Lebensdaten
1865 bis 1944
Geburtsort
Neuwaldegg bei Wien
Sterbeort
Amsterdam
Beruf/Funktion
anarchistischer Schriftsteller ; Historiker
Konfession
konfessionslos
Normdaten
GND: 118587110 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nettlau, Max
  • Neṭṭloy, Maks

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Zitierweise

Nettlau, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587110.html [19.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    1858 wanderten d. aus Ostpreußen u. d. Uckermark stammenden Eltern nach Österreich ein. – V Hermann (1830–92), ltd. Hofgärtner d. Fürsten Schwurzenberg;
    M Agnes Käst (1843–95); ledig.

  • Leben

    N. wuchs in Neuwaldegg und Wien auf. 1882 studierte er in Berlin bei Johannes Schmidt vergleichende indoeurop. Sprachwissenschaften. Semester in Leipzig und Greifswald schlossen sich an. Speziell faszinierten ihn die keltischen Sprachen und hier besonders das Kymrische. 1887 promovierte er mit „Beiträge zur cymrischen Grammatik“ in Leipzig zum Dr. phil. Seine sprachgeschichtlichen Studien führten N. 1885 nach London, wo er bis 1913 jedes Jahr für einige Zeit lebte und arbeitete. Parallel dazu entwickelte er durch die persönlichen Kontakte zu den dortigen internationalen sozialistischen Zirkeln und durch die Lektüre der im British Museum vorhandenen Literatur einen zweiten Forschungsschwerpunkt: die Geschichte und Entwicklung des Sozialismus. 1888 begann er mit einer systematischen Sammlung der anarchistischen Literatur. Nach 1890 konzentrierte N. sein Interesse ausschließlich auf die Rekonstruktion und Dokumentation der Geschichte des Anarchismus. Zwischen 1896 und 1900 publizierte er eine große Bakuninbiographie, die er selbst handschriftlich in 50 Exemplaren mittels eines „Autocopyisten“ vervielfältigte. Das nach dem Tode seines Vaters ererbte Vermögen gab N. die Möglichkeit, unabhängig zu arbeiten und zu reisen. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Sprachkenntnisse (Englisch, Französisch, später u. a. Russisch) sowie seiner persönlichen und freundschaftlichen Beziehungen zu allen führenden Anarchisten seiner Zeit war er in der Lage, seine berühmte und einzigartige anarchistische Sammlung zu vervollständigen.

    Infolge der Inflation nach dem 1. Weltkrieg verlor N. seine Geldreserven. Ungeachtet seines nunmehr zurückgezogenen Lebens in äußerst ärmlichen Verhältnissen in Wien, blieb er sehr produktiv. Er gab u. a. die Schriften Bakunins heraus, zu denen er lange und ausführlich dokumentierte Vorreden schrieb. Mit den Biographien über Malatesta (1922) und Reclus (1928) sowie den drei Bänden der auf sieben Bände konzipierten Geschichte der Anarchie (1925/27/31) erschienen in den 20er Jahren seine bedeutendsten Werke. Viele seiner historischen Arbeiten kamen in mehreren Sprachen heraus – auf Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Jiddisch, Russisch usw. – und häufig in bescheidenen, kleinen und schwer zu ermittelnden Periodika der anarchistischen Bewegung. Vieles blieb ungedruckt. Neben einer erstickenden Masse von Fakten und bibliographischen Daten finden sich in seinen Werken durchgängig auch äußerst nuancierte persönliche Urteile. N. bezeichnete sich nicht einfach als „Bearbeiter historischen sozialistischen Materials“, sondern auch als „Vertreter mancher von der Routine abweichender Anschauungen“. Zwischen 1928 und 1935 weilte N. mit Ausnahme des Jahres 1930 jeweils für mehrere Monate in Spanien, wo er seine Studien fortsetzte und lebhaften Anteil an der span. anarchistischen Bewegung nahm. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im Amsterdamer Exil.

    N.s Sammlungen, die 1935 durch das Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam erworben wurden, bilden zusammen mit seinen Werken eine monumentale Quelle für die Geschichte des antiautoritären Denkens und des freiheitlichen Sozialismus, die bisher in ihrer Totalität noch nicht ausgewertet worden sind.

  • Werke

    u. a. Michael Balkunin, 3 Bde., 1896-1900;
    Die hist. Entwicklung d. Anarchismus, 1890;
    Bibliogr. de l'Anarchie, Préface d'Éisée Reclus, 1897;
    Revival of the Inquisition, Details of the Tortures inflicted on Spanish Political Prisoners, 1897;
    Responsability and Solidarity in the Labor Struggle, Their Present Limits and Their Possible Extension, Also a Review of the Policy lately discussed by the German Social Democracy and Edward Bernstein, 1900;
    Michael Bakunin, Eine biogr. Skizze, Mit Auszügen aus seinen Schrr. u. Nachwort v. Gustav Landauer, 1901;
    Errico Malatesta, Das Leben e. Anarchisten, 1922;
    Miguel Bakunin, La Internacional y la Alianza en España (1868–1873), 1923;
    Gesch. d. Anarchie, Bd. I: Der Vorfrühling d. Anarchie, Ihre hist. Entwicklung von d. Anfängen bis zum J. 1864, 1925, (Bd. II) Der Anarchismus v. Proudhon zu Kropotkin, Seine hist. Entwicklung in d. J. 1859-1880, 1927, (Bd. III:) Anarchisten u. Sozialrevolutionäre, Die hist. Entwicklung d. Anarchismus in d. J. 1880-1886, 1931;
    Unser Balkunin, Ill. Erinnerungbll. z. 50. Todestag, 1926;
    Bakunin e l'Internazionale in Italia dal 1864 al 1872, con prefazione di Errico Malatesta, 1928;
    Élisée Reclus, Anarchist u. Gel. (1830–1905), 1928;
    De la crisis mundial a la anarquia, 1933;
    Esbozo de historia de las utopias, 1934;
    La anarquia a través de los tiempos, 1935;
    En torno al pensamiento de Merlino, 1938;
    Biogr. u. bibliogr. Daten, März 1940, hg. u. eingel. v. R. de Jong u. A. A. van Scheltema-Kleefstra, in: Internat. Review of Social History 14, 1969, S. 444-82;
    Gesch. d. Anarchie, Erg.bd., 1972, Bd. IV: Die erste Blütezeit d. Anarchie: 1886-1894, 1981, Bd. V: Anarchisten u. Syndikalisten, Teil 1: Der franz. Syndikalismus bis 1909 – Der Anarchismus in dtld. u. Rußland bis 1914 – Die kleineren Bewegungen in Europa u. Asien, 1984;
    Ges. Aufss., Bd. 1, 1980;
    Eugenik d. Anarchie, Einl. v. R. de Jong, 1985 (P).Btrr. für mehr als 50 Ztgg. u. Zss., wie Freiheit, London (später: New York), Freedom, London, Les Temps Nouveaux, Brüssel, Freie Arbeiter-Stimme, New York, La Protesta (Suplomento), Buenos Aires, La Revista Blanca, Barcelona, Die Internationale, Berlin, Archiv f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbewegung, Leipzig.

  • Literatur

    A[rthur] L[ehning], in: Bull. of the Internat. Inst. of Social History, 1950, Nr. 1, S. 25-29;
    M. Vuilleumier, Les sources de l'histoire sociale, M. N. et ses collections, in: Cahiers Vilfredo Pareto, 1964, II/3, S. 195-205;
    R. Rocker, M. N., Leben u. Werk d. Historikers vergessener soz. Bewegungen, Einl. v. R. de Jong, 1978 (W, P);
    M. Hunink, Das Schicksal e. Bibl., M. N. u. Amsterdam, in: Internat. Review of Social History 27, 1982, S. 4-42;
    M. Burazerovic, M. N., Die Verantwortung d. freien Menschen, in: Anarchisten, Btrr. z. Aktualität anarchist. Klassiker, hg. v. W. Beyer, 1993, S. 88-100;
    ders., M. N.s Anarchismus, in: graswurzelrev. Nr. 192 v. Nov. 1994;
    ders., M. N., Der lange Weg z. Freiheit, 1996;
    BHdE II;
    Demokratische Wege (P).

  • Autor/in

    Andreas G. Graf
  • Empfohlene Zitierweise

    Graf, Andreas G., "Nettlau, Max" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 88 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587110.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA