Lebensdaten
1903 bis 1966
Geburtsort
Gleiwitz
Beruf/Funktion
kommunistischer Politiker ; Journalist
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118986341 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hardt, R. E. (Pseudonym)
  • Herrnstadt, Rudolf
  • Hardt, R. E. (Pseudonym)
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Zitierweise

Herrnstadt, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118986341.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Rechtsanwalt, soz.demokr. Stadtverordneter;
    M N. N.

  • Leben

    Bereits in seinem gutsituierten jüdischen Elternhaus kam H. mit der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berührung. Früh erwarb er polnisch und russisch Sprachkenntnisse. Nach begonnenem Jurastudium wandte sich H. dem Journalismus zu. Anfänglich bei einer Sportzeitung in Breslau beschäftigt, ging er 1928 zum „Berliner Tageblatt“, für das er nach längerer Tätigkeit in der Berliner Redaktion als Auslandskorrespondent in Prag und dann bis 1936 in Warschau arbeitete. 1929 trat er in die KPD ein, und Anfang der 30er Jahre nahm er mit Billigung seiner Partei Kontakt zum Sowjet. Geheimdienst auf. Für diesen war H. über ein Jahrzehnt vor allem in Warschau und nach der deutschen Besetzung Polens in Moskau tätig. Bekannt geworden sind vor allem seine Beziehungen zu Ilse Stöbe und Rudolf/Rudolph von Scheliha, die im September 1942 verhaftet und mit Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“ am 22.12.1942 hingerichtet wurden.

    Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde H. am 19.7.1943 zum Chefredakteur der Wochenzeitung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) „Freies Deutschland“ bestelllt und am 14.9.1943 zu dessen Mitglied gewählt. Als die Moskauer Emigrationsführung der KPD ihre Vorbereitungen für die Zeit nach der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands intensivierte und dafür beim Zentralkomitee am 6.2.1944 eine besondere Arbeitskommission einsetzte, gehörte H. zu deren Mitgliedern.

    Bereits im Mai 1945 kehrte H. nach Deutschland zurück, um das Erscheinen der „Berliner Zeitung“ (1. Ausgabe 21.5.1945) vorzubereiten und deren Redaktion zu übernehmen. Anfänglich von der Sowjet. Militäradministration, dann vom Magistrat von Groß-Berlin herausgegeben, bezeichnete sich die Zeitung als „überparteilich“. Ihre politische Haltung war jedoch eindeutig vom kommunistischen Verständnis des Antifaschismus geprägt, in den Auseinandersetzungen um den Zusammenschluß von KPD und SPD propagierte sie die Auffassungen der KPD.

    Die Verurteilung der jugoslaw. (kommunistischen) Partei 1948 beendete die erste Phase der Nachkriegsentwicklung im Sowjet. Einflußbereich. Die Zeit des „deutschen Sonderwegs zum Sozialismus“ war abgeschlossen. An seine Stelle trat die absolute Verbindlichkeit des sowjet Vorbildes. Im September 1948 griff H. erstmals in die innerparteiliche Diskussion um die Schaffung einer „Partei neuen Typus“, das heißt Umwandlung der SED in eine Partei nach dem Vorbild der KPdSU, ein. In seinem Aufsatz „Über, die Russen' und über uns“ (November 1948), forderte er zur vorbehaltlosen Anerkennung der Führungsrolle der Sowjetunion auf; die anschließenden Diskussionen machten den Namen H.s einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Im Zuge der Umstrukturierung der SED am 1.5.1949 als Chefredakteur des Zentralorgans der SED „Neues Deutschland“ eingesetzt, hat H. zu allen entscheidenden Fragen der Parteipolitik der nächsten Jahre das Wort ergriffen. Bedeutsam waren sein hervorragender Beitrag zur Herausbildung einer neuen Form der Parteipresse als Leitungsinstrument der Parteiführung, sein Einsatz für die stalinistisch geprägte Architektur der Stalinallee in Ostberlin sowie seine heftigen Attacken gegen alle Erscheinungen des Sozialdemokratismus In der Broschüre „Kollege Zschau und Kollege Brumme“ (1951) griff H. Probleme auf, die sich aus der Einführung Sowjet. Arbeitsmethoden in den volkseigenen Betrieben ergaben. Die Stellung, die er in der Partei inzwischen einnahm, fand ihren Ausdruck in seiner Wahl zum Mitglied des ZK und zum Kandidaten des Politbüros auf dem III. Parteitag der SED 1950.

    Die vorliegenden Informationen lassen erkennen, daß Teile der sowjet Führung nach Stalins Tod (im Zeichen des beginnenden Machtkampfes in der KPdSU und angesichts einer sich verschärfenden innenpolitischen Lage in der DDR Anfang 1953) von der Entwicklung in der DDR beunruhigt waren, außenpolitische Zuspitzungen in der Deutschlandfrage vermeiden wollten und möglicherweise sogar nach Wegen der Entspannung suchten. Zugleich gab es in den SED-Führungsgremien Kräfte, die eine Verlangsamung des Sozialisierungsprozesses sowie eine freiere Diskussion in der Partei anstrebten und mit Bedenken die zunehmende Vertiefung der deutschen Spaltung sahen. Die Einzelheiten des Zusammenspiels Sowjet. und deutscher Interessen liegen nach wie vor weitgehend im Dunkeln. Es kann aber angenommen werden, daß H. und Wilhelm Zaisser, Mitglied des Politbüros und Minister für Staatssicherheit, zumindest mit wohlwollender Duldung Sowjet. Stellen einen Plan zur Ablösung der bestehenden Parteiführung unter Ulbricht entwickelten, um damit die Voraussetzungen für einen innerparteilichen und innen- und außenpolitischen Kurswechsel zu schaffen. H. war nach dieser Konzeption als neuer 1. Sekretär des ZK der SED vorgesehen. Ein erster Erfolg schien sich abzuzeichnen, als am 9.6.1953 unter Sowjet. Druck ein Teil der Maßnahmen gegen die „bürgerlichen Restschichten“ rückgängig gemacht wurde. Die Verordnungen über die Erhöhung der Arbeitsnormen wurden jedoch erst am 16.6.1953 unter dem Einfluß der ersten Streikbewegungen in Berlin aufgehoben. Rückblickend scheint letztlich der Aufstand des 17. Juni die Führungsposition Ulbrichts gestärkt zu haben, da die Sowjet. Führung unter dem Eindruck der Unruhen jedes weitere Risiko vermeiden wollte. Mit der Verhaftung Berijas (10.7.1953 bekanntgegeben) hatte der erste Machtkampf in der Sowjet. Parteiführung seinen Abschluß gefunden. Auch das Schicksal der Zaisser-H.-Fraktion in der SED war damit besiegelt. H. ging am 26.7.1953 aller seiner Parteifunktionen verlustig, am 23.1.1954 wurde er aus der SED ausgeschlossen.

    Der Höhepunkt der Parteilaufbahn H.s war zugleich ihr Ende geworden. Er hatte sein Leben in den Dienst seines Glaubens an eine einheitliche, von der Sowjetunion geführte kommunistische Weltbewegung gestellt. Für die Zukunft blieb ihm ein weiteres unmittelbares Mittun in dieser Richtung versagt. H. zog sich erzwungenermaßen in das Deutsche Zentralarchiv, Abteilung Merseburg, zurück, um sich historischen Studien zu widmen. Er hat dort, ohne in seinen Grundüberzeugungen wankend geworden zu sein, eine Arbeit über den Kommunistenprozeß 1852 „Die Verschwörung gegen das internationale Proletariat“ (1958) und eine weitere über „Die Entdeckung der Klassen. Die Geschichte des Begriffs Klasse von den Anfängen bis zum Vorabend der Pariser Julirevolution 1830“ (1965) verfaßt. H. hat sich bis zu seinem Lebensende bemüht, den Anschluß an die gewandelte Erscheinung des Kommunismus zu finden.

  • Werke

    Weitere W Einige Lehren aus d. Fehlern d. Kommunist. Partei Jugoslawiens, in: Einheit, Theoret. Zs. d. wiss. Sozialismus 3, H. 9, 1948, S. 788 ff.;
    Gegen alle Erscheinungsformen d. Soz.demokratismus, Diskussionsrede auf d. 10. Tagung d. Zentralkomitees d. SED (20.-22.11.1952), ebd. 7, H. 12, 1952, S. 1331 ff.;
    Über „die Russen“ u. über uns, Diskussion üb. e. brennendes Thema, 1949;
    Diskussionsbtr. (4 Fragen z. Thema: Üb. d. „Russen“ u. üb. uns) auf d. 2. Kongreß d. Ges. z. Studium d. Kultur d. Sowjetunion, in: Die neue Ges., 1949, Sondernr., Kongreßber., S. 56 ff. (P);
    Die Erziehung d. Redakteure e. Presse v. neuem Typus, in: Unsere Presse - die schärfste Waffe d. Partei, Referate u. Diskussionsreden auf d. Pressekonferenz d. Parteivorstandes d. SED v. 9.-10.2.1950 in Berlin, 1950, S. 32 ff.;
    Diskussionsbtr. (Zu Fragen d. Pol. in Berlin, insbes. z. Architektur d. Stalinallee), in: Protokoll d. Verhh. d. II. Parteikonferenz d. Sozialist. Einheitspartei Dtld.s 9.-12.7.1952 zu Berlin, 1952, S. 363 ff.;
    Die Beine d. Hohenzollern, 1960 (unter Ps. R. E. Hardt).

  • Literatur

    Protokoll d. Verhh. d. III. Parteitages d. SED, 20.-24.7.1950 zu Berlin II, 4. u. 5. Verhandlungstag, 1951, S. 188 f.;
    Glückwunsch d. Zentralkomitees d. SED z. 50. Geb.tag d. Genossen R. H., (P), u. Zum 50. Geb.tag. R. H.s, in: Neues Dtld. v. 18.3.1953;
    Der neue Kurs u. d. Aufgaben d. Partei, 15. Tagung d. Zentralkomitees d. SED Dtld.s, 24.-26.7.1953, 1953;
    H. Matern, Die unerschütterl. Einheit u. Geschlossenheit d. Partei -Qu. ihrer Macht u. Siege!, Ber. d. Zentralen Parleikontrollkomm. auf d. IV. Parteitag d. SED, Berlin, 30.3.-6.4.1954, 1954;
    W. Leonhard, Die Rev. entläßt ihre Kinder, 1955;
    C. Stern, Ulbricht, Eine pol. Biogr., 1963;
    M. Boveri, Wir lügen alle, Eine Hauptstadtztg. unter Hitler, 1965;
    A. Baring, Der 17. Juni 1953, 1965;
    W. Martini, Dt. Spionage f. Moskau 1939–45, Meine Sekretärin d. Geheimagentin, in: Die Welt v. 15.10.1966;
    SBZ-Biogr., Ein biograph. Nachschlagebuch üb. d. Sowjet. Besatzungszone Dtld.s, hrsg. v. Bundesmin. f. gesamtdt. Fragen, 31964.

  • Autor/in

    Hartmut Zimmermann
  • Empfohlene Zitierweise

    Zimmermann, Hartmut, "Herrnstadt, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 693-695 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118986341.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA