verleihen. Das Pferd ist ausgestattet mit echtem Geschirr, sein Schweif besteht aus gedrehtem, vergoldetem Roßhaar. Unter den erhaltenen Flügelaltären, die sich mit N. in Verbindung bringen lassen, sind nur zwei für ihn inschriftlich bzw. archivalisch belegt, die Retabel im Dom von Arhus und aus der Heiliggeistkirche in Reval. An den Bildwerken wie auch an der Malerei ist festzustellen, daß selbst hochrangige Aufträge weitgehend Gesellen innerhalb der Werkstatt anvertraut worden sind – doch auch sie zeichnen sich durch besonders prachtvolle Polychromierung aus. Um 1500 schuf N. eines der bedeutendsten Zeugnisse altdeutscher Malerei, ein großes Tafelbild mit der Messe des hl. Papstes Gregor (1942 in Lübeck, St. Marien, verbrannt); in bis dahin unbekannter, schonungsloser Weise waren an den dort wiedergegebenen Klerikern Züge von Alter und Askese, ja einer häßlichen äußeren Erscheinung erfaßt.|

  • Auszeichnungen

    Nach der letzten exakt faßbaren biographischen Nachricht hatte N. 1505 das Amt eines Werkmeisters am Ziegelhof der St. Petrikirche in Lübeck inne; im Mai 1509 wird er als verstorben erwähnt.

  • Literatur

    W. Paatz, B. N. u. sein Kreis, 2 Bde., 1939;
    M. Hasse, in: Zs. d. Dt. Ver. f. Kunstwiss. 24, 1970, S. 19-60;
    Triumphkreuz im Dom zu Lübeck, Ein Meisterwerk B. N.s, mit Btrr. v. K. Stoll, E. M. Vetter, E. Oellermann, 1977;
    Internat. Kolloquium z. Werk d. B. N. anläßl. d. Restaurierung d. Triumphkreuzgruppe im Dom, Lübeck 22.-24.9.1976, hg. v. G. Taubert, 1978;
    G. Eimer, B. N., Das Wirken e. niederdt. Künstlers im Ostseeraum, 1985;
    H. Freytag, Der Totentanz d. Marienkirche in Lübeck u. d. Nikolaikirche in Reval (Tallinn), 1993;
    K. Petermann, B. N., Stud. zu Werkstattorganisation u. Arb.weise, Diss. Kiel 1998 (ungedr.);
    E. Oellermann, „do makede meister bernt notken dit stvke Werkes…“, in: Malerei u. Skulptur d. späten MA u. d. frühen Neuzeit in Norddtld. (im Druck);
    ThB;
    KML;
    Biogr. Lex. Schleswig-Holstein VII, 1985;
    Lex. MA;
    Dict. of Art.

  • Autor/in

    Hartmut Krohm
  • Empfohlene Zitierweise

    Krohm, Hartmut, "Notke, Bernt" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 359-361 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118588842.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA