Lebensdaten
vermutlich 1607 bis 1655
Beruf/Funktion
Organist und Stadtpfeifer in Nürnberg ; Komponist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118616536 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Staden, Sigmund Gottlieb (oder)
  • Staden, Sigmund Theophilus (oder)
  • Staden, Sigismund Theophil
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Zitierweise

Staden, Sigismund Theophil, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616536.html [20.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johann (s. 1);
    M Walpurg Reißner;
    1) 1628 Susanna (1604–50), T d. Caspar Nürnberger (* 1565), u. d. Maria Heffner, 2) 1651 Susanna Maria (* 1606, 1] Hans Seitz), T d. Hans Schmid, Apotheker in N., u. d. Maria N. N.;
    3 S aus 1), 5 T aus 1) u. a. Anna Katharina (* 1639, Gottfried Händel, 1635/44–98, Gen.sup. in Ansbach, s. ADB X);
    E Christoph Christian Händel (1671–1734), Hofprediger, Gen.sup. in Ansbach (s. NDB VII).

  • Leben

    Nach einem Bericht seines Vaters von 1626 zeigte S. schon früh großes Interesse für die Musik, insbesondere für das Violinspiel. Mit Unterstützung des Nürnberger Rats lernte er 1621–22 bei dem Augsburger Stadtmusiker Jakob Baumann und diente seitdem als Stadtmusikant (seit 1627 auf einer Planstelle). 1627 bildete er sich bei Walter Rowe in Berlin auf der Viola bastarda fort. Das Revirement nach dem Tod seines Vaters brachte ihn überdies an die Orgel von St. Lorenz, so daß S. seit 1634 der meistbeschäftigte und bestbezahlte Nürnberger Musiker seiner Zeit war. Mit S. beginnt die mehrere Jahrzehnte andauernde und verhältnismäßig umfangreiche Reihe der Nürnberger Funeralmusikkompositionen.

    Im poetisch-musikalischen Leben Nürnbergs spielte S. eine prominente Rolle. 1643 konzipierte er zusammen mit Johann Michael Dilherr (1604–69) unter dem Titel „Entwerffung deß Anfangs, Fortgangs, Enderungen, Brauchs vnnd Mißbrauchs der Edlen Music“ einen mit verschiedenartigen Musikeinlagen durchsetzten Vortrag, der der Nachwelt als „Historisches Konzert“ im Gedächtnis blieb und 1650 wiederholt wurde. Die Musik hierzu ist weitgehend verloren, wie auch jene, die S. zu den rhetorischen Schulactus verfaßte, die Johann Klaj 1644–50 im Auditorium publicum des Egidiengymnasiums abhielt. Erhalten sind hingegen S.s Beiträge zu Georg Philipp Harsdörffers „Frawen-Zimmer Gesprächs-Spielen“ (1641–49). Unter diesen ragt das „geistliche Waldgedicht“ „Seelewig“ (1644) heraus, der Versuch einer Übertragung früher ital. musiktheatralischer Formen ins Milieu akademischer Sprachübung. S.s hierzu komponierte Musik, wiewohl insgesamt schlicht gestaltet, läßt Ansätze zur individuellen Charakterisierung der Personen erkennen, ja sogar, mit einem Choralzitat, zur Einarbeitung dt. Traditionen. „Seelewig“ gilt als die älteste erhaltene dt. Oper. Schließlich spielte S. bei zu den großen Friedensfeierlichkeiten von 1649/50 eine führende Rolle; er leitete die mit über 40 Musikern besetzte Musik zum Friedensbankett und steuerte hierzu seine „Friedens-Gesänger“ bei. Im musikhistorischen Urteil wird allerdings S.s Nürnberger Zeitgenossen Johann Erasmus Kindermann (1616–55) die größere Bedeutung zugesprochen.

  • Werke

    Rudimentum Musicum, Das ist: Kurtze Unterweisung deß Singens, für die liebe Jugend, 1636, 31648, 41663;
    15 Begräbnis-Lieder, 1637–58;
    Seelen-Music (Geistliche Lieder, I, 1644;
    Kompositionen v. II, 1648, erhalten in Ch. Huber, Geistl. Seelen-Music, 1682 u. später);
    Btrr. zu G. Ph. Harsdörffer, Frauenzimmer Gesprächsspiele: I–V, VII;
    über 30 weitere geistl. Lieder in versch. Slgg.;
    Musical. Friedens-Gesänger, 1651;
    um eigene u. Sätze v. Johann S. vermehrte Neuausg. v. H. L. Haßler, Kirchen Gesäng: Psalmen u. geistl. Lieder, 1637;
    Officium organicum, 1651 (Ms.);
    Poet. Vorstellung d. ird. u. himml. Musik (. . .), 1658.

  • Literatur

    ADB 35;
    G. A. Will, Nürnberg. Gel.-Lex., 1755–58;
    Suppl. v. C. C. Nopitsch, 1802–08;
    R. Eitner, Das älteste bekannte dt. Singspiel Seelewig (. . .), Neue Ausg., in: Mhh. f. Musikgesch. 13, 1881, S. 53–147;
    H. Druener, S. T. S. 1607–1655, Ein Btr. z. Erforsch. v. Leben u. Werk, Diss. Bonn 1942;
    H. Samuel, The Cantata in Nürnberg During the 17th Century, 1982, S. 56–66 u. 496–514 (W, P);
    J. Haar, The Tugendsterne of Harsdörffer and S., 1965;
    G. Ph. Harsdörffer, Frauenzimmer Gesprächspiele, Faks.-Ausg., hg. v. I. Böttcher, 1968/69;
    W. Dupont, Werkausgg. Nürnberger Komp., 1971, S. 297–303;
    P. Keller, New light on the Tugendsterne of Harsdörffer and S., in: Musica Disciplina 25, 1971, S. 223–27;
    ders., Die Oper Seelewig v. S. T. S. u. G. Ph. Harsdörffer, Diss. Univ. Zürich 1972;
    H. Harrassowitz, Gesch. d. Kirchenmusik an St. Lorenz in Nürnberg, 21988, S. 96–103 (P);
    ders., Das Hist. Konzert v. 31. Mai 1643, in: Mitt. d. Ver. f. Gesch. d. Stadt Nürnberg 75, 1988, S. 61–75;
    ders., Das Nürnberger Friedensmahl am 25. Sept. 1649, Die Festmusik, ebd., S. 83–93;
    St. Hanheide, Kompositionen z. Westfäl. Frieden, in: 1648, Krieg u. Frieden in Europa, II: Kunst u. Kultur, 1998, S. 449–57;
    M. Paul, Reichsstadt u. Schausp., Theatrale Kunst im Nürnberg d. 17. Jh., 2002;
    D. Brugière-Zeiß, Seelewig de G. Ph. Harsdörffer et S. T. S. (1644), un opéra?, 2003;
    W. Braun, Thöne u. Melodeyen, Arien u. Canzonetten, Zur Musik d. dt. Barockliedes, 2004, S. 280–83;
    S. Leopold, Die Oper im 17. Jh., 2004, S. 248–57;
    Riemann;
    MGG (P);
    MGG2;
    New Grove (P);
    New Grove2 (P).

  • Portraits

    P Kupf. v. J. Sandrart nach e. Gem. v. M. Herr, 1669, Abb. in MGG;
    New Grove;
    New Grove2.

  • Autor/in

    Thomas Röder
  • Empfohlene Zitierweise

    Röder, Thomas, "Staden, Sigismund Theophil" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 783-784 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616536.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Staden: Sigmund Gottlieb oder Theophilus S., ein Sohn Johann's, soll 1607 in Nürnberg geboren sein; da aber sein Vater zur Zeit in Kulmbach lebte, so kann doch Sigmund wohl nur dort geboren sein. Sein Tod erfolgte um 1655 in Nürnberg. Sicheres über sein Leben ist bis jetzt noch nicht zu Tage gekommen. Nur das Eine ist gewiß, daß nach Johann's Tode der Organist Dretzel sein Nachfolger an St. Sebald wurde und St. den dadurch an St. Lorenz erledigten Organistenposten erhielt. Das war ums Jahr 1634. Daß er denselben Posten noch 1644 bekleidete, bestätigt ein vierstimmiges geistliches Liederbuch „Seelen-Music, erster Theil“, welches in diesem Jahre in Nürnberg erschien. St. ist uns von ganz besonderem Interesse durch ein Singspiel, eine kleine Oper, welche er im Auftrage Harsdörffer's componirte, in dessen „Gesprechspielen“ im 4. Theile 1644 sie Aufnahme fand. Ein Neudruck mit ausgesetztem Generalbaß erschien 1881 im 13. Bande der Monatshefte für Musikgeschichte. Dieses Singspiel ist der bis jetzt älteste Versuch eines Deutschen, die Oper der Italiener nach Deutschland zu verpflanzen. Man erkennt die Selbständigkeit des Componisten, der nicht sklavisch sich an seine Vorbilder anschließt, sondern eigene Wege geht, muß aber auch wieder gestehen, daß er das Wesen der italienischen|Oper in keiner Weise erfaßt hat. Der Italiener war gerade im Recitativ bedeutend, und lyrische Stellen ließ er nur eintreten, wo ihn der Text dazu veranlaßte. Erst weit später verknöcherte er in der Form, als das virtuose Arienwesen alles Andere überwucherte. Staden's Recitativ dagegen ist kein rechtes Recitativ, sondern besteht in liederartigen Ergüssen. Hin und wieder nimmt er zwar einen Anlauf zum Recitativ, doch lange dauert es nicht, bis er sich wieder im lyrischen Stile befindet. Schon daß St. größtentheils das Strophenlied benützt, ist ein Beweis der geringen Erkenntniß des eigentlichen Wesens der Oper. Außerdem ist Staden's Erfindungsgabe nur gering, und so bleibt uns von seiner Oper nur der Beweis, daß diese Form dem Deutschen vorläufig noch verschlossen blieb. Man sieht auch, daß sich der Deutsche danach gar nicht drängte, und erst durch Reinhard Keiser's geniale Schöpfungen wurde ihm die Lust eröffnet, seine Kräfte auch darin zu versuchen. Bis jetzt kennen wir aber nur noch einen Componisten, der sich mit Keiser und allen Italienern messen konnte, und das ist der braunschweigische Capellmeister Schürmann, ein Zeitgenosse Keiser's (vgl. A. D. B. XXXIII, 94 und die Oper Ludwig der Fromme im 17. Bde. der Publicationen der Gesellschaft für Musikforschung). Alle übrigen deutschen Operncomponisten schlossen sich so sklavisch an die Italiener an, daß sie ihre deutsche Empfindungsart vollständig opferten und um zu gefallen, italienische Opern schrieben! (Hasse und Graun.) — St. hat noch mehreres hinterlassen und zwar außer 17 Liedern im 2. bis 4. Theil des oben genannten Harsdörffer'schen Werkes noch das theatralische Stück: „Der sieben Tugenden Planeten, Töne oder Stimmen“ im 5. Theile. Ferner befinden sich in Rist's Neuen himmlischen Liedern zehn von St. componirte. Koch in seiner Geschichte des Kirchenliedes IV, 116 sagt, daß seine geistlichen Melodien verwälscht seien. Winterfeld geht gerade auf die Rist'schen geistlichen Lieder in seinem evangelischen Kirchengefange II, 378 sehr ausführlich ein und theilt auch in der Beilage eines derselben mit. Koch's Urtheil muß hiernach als völlig verfehlt angesehen werden, denn die Lieder sind von einer so echt deutschen Einfachheit, daß man an eine Verwälschung in keiner Weise erinnert wird. Man wünschte aber, daß sie sich ein klein wenig über das Niveau des Alltäglichen erheben möchten. Staden's geistliche Melodien haben sich aus diesem Grunde auch nie verbleitet, noch Aufnahme in Gesangbücher gefunden. Ein größeres Verdienst erwarb er sich durch die Neuausgabe von Hans Leo Haßler's „Kirchen Gesang: Psalmen und geistliche Lieder“, Nürnberg bei Dümler, 1637 (kgl. Bibl. Berlin). St. hat mehrfach geändert, das Fünfstimmige nicht gerade zu seinem Vortheile vierstimmig gesetzt und die zwei achtstimmigen ganz weggelassen. Dafür hat er fünf Lieder eigener Composition hinzugefügt und elf von seinem Vater Johann St. Winterfeld sagt über dieselben: Die Tonsätze sind rein, angemessen, aber nicht ausgezeichnet und denen Haßler's auf keine Weise zu vergleichen.

  • Autor/in

    Rob. Eitner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Eitner, Robert, "Staden, Sigismund Theophil" in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 367-368 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616536.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA