Lebensdaten
1944 bis 2001
Geburtsort
Wertach (Allgäu)
Sterbeort
(Verkehrsunfall) bei Norwich (England)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Literaturwissenschaftler
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119310007 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sebald, Max
  • Sebald, Winfried Georg Maximilian (eigentlich)
  • Sebald, Max
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Sebald, W. G., Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd119310007.html [24.08.2016].

CC0

Sebald, W. G. (Max, eigentlich Winfried Georg Maximilian)

Schriftsteller, Literaturwissenschaftler, * 18. 5. 1944 Wertach (Allgäu), 14. 12. 2001 (Verkehrsunfall) bei Norwich (England), Poringland bei Norwich. (katholisch)

  • Genealogie

    V Georg (1911–99), Berufssoldat, S e. Bahnarbeiters aus Eisenstein; M Rosa Genovefa, T d. Josef Egelhofer (1872–1956), Polizist in W., u. d. Theresia Harzenetter ( vor 1952); 1967 Ute Rosenbauer, Verw. v. S.s Nachlaß in N.; 1 T.

  • Leben

    S., der in früher Kindheit vorwiegend bei seinen Großeltern mütterlicherseits aufwuchs, besuchte Volksschulen in Wertach und Sonthofen, seit 1954 das Gymnasium in Immenstadt und die Oberstdorfer Oberrealschule. Nach dem Abitur nahm er 1963 ein Studium der Germanistik und Allgemeinen Literaturwissenschaft in Freiburg (Br.) auf, das er nach zwei Jahren im schweizer. Fribourg fortsetzte (Licence és lettres 1966). Bis 1968 unterrichtete S. als Lektor dt. Literatur an der Univ. Manchester (England) und schloß dort auch sein Magisterstudium der Germanistik ab. Anschließend als Lehrer in St. Gallen tätig, kehrte er kurzzeitig als Dozent nach Manchester zurück. Seit 1970 arbeitete S., abgesehen von einer kurzen Tätigkeit am Goethe-Institut in München 1975/76, als Dozent an der Univ. von East Anglia in Norwich, wo er 1973 mit einer Arbeit über Alfred Döblin promoviert wurde und – nach der Habilitation an der Univ. Hamburg 1986 – seit 1988 eine Professur für Neuere Dt. und Europ. Literatur innehatte. S. setzte sich für die Vermittlung dt.sprachiger Literatur in Großbritannien ein und gründete 1989 an der Univ. von East Anglia das „British Centre for Literary Translation“, dessen Direktor er wurde.

    Parallel zu seiner Tätigkeit als Literaturwissenschaftler begann S. Ende der 1980er Jahre, literarische Texte zu veröffentlichen. Schon seine Erzählungen über Stendhal und Franz Kafka (in: Schwindel, Gefühle, 1990) bewegen sich zwischen biographisch Verbürgtem, autobiographischem Erzählen und Fiktion. In seinem Erzählungsband „Die Ausgewanderten“ (1992) führte S. diese poetische Darstellungsweise, die als „Archäologie der Erinnerung“ bezeichnet worden ist, anhand der Biographien von vier dt. Emigranten fort. Auch in S.s späteren Texten sind historiographische Recherchen, kulturkritische Essayistik und fiktionale Elemente in einem komplexen Beziehungsgeflecht miteinander verbunden. Ein zentrales Thema von S.s Prosa bildet die erzählerische Vergegenwärtigung von Lebens- und Leidenserfahrungen unter dem Nationalsozialismus und deren psychosozialen Nachwirkungen. Das existentielle menschliche Leiden, die Naturzerstörung und den als destruktiv empfundenen Fortschrittsglauben umkreisen die Gedanken des Erzählers in dem Prosaband „Die Ringe des Saturn“ (1995). Auch in seinem wohl bemerkenswertesten literarischen Werk, „Austerlitz“ (2001), griff S. das Thema der Untergangs- und Katastrophengeschichte wieder auf und spiegelte es in der Biographie eines durch die Flucht vor dem Nationalsozialismus entwurzelten jüd. Emigranten. Kontroverse Debatten löste sein Essay „Luftkrieg und Literatur“ (1999) aus, in dem S. die These aufstellte, die dt. Nachkriegsliteratur habe das traumatisch erlebte Leiden der Bevölkerung in den Bombennächten des 2. Weltkriegs kaum zum Thema gemacht. S.s in viele europ. Sprachen übersetztes Werk wird v. a. im angelsächs. Sprachraum, aber auch in Frankreich und Italien stark rezipiert, während es im dt.sprachigen Raum aufgrund seines als manieriert und archaisierend empfundenen Stils nicht nur positive Resonanz findet. S. stand in der Tradition der europ. Melancholie-Literatur von Rousseau bis Kafka und war – neben Thomas Bernhard – deren bedeutendster Vertreter in der dt.sprachigen Literatur des späten 20. Jh.

  • Auszeichnungen

    Fedor-Malchow-Lyrikpreis (1991); Berliner Lit.preis u. Johannes-Bobrowski-Medaille (1994); Preis d. Literatour Nord (1994); Mörike-Preis d. Stadt Fellbach (1997); Wingate Prize for Fiction (1997); Heinrich-Böll-Preis (1997); Heinrich-Heine-Preis d. Stadt Düsseldorf (2000); Joseph-Breitbach-Preis (2000); Lit.preis d. Freien Hansestadt Bremen (postum 2002); Romanpreis d. Nat. Book Critics Circle (postum 2002); – Mitgl. d. Dt. Ak. f.|Sprache u. Dichtung, Mainz (1996); Fellow d. Nat. Endowment for Science and Technology and the Arts (2000).

  • Werke

    Weitere W Carl Sternheim, Kritiker u. Opfer d. Wilhelmin. Ära, 1969; Der Mythus d. Zerstörung im Werk Döblins, 1980 (Diss.); Die Beschreibung d. Unglücks, 1985 (Habil.schr.); Nach der Natur, 1988; A Radical Stage, Theatre in Germany in the 1970s and 1980s, 1988 (Hg.); Unheiml. Heimat, 1991; Logis in e. Landhaus, 1998; For Years Now, 2001; Außer Land, 2001 [enth. Ausgewanderte, Saturn, Schwindel, Nach der Natur]; Unerzählt, 2003 [mit Radierungen v. J. P. Tripp]; Campo Santo, hg. v. S. Meyer, 2003 Searching for S., Photography After W. G. S., hg. v. L. Patt, 2006 (Photogrr.); Über d. Land u. d. Wasser, Ausgew. Gedichte 1964–2001, hg. v. S. Meyer, 2008; – Nachlaß: DLA, Marbach.

  • Literatur

    F. Loquai (Hg.), Far From Home, W. G. S., 1995 (P); ders. (Hg.), W. G. S., 1997 (W, L, P); ders. u. M. Atze, S., Lektüren, Dok., Mat., Aufss., 2005; G. Köpf, Mitt. über Max, Marginalien zu W. G. S., 1998; R. Görner, Bogen 48, W. G. S., 2001; ders. (Hg.), The Anatomist of Melancholy, 2003; M. R. McCulloh, Unterstanding W. G. S., 2003 (kommentierte Bibliogr. ); T. Dean, W. G. S., 2003; ders. u. S. Denham, W. G. S., History, Memory, Trauma, 2006; H. L. Arnold, W. G. S., 2003 (W, L, P); M. Krüger (Hg.), W. G. S. z. Gedächtnis, Akzente, H. 1, 2003; J. J. Long u. A. Whitehead (Hg.), W. G. S., A Critical Companion, 2004; A. Fuchs, Die Schmerzensspuren d. Gesch., Zur Poetik d. Erinnerung in W. G. S.s Prosa, 2004; S. Schedel, „Wer weiß, wie es vor Zeiten wirkl. gewesen ist?“, Textbeziehungen als Mittel d. Gesch.darst. b. W. G. S., 2004; S. Knittel, Spaces of Memory in Giorgio Bassani, Ruth Klüger u. W. G. S., 2004; M. Anderson (Hg.), Special issue On W. G. S., in: The Germanic Review 79, H. 3, 2004, S. 155–223; R. Calzoni, Walter Kempowski, W. G. S. e i tabu della memoria collettiva tedesca, 2005; W. Busch (Hg.), W. G. S., Storia della distruzione e memoria letteraria, 2005; C. Öhlschläger, Cristallisation, c'est l'opération de l'esprit, Stendhals Theorie d. Liebe u. ihre Bedeutung f. W. G. S.s Poetik d. Einbildung, 2005; dies., Beschädigtes Leben, Erzählte Risse, W. G. S.s poet. Ordnung, 2006; M. Niehaus (Hg.), W. G. S., Politische Archäol. u. melanchol. Bastelei, 2006; E. L. Santner, On Creaturely Life, Rilke, Benjamin, W. G. S., 2006; A. Fuchs u. J. Long, W. G. S. and the Writing of History, 2007; C. Schulte u. W. Siebers (Hg.), Figuren d. Erinnerung, Stud. z. Werk W. G. S.s, 2007; I. Wintermeyer u. S. Martin, Verschiebebahnhöfe d. Erinnerung, Zum Werk W. G. S.s, 2007; Kosch, Lit.Lex.3; Munzinger; Oxford DNB (P); Krit. Lex. Gegenwartslit.

  • Autor

    Thomas Diecks
  • Empfohlene Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Sebald, W. G." in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 106-107 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119310007.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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