Lebensdaten
1808 bis 1861
Geburtsort
Leipzig
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Arzt ; Orthopäde ; Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118610678 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schreber, Daniel Gottlieb Moritz
  • Schreber, Moritz
  • Schreber, Daniel Gottlieb Moritz
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Zitierweise

Schreber, Moritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118610678.html [18.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Gotthilf Daniel (1754–1837), RA, Notar in L., S d. Daniel Gottfried (1708–77), Jurist (s. Gen. 1);
    M Friederike Karoline Grosse (1780–1846);
    Ov Johann Christian Daniel Edler v. S. (s. 1);
    Leipzig 1838 Louise Henriette Pauline (1815–1907), T d. Wilhelm Andreas Haase (1784–1837), aus L., o. Prof. d. Therapie u. Arzneimittellehre in L., Mitgl. d. sächs. Fürstenkollegiums (s. Meusel, Gelehrter Teutschland 14, 1810, 18, 1821 u. 22/2, 1831; NND), u. d. Juliana Emilia Wenck (1789–1841), aus Gutsbes.fam.;
    2 S Daniel Gustav (1839–77 Freitod), studierte Naturwiss., Dr. phil., Jur., Kgl. Ger.rat in Bautzen, Daniel Paul (1842–1911, ⚭ Ottilie Sabine Behr, 1857–1912, T d. Heinrich Behr, 1821–97, Theaterdir., Sänger, Schausp., Regisseur in L., s. ADB 46; BJ II; NDB 19*), Dr. iur., Richter, Landger.dir. in Chemnitz u. L., Landger.präs. in Freiberg (Sachsen), Senatspräs. d. Oberlandesger. in Dresden, Kandidat d. kons. u. nat.lib. Ver. f. d. Wahlhez. Chemnitz b. d. RTwahlen 1884, Vf. d. Aufsehen erregenden Autobiogr. „Denkwürdigkeiten e. Nervenkranken“ (1903), worin er seine Erlebnisse u. Wahrnehmungen während d. Aufenthalte in psychiatr. Anstalten d. Kgr. Sachsen beschreibt;
    3 T.

  • Leben

    Nach dem Abitur an der Leipziger Thomas-Schule 1826 nahm S. ein Medizinstudium an der Univ. Leipzig auf, wo er u. a. Vorlesungen bei seinem späteren Schwiegervater Wilhelm Andreas Haase, bei Christian Friedrich Schwägrichen und bei Ernst Heinrich Weber besuchte. Nach dem Studienabschluß 1831 war er an mehreren Krankenhäusern als Assistent tätig und wurde 1833 bei Weber zum Dr. med. promoviert. Im selben Jahr begleitete S. als Leibarzt einen russ. Adeligen auf Bäderreisen durch Deutschland und Rußland, bis er sich im Herbst 1836 als praktischer Arzt in Leipzig niederließ. Zusätzlich arbeitete er als Privatdozent für Innere Medizin und Heilmittellehre an der dortigen Universität. 1844 wurde er Besitzer und ärztlicher Direktor der von Ernst August Carus (1797–1854) in Leipzig gegründeten orthopädischen und heilgymnastischen Anstalt. Um sich verstärkt seinen Plänen zur Reform des Erziehungs- und Schulwesens widmen zu können, verkaufte S. seine Klinik zwei Jahre vor seinem Tod an seinen Nachfolger Carl Hermann Schildbach (1824–88). In der Tradition Friedrich Ludwig Jahns (1778–1852) und Ernst Wilhelm Bernhard Eiselens (1792–1846) engagierte er sich für die Verbreitung des Turnens und gründete u. a. 1845 mit Friedrich Karl Biedermann (1812–1901) den ersten Leipziger Turnverein (Vors. 1846–51, Ehrenmitgl. seit 1856). Seit 1840 Mitglied der Kommunalgarde, gehörte er 1846-51 auch dem Leipziger Magistrat als Vertreter des von Biedermann geführten gemäßigt liberalen Flügels an.

    Bereits zu Lebzeiten erlangte S. als Arzt, Orthopäde und Verfasser pädagogischer Schriften Anerkennung. In seiner Heilbehandlung setzte er auf eine von ihm weiterentwickelte Gerätemedizin (Gradhalter, Kopf- u. Schulterband, Streck- u. Richtapparate), v. a. auf die aus seiner Leidenschaft für die Turngymnastik abgeleitete orthopädische „Kinesiatrik“ (Kinesiatrik oder d. gymnast. Heilmethode, 1852). Sein breit gefächertes Schrifttum behandelt Themen der allgemeinen Gesundheitsvorsorge als Diätetik- und Hygiene-Erziehung, orthopädische Fragen der Behandlung vornehmlich wirbelsäulengeschädigter Kinder und Jugendlicher sowie Probleme elterlicher Erziehung, Schulerziehung und Lehrerausbildung. Hinzu kamen Schriften über die Bedeutung des Turnens im Rahmen einer auf Volksgesundheit angelegten Erziehung und Förderung junger Menschen. Sein weit verbreiteter Ratgeber „Aerztliche Zimmergymnastik“ (1855) erreichte 31 Auflagen (1907). Zentrales Werk ist das Buch „Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit“ (1858, 31891), in dem er sein med.-orthopädisches Erfahrungswissen mit den im Zuge der Aufklärung entstandenen vornehmlich philantropisch geprägten geistig-moralischen Erziehungsvorstellungen verbindet.

    Die heute noch verbreitete Ansicht, bei S. handele es sich um den Begründer der Schrebergärten, Schrebervereine bzw. der Dt. Schreberjugend, ist unzutreffend. Vielmehr wurde ein von dem Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild (1808–66) 1864 gegründeter pädagogischer Verein nach S. benannt, vermutlich in Anerkennung seines Engagements für Kinderspiele und -spielplätze. Weitere Popularität erlangte S. durch die Autobiographie seines Sohns Paul, mit der sich Sigmund Freud (1856–1939) beschäftigte (Psychoanalyt. Bemerkungen über e. autobiogr. beschriebenen Fall v. Paranoia [Dementia paranoides), 1911). Das (negative) Bild, das Psychoanalyse, Psychohistorik und (Schwarze) Pädagogik in der Folge der von Freud initiierten Auseinandersetzung mit dem „Fall Schreber“, von S. als Vaterfigur und von seiner Erziehungslehre in den 1970er Jahren entwarfen, wurde von neueren Arbeiten korrigiert.

    Heute gilt S. als einer der ärztlichen Pioniere der Körperbehindertenhilfe. Er gab Impulse für die heutige nichtoperative Orthopädie, Physiotherapie bzw. motopädagogische Ansätze. Zudem beeinflußte er mit seinen pädagogischen Schriften die Entwicklung der gesundheitlichen Volkserziehung.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Med. Ges. d. Stadt Leipzig (seit 1839).

  • Werke

    u. a. Das Buch d. Gesundheit, 1839;
    Die Kaltwasser-Heilmethode in ihren Grenzen u. in ihrem wahren Werthe, 1842;
    Das Turnen v. ärztl. Standpunkte aus, 1843;
    Die Verhütung d. Rückgrathsverkrümmungen oder d. Schiefwuchses, 1846;
    Die Eigenthümlichkeiten d. kindl. Organismus im gesunden u. kranken Zustande, 1852;
    Die schädl. Körperhaltungen u. Gewohnheiten d. Kinder nebst Angaben d. Mittel dagegen, 1853;
    Die planmäßige Schärfung d. Sinnesorgane als e. Grundlage u. leicht zu erfüllende Aufgabe d. Erziehung, 1859;
    Über Volkserziehung u. zeitgemäße Entwicklung ders. durch Hebung d. Lehrerstandes u. durch Annäherung v. Schule u. Haus, 1860;
    Das Pangymnastikon, II. T. d. Aerztl. Zimmer-Gymnastik, 1862;
    Bibliogr.:
    Z. Lothane, 2004 (s. L).

  • Literatur

    ADR 32;
    M. Kirmsse, in: G. Heese u. H. Wegener (Hg.), Enzyklopäd. Hdb. d. Sonderpäd. u. ihrer Grenzgebiete, 1969, Sp. 2920 f.;
    K. Rutschky (Hg.), Schwarze Päd., 1977;
    W. G. Niederland, Der Fall S., Das psychoanalyt. Profil e. paranoiden Persönlichkeit, 1978 (P);
    M. Schatzman, Die Angst vor d. Vater, Langzeitwirkungen e. Erziehungsmethode, Eine Analyse am Fall S., 1978 (P);
    M. Hackenbroch, Zur Entwicklungsgesch. d. Orthopädie, in: A. N. Witt u. a. (Hg.), Orthopädie in Praxis u. Klinik, II, 1981, S. 1-68;
    L. DeMause, S. and the History of Childhood, in: The Journal of Psychohistory 15, 1987/88, S. 423-30;
    H. Israëls, S., Vater u. Sohn, Eine Biogr., 1989 (P);
    G. Busse, S., Freud u. d. Suche nach d. Vater, 1991;
    C. Rethschulte, D. G. M. S., Seine Erziehungslehre u. sein Btr. z. Körperbehindertenhilfe im 19. Jh., 1995 (P);
    Z. Lothane, Seelenmord u. Psychiatrie, Zur Rehabilitierung S.s, 2004 (W, P);
    Hist. Lex. Wien;
    Who is Who d. Soz. Arbeit (W, L);
    Gedenktage d. mitteldt. Raumes 1986 (P); – Dokumentarfilm:
    J. Peter u. Y. Winterberg, Neue Menschen aus S.schem Geist, 1997.

  • Autor/in

    Clemens Rethschulte
  • Empfohlene Zitierweise

    Rethschulte, Clemens, "Schreber, Moritz" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 525-526 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118610678.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schreber: Daniel Gottlieb Moritz S., Arzt und Pädagog, wurde am 15. October 1808 zu Leipzig als der Sohn eines Advocaten geboren, erhielt daselbst seine Schulbildung und studirte seit 1826 an der dortigen Universität Medicin. Nachdem er 1833 die Doctorwürde erlangt hatte, begab er sich auf Reisen; als ärztlicher Begleiter eines russischen Edelmanns besuchte er mehrere Mineralbäder Deutschlands, hielt sich längere Zeit im mittleren und südlichen Rußland auf, besuchte auf der Heimkehr Wien, Prag und Berlin und wußte einen längeren Aufenthalt an diesen Orten für seine Fortbildung nutzbar zu machen. Später machte er in gleichem Interesse eine Reise nach Belgien, England und Frankreich. Im J. 1836 ließ er sich als praktischer Arzt in Leipzig nieder und übernahm hier 1844 die orthopädische Heilanstalt des nach Dorpat berufenen Prof. Dr. Carus, der er bald nachher in einem eigens dazu errichteten Gebäude eine zeitgemäße Erweiterung und innere Umgestaltung gab. Er leitete diese Anstalt bis zum Jahre 1859 und starb am 10. November 1861. — Als Schriftsteller bearbeitete S. besonders das Gebiet der ärztlichen Pädagogik. Er hatte, wie er selbst sagt, das Hauptziel seiner Lebensaufgabe darin erblickt, „den Aufbau einer rationellen Erziehungswissenschaft nach Kräften anzuregen und anzustreben, d. h. einer solchen, wobei nicht nur der physische, sondern auch der disciplinäre, doctrinelle und moralische Theil auf den richtig erkannten physischen Grundbedingungen fußt, von einer Entwicklungsstufe zur andern denselben sich naturgemäß anschließend, und wobei überhaupt die sich entwickelnde Menschennatur als Ganzes, also in harmonischer Vereinigung der leiblichen und geistigen Seite aufgefaßt wird.“ S. schreibt die noch vorhandenen Mängel einer gediegenen naturgemäßen Erziehungswissenschaft „jener Halbirung der Menschennatur zu, infolge deren die ärztlichen Pädagogen, hauptfächlich nur die physische Seite als ihr Object betrachtend, die Psychologie des Kindes außer Acht ließen, die Pädagogen im eigentlichen Sinne dagegen, die moralische Seite bearbeitend, den dieser zu Grunde liegenden physischen Verhältnissen und Gesetzen viel zu fremd blieben. Jene wollen Stamm und Wurzel cultiviren, ohne sich um Blüthe und Frucht zu kümmern, diese wollen die letzteren bilden, ohne die Lebensgesetze der ersteren gründlich zu kennen. Das Object der Erziehungswissenschaft ist aber das Ganze der Menschennatur. Die Erziehungskunst kann daher nur dann eine wahrhaft gedeihliche und die Menschheit von Generation zu Generation veredelnde werden, nur dann im Gleichgewichtsverhältnisse mit den verschiedenartig sich gestaltenden und sich erhöhenden Lebensanforderungen bleiben, wenn sie jene harmonische wissenschaftliche Grundlage hat.“ Von diesem Grundgedanken beseelt, hat S. denselben auch in seinen Schriften zu verwirklichen gestrebt, als deren vorzüglichste die „Kallipädie oder die Erziehung zur Schönheit durch naturgetreue und gleichmäßige Förderung normaler Körperbildung, lebenstüchtiger Gesundheit und geistiger Veredelung" (1858) anzusehen ist. Von seinen übrigen Schriften seien erwähnt: „Das Buch der Gesundheit" (1839); „Das Turnen vom ärztlichen Standpunkte aus" (1843); „Die Verhütungen der Rückgratsverkrümmungen oder des Schiefwuchses" (1846); „Die Eigenthümlichkeiten des kindlichen Organismus im gesunden und kranken Zustande" (1852); „Kinesiatrik oder die gymnastische Heilmethode" (1852); „Die schädlichen Körperhaltungen und Gewohnheiten der Kinder" (1853); „Aerztliche Zimmergymnastik“ (1857); „Streitfragen der deutschen und schwedischen Heilgymnastik“ (1858); „Anthropos. Der|Wunderbau des menschlichen Organismus“ (1859); „Der Hausfreund als Erzieher und Führer zum Familienglück“ (1861); „Pangymnastikon“ (1862).

    • Literatur

      J. B. Heindl, Gallerie berühmter Pädagogen etc. II. 396 ff. — Pierer's Jahrbücher III, 480.

  • Autor/in

    Franz Brümmer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brümmer, Franz, "Schreber, Moritz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 464-465 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118610678.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA