Wirnt von Grafenberg

Lebensdaten
erwähnt um 1212 , gestorben 1. Hälfte 13. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Dichter ; Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118633945 | OGND | VIAF: 95163769
Namensvarianten

  • Grafenberg, Wirnt von
  • Wirnt von Gravenberg
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Zitierweise

Wirnt von Grafenberg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118633945.html [20.01.2026].

CC0

  • Wirnt von Grafenberg (Gravenberg)

    |Verfasser des „Wigalois“, 13. Jahrhundert

  • Biographie

    W. nennt seinen Namen in dem einzigen von ihm überlieferten Roman zweimal, zu Beginn (V. 141) und gegen Ende (V. 10576). Von seiner Familie sind sonst nur zwei Namensträger bezeugt, „Sigehard“ und „Wirnto de Grevenberc“ (in e. Urk. d. Klosters Weißenohe b. Gräfenberg, 1172). Der Name W. scheint auf einen Leitnamen des fränk. Reichsrittergeschlechts hinzuweisen. W. muß eine gründliche Schulausbildung erhalten haben, denn er|war vertraut mit der (lat.) Bibel und antiken Mythologie; er kennt Ovids „Metamorphosen“, „Tristien“ und „Ars amatoria“, auch waren ihm die theologischen Debatten über die Würde des Sakraments und das Fegefeuer vertraut. In seinem „Wigalois“ erwähnt er seine Teilnahme beim Begräbnis eines Herzogs von Andechs-Meranien, was auf Berthold IV. ( 1204) zu beziehen ist. Aus dessen Familie dürfte auch der Mäzen stammen, denn nach den im Roman angelegten Hinweisen war die Hochzeit der Stauferin Beatrix ( 1231), der Erbin von Pfalz-Burgund, mit Otto VII. von Andechs ( 1234) am 21.6.1208 in Bamberg von W. dazu ausersehen, den Roman erstmals einem größeren Publikum vorzustellen.

    Die Untersuchung der ältesten handschriftlichen Überlieferung bestätigt die frühe Datierung in das zweite Jahrzehnt des 13. Jh. (Bertelsmeier-Kierst) und die Bekanntschaft des Autors mit den ersten sechs Büchern des „Parzival“ Wolframs von Eschenbach (Nellmann).

    W.s „Wigalois“ -Roman ist in 13 vollständigen und 25 fragmentarischen Handschriften breit überliefert. Im 15. Jh. erfuhr er durch Dietrich von Hopfgarten (Wigelis) und Ulrich Füetrer (Wigoleis) strophische Bearbeitungen bzw. eine anonyme Umarbeitung zum Prosaroman (Wigoleis vom Rade, Erstdr. 1493). Der „Wigalois“ steht in der Erzähltradition des „Schönen Unbekannten“, eines Ritters, der seinen Namen nicht weiß oder preisgibt. Eine Jungfrau in Begleitung eines Zwergs erscheint am Hofe von Kg. Artus und fordert Beistand für ihre Herrin. Der Held erbittet, dieses Abenteuer als Ritter der Tafelrunde bestehen zu dürfen. Die Aventiurefahrt mit anschließender Befreiung der Jungfrau aus dem Bann eines Magiers besteht aus einer Reihe von Bewährungskämpfen. Am Ende erweist sich der Unbekannte als naher Verwandter des Tafelrundenritters Gawein.

    Dem Erzählschema des „Wigalois“ folgt u. a. der franz. Roman „Le Bel Inconnu“ von Renaut de Bâgé (um 1200), der engl. „Lybeaus Desconus“ (2. Viertel 14. Jh.) und „Sir Gareth“ von Thomas Malory (um 1470); auch W. beruft sich auf eine ihm mündlich übermittelte franz. Quelle. Er fügt allerdings eine Vorgeschichte der Eltern, mit der Entführung Gaweins und seiner Vermählung mit Florie, der Kindheit und Jugend des Helden Wigalois hinzu. Nach Absolvierung des bekannten Aventiure-Zyklus bietet W. einen Kampf mit einem Drachen, zwei fast unüberwindlichen Monstern und einen harmlosen Endkampf mit dem Magier Roaz. An die Eheschließung mit der befreiten Jungfrau Larie und Krönung als Landesherr schließt sich sein siegreicher Feldzug im Orient an, auf den die strophischen und prosaischen Bearbeiter des Spätmittelalters verzichteten. Ein von W. in Aussicht gestellter Fortsetzungsroman mit dem Enkel Gaweins, Lifort Gawanides, wurde wohl nicht realisiert. W. gestaltete seinen Roman nicht nach dem anspruchsvollen Doppelweg-Schema des Chrétien de Troyes, knüpfte jedoch an die ethischen Diskussionen seiner Vorbilder Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach an.

  • Werke

    |Wigalois, Der Rr. mit d. Rade, hg. v. G. F. Benecke, 1819;
    Wigalois, hg. v. F. Pfeiffer, 1847;
    Wigalois, d. Rr. mit d. Rade, hg. v. J. M. N. Kapteyn, 1926;
    Wigalois, Text u. Übers., hg. v. S. u. U. Seelbach, 2005, ²2014 (Text n. Kapteyn);
    K. Klein, korr. v. B. Schirok, W. v. G., „Wigalois“, Überlfg., in: Hss.census (Internet).

  • Literatur

    |ADB 9;
    J. Heinzle, Über d. Aufbau d. „Wigalois“, in: Euphorion 67, 1973, S. 261–71;
    C. Cormeau, Wigalois u. Diu Crône, 1977;
    M. G. Scholz, Hören u. Lesen, Stud. z. primären Rezeption d. Lit. im 12. u. 13. Jh., 1980, S. 125–35;
    W. Haug, Über d. Schwierigkeiten d. Erzählens in „nachklass. Zeit“, in: Positionen d. Romans im späten MA, hg. v. dems. u. B. Wachinger, 1991, S. 338–65;
    K. Grubmüller, Artusroman u. Heilsbringerethos, Zum „Wigalois“ d. W. v. G., in: PBB 107, 1985, S. 218–39;
    N. Thomas, A German View of Camelot, W. v. G.’s Wigalois and Arthurian Tradition, 1987;
    C. Bertelsmeier-Kierst, Zur ältesten Überlfg. d. „Wigalois“ (I), in: ZDA 121, 1992, S. 275–90;
    dies., Zum Prozess d. ma. „Umschreibens“, ebd. 142, 2013, S. 452–75;
    E. Nellmann, „Parzival“ (Buch I-VI) u. „Wigalois“, Zur Frage d. Teilveröff. v. Wolframs Roman, ebd. 139, 2010, S. 135–52;
    H.-J. Schiewer, Prädestination u. Fiktionalität in W.s „Wigalois“, in: Fiktionalität im Artusroman, hg. v. V. Mertens u. a., 1993, S. 145–59;
    S. Fuchs-Jolie, Hybride Helden, Gwigalois u. Willehalm, 1997;
    J. Eming, Funktionswandel des Wunderbaren, 1999;
    F. Ringeler, Zur Konzeption d. Protagonistenidentität im dt. Artusroman um 1200, Aspekte e. Gattungspoetik, 2000, S. 201–24;
    C. Dietl, Fiktive Artuswelt u. Herrscherideal als Produkte v. Struktur u. Strukturbrechung im „Wigalois“ d. W. v. G., in: Text u. Welt, hg. v. C. Parry, 2002, S. 73–81;
    M. Wennerhold, Späte mhdt. Artusromane, „Lanzelet“, „Wigalois“, „Daniel vom Blühenden Tal“, „Diu Crône“, Bilanz d. Forsch., 2005;
    S. Wüstemann, Der Rr. mit d. Rad, Die „staete“ d. „Wigalois“ zw. Lit. u. Zeitgesch., 2006;
    Ch. Fasbender, Der „Wigelis“ Dietrichs v. Hopfgarten u. d. erzählende Lit. d. SpätMA im mitteldt. Raum, 2010;
    ders., Der „Wigalois“ W.s v. G., Eine Einf., 2010;
    S. Seelbach, Labiler Wegweiser, Stud. z. Kontingenzsemantik in d. erzählenden Lit. d. HochMA, 2010;
    dies., Buch im Exil, Zum mehrfachen Textanfang d. „Wigalois“ W.s v. G, in: Textanfänge, Konzepte u. Analysen aus linguist., lit.wiss. u. didakt. Perspektive, hg. v. U. Krieg-Holz u. C. Schütte, 2019, S. 231–50;
    LexMA;
    Vf.-Lex. MA² (W, L);
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    BBKL 34 (W, L).

  • Autor/in

    Ulrich Seelbach
  • Zitierweise

    Seelbach, Ulrich, "Wirnt von Grafenberg (Gravenberg)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 276-277 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118633945.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Grafenberg, Wirnt von

  • Biographie

    Grafenberg: Wirnt (d. h. Wisunt, Büffel) v. G., fränkischer Ritter, dessen Burg zwischen Nürnberg und Baireuth lag, hat in dem ersten Viertel des 13. Jahrhunderts, um 1212, eine Erzählung aus dem Artuskreise, deren Held Wigalois, der Sohn Gaweins, der Ritter mit dem Rade, ist, in deutschen Versen bearbeitet. Seine Quelle bildete der mündliche Bericht eines Knappen, der seinerseits aus einem französischen Romane schöpfte, zwar nicht aus dem uns erhaltenen „Bel inconnu“ des Renauld de Beaujeu, aber aus dessen Vorlage. Der „Wigalois“ war des deutschen Dichters erstes und wohl auch einziges Werk; denn obschon er am Schlusse desselben eine Darstellung der Thaten des Gawanides, Wigalois' Sohnes, für die Zukunft in Aussicht stellt, so darf es doch für sicher gelten, daß dieses weitere Gedicht nicht zu Stande kam. Das J. 1206 ist das einzige feste Datum aus Wirnt's Leben: in diesem wohnte er, wie er mittheilt, der Bestattung Herzog Bertholds IV. von Meran bei, an dessen Hofe er damals Page gewesen zu sein scheint. Die Art aber, wie Heinrich von dem Türlîn in seiner um 1220 gedichteten Krone V. 2938 ff. auf Wirnt anspielt, macht es glaublich, daß er zu dieser Zeit noch gelebt habe. Jedoch die Sage, er habe später einen Kreuzzug, also den von 1228, aus Reue über das weltliche Treiben seiner Jugend mitgemacht, eine Sage, welche Konrad von Würzburg in seinem Gedichte „Der Welt Lohn“ poetisch behandelte, beruht gewiß nur auf Folgerungen aus der Sinnesart, die sich im „Wigalois“ z. B. V. 11680 ff. ausspricht. Wirnt ist kein originaler Mensch und dessen sich sehr wohl bewußt. In der ersten Hälfte seines Werkes steht er besonders unter dem Einfluß Hartmanns von Aue, den er sowohl im Stil im Ganzen als in einzelnen Wendungen und Ausdrücken nachahmt. Später hat er Wolfram von Eschenbach kennen gelernt und es läßt sich ein ähnlicher Einfluß der sechs ersten Bücher des „Parcival“ auf die Schlußparthie des „Wigalois“ nachweisen. Außerdem zeigt sich intime Vertrautheit mit der geistlichen Dichtung: ihr hat Wirnt u. a. den Brauch entlehnt, den Schluß der ungleich großen Abschnitte, in welche er seine Erzählung gliederte, durch einen Dreireim zu bezeichnen. Aus der Poesie der Spielleute endlich hat er manche Anregung erhalten, ihr manches Sprichwort, manche Formel entlehnt. — Aber gerade diese Anspruchslosigkeit und Einfachheit, verbunden mit einem ernsten, auf das Edle gerichteten Sinne zeichnen Wirnt vor den meisten deutschen Poeten des 13. Jahrhunderts aus und gewinnen ihm unsere Theilnahme, wie sie ihm nach Ausweis der vielen Handschriften, in welchen sein — später in ein prosaisches Volksbuch umgesetzter — „Wigalois“ ganz oder theilweise erhalten ist, den Beifall seiner Zeitgenossen verschafften.

  • Literatur

    Wigalois, herausgegeben von G. F. Benecke, Berlin 1819; von F. Pfeiffer, Stuttgart 1847. Ueber die Unzulänglichkeit dieser Ausgaben vgl. Heinzel in der Zeitschrift für das deutsche Alterthum, 21, S. 145 ff., und Schönbach, Vorauer Bruchstücke des Wigalois, Graz 1877. Ueber die Quelle vgl. Kölbing in seinen Englischen Studien, 1 (1877) S. 166 ff. F. Pfeiffer im Anzeiger des Germanischen Museums, 1854, Sp. 31. R. Sprenger in der Germania, 20, S. 432 ff.

  • Autor/in

    Steinmeyer.
  • Zitierweise

    Steinmeyer, Elias von, "Grafenberg, Wirnt von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 562 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118633945.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA