Lebensdaten
1881 bis 1919
Geburtsort
Duisburg-Meiderich
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Bildhauer ; Graphiker ; Maler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118571117 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lehmbruck, Wilhelm
  • Lembruk, Vilʹgelʹm
  • Rēmuburukku, Viruherumu

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Zitierweise

Lehmbruck, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571117.html [12.12.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1845–99), Bergarbeiter, S d. Taglöhners Heinrich Theodor u. d. Sofie Margarete Schürmann;
    M Margareta (1847–1917), T d. Schneiders Heinr. Joh. Wilh. Wüstmann u. d. Elisabeth Margarete Gillhaus;
    1908 Anita (1879–1961), T d. Joseph Kaufmann u. d. Anna Margarete Müller;
    3 S.

  • Leben

    L. besucht bis 1895 die Volksschule in Duisburg, anschließend studiert er an der Kunstgewerbeschule in Düsseldorf (Kopie des Standbildes „Großer Kurfürst“ von A. Schlüter) mit Stipendium der Gemeinde Meiderich bis 1901; seit Mai 1901 ist er an der Kunstakademie Düsseldorf und wird Meisterschüler von Carl Janssen neben H. Baucke, W. Martini und Fr. Coubillier. – L.s Entwicklung verläuft anfangs in den Bahnen offizieller wilhelminischer Kunst. Neben Anatomiestudien und Aktzeichnen stehen beim jungen L. zeittypische Inhalte: „Siegfried“ und „Kugelwerfer“ (1902, Ton, beide zerstört); die Figur der „Badenden“ (1902) in Bronze zeigt dagegen eine neue Natürlichkeit. Die deutsch-nationale Kunstausstellung in Düsseldorf 1902 und die dortige Internationale Kunstausstellung 1904 beeindrucken L.; er lernt Werke deutscher und franz. Künstler kennen (Dalou, Meunier, Rodin u. a.). Im Sept. 1904 reist er nach Holland und an die engl. Südküste (Bournemouth). Die Akademie in Düsseldorf kauft ein Exemplar seiner „Badenden“ an; das verschafft ihm die Mittel, um im Frühjahr 1905 durch Italien zu reisen. Er besucht Genua (Friedhof Staglieno), Mailand, Pisa, Florenz, Rom, Neapel und Capri. Großen Eindruck macht auf ihn Michelangelos Kunst (Medici-Gräber in Florenz). Ende 1906 verläßt L. die Akademie und arbeitet als freier Künstler in Düsseldorf. Er stellt zum ersten Mal auf der Deutschen Kunstausstellung in Köln, Mai-Okt. 1906, aus, wo seine „Badende“ neben Werken von Behrens, Olbrich und Minne steht. 1907 reist er nach Paris und sieht dort erstmals Plastiken von Maillol, den Gf. Kessler seit 1905/06 in Deutschland bekannt machte. L. schließt sich in Paris der Société Nationale des Beaux-Arts und in der Heimat der Vereinigung Düsseldorfer Künstler an. Er stellt in Paris 1907 vier Werke aus (u. a. die verschollene Marmorfassung der Gruppe „Mutter und Kind“), in Düsseldorf „Mutter und Kind“, „Junge Liebe“, „In Gedanken“ und „Schlafende“. Zusammen mit seinem Lehrer nimmt er 1908 in München und Düsseldorf an Ausstellungen teil.

    Nach einer zweiten Parisreise zeigt L. Werke in Paris, Berlin und Düsseldorf. Auf der „Ausstellung für Christliche Kunst“ in Düsseldorf stellt er 1909 mit Wilhelm Kreis im Rahmen einer Friedhofsanlage acht plastische Arbeiten aus, die konventionell bleiben, ebenso wie sein um 1906 entstandener Gipsentwurf für ein „Denkmal der Arbeit“. Einen neuen, eigenen Stil plastischer Verdichtung und Lösung von Einflüssen durch Rodin und Meunier, eine neue Orientierung an der runden Form und der Sinnlichkeit der Werke Maillols zeigen der Entwurf für ein Heine-Denkmal (um 1906), die Zeichnungen zu Reliefs um 1908-10 (Leda, Eva, Frühling, Salome u. a.) und die Figur der „kleinen Stehenden“ in Bronze von 1908 (im Rahmen eines Wettbewerbs für das Tietz-Kaufhaus in Düsseldorf, erbaut von J. M. Olbrich 1907–09). Solche gegenüber den Friedhofsarbeiten eigenständigen Werke sowie die Reisen und die Ausstellungen in Paris bereiten die Übersiedlung in die franz. Hauptstadt vor, die Zentrum der Kunsterneuerung war: 1910 zieht L. in die Rue de Vaugirard (Montparnasse), lernt dort den anderen bedeutenden Überwinder des Rodin-Stils und späteren Expressionisten, Bernhard Hoetger, kennen und findet auch Kontakte zu anderen Künstlern (Derain, Brancusi, Archipenko). 1910 modelliert er in der „Großen Stehenden“ eine Synthese aus der Statuarik des Deutschen Hans von Marées und der plastischen Form des Franzosen Maillol; es entstehen erste Radierungen und Ölskizzen. L. stellt zwar 1910 in Paris noch die ganz Rodin verpflichtete männliche Figur „L'Homme“ und die „Große Stehende“ aus, vollzieht jedoch bis 1911 einen radikalen Stilwandel zur expressionistischen „Knienden“, einer Synthese von Verräumlichung und expressiver, gotisierender Verinnerlichung (1911 im Salon d'Automne). Die an Marées geschulte Tektonik und die mythische Komponente bleiben, die sinnlich runde Form Maillols tritt zurück. Ist die „Kniende“ noch unbildhauerisch, so zeigt sie aber bereits die „Deformation“ durch Phantasie, eine Längung der Figur, das „Gotisieren“, so daß Däubler sie „das Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“ nennen konnte. Gelungener und inhaltlich bedeutsamer werden die folgenden weiblichen Torsi „Hagener Torso“, „Schreitende“, die Figuren eines Weibes und eines Mannes für die Kölner Werkbund-Ausstellung (1914) und der 1913 modellierte „Emporsteigende“, expressionistischer Sohn und Sucher, der die Wirkung von Nietzsches „Zarathustra“ dokumentiert.

    L. lernt zwar in Paris „avantgardistische“ Plastiken von Matisse, Modigliani, Derain und Archipenko kennen, steht jedoch in seiner Abwendung von Konvention und von Rodins Stil dem Suchen des Rumänen Brancusi näher, ohne dessen subjektive Formvereinfachung und spätere Abstraktion (Geometrisierung) mitzumachen. L.s Werke suchen die Synthese aus Allgemeinem und Besonderem und verfallen nicht dem extremen Subjektivismus eines Abstrakt-Unerkennbaren (Archipenko, Wauer, Herzog). Neben der überragenden Qualität seiner Kunst führen die Kontakte zu K. E. Osthaus, Ausstellungen in Deutschland und in Paris (seit 1911 im Salon d'Automne), die Bekanntschaft mit J. Meier-Graefe, A. Salmon und Carl Einstein dazu, daß er fortan zu den bedeutendsten und am meisten geschätzten Bildhauern seiner Zeit zählt. – 1912 kommt es zu einer 2. Italienreise, die ohne Folgen für seine Kunst bleibt; im selben Jahr stellt L. neben Werken Egon Schieles im Folkwang-Museum aus. In der Tat stehen L.s existentielle Figuren denjenigen von Schiele um 1913 nahe. Später zeigen seine Figuren durch Straffung, Längung, Tektonisierung und Verräumlichung eine Bildung, die Beckmanns Figurenstil von 1916-18 vorbereitet. Im Unterschied zur Pariser Avantgarde, die sich vorrangig mit formalen Problemen beschäftigt, zeichnen sich die Werke von Schiele, L. und Beckmann durch Gedanklichkeit, Existentialismus und einen für den Expressionismus typischen „moralischen Willen“ (Schickele) aus. 1914 hat L. seine erste große Einzelausstellung in der Galerie Levesque, Paris. In Berlin wird er Vorstandsmitglied der Freien Sezession neben Barlach und Beckmann und lernt Kirchner und Heckel kennen.

    Der 1. Weltkrieg zwingt L., Paris zu verlassen. Er siedelt nach Berlin-Schöneberg (später Friedenau) über und versucht dem drohenden Kriegstod zu entgehen, wird dem Sanitätsdienst zugewiesen. In den Kriegsjahren wird er von dem Kaufmann S. Falk (Uniformstoffe) in Mannheim unterstützt. 1916 findet in der Mannheimer Kunsthalle die erste Kollektiv-Ausstellung seiner Werke in Deutschland statt; Däubler spricht und schreibt dazu. In Berlin entsteht das erste Hauptwerk eines gewandelten Expressionismus: Der „Gestürzte“, in einer Gebärde die Trauer über die Gefallenen veranschaulichend, vereint zugleich mythisch Ikarus und Linos. L. hatte sich schon 1911 aus Opposition gegen nationalen Heroismus nicht an dem Wettbewerb für das Bismarck-National-denkmal bei Bingerbrück beteiligt, auch jetzt schafft er kein konventionelles Krieger-|Denkmal, das die Toten als Helden feiern müßte. Der „Gestürzte“ ist vielmehr ein übernationales Mal des Krieges, da er keine (deutsche) Uniform trägt, sondern wie Golls „Requiem“ für alle Gefallenen Europas steht. L. kann Ende 1916 wie viele Kriegsgegner in die Schweiz übersiedeln; in Zürich findet er Kontakt zu dem Sozialisten L. Rubiner (Mitarbeiter der „Aktion“ Franz Pfemferts) und zum Pazifistenkreis um René Schickele, Leonhard Frank, Otto Flake, A. Ehrenstein und Fr. v. Unruh. Er porträtiert plastisch die Freunde Th. Däubler (Büste zerstört) und Unruh (Mannheim, Kunsthalle), in grafischer Technik Hans Bethge, Rubiner (für die „Aktion“) und Frank. Sein zweites Hauptwerk der Kriegszeit entsteht 1917/18 mit dem „Sitzenden“, auch „Der Freund“ genannt, einem nackten Jüngling, der die Kriegstoten betrauert. L. plant weitere Werke: eine „Pietà“ als Trauer-Mal des Krieges und einen „Knienden“ (vgl. die Zeichnungen). Er modelliert nur mehr fragmentarische Werke, Torsi wie „Daphne“ (Museum Kaiserslautern), das metaphorische Selbstbildnis „Kopf eines Denkers“ (Berlin, Stiftung Preuß. Kulturbes., Nat.gal.), „Mutter mit Kind“ (Kunstmuseum Hannover), „Liebende Köpfe“ und die „Betende“ (Zürich, Kunsthaus), die die Frau im Kriege zeigt, für den Frieden betend, zugleich ein allegorisches Bildnis der Elisabeth Bergner. L. hatte die junge Schauspielerin 1918 in Zürich durch A. Ehrenstein kennengelernt, besuchte ihre Darstellungen in Strindbergs „Rausch“ im Zürcher Stadttheater, zeichnete und modellierte ihren Kopf. Engere Freundschaft verbindet ihn mit dem Lyriker Bethge (zeichnerisches Bildnis) und dem Dramatiker Unruh, zu dessen Drama „Ein Geschlecht“ er Grafiken schafft. Von den Radierungen, die L. seit 1910 hervorbringt, ragen die späten Blätter der Kreuzigung, eines Knienden („Verzweiflung“), die Bildnisse und die Inventionen zu „Macbeth“ und zu einer geplanten Pietà heraus. L. äußerte sich kaum schriftlich, es gibt keine Abhandlungen oder Selbstdarstellungen, nur wenige Gedichte und Briefe (noch nicht gesammelt). Am 24.1.1919 wird L. in die Preuß. Akademie der Künste gewählt, es finden letzte Begegnungen mit Unruh statt, Verzweiflungsanfälle über innere und äußere Spannungen (Spartakuskämpfe) führen zur Behandlung durch den Arzt und Analytiker Iwan Bloch, doch konnte dieser den Selbstmord nicht verhindern. Nach seinem Tode wird sein „Sitzender“ (Trauernder) in Duisburg-Kaiserberg öffentlich aufgestellt.

    Der Dichter A. Ehrenstein bezeichnet 1917 L. gegenüber E. Bergner als den bedeutendsten lebenden Plastiker. Sein Ruhm ist seit 1919 unbestritten. Ebenso bekannt ist er in den USA, wo 1913 auf der Armory-Show neben Werken von Maillol und Brancusi die „Kniende“ ausgestellt war. In der Zeit des „Dritten Reichs“ als entartet verfemt, wird der Kunst L.s heute wieder die gebührende Beachtung geschenkt.

  • Werke

    zu Großteil im W.-L.-Mus. in Duisburg (das S Manfred Lehmbruck baute); W-Verz.
    b. Westheim u. Hoff, s. L.

  • Literatur

    W. L.s graph. Werk, 1913 (mit Einf. v. C. Einstein);
    Th. Däubler, in: Kat. d. L.-Ausst. Mannheim, 1916;
    P. Westheim, W. L., 1919;
    W. Wolfradt, Die neue Plastik, 1920;
    K. Badt, Die Plastik W. L.s, in: Zs. f. bildende Kunst NF 31, 1920;
    F. v. Unruh, W. L., Erinnerungen, in: Berliner Tagbl. v. 23.3.1929;
    A. Hoff, W. L.s Sendung u. s. Werk, 1936, 21961;
    E. Trier. W. L., Zeichnungen u. Radierungen, 1955;
    W. Passarge, in: Die Gr. Deutschen V, 1957, S. 469-78 (P);
    E. Trier, W. L., Die Kniende, 1958;
    ders., Bildhnuertheorien d. 20. Jh., 1971;
    E. Petermann, Die Druckgraphik v. W. L., 1964;
    S. Salzmann u. G. v. Roden (Hrsg.), W. L., 7 Btrr. z. 50. Todestag (H. v. Einem, F. v. Unruh, G. Händler, Willi Lehmbruck, S. Salzmann, D. Schubert, E. Pannenbecker), 1969;
    Kat. d. Ausst. W. L., Frühwerk, 1969 (dazu D. Schubert, in: Kunstchronik 23, 1970);
    G. Händler, W. L., Mädchen sich umwendend, in: Mus. u. Kunst, 1971;
    Kat. d. L.-Ausst. Washington/Los Angeles/San Francisco/Boston 1972/73 (W, L);
    D. Schubert, Bildniszeichnungen expressionist. Dichter v. W. L., in: Festschr. Wolfg. Braunfels, 1977;
    ders., Anmerkungen z. Kunst L.s, in: Pantheon 1981;
    ders., Die Kunst L.s, 1981 (W, L, P);
    E. G. Güse, L. u. Italien, Kat. d. Ausst. Berlin/Duisburg/Münster 1978/79;
    Kat. d. L.-Ausst. Edinburgh/Dublin/Cardiff 1979-80;
    C. Einstein, Die Kunst d. 20. Jh., 21931, S. 22 f.;
    E. Bergner, Bewundert viel u. viel gescholten, 1978;
    Kat. d. Ausst. „Hommage à L.“, Duisburg, W.-L.-Mus., 1983 (mit Btrr. v. S. Salzmann, A. Hentzen, Th. Strauss, M. Lahusen, K. Vester);
    Kat. d. L.-Ausst. Mus. Heilbronn/Mittelrhein. Landesmus. Mainz, 1983 (mit Btrr. v. A. Pfeiffer, W. Weber, D. Schubert, S. Salzmann, K. Nowald, M. Lahusen, W. Grzimek);
    ThB.

  • Portraits

    Federzeichnung v. L. Meidner, 1916 (Saarbrücken, Saarland-Mus.), Abb. in Kat. d. Ausst. Die 20er J. im Porträt, Bonn 1976.

  • Autor

    Dietrich Schubert
  • Empfohlene Zitierweise

    Schubert, Dietrich, "Lehmbruck, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 101-103 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571117.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA