Lebensdaten
1796 bis 1877
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Mediziner
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 116814357 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Marx, Karl Friedrich Heinrich
  • Marx, Karl
  • Marx, Karl Friedrich Heinrich
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Zitierweise

Marx, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116814357.html [21.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Raphael (isr., seit 1819 ev.), Antiquar;
    M Rachel Löw (isr., seit 1819 ev.);
    B Michael (1794-1864), Prof. d. Physik u. Chemie am Collegium Carolinum in Braunschweig (s. Pogg. II, III); – ledig.

  • Leben

    Nach dem Lyzeumsbesuch in Karlsruhe unter Lehrern wie J. P. Hebel und dem Botaniker C. C. Gmelin begann M. 1813 sein Medizin- und Philosophiestudium in Heidelberg. 1817 beendete er es mit der prämiierten Arbeit über die Preisfrage der Fakultät: „Die Struktur und das Leben der Venen“. Er kam mit Jean Paul in Berührung, wurde durch Hegels Vorlesungen dessen Anhänger und beteiligte sich maßgeblich an der Gründung der Burschenschaften. 1818 bestand er mit Auszeichnung die ärztliche Staatsprüfung in Karlsruhe und begab sich zur Weiterbildung nach Wien. 1819 wurde er während der Unruhen nach dem Attentat auf A. v. Kotzebue neun Monate in Untersuchungshaft genommen. 1820 promovierte er in Jena zum Dr. med., war dann Accessist an der Bibliothek der Univ. Göttingen und habilitierte sich 1822 an deren Medizinischer Fakultät. 1826 wurde er ao. und 1831 o. Professor. Neben einer eigenen großen Praxis hat er in Göttingen durch 55 Jahre bis an sein Lebensende sämtliche theoretischen Fächer der klinischen Medizin gelehrt.

    M. war kein unmittelbarer Wegbereiter seiner Wissenschaft, immerhin bot er der Heilkunde in den Jahrzehnten romantischer Spekulationen einen sicheren Halt, indem er ärztliches Denken, therapeutisches Bemühen und die Nutzung naturwissenschaftlicher Methoden zu den „drei Pfeilern der Medizin“ erklärte. In seiner „Allgemeinen Krankheitslehre“ (1833) suchte er den Anschluß der Pathologie an die Naturwissenschaften zu gewinnen. So hat er sich auch für die Jennersche Pockenschutzimpfung, Laennecs Auskultation und die Diagnostik Piorrys eingesetzt. Auch hat die Verwirklichung seiner Forderung, für angehende Mediziner das Philosophikum durch eine naturwissenschaftliche Vorbildung unter Beibehaltung der humanistischen Schulerziehung zu ersetzen, den Arzttyp der folgenden Generationen geprägt. Andererseits hielt er starr an manchen Thesen der antiken Autoren fest und blieb dem alten humoralen Denken verhaftet, wenngleich er der neuen Solidarpathologie auf seine Art gerecht zu werden suchte. Nicht nur wegen solcher Widersprüche galt er auch nach seinem Tod vielen als Sonderling.

    Bleibende Bedeutung besitzt M. durch seine Bemühungen um die ärztliche Ethik und seine Arbeiten zur Medizingeschichte. So zählte er zu den ersten, die in moderner Zeit die theologische Seelsorge am Kranken klar von der psychischen Hinwendung und Betreuung durch den Arzt zu trennen suchten. Seine Morallehre hat er in Briefen an berühmte Kollegen, wie Stieglitz, Cheyne, Thaer oder Gregory niedergelegt (später u. d. T.: „Akesios, Blicke in die ethischen Beziehungen der Medizin“, 1844 [engl. Übers.] herausgegeben). Vor allem aber ist ihm – mit Francis Bacon als philosophischem Vordenker – der (noch unverfälschte) moderne Begriff der „Euthanasie“ zu verdanken: Durch ihn erwächst dem Arzt die moralische Aufgabe, dem aus dem Leben Scheidenden durch aufrichtenden Zuspruch und seelischen Beistand, aber auch durch medikamentöse Milderung seiner Leiden das Sterben zu erleichtern. Eine solche „Todeslinderung“ entsprach dem humanen Denken seiner Zeit, doch wurde sie von ihm erstmals in den ärztlichen Pflichtenkanon aufgenommen.

    Überragend sind M.s Verdienste um die Begründung der modernen Medizingeschichte: Um 1845 zählte er zu den wenigen deutschen und ausländischen Medizinern, die sich in Breslau um Elias Henschel versammelten, um den „Janus“, die erste medizinhistorische Zeitschrift der Welt, zu gründen. Noch in der Ära pragmatischer Geschichtsschreibung der Wissenschaften verknüpften seine Arbeiten die Medizin mit der Geistes- und Kulturgeschichte, und deshalb bescherten auch seine Ärzte- und Forscherbiographien der Medizin eine neue historische Betrachtungsweise. Als erster forderte er, die Geschichte der Wissenschaften als Unterrichtsgegenstand in den Schulen einzuführen, und schon frühzeitig versuchte er auch, die „Beziehungen zwischen der darstellenden und der Heilkunst“ (1861) zu ergründen, wobei|die Sorgfalt seiner Erhebungen diejenige Virchows übertraf. Grundlegend blieben seine Werke über die Geschichte des Kontagionismus und der Toxikologie; seine Arbeit über Herophilos (1838) regte die modernen Forschungen über alexandrinische und hellenistische Medizin an.

    Mit seinen Aphorismen, die außerhalb der Medizin nach Form und Gehalt an Bacon, die franz. Moralisten, Goethe und Lichtenberg anknüpften, verfeinerte er innerhalb der Heilkunde eine Literaturgattung, die einst in ihr entstanden war. Diese sind bis heute weder von seinen Kollegen noch von der Literaturwissenschaft gewürdigt worden.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen (1838).

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Lehre v. d. Giften in med., gerichtl. u. polizeil. Hinsicht, 1827/29;
    Die Erkenntnis, Verhütung u. Heilung d. ansteckenden Cholera, 1831;
    Grundzüge d. Lehre v. d. Krankheit u. Heilung, 1838;
    Über d. Abnahme d. Krankheiten durch Zunahme d. Civilisation, 1844 (engl. Übers.);
    Ueber d. Verdienste d. Aerzte um d. Verschwinden d. dämon. Krankheiten, 1859;
    Zur Würdigung d. Theophrastus v. Hohenheim, 1861;
    485 Rezensionen in d. Götting. gel. Anz. – Aussprüche e. Heilkundigen üb. Vergangenes, Gegenwärtiges u. Künftiges, 1876;
    Bemerkungen üb. inneres u. äußeres Leben, o. J.

  • Literatur

    ADB 20;
    H. Rohlfs, Med. Classiker I, 1875, S. 323-479 (unkritisch, W-Verz.);
    J. L. Pagel, Einführung in d. Gesch. d. Med., 21915, S. 84, 256, 464, 581;
    F. H. Garrison, An Introduction to the Hist. of Medicine, 41929, S. 103, 571, 664 f.;
    P. Diepgen, Gesch. d. Med. II, 1, 1959, S. 228 ff.;
    H. Schipperges, Aphorismen e. Mediziners üb. Kunst u. Leben, in: Heilkunst 89, 1976, H. 5 (P);
    BLÄ.

  • Autor/in

    Markwart Michler
  • Empfohlene Zitierweise

    Michler, Markwart, "Marx, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 327 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116814357.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Marx: Karl Friedrich Heinrich M., Arzt, ist den 10. März 1796 in Karlsruhe geb. Nach Beendigung seiner medicinischen Studien in Heidelberg, wo seine Bearbeitung der von der Facultät aufgestellten Preisfrage „de natura atque vita venarum“ 1817 den Preis erhalten hatte, legte er 1818 in Karlsruhe die ärztliche Staatsprüfung ab und wandte sich sodann zu seiner weiteren wissenschaftlichen Ausbildung nach Wien, wo er wegen Theilnahme an der deutschen burschenschaftlichen Verbindung auf Requisition der preußischen Regierung inhaftirt und erst nach neunmonatlicher Untersuchung aus der Haft entlassen wurde. Er begab sich nun nach Göttingen und habilitirte sich hier 1822 als Privatdocent an der medicinischen Facultät; 1826 wurde er zum außerordentlichen, 1831 zum ordentlichen Professor ernannt und in dieser Stellung ist er bis zu seinem am 2. October 1877 erfolgten Tode verblieben. — Innerhalb dieser 55jährigen akademischen Thätigkeit hat M. über die verschiedensten Gebiete der Medizin (Encyklopädie, med. Anthropologie, Arzneimittellehre, Toxicologie, allgemeine und specielle Pathologie und Therapie, Medicinal-Polizei, gerichtliche Medizin. Geschichte der Heilkunde u. a.) Vorlesungen gehalten und nicht weniger umfangreich ist seine litterarische Thätigkeit gewesen, mit welcher er sich vorzugsweise auf dem Gebiete der medicinischen Ethik und der Geschichte der Medicin bewegt hat; außer zahlreichen selbständigen Arbeiten hat er nach Hunderten zählende Kritiken und Anzeigen medicinischer Schriften der verschiedensten Materie in Hecker's Annalen der gesammten Heilkunde, in den Göttinger gelehrten Anzeigen und in der Jenaischen und Leipziger Litteratur-Zeitung veröffentlicht. — Von seinen ethischen Schriften mögen hier „Akesios. Blicke in die ethischen Beziehungen der Medicin“, 1844 (ins Englische übersetzt) und „Lassen oder Thuen"? 1872, genannt werden. — Von den medicinisch-historischen Arbeiten, von denen die meisten vor ihrem selbstständigen Erscheinen oder später in den Abhandlungen der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen veröffentlicht worden sind, verdienen besondere Erwähnung „Origines contagii“, 1824|(nebst Additamenten, 1826); ferner „Geschichte der Giftlehre“, 2 Abthlgn. 1827. 29; sodann „De Herophili vita, scriptis atque in medicina meritis“ (eine im J. 1833 der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften übergebene, aber erst 1841 von derselben abgedruckte Schrift, von welcher M. inzwischen eine deutsche Uebersetzung unter dem Titel „Herophilus. Ein Beitrag zur Geschichte der Medizin", 1838, in etwas erweiterter Ausführung veröffentlicht hatte), ferner „Ueber die Abnahme der Krankheiten durch die Zunahme der Civilisation“, 1844 (in englischer Uebersetzung); „Ueber die Verdienste der Aerzte um das Verschwinden der dämonischen Krankheiten“, 1859; „Gottfried Leibnitz in seinen Beziehungen zur Arzneiwissenschaft“, 1859; „Zur Würdigung des Theophrastus von Hohenheim“, 1861 (eine vortreffliche Arbeit, die zu den besten Leistungen Marx's zählt); „Franz Bacon und das letzte Ziel der ärztlichen Kunst“, 1861; „Ueber das Vorkommen und die Beurtheilung der Hundswuth in alter Zeit“, 1872; „Caspar Hoffmann, ein deutscher Kämpfer für den Humanismus“, 1873 und „Konrad Victor Schneider und die Katarrhe“, 1874. An diese Arbeiten schließen sich mehrere biographische Schriften, so über v. Haller (1837), Blumenbach (1840), Stieglitz (1846) u. a. — Beiträge zur praktischen Medicin lieferte M. in seiner „Allgemeinen Krankheitslehre“ und „Grundzüge der Lehre von der Krankheit und Heilung“, 1838, ferner in „Göttingen in medicinischer, physischer und historischer Hinsicht“, 1824, sodann in „Erkenntniß, Verhütung und Heilung der ansteckenden Cholera“, 1831 (nach eigenen in Hamburg gemachten Beobachtungen) und in einer Schrift: „De paralysi membrorum inferiorum“, welche bereits im J. 1833 der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften eingereicht, aber erst im J. 1841 zum Abdrucke in den Abhandlungen derselben gekommen war und welche der Verfasser inzwischen (1838) in deutscher Uebersetzung veröffentlicht hatte. — M. war, wie aus diesen Anführungen hervorgeht, ein Polyhistor im besten Wortverstande; sein Hauptverdienst um die medicinische Wissenschaft liegt in seinen historischen Arbeiten, welche von seiner Gelehrsamkeit nicht weniger, wie von seiner Gründlichkeit in der Forschung Zeugniß ablegen.

    • Literatur

      Ueber sein Leben, seine Schriften etc. vgl. Rohlfs' Geschichte der deutschen Medicin I, 323—479 (ein Panegyrikos).

  • Autor/in

    A. Hirsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirsch, August, "Marx, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 540-541 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116814357.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA