• Genealogie

    V Isidor Bjelostozkij-Friedmann (1846–1933), Finanzfachmann in Riga;
    M Fanny Rachel Friedmann (1852–1912);
    1) 1898 Clara Hinrichsen (1875–1956) aus Riga, 2) 1956 Cecilia Hansen (* 1892) aus Kamenskaja/Ukraine, Geigerin;
    3 T aus 1).

  • Leben

    Nach Absolvierung des Gouvernementsgymnasiums in Riga (1883–90) widmete sich F. 15 Jahre lang (1891-1906) einem enzyklopädischen Studium an den Universitäten Dorpat, Heidelberg, Basel, Jena und Berlin sowie am Polytechnikum zu Riga. In Heidelberg 1897 zum Dr. iur. promoviert, verdiente er seinen Lebensunterhalt als angesehener Rechtsanwalt in Basel (1898–1902), Helsinki (1906–34) und London (1934–50); er war Rechtsberater des russischen Generalgouverneurs in Finnland, später der finnischen Regierung beim Völkerbundsrat in Genf, außerdem Rechtsberater bedeutender industrieller Unternehmen. Aufmerksamkeit und Anerkennung sind F. nicht nur für seine juristischen Abhandlungen zuteil geworden, sondern auch für biologische und physikalische, in denen er Darwins Selektionstheorie, De Vries' Mutationstheorie und Einsteins Relativitätstheorie durch eigene Auffassungen zu ersetzen sucht und die ihn in Gedankenaustausch und Briefwechsel mit Gelehrten (A. Einstein, M. Planck, H. Reichenbach, A. von Harnack, K. Heim, H. Plessner, O. Walzel und andere) gebracht haben. Ausgerüstet mit solidem|Wissen auf vielen Fachgebieten und erschüttert durch die Kriege und Verfolgungen des 20. Jahrhunderts, hat F. ein philosophisches System entworfen, welches Wissenschaft und Gesellschaft in normativen Wechselbezug bringen soll. Danach sind in allen Wissenschaften, von der Logik bis zur Historik, abbildartige („symbolische“) Hinweise auf Religion und Ethik enthalten, und zwar vor allem in ihrem formalen, zu prägnanten Gestalten drängenden („morphologischen“) Teil; um dies nachzuweisen, zerlegt F. jede Wissenschaft dual in einen dem Sehen zugeordneten („optischen“) und einen dem Tasten zugeordneten („haptischen“) Bereich; im Bemühen um eine Akzentverlagerung („Transformation“) vom „haptischen“ zum „optischen“ Bereich vollzieht F. zugleich den Übergang von wertfreier zu wertender Betrachtung. Von solchem Umdenken und nicht vom bloßen Umbau der Gesellschaft erhofft er Frieden, Gleichberechtigung, Zusammenarbeit aller Menschen („Koexistentialismus“). Trotz begeisterter Zustimmung seitens einzelner namhafter Philosophen hat F.s Werk bisher weder Nachfolge noch eingehende Kritik gefunden, nicht zuletzt wohl wegen seines spezialwissenschaftlichen, den Leser überfordernden Ballastes. F. erhielt in Helsinki (1931–34) einen Lehrauftrag für Philosophiegeschichte, in Heidelberg (1950–57) eine Honorarprofessur für Naturphilosophie. Seit 1946 Vorsitzender des 1934 in England entstandenen „PEN-Klubs deutscher Autoren im Auslande“, erwarb F. sich große Verdienste um die Wiedererrichtung des „PEN-Zentrums Deutschland“, das sich 1948 in Göttingen konstituierte und dessen Präsidium er angehörte. Nach der Spaltung in eine ost- und eine westdeutsche Gruppe, die sich gegen F.s Hoffnungen ergab, wurde er 1951 Ehrenpräsident des Deutschen PEN-Zentrums der Bundesrepublik.

  • Werke

    W u. a. Die unkörperliche Sache, 1900;
    Die Konvergenz d. Organismen, 1904;
    Über ein physikal. Endlichkeitsprinzip, 1905;
    Der erste Tag, Gedichte, 1906;
    Bemerkungen z. Relativitätstheorie, in: Öfversigt af Finska Vetenskaps-Societetens Förhandlingar, A, 55, Nr. 1, Helsingfors 1913;
    Über e. Prinzip, das dem Relativitätsprinzip äquivalent ist, ebd., Nr. 6;
    Zur Begründung d. Relativitätstheorie vermittelst d. Theorie d. Abbildungsfehler, ebd., Nr. 7;
    Die Welt d. Formen, 1925, 21930 (Hauptwerk);
    Wiss. u. Symbol, 1949;
    Sinnvolle Odyssee, 1950 (P, Autobiogr.);
    Epilegomena, 1954;
    Die Tragödie Gottes, Gedichte, 1937. – Hrsg. (mit Otto Mann): Dt. Lit. im 20. Jh., 1954, 21956;
    Christl. Dichter d. Gegenwart, 1955;
    Expressionismus, 1956.

  • Literatur

    Th. Haering, H. F., Die Welt d. Formen, in: Dt. Lit.ztg. 47, 1926, S. 1182-91;
    G. Roffenstein, H. F., Die Welt der Formen, in: Archiv f. d. ges. Psychol. 58, 1927, S. 464-66;
    F. Kuntze, Der morpholog. Idealismus, 1929;
    B. Bavink, Zurück zu Platon, in: Neue Jbb. f. Wiss. u. Jugendbildung 7, 1931, S. 466-77;
    E. R. Jaensch, Zur Auseinandersetzung mit H. F.s morpholog. Idealismus, in: Zs. f. Psychol. 120, 1931, S. 106-13;
    E. Hellwig, Lassen sich H. F.s morpholog. Begriffe auf Lyrik anwenden?, Diss. Bonn 1934;
    W. Böhm, H. F., Wiss. u. Symbol, in: Phil. Jb. 61, 1951, S. 229-40;
    A. Haas, H. F., Wiss. u. Symbol, in: Scholastik 26, 1951, S. 93-96;
    H. G. Gadamer, H. F., in: Ruperto-Carola 22, 1957, S. 11 f. (Nekr., P);
    H. Noack, H. F., Wiss. u. Symbol, in: Archiv f. Philos. 7, 1957, S. 142-55;
    M. Büttner, Haptik u. Optik, e. Unters, d. Philos. H. F.s, Diss. Göttingen (in Vorbereitung, mit ausführl. Bibliogr.).

  • Autor/in

    Manfried Büttner
  • Empfohlene Zitierweise

    Büttner, Manfried, "Friedmann, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 457 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118703153.html#ndbcontent

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