Lebensdaten
1871 bis 1918
Geburtsort
Husum
Sterbeort
Muralto (Kanton Tessin)
Beruf/Funktion
Schriftstellerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118600044 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reventlow, Fanny Gräfin von
  • Reventlow, Franziska Gräfin von
  • Reventlow, Fanny Gräfin von
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Zitierweise

Reventlow, Franziska Gräfin von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600044.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Ernst (s. 1);
    1) 1894 ( 1897) Walter Lübke, Assessor in Hamburg, 2) 1909 oder 1911 Alexander Frhr. v. Rechenberg-Linten (* 1868), 1 unehel. S aus 1) Rolf R. (1897-1981, 1] 1921-39 Else Reimann, * 1897, Journalistin, emigrierte 1933 in d. Schweiz, 1937 nach Schweden, 2] 1952-73 Suzanne Posty, * 1905), Pol., Journalist, Schriftst., emigrierte 1933 nach Österr., 1934 in d. CSR, kämpfte 1936 auf d. republikan. Seite in Spanien, emigrierte 1939 nach Algerien u. kehrte 1953 nach Dtld. zurück, 1961-64 stellv. Vors. d. SPD München (s. BHdE I);
    E Beatrice del Bondio-R. (* 1926), Dipl.-Chemikerin in München.

  • Leben

    Nach dem Besuch eines Pensionats in Altenburg und des Lehrerinnenseminars in Lübeck wurde R. früh Anhängerin der emanzipatorischen und sozialkritischen Vorstellungen Henrik Ibsens, der auf die opponierende Jugend in Norddeutschland in den 1890er Jahren starken Einfluß ausübte. Um Streitigkeiten mit der nach Lübeck übergesiedelten Familie zu entkommen, floh R. 1892 nach Hamburg, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit dessen finanzieller Hilfe ging sie 1893 nach München-Schwabing, um sich als Malerin ausbilden zu lassen. Vor allem aber arbeitete sie hier als Übersetzerin aus dem Französischen, veröffentlichte erste eigene Texte und stand in Verbindung mit Künstlern und Philosophen, insbesondere dem sog. „kosmischen Zirkel“ um Stefan George mit Ludwig Klages, Alfred Schuler und Karl Wolfskehl. Zu Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind und seinem Kabarett „Die Elf Scharfrichter“, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Franz Blei, Maximilian Harden u. a. gab es Verbindungen, die R. als kulturelles, durchaus aber auch erotisches Netzwerk knüpfte. Im Zeichen des um 1900 religionsartig überhöhten Lebensbegriffs und eines nietzscheanischen Vitalismus suchte sie den Verbund von Kunst und Leben, um das bohèmehafte Dasein als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Sie verfolgte dabei das Projekt eines modernen Hetärentums, das – anders als im Gleichberechtigungsbestreben der Frauenbewegung – nach antikem Vorbild die freie Liebe und vorurteilslose Verfügung über den eigenen Körper verfolgte, um gleichzeitig die eigene Bildung in der Teilnahme am geistigen Leben unter Beweis zu stellen. In diesem Sinne ist R.s literarisches Œuvre als Komplement zu ihrem Lebenswandel zu lesen; Es handelt sich um Milieustudien, v. a. aber um pointierte Kommentare zum kulturellen Leben Schwabings mit zahlreichen phil. Auseinandersetzungen. Diese sind 1903/04 im von ihr mitherausgegebenen „Schwabinger Beobachter“ dokumentiert, wo sich etliche Verballhornungen der phil. Richtung der Mystosophie finden, sowie in den Zeitschriften „Die Jugend“ und „Simplicissimus“.

    Im Herbst 1909 übersiedelte R. nach Ascona, wo 1912 ihr wohl bekanntester Text, „Herrn Dame's Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil“ (1913, Neudr. 1969), entstand. Wiederum werden die Künstler- und Philosophenzirkel in Schwabing persifliert, das unter dem fiktiven Namen „Wahnmoching“ zum Fixpunkt der Auseinandersetzungen um das „Molochitische“, Technische, Lebensfeindlich-Dekadente und Lebensbejahende wird. Die Rückschau ist ein weiterer Beleg für R.s Lebenshaltung, ihre dauernde Selbsthistorisierung und Selbstreflexion. Auch darin war R. konsequent Bereits 1903 hatte sie mit „Ellen Olestjerne, Eine Lebensgeschichte“ eine Autobiographie ihrer Jugend vorgelegt. In den Amouresken „Von Paul zu Pedro“ (1912, Neudr. 1969) lieferte sie Variationen des Liebesthemas in Form von zwanglosen Erzählbriefen; andere Novellen- und Erzählbände handeln vom Bohèmeleben und von fehlgeschlagenen Geldgeschäften (Der Geldkomplex, 1916, Neudr. 2001). Nicht nur im Schwabinger Künstlermilieu spielte R. eine wichtige Rolle, sondern übte auch Einfluß auf überregional bekannte Maler und Autoren aus. Wegen ihrer Milieubeschreibungen werden R.s Lebenserzählungen und Werke – ungeachtet ihrer künstlerischen Dimension – als Material für kulturwissenschaftliche Studien zum fin de siècle benutzt.

  • Werke

    Klosterjungen, Humoresken, 1897 (mit O. E. Thossan);
    Das Männerphantom d. Frau, 1898;
    Viragines oder Hetären, 1901;
    Das Logierhaus zur schwankenden Weltkugel, 1917, Neudr. 1972;
    Ges. Werke, hg. u. eingel. v. Else Reventlow, 1925 (P);
    Briefe, hg. u. eingel. v. ders., 1929, Neudr. 1975 (P);
    Tagebücher 1895-1910, hg. v. ders., 1971 (P);
    Romane, hg. u. eingel. v. ders., 1976;
    Briefe 1890-1917, hg. v. ders., 1977;
    Autobiographisches, 1980;
    Jugendbriefe, hg. v. H. Gfrereis, 1994;
    Der Selbstmordverein (Fragment, Nachlaß). |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Hss.-Slg. d. Stadtbibl. München.

  • Literatur

    H. E. Schröder, F. Gfn. zu R., Schwabing um d. Jh.wende, 1978;
    J. Székely, F. Gfn. zu R., Leben u. Werk, 1979 (Bibliogr);
    U. Püschel, Jugendstil-Erotik, F. R., in: ders., Mit allen Sinnen, 1980, S. 85-111;
    H. Fritz, Die erot. Rebellion, Das Leben d. Gfn. zu R. 1980;
    S. Mulot, in: K. Corino (Hg.), Genie u. Geld, 1987, S. 374-86;
    R. Schaps, Tragik & Erotik, Kultur d. Geschlechter, F. Gfn. zu R.s „modernes Hetärentum“, in: W. Lipp (Hg.), Kulturtypen, Kulturcharaktere, 1987, S. 79-96;
    R. Faber, F. R. u. d. Schwabinger Gegenkultur, 1993;
    ders., Männerrunde mit Gfn., 1994;
    B. Kubitschek, F. R. 1871-1918, Ein Frauenleben im Umbruch, 1994;
    dies., F. Gfn. zu R., Leben u. Werk, 1998 (W, P);
    F. Sperr, Die kleinste Fessel drückt mich unerträglich, Das Leben d. F. zu R., 1995;
    U. Egbringhoff, F. zu R., 2000 (L, W, P);
    DBJ II, Tl.;
    Biogr. Lex. Schleswig-Holstein 3, 1974, S. 223-25 (Qu, L. P);
    Metzler Autorinnenlex., 1998 (P);
    Kussmaul;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy. – Fernsehfilm v. Rainer Wolfhardt, 1980.

  • Portraits

    Ölgem. v. Marie Gfn. v. Geyso, 1903 (Klages-Archiv im Schiller-Nat.mus., Marbach), Abb. in: Dt. Schriftst. im Porträt, V, 1983, S. 164.

  • Autor/in

    Ralph Köhnen
  • Empfohlene Zitierweise

    Köhnen, Ralph M., "Reventlow, Franziska Gräfin von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 477-478 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118600044.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA