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Kleberg, Bernhard Gottfried

  • Leben

    Kleberg: Bernhard Gottfried K., Oberarzt des städtischen Krankenhauses zu Odessa, war zu Riga am 4. März 1840 als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach Absolvirung des Gymnasiums seiner Vaterstadt bezog er 1858 die Universität Dorpat, promovirte daselbst am 15. März 1865 zum Dr. med., ging darauf nach Wien, um seine chirurgischen Kenntnisse zu erweitern und kam im Herbst desselben Jahres zum ersten Male nach Odessa, fand aber daselbst noch keine bleibende Stätte. Vielmehr ging er schon nach wenigen Wochen in den Kaukasus, woselbst er ein Jahr hindurch theils im städtischen Krankenhaus zu Tiflis, theils auf dem Lande mit wenig befriedigendem Erfolge practicirte. Im Winter 1865—66 kehrte er wieder nach Odessa zurück und trat daselbst als Ordinator in das Stadthospital ein; aber auch hier sprach ihn seine Thätigkeit sehr wenig an, indem der harte Kampf um das Dasein ihm nicht einmal die Befriedigung gewährte, sich vorzugsweise mit der Chirurgie, welche ihm mehr und mehr ans Herz gewachsen war, befassen zu können. Nach zwei langen und bangen Jahren verließ er daher im December 1868 Odessa mit Freuden, um in das neue Krankenhaus zu Tiflis als älterer Ordinator einzutreten, kehrte aber zwei Jahre später endgiltig nach Odessa zurück, wohin er nunmehr als Chirurg des städtischen Krankenhauses berufen worden war, nachdem er in Tiflis mit ausdauerndem Fleiße die Gelegenheit benutzt hatte, sein anatomisches und chirurgisches Wissen und Können zu bereichern. Ein tüchtiger Chirurg und Arzt, wurde er seinen Collegen und den Bewohnern der Stadt bald ein treuer und zuverlässiger Helfer in der Noth, dem unbedingtes Vertrauen entgegengebracht wurde. Zu den schweren Schicksalsschlägen, von denen er seit früher Jugend heimgesucht worden war, traten neue, wie der Verlust seiner einzigen Kinder, vor Allem aber der Beginn eines Leidens (einer Geschwulst an der Brust, die sich nach ihrer ersten Entfernung 1872 bereits als eine bösartige erwies), welches die Ursache seines frühen Todes wurde. Trotz der verzweifelten Stimmung, in die er durch jene Erkenntniß versetzt wurde, arbeitete er rastlos weiter, in gesteigertem Maße aber, als er im J. 1875 zum Oberarzt des städtischen Krankenhauses, einer Anstalt, die mitunter bis zu 1400 Kranke beherbergte, gewählt worden war, wobei er noch speciell seine chirurgische Abtheilung, die er sich vorbehalten hatte, versehen und als bekanntester und gesuchtester Chirurg einer Stadt von 200 000 Einwohnern und ihrer weiten Umgebung, wie als geschätzter Hausarzt vieler Familien einer umfassenden Privatpraxis sich widmen mußte. Im August 1876 zog er an der Spitze eines in Odessa von der Gesellschaft des rothen Kreuzes ausgerüsteten Feldlazareths nach Serbien, kehrte jedoch nach wenigen Monaten unzufrieden mit dem, was er mit erlebte und mit angesehen und der geringen Verwendung, welche die dargebotene Hilfe gefunden, zurück. In dem bald darauf ausgebrochenen Kriege gegen die Türkei wählte ihn die gedachte Gesellschaft, deren eifriges und thätiges Vorstandsmitglied er seit Jahren war und um die er sich durch Ausbildung von Krankenpflegerinnen im städtischen Krankenhause große Verdienste erworben hatte, zum Generalarzt sämmtlicher in Odessa errichteten Lazarethe. In dieser Stellung hatte er, wie leicht zu begreifen, eine ungeheure Arbeitslast zu bewältigen. Tag und Nacht bemühte er sich im Dienste der Tausend und Tausend verwundeter und kranker Krieger, die in den Lazarethen des rothen Kreuzes verpflegt wurden, trotzdem er wußte, daß seine Tage gezählt seien; denn die entsetzliche Krankheit, der er zum Opfer fallen sollte, untergrub unbarmherzig von Tag zu Tag seine ehemals so gewaltige Körperkraft. Schon 1876 war eine neue Operation nöthig gewesen, um neu entstandene Geschwulstmassen zu entfernen, und sein körperlicher Zustand verschlimmerte sich bald in dem Grade, daß er im Sommer 1878 seiner Stelle als Oberarzt des Stadtkrankenhauses enthoben werden mußte. Im November, nachdem er noch einmal einer Operation sich hatte unterwerfen müssen, trat er eine Erholungsreise nach Sicilien an, kehrte aber von dort im April 1879 in einem entsetzlichen Zustande zurück und hatte bis zu seinem am 27. October 1879 erfolgten Tode noch eine furchtbare Leidenszeit durchzumachen, welche er in freien Augenblicken mit nicht hoch genug zu preisender Energie benutzte, um neue wissenschaftliche Erfahrungen, die als Vermächtniß erst nach seinem Hinscheiden zur Veröffentlichung gelangten, mit zitternder Hand niederzuschreiben. Die Stadt Odessa übernahm nach seinem Tode die Unkosten der sehr würdigen Trauerfeierlichkeiten; seine Hospitalcollegen stifteten in der chirurgischen Abtheilung eine Marmortafel zu seinem Andenken. — Hochgewachsen, mit einem einnehmenden, scharf geschnittenen Gesicht, früher von herkulischer Kraft, dabei von hoher Begabung, hatte K. sich zu einem denkenden und selbständig schaffenden Chirurgen und bedeutenden Arzt ausgebildet, dem leider nur eine kurze Zeit des Lebens und Wirkens beschieden war. Trotzdem hat er außer seiner Dissertation (einen Fall von primärer partieller Osteomalacie betreffend), eine Reihe von Arbeiten hinterlassen, die in Zeitschriften veröffentlicht (Archiv für klinische Chirurgie Bd. 9, 24; Deutsche Zeitschrift für Chirurgie Bd. 3, 6, 15; St. Petersburger medicinische Zeitschrift 1869, 77, 79; Arbeiten der Aerzte des Odessaer Stadthospitals 1876), hauptsächlich Hermen, Ovariotomieen, Laparotomieen und andere chirurgische Beobachtungen aus seinem Hospital betreffen und ihm ein ehrenvolles Andenken sichern.

    • Literatur

      Vgl. W. Wagner in Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Bd. 15, 1881. S. 379.

  • Autor

    E. Gurlt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gurlt, Ernst, "Kleberg, Bernhard Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 66-67 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd135983231.html#adbcontent

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