Lebensdaten
1844 – 1918
Geburtsort
Hameln
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Alttestamentler ; Orientalist ; Theologe ; Philologe ; Historiker
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118630849 | OGND | VIAF: 81950780
Namensvarianten
  • Wellhausen, Julius Johannes
  • Wellhausen, Julius Johannes Friedrich Gustav
  • Wellhausen, Julius
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Wellhausen, Julius, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118630849.html [16.07.2024].

CC0

  • Genealogie

    V August (1808–61), Pastor, 2. Stadtpfarrer in H., S d. Johann Christoph (* 1771), Schneidermeister, Jagdzeugwärter in Linden b. Hannover, u. d. Maria Dorothea Schottel;
    M Sophie Dorothee verw. Sievers (1811–86), T d. Johann Friedrich Lahmeyer (1770–1850), Lehrer in Hannover, Organist, u. d. Justine Louise Dorothea Burghard (* 1785);
    Ov Julius Friedrich August (1801–73), Hofchirurg in Hannover, Om Gustav Lahmeyer (1827–1915), Dr. phil., klass. Philol., 1856 Konrektor in Lüneburg, 1866 Dir. in Lingen u. 1868 am Andreanum in Hildesheim, Provinzialschulrat in Schleswig u. Kassel, Ober- u. Geh. Reg.rat, D. theol. (Kiel 1899) (s. Pökel; DBJ I, Tl.);
    2 B (früh †), 1 Stief-Schw Sophie Theodore Sievers (1833–78);
    Greifswald 1875 Marie (1856–1925), T d. Heinrich Limpricht (1827–1909), Chemiker, 1854 ao. Prof. in G., 1860 o. Prof. in Greifswald, 1871 / 72 Rektor, 1887 Geh. Reg.rat, 1888 Mitgl. d. Leopoldina, Dr. med. h. c. (Greifswald 1865) (s. Biogr. Lex. Pommern I), u. d. Charlotte Murray (1832–1907);
    kinderlos;
    Cousine Marie (1841–1918, Friedrich Kaulbach, 1822–1903, Maler, 1856 Hofmaler in Hannover, Prof. an d. TH Hannover, ausw. Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Künste, s. BJ VIII, S. 86 u. Tl.; Lb. Kurhessen-Waldeck V, S. 186 f.; ThB; AKL; Hann. Professoren; NDB XI* u. XII*).

  • Biographie

    W.s elterliches Pfarrhaus war bestimmt durch orthodox-luth. Kirchlichkeit und welfisch-monarchische Staatstreue. W. wuchs in der eher ländlichen Atmosphäre Hamelns auf, erlangte aber im hann. Lyceum eine solide Gymnasialbildung, er las viel, mit Vorliebe Goethe, und erwog, mittelalterliche Literatur zu studieren. Dem Beispiel des Vaters folgend, absolvierte er aber in Göttingen ein Theologiestudium (1862–65), das allerdings schon im Anfang zu scheitern drohte: bereits die ersten Berührungen mit wiss. Theologie ließen seine angestammte Orthodoxie hinfällig werden; zu schulmäßiger Dogmatik gewann W. nie ein Verhältnis. Bei der Theologie hielt ihn ein lebhaftes Interesse an der Bibel, das der Orientalist und Exeget Heinrich Ewald (1803–75) durch seine Vorlesungen und seine „Geschichte des Volkes Israel“ in W. weckte. Die Lektüre der Bibel, voran des hebr. Alten Testaments und seiner griech. Übersetzung, der Septuaginta, wurde nun W.s Hauptbeschäftigung, auch als er 1865–67 Hauslehrer in Hannover war, wo er den Zusammenbruch des welf. Königtums aus nächster Nähe erlebte und entschieden auf die preuß. Seite trat. Wieder in Göttingen, gewann er als Repetent am Theol. Stift erste Erfahrungen in akademischer Lehre, vervollkommnete bei Ewald seine orientalistische Ausbildung, promovierte und habilitierte sich 1870 für alttestamentliche Theologie, allerdings ohne die Mitwirkung Ewalds, den die Regierung seines Amtes entsetzt hatte und der seinem Lieblingsschüler übelnahm, daß er in seiner Sicht auf die Geschichte des alten Israel andere Wege ging als er.

    1872 wurde W. als Professor nach Greifswald berufen. Hier formulierte er seine Sichtweise, die im Kern die historische Stellung des „mosaischen Gesetzes“ betraf. Seit Beginn des 19. Jh. hatte eine Reihe von Gelehrten wie Martin Leberecht de Wette, Eduard Reuß, Wilhelm Vatke, Karl Heinrich Graf und Abraham Kuenen die Meinung vertreten, daß dieses Gesetz nicht am Anfang der Geschichte des alten Israel stehe, sondern am Anfang der Geschichte des Judentums. Wegen ihres umwälzenden Charakters war diese Meinung um 1870 noch nicht durchgedrungen. W. führte sie zum Sieg, indem er nicht nur das Gesetz als solches, sondern die gesamte historiographische Überlieferung innerhalb des Alten Testaments analysierte (Composition …, 1876 / 77; Einleitung …, 1878) und mittels eindringender historischer Kritik in eine literatur- und religionsgeschichtliche Folge brachte (Geschichte …, 1878). Dabei stellte sich viel mehr als „jüdisch“ heraus, was man bisher als „israelitisch“ betrachtet hatte, aber auch die verbliebenen „israelitischen“ Texte und damit das „vorgesetzliche“ Israel erschien in neuem Licht. Die aus Analyse und Kritik folgende Synthese, zunächst als zweiter Band der „Geschichte Israels“ von 1878 geplant und 1880 in einer Broschüre vorläufig skizziert, erschien erst 1894 als „Israelitische und jüdische Geschichte“ (⁷1914, 102010), nachdem sich W. ein genaueres Bild des biblischen Judentums gemacht hatte. Das glänzend geschriebene Buch fand weite Verbreitung und erlebte noch zu W.s Lebzeiten 7 Auflagen. Keineswegs ‚sine ira et studio‘ verfaßt, schließt es sich in der Reihe der großen dt. Geschichtswerke des 19. Jh. an Mommsen, nicht an Ranke an. Um es zu diskreditieren, sagte man ihm zu Unrecht Hegelianismus nach. W.s Sympathie gehört auch hier den Ursprungszeiten und einem freiheitlichen Individualismus im Widerspiel mit Gesetz und Institution.

    W. selbst brachte sein Individualismus in eine so prinzipielle Opposition zur Kirche, daß er sich nach wenigen Jahren nicht mehr imstande sah, als Theologieprofessor Pfarrer auszubilden. Daher gab er seinen Lehrstuhl auf, um fortan in der phil. Fakultät semitische Sprachen zu lehren, als Extraordinarius 1882–85 in Halle, als Ordinarius 1885–92 in Marburg und 1892–1913 in Göttingen.

    In seiner Forschungsarbeit trat nun das vor- und frühislamische Arabien in den Vordergrund. W. edierte und übersetzte, stellte die „religiösen Antiquitäten“ des altarabischen „Heidentums“ zusammen und beschrieb die damalige Gesellschaft als „Gemeinwesen ohne Obrigkeit“. An Muhammed interessierte ihn der Politiker mehr als der Prophet, und der Geschichte der ummajadischen Dynastie widmete er, einen riesigen Quellenbestand zum ersten Mal kritisch erschließend, seinen zweiten historiographischen Klassiker: „Das arabische Reich und sein Sturz“ (1902, ²1960).

    W. publizierte weiterhin Arbeiten zum Neuen Testament, die seit 1903 in rascher Folge erschienen. Schon die „Israelitische und jüdische Geschichte“ zielte auf das Evangelium, und W. untersuchte nun, seine Erfahrungen mit dem Alten Testament nutzend und weiterführend, die Evangelien und die Apostelgeschichte text- und literarkritisch und auf ihre historische Aussagekraft. Das Ergebnis war ernüchternd: wir können zu Jesus von Nazareth nicht zurückgelangen. Aber der Satz blieb: „Jesus war kein Christ, sondern Jude“ (Einleitung in die drei ersten Evangelien 2, 1905, ²1911, S. 102).

    Obwohl W. politische und gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam verfolgte, hielt er sich in den akademischen Geschäften zurück, legte keinen Wert auf Bildung einer Schule und tat nichts, um in die Breite zu wirken. Trotzdem blieb er in seinen drei Disziplinen ein Klassiker, der die Forschung immer wieder überrascht und anregt.

  • Auszeichnungen

    |D. theol. h. c. (Göttingen 1872);
    Dr. phil. h. c. (Greifswald 1882);
    Dr. iur. h. c. (Greifswald 1906);
    o. Mitgl. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen (1892, Ehrenmitgl. 1903);
    korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. zu Berlin (1900);
    Ehrenmitgl. d. Soc. of Biblical Literature (1914);
    – Roter Adlerorden (4. Kl., 1889);
    Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1901);
    preuß. Kronenorden (3. Kl., 1906, 2. Kl., 1913);
    Geh. Reg.rat (1899).

  • Werke

    W u. a. De gentibus et familiis Judaeis, Diss. theol. Göttingen 1870;
    Der Text d. Bücher Samuelis, 1871;
    Die Pharisäer u. d. Sadducäer, 1874;
    Die Composition des Hexateuchs, in: Jb. f. Dt. Theol. 21, 1876, S. 392–450 u. 22, 1877, S. 407–79;
    Friedrich Bleek, Einl. in d. AT, ⁴1878 (Bearb.);
    Gesch. Israels, 1. Bd., 1878;
    Gesch. Israels (Privatdr. 1880);
    Art. Israel, in: Enc. Brit. 13, ⁹1881, S. 396–431;
    Muhammed in Medina, 1882;
    Prolegomena z. Gesch. Israels, ²1883, ⁶1905 (Neudr. zuletzt 2001);
    Skizzen u. Vorarbb. I– VI, 1884–99;
    Reste arab. Heidentumes, 1887, ²1897;
    Isr. u. jüd. Gesch., 1894, ⁷1914 (= 102004);
    Ein Gemeinwesen ohne Obrigkeit, 1900;
    Die rel.-pol. Oppositionsparteien im alten Islam, 1901, hg. v. E. Ellinger, 2010;
    Das arab. Reich u. sein Sturz, 1902, ²1960;
    Das Evangelium Marci, 1903, ²1909;
    Das Evangelium Matthaei, 1904, ²1914;
    Das Evangelium Lucae, 1904;
    Einl. in d. drei ersten Evangelien, 1905, ²1911;
    Das Evangelium Johannis, 1908;
    Krit. Analyse d. Apostelgesch., 1914;
    – Evangelienkommentare, 1987 (= Nachdr. d. Schrr. 1903–14);
    Qu Briefe, hg. v. R. Smend in Zus.arb. mit P. Porzig u. R. Müller, 2013 (Bibliogr., Beill., P).

  • Literatur

    |C. H. Becker, in: ders., Islamstudien II, 1932, S. 474–80;
    Ed. Schwartz, in: Vergangene Gegenwärtigkeiten, Gesammelte Schrr. I, 1938, ²1962, S. 43–73;
    Fr. Boschwitz, J. W., Motive u. Maßstäbe seiner Gesch.schreibung (1938), 1968;
    L. Perlitt, Vatke u. W., 1965;
    D. A. Knight (Hg.), J. W. and His „Prolegomena to the History of Israel“, 1983;
    R. Smend, J. W., Ein Bahnbrecher in drei Disziplinen, 2006 (P);
    H. Spieckermann, Exeget. Individualismus, J. W. 1844–1918, in: F. W. Graf (Hg.), Profile d. neuzeitl. Protestantismus II / 2, 1993, S. 231–50;
    BBKL 19;
    Kosch, Lit.-Lex.³;
    Killy;
    RGG⁴;
    Enc. Iranica;
    R. Gr. Kratz, in: TRE 35 (L).

  • Porträts

    |Photogrr. (Niedersächs. Staats- u. Univ.bibl. Göttingen, Hss.abt.;
    Univ.archiv Göttingen).

  • Autor/in

    Rudolf Smend
  • Zitierweise

    Smend, Rudolf, "Wellhausen, Julius" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 742-744 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118630849.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA