Lebensdaten
1606 bis 1688
Geburtsort
Frankfurt/Main
Sterbeort
Nürnberg
Beruf/Funktion
Maler ; Kunsthistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118794396 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gemeinnützige, Der
  • Sandrard, Joachim
  • Sandrart auf Stockau, Joachim von
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Sandrart, Joachim von, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118794396.html [27.07.2016].

CC0

Sandrart, Joachim von (Reichsadel 1653)

Maler, Kunstschriftsteller, * 12.5.1606 Frankfurt/Main, 14.10.1688 Nürnberg, Nürnberg, Johannisfriedhof. (reformiert)

  • Genealogie

    V Laurentius (Lorenz) S. (1567-1629), Refugiant aus Mons (Bergen, Hennegau), seit etwa 1585 höchstbesteuerter Kaufm. in F., S d. Johann (1524–73) u. d. Juliana Pressa; M Ant(h)onetta ( 1656 ?), T d. Jakob de Bodeau u. d. Nicolette (Coletta) Le Grand; Urur-Gw Jean S. (1449-1509), Hptm. d. päpstl. Garde, erhielt 1500 d. päpstl. Lehen Lescaille u. Fay b. Mons; Ov Johann (1562–1627), seit 1585 in N.; Ur-Gvv Georg S. (1485-1577), Zinngießer in Mons; B Jakob (I.) (1600–39), Kaufm., zuletzt in Hamburg, Jonas ( 1696), Seefahrer in Amsterdam; Schw Antoinette ( Johann Caspar Fahren, lgfl. hess. Hptm.); – 1) Frankfurt/M. 1637 Johanna (um 1616–72), auf Stockau, zuletzt in Augsburg, T d. Philipp Milkau (Mulkeau) (1585–1644?), u. d. Susanna Mertens, 2) Nürnberg 1673 Esther Barbara (1651–1733), Kunstsammlerin, T d. Wilhelm Blomert (Blomaert, Bloemmart), Refugiant, Kaufm., Bankier in N.; kinderlos; N Jakob (II.) (s. 2); Gr-N Johann Jakob (s. 3).

  • Leben

    Nach ersten Zeichenübungen bei Sebastian Stosskopf (1597–1657) absolvierte S. 1620-|22 eine Stecherlehre bei Peter Isselburg ( 1630 ?) in Nürnberg. Nach kurzem Aufenthalt bei Aegidius Sadeler (1570–1629) in Prag folgte eine Malerlehre bei Gerard van Honthorst (1590–1656) in Utrecht, wo er 1627 Rubens traf: 1628 fuhr er mit seinem Meister an den engl. Hof. 1629 reiste S. über Venedig und Florenz nach Rom, wo er sich zunächst Domenichino anschloß und Kontakte sowohl zu Niederländern und Franzosen, besonders Claude Lorrain, Nicolas Poussin, Duquesnoy, Pieter van Laer, als auch zu Italienern, wie Pietro da Cortona, Sacchi, Testa, fand. Seit 1632 wohnte er im Palazzo Giustiniani, betreute die hochbedeutende Gemäldesammlung des Marchese Vincenzo und die Publikation seiner antiken Statuen. Die wenigen Gemälde dieser Zeit („Guter Samariter“, Mailand; „Tod Catos“, dat. 1633, Padua; „Tod Senecas“, ehem. Berlin) verbinden caravaggeske Elemente mit dem Streben nach strenger klassischer Komposition.

    1635 kehrte S. nach Frankfurt zurück und malte das imposante vollfigurige Bildnis des Bgm. Johann Maximilian zum Jungen (Frankfurt, Hist. Mus.). 1637 übersiedelte er nach Amsterdam, wo Verwandte (Michiel le Blon, Johann de Neufville) ihm bald Verbindungen zu den führenden patrizischen und literarischen Kreisen vermittelten. Es entstanden mehrere Bildnisse für die Familie Bicker (Amsterdam), die in ihrer Veredlung der bürgerlich holländ. Tradition durch Anregungen der höfischen Kunst van Dycks zur unmittelbaren Vorstufe der Porträtmalerei van der Helsts wurden. In den Entwürfen zu fünf Bildnisstichen von Vossius, Barlaeus, P. C. Hooft, Coster und Vondel variierte S. das humanistische Gelehrtenporträt; Entwürfe für Titelblätter, Erwähnungen in Briefen, mehrere Gedichte, v. a. von Vondel, lassen auf eine nähere Beziehung des Malers zu den Literaten schließen. 1641 reiste S. zu Kf. Maximilian von Bayern, malte ihn und seine Gemahlin (Repliken in Ambras, zahlreiche Kopien) und erhielt mehrere, in Amsterdam ausgeführte Aufträge, so die Serie von zwölf Monatsbildern für den Hauptsaal des Alten Schlosses Schleißheim. Kleinere Staffeleigemälde mit Mythologien nehmen eine Zwischenstellung zwischen dem Prärembrandtismus Lastmans und dem holländ. Klassizismus des späteren 17. Jh. ein.

    1645 kehrte S. nach Deutschland zurück und übernahm als Erbe die Hofmark Stockau bei Ingolstadt. Hier besuchte ihn 1646 Ehzg. Leopold Wilhelm, für den er eine besonders fein ausgeführte „Madonna mit Heiligen“ und eine Allegorie „Minerva und Saturn beschützen die Künste“ (beide Wien) malte. 1649/50 porträtierte S. in Nürnberg zahlreiche Teilnehmer des Friedensexekutionskongresses, so Kg. Carl X. Gustav von Schweden zu Pferd (Skokloster) und Octavio Piccolomini (Nachod). In einem großen Bild hielt er das Bankett zur Feier der Unterzeichnung des Friedensexekutionspräliminarrezesses fest (Nürnberg, Fembohaus). 1651-53 arbeitete S. für Ks. Ferdinand III. in Wien und Regensburg. Wiederum gipfeln die Einzelporträts in einem Gruppenbildnis, diesmal mythologischen Charakters: Nach einem Konzept Ferdinands wird die ksl. Familie in Form der olympischen Götterfamilie vorgestellt (überliefert in einem Stich van den Steens).

    Die Altarmalerei beherrschte als wichtigste Gattung im damaligen Deutschland von nun an auch die Produktion S.s. Nach kleineren Arbeiten u. a. für die Landshuter Jesuitenkirche (1644) und den Würzburger Dom (1647) zeigte er sich den hohen Anforderungen in der monumentalen „Kreuzigung“ für den Stephansdom (1652, jetzt Pfarrkirche Neulerchenfeld, Wien), einem ksl. Auftrag, erstmals ganz gewachsen. Eine Vorliebe für die erzählerisch expressive Auswertung künstlerischer Lichtquellen zeigen die „Enthauptung Johannis“(Bamberg, ehem. im Dom), das „Abendmahl“ (Linz, Stadtpfarrkirche) und die „Flucht nach Ägypten“ (Wien, Kirche am Hof). Den umfangreichsten Auftrag erhielt S. mit der Ausstattung der neuen Klosterkirche Lambach: 1655-61 lieferte er die Gemälde für den Hochaltar und die sechs Seitenaltäre. Im folgenden Jahrzehnt erreichte er in fünf monumentalen Hauptaltären den Höhepunkt seines Schaffens. Eine seelische Vertiefung der Figuren verbindet sich mit der sicheren Bewältigung komplexer Darstellungsprogramme, zu deren künstlerischer Durchdringung S. zunehmend die malerischen Errungenschaften der Venezianer verwendete (Hochaltar d. Eichstätter Walpurgiskirche, 1666; „Pfingstwunder“, 1669, Waldhausen, zerstört, erhalten d. Oberblatt „Jüngstes Gericht“; „Das wunderbare Eingreifen Kajetans bei d. Pest v. Neapel“, 1670, München, Theatinerkirche; „Himmlische Glorie“, 1671, Hochaltar d. Wiener Schottenkirche). Die letzten Altarblätter (Lambach, um 1680; Garsten, 1685) zeigen zunehmend klassizistische Tendenzen. 1670 verkaufte S. die Hofmark Stockau und übersiedelte nach Augsburg, Ende 1673 nach Nürnberg. In beiden Städten wurde er in den von ihm mitbegründeten Akademien tätig; v. a. schrieb er seine umfassende, reich illustrierte „Academia Todesca della Architectura, Scultura et Pittura: Oder Teutsche Academie der Edlen Bau-Bild- und Mahlerey-Künste …“ (Nürnberg 1675, sprachlich bearb. v. Sigmund v. Birken). In den Teilen über Architektur und Skulptur dominieren die zahlreichen Kupfertafeln mit alten und neuen röm. Gebäuden und beispielhaften antiken Skulpturen; die theoretischen Teile über die Malerei und die Viten der älteren Künstler fußen weitgehend auf Karel van Mander und Vasari. Bedeutend sind S.s Mitteilungen in den Viten der dt. und der zeitgenössischen Künstler, so daß die „Teutsche Academie“ bis Ende 18. Jh. das maßgebliche Handbuch im dt. Künstleratelier wurde und zugleich die wichtigste Quelle für Grünewald, Elsheimer, Liss und zahlreiche andere dt. Maler des 17. Jh., aber auch für das röm. Kunstleben um 1630, etwa die Frühzeit Claude Lorrains oder Pietro Testas. bildet. Ihr 2. Hauptteil (1679) hat stärker antiquarischen Charakter; angefügt ist eine Übersetzung von van Manders Bearbeitung der „Metamorphosen“ Ovids. 1680 folgte die illustrierte „Iconologia“ nach Cartari und 1683 eine lat. Übersetzung, die sich auf die Viten konzentriert. In separaten Publikationen wurden die Platten der Architektur- und der Skulpturteile ausgewertet und erweitert. Der 1675 und 1683 angefügte, breit schildernde Lebenslauf S.s bleibt die klassische Darstellung dieses in seiner Zeit berühmtesten dt. Malers und wichtigsten dt. Kunstschriftstellers zwischen Dürer und Winckelmann.|

  • Auszeichnungen

    Pfalz-neuburg. Rat (1645); Rr. v. San Marco (1683); Mitgl. d. Fruchtbringenden Ges. Nürnberg (1676).

  • Werke

    Der Teutschen Academie Zweyter und letzter Haupt-Teil, Von der Edlen Bau- Bild- und Mahlerey-Künste …, Nürnberg 1679;  Academia nobilissimae Artis pictoriae …, Nürnberg 1683;  A. R. Peltzer (Hg.), J. v. S.s Academie d. Bau-, Bild- u. Mahlerey-Künste, 1925;  Ch. Klemm, J. v. S., Kunst-Werke u. Lebens-Lauf, 1986 (Werkkat., P);  J. v. S., Teutsche Academie d. Bau-. Bild- u. Mahlerey-Künste, Nürnberg 1675-1680, in ursprüngl. Form neu gedr. mit e. Einl. v. Ch. Klemm, 1994;  Ausw. in: Bibl. d. Kunstlit., Bd. 1;  Renaissance u. Barock, 1995 (mit Kommentar v. Ch. Klemm), S. 349-638 u. 793-922.

  • Literatur

    J.-L. Sponsel, S.s Teutsche Academie, krit. gesichtet, 1896; P. Kutter, J. v. S. als Künstler, Nebst Versuch e. Kat. seiner noch vorhandenen Arbb., Diss. Straßburg 1907; W. Waetzoldt, Dt. Kunsthistoriker, I, 1921, S. 23-42; A. v. Schneider, Die Monatsbilder J. v. S.s im Schleissheimer Schloß, in: Der Cicerone 16, 1924, S. 225-31; A. R. Peltzer, S.-Studien, I, Eine unbek. Slg. v. Handzeichnungen S.s in d. Münchener Staatsbibl., II, Das Nachlaßinventar d. Nürnberger Kunstverlegers Johann Jacob v. S. v. 1698, in: Münchner Jb., NF 2, 1925, S. 103-65; F. Bohmert, J. v. S., „Teutsche Academie d. Bau-, Bild- u. Mahlereykünste“ 1675 u. 1679, Diss. Freiburg (Br.) 1949 (ungedr.); K. Gerstenberg, J. v. S., Deutscher u. Europäer, in: Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnberg 50, 1960, S. 352-73; L. Grote, in: Barock in Nürnberg, Ausst.kat. Nürnberg 1962, S. 10-21; Dt. Maler u. Zeichner d. 17. Jh., Ausst.kat. Berlin 1966, Nr. 73-80, 182-84; C. Krahmer, J. v. S., Peintre et historien d'art du dix-septième siècle, Diss. Paris 1966; Augsburger Barock, Ausst.kat. Augsburg 1968; N. Werner, J. v. S. u. Michel Angelo Immenraedt, Der ev. Bilderzyklus d. Unionskirche zu Idstein im Taunus, in: Gießener Btrr. z. Kunstgesch. 2, 1973, S. 171-241; F. Redenbacher, S.s Teutsche Academie, Kunstgesch. im Barockza., in: Jb. f. fränk. Landesforsch. 34/35, 1975, S. 309-23; A. Nicopoulos, Die Stellung J. v. S.s in d. europ. Kunsttheorie, Diss. Kiel 1976; G. Adriani, Dt. Malerei im 17. Jh., 1977; Ch. Klemm, S. à Rome, in: Gazette des Beaux-Arts, 6ème pér., XCIII, 1979, S. 153-66; ders., J. v. S. in Nürnberg, in: Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnberg 72, 1985, S. 136-46; ders., Sigmund v. Birken u. J. v. S., Zur Entstehung d. Teutschen Academie u. a. Beziehungen zw. Literat u. Maler, in: „Der Franken Rom“, Nürnbergs Blütezeit in d. zweiten Hälfte d. 17. Jh., hg. v. J. R. Paas, 1995, S. 289-313; J. v. S., Joost van den Vondel, Caspar Barlaeus, De maanden van het jaar, 1987; H. Neuhaus, Zw. Krieg u. Frieden, J. S.s Nürnberger Friedensmahl-Gem. v. 1649/50, in: Bilder erzählen Gesch., hg. v. H. Altrichter, 1995, S. 167-99; ThB; Frankfurter Biogr.; Stadtlex. Nürnberg; – zur Fam.:  H. Schöny, Wiener Künstlerahnen I, 1970, S. 30; – zu Johanna Milkau (Mulkeau): A. v. den Velden, J. v. S.s erste Ehefrau Johanna Mulkeau u. deren Fam., in: Frankfurter Bll. f. Fam.gesch. 1, 1908, S. 161 f.

  • Portraits

    Stiche in „Teutsche Academie …“, 1675 u. „Der Teutschen Academie Zweyter und letzter Haupt-Teil, …“, 1679 (Frontispizien); Selbstbildnis, 1644 (verloren), Werkstattkopie, Öl/Lwd. (Florenz, Uffizien).

  • Autor

    Christian Klemm
  • Empfohlene Zitierweise

    Klemm, Christian, "Sandrart, Joachim von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 425-427 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118794396.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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