Lebensdaten
1810 bis 1879
Geburtsort
Kirchhain bei Marburg (Hessen)
Sterbeort
Kassel
Beruf/Funktion
Anatom ; Mediziner
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117259438 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stilling, Benedict
  • Stilling, B.
  • Stilling, Benedictus
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Zitierweise

Stilling, Benedict, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117259438.html [24.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Jacob Benedict (um 1775–1840/41, Wollhändler u. Schächter in K., S d. Benedict Levi, Schutz- u. Handelsjude, u. d. Beile Leci;
    M Beile (1787–1852), T d. Samuel Levi, Lehrer in Gladenbach, u. d. Sprienz Meyer Levi;
    Ur-Gvv Loeb Benedix, in Langenstein (Stadt Kirchhain);
    B Samuel (* 1812), Schw Bette (* 1814), Hannchen (* 1817);
    Kassel 1838 Minna († 1885), T d. Moses Büding (v. 1772–n. 1803), Oberhofagent u. Bankier in K.;
    3 S u. a. Jakob (1842–1915, ao. Prof. d. Augenheilkde. in Straßburg (s. Pagel; DBJ I, Tl.; BLÄ; Kreuter, Neurologen; Biogr. Enz. Med.), Henri (Heinrich) (1853–1911, Thékla, T d. Henri Dor, 1835–1912, o. Prof. f. Augenheilkde. in Bern, s. HLS), o. Prof. d. Pathol. in Lausanne (s. Pagel; BLÄ; Kreuter, Neurologen; Biogr. Enz. Med.; HLS).

  • Leben

    S. erhielt zunächst Privatunterricht und besuchte seit 1824 das Pädagogium Philippinum in Marburg. 1828 begann er an der dortigen Universität ein Medizinstudium, u. a. bei dem Anatomen Christian Heinrich Bünger (1782–1842), dem Kliniker Carl Friedrich Heusinger (1792–1883) und dem Chirurgen Christoph Ullmann (1773–1849), dessen Assistent S. 1831 wurde. Bei Carl Christoph Hüter (1803–57) wurde S. 1832 mit einer Arbeit über die Bildung einer neuen Pupille in der Sklera promoviert (De pupilla arteficiali in sclerotica conformanda, publ. u. d. T. Die künstl. Pupillenbildung in d. Sclerotica, 1833). Während eines weiteren Jahres bei Ullmann entwickelte er eine ganz neue Methode der Blutstillung. Auf Initiative des kurhess. Ministers Ludwig Hassenpflug (1794–1862) wurde S. 1833 als einer der ersten Juden in Kurhessen zum Landgerichtswundarzt in Kassel ernannt. Vermutlich aufgrund einer Intrige des Obermedizinalrats Richard Harnier (1775–1856) bat er 1840 um seine Entlassung und eröffnete eine erfolgreiche Privatpraxis in Kassel. Auslandsaufenthalte in Paris (1836, 1855, 1869) und London (1843, 1869) und sein Engagement auf den Tagungen der Gesellschaft|Deutscher Naturforscher und Ärzte (1839–78) erhöhten seine wiss. Reputation.

    1840 entstand S.s erste Monographie, in der er den Sympathikus als vasomotorischen Nerv identifizierte. Zu seinen bedeutendsten wiss. Resultaten gehören die von ihm entwickelten anatomischen Techniken, so die „Methode der succesiven Querabschnitte“, ein Serienschnittverfahren mit logischer räumlicher Rekonstruktion des Faserverlaufs, die Rasiermessermikrotomie mit Alkoholbefeuchtung der Messerschneide, ein Gefrierschnittverfahren sowie die Mikrophotographie. S. entwickelte ferner eine Theorie des Dünnschnitts und führte die Dokumentation von Schnittserien ein. Dabei kombinierte er neurophysiologische und anatomische Studien. Mit Hilfe des von Josef Wallach (1813–78) entwickelten „Compressoriums“ ersann S. eine Methode zur Untersuchung von Quetschpräparaten des Nervensystems. Unerkannte Mängel des Verfahrens führten zu Publikationen, in denen das Vorkommen von Nervenzellen im Rückenmark entschieden geleugnet wurde. (Unterss. über d. Textur d. Rückenmarks, 1842, zus. mit J. Wallach, Über d. Medulla oblongata, 1843). Eine Korrektur dieser Anschauungen beschäftigte ihn bis 1859. In die Nomenklatur der Neuroanatomie ist sein Name lediglich durch eine einzige Benennung eingegangen; Albert Kölliker beschrieb 1867 in seinem „Handbuch der Gewebelehre des Menschen“ bestimmte Nervenzellen als „Clarke’sche Säulen oder die Stillingschen Kerne“. Die normative Bedeutung der „Nervenkerne“ S.s und die Erstbeschreibung der kleineren Kleinhirnkerne sowie zahlreicher weiterer Hirnnervenkerne wurden von den Zeitgenossen nur am Rande erwähnt. Lange vor den namengebenden Autoren beschrieb S. die „Schmidt-Lantermannschen Incisuren“ bzw. die „Golgitrichter“ der markhaltigen Nerven. Auf chirurgischem Gebiet gehören die Meatotomie, die Drosselarterienligatur und die extraperitoneale Ovariektomie zu seinen bleibenden Leistungen.

  • Auszeichnungen

    A vier Preise d. franz. Ak. d. Wiss., u. a. Monthyon-Preis; Goldene Medaille d. belg. Kg. Leopold I.; preuß. Geh. Sanitätsrat.

  • Werke

    Die Bildung u. Metamorphose d. Blutpfropfes oder Thrombus in verletzten Blutgefäßen, 1834;
    Die Gefässdurchschlingung, 1834;
    Physiol., pathol. u. med.-pract. Unterss. über d. Spinal-Irritation, 1840;
    Unterss. über d. Bau u. d. Verrichtungen d. Gehirns, 1846;
    Anatom. u. mikroskop. Unterss. über d. feineren Bau d. Nerven-Primitivfasern u. d. Nervenzelle, 1856;
    Neue Unterss. über d. Bau d. Rückenmarks, 2 Bde., 1857–59;
    Unterss. über d. Bau d. kleinen Gehirns d. Menschen, 3 Bde., 1864– 78;
    Die Extra-Peritonäal-Methode d. Ovariotomie, 1866;
    Die rationelle Behandlung d. Harnröhren-Stricturen, 3 Bde., 1870–72.

  • Literatur

    ADB 36;
    A. Kussmaul, Gedächtnisrede auf d. 52. Verslg. Dt. Naturforscher u. Ärzte 1879, hg. v. A. Kussmaul, 1879;
    L. Strauss, in: Münchener Med. Wschr. 57, 1910, S. 699 f.;
    G. Aumüller, B. S.s Unterss. über d. Rückenmark, in: Med.hist. Journal 19, 1984, S. 53–69 (P);
    M. Wienhold, B. S. als klin. Forscher in d. operativen Med., Diss. Marburg 1988;
    Pagel (P);
    Juden als Erfinder u. Entdecker, 1913;
    BLÄ;
    Enz. Neuzeit;
    Lex. Naturwiss.;
    Biogr. Enz. Med.;
    H. Morgenstern, Jüd. Biogr. Lex., 2009.

  • Autor/in

    Hans-Uwe Lammel
  • Empfohlene Zitierweise

    Lammel, Hans-Uwe, "Stilling, Benedict" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 347-348 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117259438.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Stilling: Benedict St., berühmter Anatom und Wundarzt, wurde am 22. Februar 1810 zu Kirchhain (im Kurfürstenthum Hessen) geboren und starb als königlich preußischer Geheimer Sanitätsrath am 28. Januar 1879 zu Cassel. Er studirte von 1828—32 in Marburg, wo er im letztgenannten Jahre mit der Inauguralabhandlung „De pupilla artificiali in sclerotica conformanda“ (Deutsch, Marburg 1833) die Doctorwürde erlangte und 1833 Assistent an der|chirurgischen Klinik von Ullmann wurde. Schon während dieser Zeit veröffentlichte er seine berühmt gewordenen Aufsätze über „Gefäßdurchschlingung" unter dem Titel: „Die Bildung und Metamorphose des Blutpfropfs oder Thrombus in verletzten Blutgefäßen“ bezw. unter folgendem Titel: „Die natürlichen Processe bei der Heilung durchschlungener Blutgefäße mit besonderer Rücksicht auf den Thrombus“ (Eisenach 1834), sowie: „Die Gefäßdurchschlingung. Eine neue Methode Blutungen aus größeren Gefäßen zu stillen. 1. Abth.: Monographie der Operation“ (Marburg 1835). Ende 1833 zum Landgerichtswundarzt in Cassel ernannt, verblieb er seitdem in dieser Stadt, da ihm aus confessionellen Rücksichten die akademische Laufbahn versagt war. 1840 nach Eiterfeld versetzt weigerte er sich dorthin zu gehen und nahm seine Entlassung als Gerichtsarzt. 1843 machte er eine wissenschaftliche Reise nach Paris, wo er bereits 1836 längere Zeit in befreundetem Verkehr mit Magendie und Amussat verweilt und von letzterem speciell Unterweisungen über die Operationen bei Krankheiten der Harnwege erhalten hatte. Bei seinem diesmaligen zweiten Aufenthalte in Paris unterhielt er regen wissenschaftlichen Umgang mit Claude-Bernard, Brown-Séquard, Rayer, Charcot u. a. Weitere wissenschaftliche Reisen folgten 1858 nach Italien, 1869 nach Paris, London, Edinburg, 1873 nach Wien. Im übrigen verblieb St. bis an sein Lebensende in Cassel hervorragend litterarisch wie praktisch thätig. Er war nicht nur ein bedeutender anatomischer Forscher, sondern auch ein ausgezeichneter Operateur. In letzterer Beziehung ist er namentlich dadurch bemerkenswerth, daß er Jahre lang der einzige in Deutschland war, welcher die Ovariotomie machte. Bereits 1837 hatte er seine erste Operation dieser Art (zur Vermeidung der Gefahren der inneren Blutung extraperitoneal) vollzogen und als wissenschaftliches Ergebniß darüber die „Geschichte einer Exstirpation eines krankhaft vergrößerten Ovariums nebst einigen Bemerkungen über diese Operation. Allgemeine und physiologische und pathogenetische Erörterungen über Erbrechen etc.“ niedergeschrieben (veröffentlicht in Holscher's Hannöverschen Annalen der gesammten Heilkunde, N. F., Jahrg. I, 1841). Dieser Aufsatz fand leider nicht die gebührende Beachtung, so daß zehn Jahre später der Engländer Duffin diese Methode als eigene Erfindung ausgeben konnte. 1840 folgte Stilling's berühmte Publication betitelt: „Physiologisch-pathologische und medicinisch-praktische Untersuchungen über die Spinal-Irritation“ (Leipzig), worin zum ersten male die Bezeichnung „vasomotorische Nerven“ gebraucht wird. Von da ab wandte er sich in classischen und ewig denkwürdigen Arbeiten ausschließlich dem Studium des anatomischen Baues des Centralnervensystems zu und publicirte successive als die Resultate fast 40jähriger Forschungen eine große Zahl von Schriften und Abhandlungen, von denen wir nur nennen wollen: „Untersuchungen über die Textur des Rückenmarks“ (zusammen mit B. F. Wallach, Leipzig 1842; Heft 2: „Ueber die medulla ablongata“, Erlangen 1843 von S. allein bearbeitet); „Untersuchungen über den Bau und die Verrichtungen des Gehirns, I: Ueber den Bau des Hirnknotens oder der Varolischen Brücke“ (nebst 22 Kupfertafeln, auch in lateinischer Sprache, Jena 1840); „Anatomische und mikroscopische Untersuchungen über den feineren Bau der Nerven und Primitivfasern und der Nervenzelle“ (Frankfurt a. M. 1856); „Neue Untersuchungen über den Bau des Rückenmarks mit einem Atlas mikroscopischer Abbildungen von 30 lithographirten Tafeln nebst einer großen Wandtafel" (gr. Fol. 5 Lieferungen, Cassel 1857—59); „Untersuchungen über den Bau des kleinen Gehirns des Menschen. I. Band: Untersuchungen über den Bau des Züngelchens und seiner Hemisphären-Theile mit Atlas von 9 Tafeln“ (Ebd. 1864); Band II: „Untersuchungen über den Bau des Centralläppchens und der Flügel mit 5 Tafeln“ (Ebd. 1867); Band III: „Untersuchungen über|den Bau des Bergs und der vorderen Oberlappen, sowie über die Organisation der centralen weißen Marksubstanz des Cerebellum und ihrer grauen Kerne und über die centralen Ursprungsstätten und Bahnen der Kleinhirnschenkel, nämlich der Bindearme, der Brückenarme und der strickförmigen Körper“ (Ebd. 1878). Auch zahlreiche Monographieen und kleinere Aufsätze über Themata chirurgischen Inhalts speciell aus den Gebieten der Harnröhren-Operationen (bei Stricturen, Urethrotomieen u. dgl.) und Ovariotomien haben St. zum Verfasser.

    • Literatur

      Vgl. Biograph. Lexikon hervorr. Aerzte, herausgegeben von Hirsch und Gurlt V, 541 und die daselbst angegebenen Quellenschriften.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Stilling, Benedict" in: Allgemeine Deutsche Biographie 36 (1893), S. 247-249 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117259438.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA