Lebensdaten
1839 bis 1907
Geburtsort
Hof (Mähren)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
klassischer Philologe ; Unterrichtsminister
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119035030 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hartel, Wilhelm August Ritter von
  • Hartel, Wilhelm von
  • Hartel, Wilhelm Ritter von
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Zitierweise

Hartel, Wilhelm Ritter von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119035030.html [24.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann ( 1883), Webermeister, später städt. Rechnungsführer, Hausbes.;
    M Josefa ( 1855), T d. N. N. Effinger, aus Rottweil/Neckar, k. k. Offizier, dann Tabakverleger in H.;
    Jägerndorf 1869 Flora (1840–1907), T d. Apothekers Joh. Spatzier u. d. Juliana Krumbholz;
    2 S.

  • Leben

    H. studierte seit 1859 klassische Philologie in Wien, vor allem bei Emanuel Hoffmann, Hermann Bonitz und Johannes Vahlen (1863 Lehramtsprüfung für Mittelschulen in Latein und Griechisch, 1864 Promotion). Nach einer Tätigkeit als Probekandidat und Supplent am Humanistischen Gymnasium in Wien (1865/66) habilitierte er sich 1866 in Wien mit der Arbeit „Kritische Beiträge zu Livius“ für klassische Philologie (1869, nach dem Weggang von|Bonitz, außerordentlicher, 1872 ordentlicher Professor). 1874 übernahm H. in der Nachfolge Vahlens zusammen mit K. Schenkl und Hoffmann die Direktion des philologischen Seminars und die Redaktion der „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“, als deren Supplement er 1879 die „Wiener Studien“ begründete und mitherausgab; er schuf damit auch für die Wiener klassische Philologie ein repräsentatives wissenschaftliches Organ. 1896 wurde er Sektionschef für die Hoch- und Mittelschulen im Ministerium für Kultus und Unterricht, 1899 im Kabinett des Graf Clary Leiter des Unterrichtsministeriums, 1900-05 wirklicher Unterrichtsminister in den Kabinetten Körber und Gautsch.

    H. begann als klassischer Philologe mit Arbeiten über Homer (1864/74), in denen er die sprachstatistische Methode anwandte. Der Gräzistik waren außerdem Arbeiten auf dem Gebiet der griechischen Staatsaltertümer (1877/79) und eine solche zu einem Papyrus aus der heutigen Sammlung Erzherzog Rainer gewidmet (1883); diese durch den Kaufmann Th. Graf nach Wien gebrachte Sammlung wurde nicht zuletzt durch H.s Bemühungen für Wien erhalten. H. war aber vor allem Latinist. Von Vahlen mit der Ausgabe Cyprians im „Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum“ betraut, legte er diese bis heute maßgebende Ausgabe 1868/71 in 3 Bänden vor. Nach Arbeiten zu Eutrop und Paulus Diaconus, die zu einer Ausgabe von Eutrops „Breviarium“ (1872) führten, war er seit 1875 Mitglied der Kommission der Wiener Akademie für die Herausgabe des „Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum“. Bereits 1875 übernahm er die redaktionelle Leitung dieses Unternehmens, seit 1891 stand er auch an der Spitze der Kommission. Selbst besorgte er die Ausgaben des Ennodius (1882), des Lucifer von Calaris (1886) und des Paulinus von Nola (1894), eine Arbeit, die auch in Abhandlungen zu diesen Autoren wie zu Tertullian (1880/95) ihren Niederschlag fand.

    H. zeigte schon früh auch organisatorische Fähigkeiten. Als Direktor der Hofbibliothek (1891–96) sorgte er für die 1. photographische Ausgabe der „Tabula Peutingeriana“ (1888) und veranstaltete gemeinsam mit F. Wickhoff eine Ausgabe der „Wiener Genesis“ (1895). H. hatte schon früh die mangelnde Abstimmung großer wissenschaftlicher Unternehmungen erfahren: seiner Ausgabe von Eutrops „Breviarium“ (1872) war 1879 die von H. Droysen in den MGH AA gefolgt, seiner Ausgabe des Ennodius im Corpus scriptorum ecclesiasticorum Latinorum (1882) die durch Fr. Vogel 1885 in den MGH AA. So war die Bildung eines Verbandes wissenschaftlicher Körperschaften eines seiner Hauptanliegen. Anläßlich der Vorbereitung der 42. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner (1893 Wien), deren Präsident er war, schlug er nach Rücksprache mit Th. Mommsen durch eine der Akademie 1892 vorgelegte Denkschrift ein akademisches Kartell innerhalb Österreichs und Deutschlands vor. Dieser auf H.s Anregung hin abgefaßte Entwurf der Statuten des Verbandes wissenschaftlicher Körperschaften wurde 1893 in Leipzig von den Delegierten der Akademien von Wien, München, Göttingen und Leipzig angenommen, während die Berliner Akademie erst 1906 formell beitrat, sich aber bereits von Anfang an an der Zusammenarbeit beteiligte. 1899 stimmte die Versammlung des Kartells der deutschen Akademien in München auf Grund von Anträgen H.s einer Bildung einer internationalen Assoziation der Akademien zu, der Voraussetzung zur Gründung der „Internationalen Assoziation der Akademien“ 1899 in Wiesbaden. An der ersten gemeinsam in Angriff genommenen Aufgabe in der klassischen Altertumswissenschaft, dem „Thesaurus linguae Latinae“, hat auch H. großen Anteil. Schon 1893 hatten in Berlin die Delegierten der Akademien von Berlin, Göttingen, Leipzig, München und Wien den von F. Buecheler und E. Wölfflin ausgearbeiteten Plan für einen Thesaurus linguae Latinae gebilligt und eine interakademische Kommission ins Leben gerufen, an deren erster Tagung 1894 in Göttingen H. bereits als Vertreter der Wiener Akademie teilnahm, deren Kommission für die Vorarbeiten zur Herausgabe eines „Thesaurus“ er seit ihrer Gründung 1893 angehörte. Seit 1903 war er ihr Obmann, später auch Präsident der interakademischen Thesauruskommission. Auf seine Anregung hin wurde 1897 auch die Kommission der Wiener Akademie für die Herausgabe der Bibliothekskataloge des Mittelalters geschaffen, deren Obmann er 1897-1902 war.

    H. war auch der Begründer des österreichischen Volksliedwerkes, er blieb der Mittelschule, nicht nur auf schulorganisatorischem Gebiet, zeit seines Lebens verbunden. Er war schon 1870 Mitglied der Prüfungskommission für das Gymnasiallehramt, 1883/89 Beisitzer des niederösterreichischen Landesschulrats und war maßgeblich an der Neubearbeitung der von Bonitz geschaffenen „Instruktionen für den Unterricht an den Gymnasien in Österreich“ (1884) beteiligt, deren Revision er 1900 als Unterrichtsminister veranlaßte. Er bearbeitete selbst die „Griechische Schulgrammatik“ von Georg Curtius (171888). Als Unterrichtsminister galt sein Interesse dem humanistischen Gymnasium wie auch dem Ausbau der Realschule und der Mädchenbildung. Auf dem Hochschulsektor schuf er eine neue Rigorosenordnung für die philosophische Fakultät, er setzte den Neubau der Kliniken durch, förderte besonders das Frauenstudium und erreichte die Gleichstellung der Technischen Hochschule und der Hochschule für Bodenkultur mit der Universität. Auch der Kunst seiner Zeit war er aufgeschlossen, er gründete die „Moderne Galerie“ und förderte die Sezession.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. Wien (1899 Vizepräs.), Berlin, Göttingen u. Madrid, Rektor d. Univ. Wien (1890/91), lebenslängl. Mitgl. d. österr. Herrenhauses (1891).

  • Werke

    Weitere W u. a. Homer. Stud. I-III, in: SB d. Wiener Ak. d. Wiss., phil.-hist. Kl., 68, 1871, S. 343-468, 76, 1874, S. 329-76, 78, 1874, S. 7-88;
    Eutropius u. Paulus Diaconus, ebd. 71, 1872, S. 227-310;
    Demosthen. Stud. I-II, ebd. 87, 1877, S. 1-66, 88, 1878, S. 365-498;
    Stud. üb. att. Staatsrecht u. Urkk.wesen I-III. ebd. 90, 1878, S. 543-624, 91, 1878, S. 101-94, 92, 1879, S. 87-196;
    Bibl. patrum Latinorum Hispaniensis, nach d. Aufzeichnungen G. Loewes, ebd. 111, 1886, S. 415-568, 112, 1886, S. 161-266, 113, 1886, S. 215-84;
    Patrist. Stud. I-VI, ebd. 120/6, 121/2, 6, 14, 1890, 132, 4, 7, 1895;
    Analecta (ad Ennodium), in: Wiener Stud. 2, 1880, S. 226-56, 3, 1881, S. 130-42;
    Zu Ennodius, ebd. 5, 1883, S. 154 f.;
    Ein griech. Papyrus aus d. J. 487 n. Chr., ebd. 5, 1883, S. 1-41;
    Lucifer v. Calaris u. s. Latein, in: Archiv f. lat. Lexikogr. 3, 1886, S. 1-58;
    Über d. griech. Papyri Erzhzg. Rainer, 1886;
    Über Aufgabe u. Ziele d. klass. Philol., Rektoratsrede, Wien 1890;
    Denkschr. betr. d. Bildung e. Verbandes wiss. Körperschaften, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. in Wien 43, 1893, S. 185-98;
    Die internat. Assoziation d. Akademien, in: Dt. Revue 31, 3, 1906, S. 267-83;
    Organisation d. wiss. Arb., in: Zs. f. d. österr. Gymnasien 58, 1907, S. 1-15.

  • Literatur

    Serta Harteliana, 1896 (P);
    J. v. Karabacek, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. in Wien 57, 1907, S. 347-49 (P);
    Zs. f. d. österr. Gymnasien 58, 1907, S. 193-216;
    A. Stitz, in: Österr. Mittelschule 21, 1907, S. 145-55;
    G. Marchet, in: Morgenbl. d. Neuen Freien Presse v. 15.1.1907;
    E. v. Körber, ebd. v. 19.1.1907;
    E. Wölfflin, in: Archiv f. lat. Lexikogr. 15, 1908, S. 295 f.;
    A. Engelbrecht, in: Bursian-Jberr. 141, 1908, Nekr., S. 75-107 (W);
    S. Frankfurter, W. v. H., 1912 (P);
    F. Vogel, Die schwierigen Anfänge d. Thesaurus linguae Lat., in: Bayer. Bll. f. d. Gymnasial-Schulwesen 66, 1930, S. 345-50;
    R. Meister, in: Gesch. d. Ak. d. Wiss. in Wien, 1947, S. 89, 115, 127-28, 132, 135, 317-18 (P);
    H. Haffter, Frdr. Ritschl an Karl Halm z. Thesaurus-Plan vor 100 J., in: Mus. Helveticum 16, 1959, S. 302-08;
    J. E. Sandys, A history of classical scholarship III, Cambridge 1958, S. 479 f.;
    BJ XII (Tl. 1907, L);
    ÖBL (W).

  • Portraits

    in: A. Gudemann, Imagines philologorum, 1911;
    Ölgem. v. J. Schmidt, etwa 1890 (Wien, Univ.);
    Denkmal v. H. Scholz, 1912 (ebd., Arkadenhof), Abb. b. S. Frankfurter, s. L.

  • Autor/in

    Gerhard Baader
  • Empfohlene Zitierweise

    Baader, Gerhard, "Hartel, Wilhelm Ritter von" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 707-709 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119035030.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA