Lebensdaten
1855 bis 1909
Geburtsort
Bern
Sterbeort
Bern
Beruf/Funktion
Schokoladenfabrikant
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 129429929 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lindt, Rudolf

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Zitierweise

Lindt, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd129429929.html [12.12.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Rudolf (1823–93), Apotheker, Botaniker, Mitbegründer d. Schweizer Alpen-Clubs, Großrat u. Gemeinderat in B., S d. Arztes Dr. Joh. Rudolf (1790–1851) in B.;
    M Eugenia Amelie Salchli;
    B August (1867–1927), Apotheker, dann Schokoladefabr. in B.;
    Vt Wilhelm (1860–1916), Prof. d. Med. in B., Walter (1867–1931), Schokoladefabr. in B., Otto Hermann (1872–1937), Stadtpräs, in B.; - ledig.

  • Leben

    L. trat 1873 bei dem befreundeten Schokoladefabrikanten Charles Kohler ( 1884) in Lausanne in die Lehre und blieb dort bis Ende 1875. Zusammen mit Kohler gründete er 1879 in Bern eine eigene Schokoladefabrik. Diese trug nach Kohlers baldigem Austritt den Firmennamen „Rod. Lindt fils“ (Rod. = Rudolphe). L. war seiner Natur nach weder Geschäftsmann noch Techniker, eher ein Amateur und Pröbler. Was ihn zur Schokolade hinzog, die in jener Zeit noch vor allem als Getränk genossen wurde, war vielleicht der Reiz des Neuen. Obwohl wegen der außergewöhnlich guten Qualität seiner Schokolade die Nachfrage groß war, bemühte sich L. keineswegs, viel davon zu verkaufen. Sein anfänglicher Hauptabnehmer, der Berner Zuckerbäcker Jean Tobler, gründete 1899 eine eigene Schokoladefabrik, als L. ihn nicht mehr mit genügenden Mengen und dem bisherigen hohen Rabatt belieferte.

    Die besondere Qualität der Lindt-Schokolade rührte von zwei Verbesserungen im Fabrikationsverfahren her, die L. einführte. Er erfand eine Längsreibmaschine mit muschelförmigen Trögen (Conche), die eine bessere Homogenisierung der Schokoladenmasse ermöglichte, wobei zugleich unangenehme Aromastoffe entfernt wurden. Das eigentliche „Lindt-Geheimnis“, das L. eifersüchtig hütete, bestand jedoch darin, daß er zur Verbesserung der Schmelzeigenschaften der zunächst zähflüssigen und rauhschmeckenden Schokolade reine Kakaobutter beimengte und damit einen überraschenden Feinschmelzeffekt erzielte. Wann ihm diese Erfindung, die erst die Herstellung feiner Tafelschokolade ermöglichte, gelang, ist nicht bekannt.

    Von L.s Konkurrenten war vor allem die von J. R. Sprüngli-Schifferli geleitete Firma Chocolat Sprüngli AG in Zürich bereit, einen hohen Preis für das Lindt-Geheimnis zu zahlen. Am 16.3.1899 erwarb sie die Schokoladefabrik Lindt in Bern mit allen Maschinen und Einrichtungen, Fabrikmarken und Rechten im In- und Ausland um die Kaufsumme von 1,5 Mill. Schweizerfranken. Sitz der neuen „Aktiengesellschaft Vereinigte Berner & Zürcher Chocolade-Fabriken“ war Zürich. Für den Produktionsstandort Bern wurde L. zum Delegierten des Verwaltungsrats bestimmt. Sein Bruder August trat ebenfalls in den Verwaltungsrat ein, und sein Vetter Walter erhielt Prokura. Das neue Unternehmen hatte zunächst mit unerwarteten Schwierigkeiten zu kämpfen. Durch den Bau einer neuen Fabrik in Kilchberg hatte man sich finanziell übernommen und vermochte nur mit Mühe, eine Dividende zu zahlen. Hinzu kam, daß die Zusammenarbeit zwischen Zürich und Bern zu wünschen übrig ließ. Nach Sprünglis Meinung sollte auch in Kilchberg Lindt-Schokolade fabriziert werden. Zögernd und widerwillig gab L. nach. Meinungsverschiedenheiten entstanden nicht nur in Fragen der internen Organisation, sondern auch in Bezug auf die Verkaufspolitik und die Preisgestaltung.

    Ende 1905 schieden L., sein Bruder August und sein Vetter Walter aus ihren Ämtern bei Lindt & Sprüngli aus. Im Frühjahr 1906 begannen die beiden letzteren, auf eigene Rechnung in einer neu eingerichteten Fabrik in Bern „Lindt'-Schokolade herzustellen. Es kam nun zu einer langwierigen Auseinandersetzung zwischen Lindt & Sprüngli in Zürich und der neuen Berner Firma. Lindt & Sprüngli erhob Klage gegen L., seinen Bruder und seinen Vetter wegen unlauteren Wettbewerbs. Die Berner Fabrik jedoch verkaufte auch weiterhin ihre Produkte unter dem Namen „Lindt“. Im Febr. 1909 kam es zu einem ersten Entscheid des Appellationshofs des Kantons Bern. A. und W. Lindt hatten die in ihren Dienstverträgen vereinbarten Konventionalstrafen zu bezahlen. Sie riefen das Bundesgericht an, verloren aber in allen Punkten. L. starb kurz nach Bekanntwerden des Gerichtsurteils.

    Bis zur endgültigen gerichtlichen Entscheidung vergingen noch fast zwei Jahrzehnte. Am 8.7.1927 verurteilte der Berner Appellationshof die Firma A. & W. Lindt zu einem Schadenersatz an Lindt & Sprüngli in Höhe von 800 000 Franken sowie dazu, auf allen ihren Produkten und Publikationen die Aufschrift „Diese Schokolade ist nicht die Original-Lindt-Schokolade“ anzubringen. Beide Parteien appellierten an das Bundesgericht. Im Spätherbst 1927 kam es zu einem Vergleich. Die Mitglieder der Familie Lindt verpflichteten sich, für alle Zeiten auf die Fabrikation von Schokolade zu verzichten. Damit war der Zürcher Firma Lindt & Sprüngli das alleinige Recht zugesprochen, den Namen Lindt als Geschäftsmarke zu führen.

    Die Fabrik von A. & W. Lindt wurde 1932 verkauft. Auch die Berner Fabrik von Lindt & Sprüngli mußte in der Weltwirtschaftskrise geschlossen werden. Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich Lindt & Sprüngli zur zweitgrößten Schokoladefabrik der Schweiz. 1978 erzielte die Firma einen Weltumsatz von fast 450 Mill. Franken. Das von L. entwickelte Conchier-Verfahren wird bei Lindt & Sprüngli noch heute bei der Herstellung von besonders hochwertiger Schokolade angewandt.

  • Literatur

    R. Frei, Über d. Schokolade im allgemeinen u. d. Entwicklung d. bern. Schokoladeindustrie, 1951 (L);
    H. R. Schmid, Die Pioniere Sprüngli u. L., = Schweizer Pioniere d. Wirtsch. u. Technik 22, 1970 (P).

  • Autor

    Hans Rudolf Schmid
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmid, Hans Rudolf, "Lindt, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 616-617 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd129429929.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA