Lebensdaten
1852 bis 1912
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Diplomat
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 11944397X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kiderlen-Waechter, Alfred von

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Zitierweise

Kiderlen-Waechter, Alfred von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11944397X.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Robert v. K. (württ. Personaladel 1852, 1808-57), württ. Hofkammerrat u. Hofbankdir., S d. Joh. Ludwig (1771–1850), Kaufm. (Tuchhandel), Stadtpfleger v. Ulm, u. d. Anna Magd. Kienlin;
    M Marie (württ. Adel mit ihren Kindern als „v. K.-W.“ 1868, 1815-84), T d. August Frhr. v. Waechter (1776–1852), württ. Ministerresident im Haag, dann in Frankfurt/M., u. d. Marie Sophie Haagen;
    Om August Frhr. v. W. (1807–79), württ. Staatsmin.;
    Schw Sara ( Arthur v. Lattré, 1833–1908, preuß. Gen. d. Inf., 1881 Kdr. d. Kadettenkorps 1886-90 Dir. d. Kriegsak., s. Priesdorff X, S. 155 f.); - ledig.

  • Leben

    Nach Besuch des Gymnasiums in Stuttgart und der Fürstenschule in Grimma legte K. 1870 das Abitur in Stuttgart ab, nahm als Freiwilliger am deutsch-französischen Krieg teil, studierte 1871-77 Rechtswissenschaft in Tübingen, Leipzig, Straßburg, Tübingen, legte die Staatsexamina ab, wurde 1874 Sekondeleutnant (später Hauptmann und Major) und trat am 1.2.1879 in die Konsulatsabteilung (Handelsreferat) des Auswärtigen Amts (A. A.) ein. Im Juli 1880 erfolgte, nach bestandener diplomatischer Prüfung, über ein orientpolitisches Thema, die Ernennung zum Legationssekretär und die Übernahme in die diplomatische Abteilung (Orientalia, Ausgrabungen, Presse). September 1880 Vertreter des deutschen Gesandten in Kopenhagen, 1881-85 3. und 2. Sekretär in Petersburg, 1885-86 2. und 1. Sekretär in Paris, 1886-88 1. Sekretär und Legationsrat in Konstantinopel, wurde er März 1888 als Orientreferent in die politische Abteilung des Auswärtigen Amtes zurückberufen. Bismarck schätzte und förderte ihn.

    Seit Sommer 1888 Vortragender Rat, war K. Begleiter des jungen Kaisers bei dessen politischen Reisen und von 1889 bis Sommer 1899 ebenfalls bei dessen Nordlandfahrten. Nach Bismarcks Sturz verbündete sich K. mit dessen Gegnern. Bei den Versuchen, gemeinsam mit Holstein und Philipp Eulenburg das persönliche Regiment Wilhelms II. einzudämmen, geriet er in das Schußfeld der öffentlichen Kritik (Kladderadatsch-Affäre) und, wegen eines Duells, in kurze Festungshaft (9.-27.11.1894). Von Sommer 1894 bis Herbst 1895 Gesandter bei den Freien Städten in Hamburg, war er von Oktober 1895 bis Dezember 1899 Gesandter in Kopenhagen. – Im Sommer 1898 fiel K., „mit kaustischem Humor begabt“ und bekannt wegen einer „erstaunlichen Ungeniertheit seiner Ausdrücke“, in kaiserliche Ungnade und kam Januar 1900 auf den nicht unwichtigen Gesandtenposten in Bukarest in „Verbannung“. Unter Beibehaltung dieser Stellung wurde er wiederholt (Mai-November 1907 und Juni-September 1908) mit der Vertretung des Botschafters Freiherr Marschall von Bieberstein in Konstantinopel betraut, wo er, in zeitweise kritischer Lage (jungtürkische Revolution, Juli 1908), die Verhandlungen über den Bau der Bagdadbahn förderte. – Von November 1908 bis März 1909 vertrat K. den erkrankten Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und leitete maßgeblich die deutsche Politik in der bosnischen Krise. Die Lokalisierung und vorläufige Stillegung des Brandherdes gelang, vornehmlich in Zusammenarbeit mit England.

    Auch Bülow hatte die Fähigkeiten K.s erkannt, doch erst Bethmann Hollweg konnte beim Kaiser seine Ernennung zum Staatssekretär (27.6.1910) erwirken. Dazu trug auch seine Bukarester Denkschrift (September 1909) bei, in der er die deutsch-englische Verständigung als „unstreitig eines der erstrebenswertesten Ziele der deutschen Politik“ bezeichnet hatte. Unterdessen aber nahmen die Wellen der Vorkriegskrisen Formen und Ausmaße an, die zu glätten immer schwieriger wurde, wie die 2. Marokkokrise verdeutlichte. – Das militärische Eindringen Frankreichs in Marokko (21.5.1911 Besetzung von Fez), ungeachtet der Algeciras-Akte (1906) sowie des deutsch-französischen Abkommens über Marokko (9.2.1909), veranlaßte K. zur Entsendung des Kanonenbootes „Panther“ nach Agadir (1.7.1911), mit der Absicht, Frankreich zu kolonialen Kompensationen außerhalb Marokkos geneigter zu machen. Dies gelang in begrenztem Maße (Marokko- und Kongo-Abkommen, 11.10. und 4.11.1911). Schwerwiegend dagegen waren die unmittelbaren Folgen des „Panthersprungs“: eine englisch-französische Militärkonvention (20.7.1911), die Drohrede Lloyd Georges gegen Deutschland (Mansionhouse, 21.7.1911), der Sturz von Caillaux, dessen Nachfolger Poincaré wurde.

    Auch der Krieg Italiens gegen die Türkei und der 1. Balkankrieg (Herbst 1912) bedeuteten eine Schwächung des Dreibundes. Immerhin gelang doch eine engere Zusammenarbeit England, das auf Frankreich und Rußland beschwichtigend einwirkte, während Deutschland der Donaumonarchie Mäßigung empfahl. „Wir müssen alles tun“, äußerte K. auch im Herbst 1912, „um zu verhindern, daß die Leitung der Politik von Berlin nach Wien übergeht, wie es Ährenthal gegenüber Bülow leider gelungen war. Das könnte uns eines Tages viel kosten.“ Die Krise wurde lokalisiert und vorläufig gebannt, aber offenkundig blieb die Gewichtsverlagerung zu Ungunsten der Mittelmächte und die bündnispolitische Schwäche des deutsch-österreichischen Bündnisses, das, im Unterschied zum Bismarckschen Bündnissystem, nur ein Kern ohne Schale war. Hinzu kam, daß die Isolierung Deutschlands, die auch K. nicht sogleich durchbrechen konnte, das Gewicht des Wiener Partners erhöhte. Zwar ließ er dorthin die Warnung gehen (2.9.1912), bei sich häufenden österreichischen Überraschungen könne leicht der Fall eintreten, „daß wir uns in einem Spezialfall von unseren Bundesgenossen trennen müssen“, aber kurz darauf (28.11.1912) betonte er, Zweck dieses Bündnisses sei, „daß die große mitteleuropäische Monarchie neben uns in ihrer Großmachtstellung unangetastet erhalten bleibt“.

    Scharfsinnig, energisch, entschlußfreudig und gelegentlich verschlagen, galt K., auch bei seinen politischen Gegnern, als einer der bedeutendsten Diplomaten seiner Zeit, so atypisch er im Aussehen, in den immer wieder beanstandeten Umgangsformen und wohl auch wiederholt in der Wahl seiner Mittel war. Nicht zuletzt auch infolge seines plötzlichen Todes bleibt die Frage offen, ob es ihm bei längerer Amtszeit gelungen wäre, die damals nicht ungünstig laufenden Verhandlungen mit England über vorderasiatische und mittelafrikanische Interessensphären zu sicheren Ergebnissen hätte führen, und ob seine Entspannungsbemühungen mit Frankreich (Cambon) und auf dem Balkan die europäische Politik in gemäßigtere Bahnen hätte lenken können.

  • Werke

    K.-W., der Staatsmann u. Mensch, Briefwechsel u. Nachlaß, 2 Bde., hrsg. v. E. Jäckh, 1924 (P in I).

  • Auszeichnungen

    L. G. Cleinow, in: Die Grenzboten 72, 1913; O. Hammann, in: Bilder a. d. letzten Kaiserzeit, 1922, S. 79-94; J. Haller, Aus d. Leben d. Fürsten Philipp zu Eulenburg-Hertefeld, 1924; Ph. zu Eulenburg-Hertefeld, Aus 50 J., Erinnerungen, Tagebücher u. Briefe a. d. Nachlaß d. Fürsten, 1925; W. Andreas, K.-W., Randglossen zu s. Nachlaß, in: HZ 132, 1925, S. 247-76, erweiterter Abdr. u. d. T. K.-W. u. d. dt. Pol. d. Vorkriegszeit, in: W. Andreas, Kämpfe um Volk u. Reich, 1934, S. 151-86; B. v. Bülow. Denkwürdigkeiten, Bde. 1, 2, 4, 1930/31; O. Frhr. v. d. Lancken-Wakenitz, Meine 30 Dienstj. 1888-1918, 1931; F. Rosen, Aus e. diplomat. Wanderleben, 4 Bde., 1931/32/59 (P in II); H. Claß, Wider d. Strom, 1932; E. Enthoven, K.-W. u. d. dt. Agadir-Pol., in: Europ. Gespräche 10, 1932; A. Gf. Lerchenfeld-Koefering, Erinnerungen u. Denkwürdigkeiten, 1935; H. Gf. v. Hutten-Czapski, 60 J. Pol. u. Ges., 1936; R. v. Kühlmann, Erinnerungen, 1948; Die Geh. Papiere Friedrich v. Holsteins, hrsg. v. W. Frauendienst, Bde. 1, 3, 4, 1956/61/63; H. Rogge, Holstein u. Hohenlohe, 1957; ders., Holstein u. Harden, 1959; Das Tagebuch d. Baronin Spitzemberg, hrsg. v. R. Vierhaus, 1960; K. Riezler, Tagebücher, Aufsätze, Dokumente, hrsg. v. K. D. Erdmann, 1972; J. C. G. Röhl, Philipp Eulenburgs pol. Korr. I, 1976. - J. Caillaux, Ma politique extérieure, 1919; ders., Mes Mémoires II, 1943; F. W. Pick, Searchlight on German Africa, The Diary and Papers of Dr. Regendanz, 1939; G. P. Gooch, K.-W., the Man of Agadir, in: Studies in Diplomacy and Statecraft, 1942, S. 129-61; A. Vagts, M. M. Warburg & Co., in: VSWG 45, 1958, S. 289-388; J. St. Mortimer, Commercial Interests and German Diplomacy in the Agadir Crisis, in: Hist. Journal 10, 1967, S. 440-56.

  • Autor/in

    Ekkhard Verchau
  • Empfohlene Zitierweise

    Verchau, Ekkhard, "Kiderlen-Waechter, Alfred von" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 574 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11944397X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA