Lebensdaten
1792 oder 1794 bis 1847
Geburtsort
Königsberg (Preußen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Chirurg
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11852531X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Diefenbach, Johann Friedrich
  • Dietenbach, Johann F.
  • Dieffenbach, Johann Friedrich
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Zitierweise

Dieffenbach, Johann Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11852531X.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Conrad Phil. (1765–94), Mag., Praeceptor am Collegium Fridericianum in Königsberg, S des Adam (1720–1781) aus Heilbronn, Pfarrer in Nieder-Moos (Oberhessen), u. der Joh. Maria (T des Joh. Gg. Koch [ 1749], Oberrentmeister u. Salinendirektor in Nauheim);
    M Sophie, T des Joachim Hinrich Buddik ( 1813), Ratschirurg in Rostock, u. der Friederike Dor. Buttstädt;
    1) Berlin 1824 ( Berlin 1833) Johanna Tillheim (1782–1842, 1) Dr. med. William Motherby, 1822), Handwerkers-T aus Königsberg, 2) 1833 Emilie Friederike Wilh. (1810–89), T des Frdr. Wilh. Heydecker ( 1811), Dr. med., Stadtphysikus in Freienwalde/Oder;
    1 T aus 1), 1 S, 1 T aus 2);
    N (2. Grades) Ferd. (1835–87), Schriftleiter der „Straßburger Ztg.“, der Spamerschen „Ill. Weltgeschichte“ u. des „Dresdner Journals“.

  • Leben

    D. war einer der genialsten Chirurgen, die Deutschland jemals hervorgebracht hat. Durch den frühen Verlust seines Vaters hatte er eine schwere Jugend. Gleich seinem Vater studierte er erst Theologie zunächst in Rostock, später in dem damals noch schwedischen Greifswald. Am Befreiungskriege nahm er als Freiwilliger bei den mecklenburgischen Reitenden Jägern teil. Nach Kriegsende studierte D. 1816-20 Medizin. Er hörte und arbeitete in Königsberg bei dem Anatomen K. E. von Baer und dem Chirurgen K. Unger. Er versuchte damals schon freie Transplantationen von Haaren und Wimpern. Sie legten Zeugnis ab für seine außerordentliche manuelle Begabung. Man bot ihm eine Prosektorstelle in Königsberg an, aber er ging 1820 nach Bonn, unter anderem weil gegen ihn als Mitbegründer der Burschenschaft in Königsberg ein Untersuchungsverfahren in Gang kam, das allerdings später niedergeschlagen wurde. Dort geriet er in den Bannkreis des berühmten Meisters der Chirurgie Philipp Franz von Walther. Dieser erkannte sehr bald die geniale Begabung des freisinnigen, temperamentvollen D., der sich in Bonn viele Freunde und Verehrer erwarb; er wurde Walthers Lieblingsschüler. Sein Lehrer verschaffte ihm, seiner mißlichen finanziellen Lage wegen, die Stelle eines Begleitarztes der russischen Fürstin Protashow, an der er eine Augenoperation vorgenommen hatte. Die Reise ging nach Paris, und dort lernte er die berühmten Chirurgen G. Dupuytren, D. J. Larrey und Boyer und den Physiologen F. Magendie kennen.

    Auf der Weiterreise kam er mit seiner Patientin nach Montpellier, wo er mit Dêlpeche und L'Allemand Kontakt bekam. Danach entstanden Zerwürfnisse, und er kehrte 1822 nach Deutschland und zwar nach Würzburg zurück, wo er promovierte (Dissertation: Nonnulla de regeneratione et transplantatione). Noch immer hatte er versäumt, das Staatsexamen zu machen, das Preußen nur in Berlin ablegen konnten. In Würzburg kam D. mit dem Begründer der anatomisch-physiologischen Schule I. Döllinger, mit dem berühmten Internisten L. Schönlein, dem Chirurgen C. von Textor sowie dem Geburtshelfer J. d'Outrepont zusammen. Die Beziehungen zu Schönlein sollten sich später in besonderem Maße auswirken. Unter dem direkten Einfluß W. von Humboldts zog D. dann endlich nach Berlin, um sein Staatsexamen nach 26 Semestern im Alter von 32 Jahren 1824 zu machen. Die Freundschaft mit W. von Humboldt blieb erhalten, und er hat ihn bei seiner letzten Erkrankung noch behandelt. Nach seiner Niederlassung als praktischer|Arzt und Chirurg in Berlin begann er seinen eigentlichen Lebensweg, der in zwei Etappen verlief. Die erste Periode umfaßt die Arbeiten über die Transplantationen und die plastische Chirurgie, die zweite den Ausbau der Tenotomie (Sehnendurchschneidung).

    Dem berühmten J. N. Rust an der chirurgischen Klinik der Charité wurde D. zur Entlastung beigegeben. Durch eine Arbeit von Carpues war K. F. von Graefe auf die indische Rhinoplastik aufmerksam geworden (plastische Wiederherstellung der Nase) und hatte Einzelheiten hierüber mitgeteilt. Die Angaben machten auf D. den tiefsten Eindruck und wurden der eigentliche Anlaß seiner eigenen Arbeiten auf diesem Gebiet. Schon 1828 erschien seine erste Mitteilung über die „Wiederherstellung der eingefallenen Nase“ und „Über eine neue Methode der Heilung des Ektropion“ (Lidplastik). Es folgten Arbeiten über die Gaumennaht, die nicht von J. P. Roux, sondern von K. J. M. Langenbeck erstmalig ausgeführt worden ist. D. faßte seine gesamten plastischen Erfahrungen unter dem Titel „Chirurgische Erfahrungen, besonders über die Wiederherstellung des menschlichen Körpers nach neuen Methoden“ (4 Abteilung, 1829-34), zusammen. Darin befinden sich nicht nur Angaben über die Plastiken und den Defektersatz im Bereich des Gesichtes (Nase, Lippen, Kinn, Mund, Wangen, Kiefer etc.), sondern auch Angaben über solche der Harnröhre und des Dammes. In dem großen Handbuch Rusts schrieb er das wichtige Kapitel über den organischen Ersatz (1831). Weiter diesen Weg verfolgend, schuf er seine plastischen Methoden zur Heilung der Harnröhrenfisteln, Harnröhrenstrikturen, Blasenscheidenfisteln und Dammrisse und auch ein Verfahren zur Bildung eines künstlichen Afters. Beiträge finden sich auch im Handbuch der plastischen Chirurgie von A. D. Zeis (1828). D. erfand einen neuen schonenden Zugang zur Entfernung von Oberkiefergeschwülsten und berichtete 1827 über eine gelungene Exartikulation des Oberschenkels sowie zwei erfolgreiche Ovariotomien, was in der damaligen antiseptischen Ära als überaus bemerkenswert galt. 1832 wurde D. zum Professor ernannt. 1834 machte er eine Reise nach Paris, wo er die nun führenden Chirurgen in Frankreich J. Lissfranc und Velpeau kennenlernte. Er operierte erfolgreich in Paris vor. Als Nachfolger Graefes hat D. viel für die aufstrebende Berliner medizinische Fakultät getan, und ihm ist die Berufung Schönleins nach Berlin zuzuschreiben. Der Vielbeanspruchte hat 1832 die Henkel-Starksche Verbandslehre neu bearbeitet, 1832 eine Anleitung zur Krankenwartung geschrieben, die lange maßgebend blieb. Von besonderer Bedeutung wurde seine Schrift über „Physiologisch-chirurgische Erfahrungen an Cholerakranken“ (1837), bei denen er erstmalig Infusionen und Transfusionen versuchte, und die ihm den Monthyon-Preis des „Institut de France“ als Wohltäter der Menschheit einbrachten. In den Jahren 1836/37 war er an der Schriftleitung der Hamburger Zeitung für die gesamte Medizin beteiligt.

    Die zweite große Schaffensperiode D.s begann mit der Beratung eines englischen Arztes - W. J. Little, nach dem später die Littlesche Krankheit benannt wurde - wegen eines Klumpfußes. Bis dahin hatte er nur die konservativen Verfahren angewandt und war über deren Unzulänglichkeit ziemlich verärgert. Er sandte Little mit einem Empfehlungsschreiben zu G. F. L. Stromeyer nach Hannover, der eine subcutane Tenotomie (Durchtrennung der Achillessehne von einem Hautstich aus) durchführte. 10 Wochen später kam Little mit einer erstaunlichen Besserung zurück, die auf D. solchen Eindruck machte, daß er sich der operativen Behandlung der Klumpfüße nun mit größtem Erfolg zuwandte. Schon innerhalb von 3 Jahren konnte er auf 400 gelungene Operationen ohne Todesfälle oder ernstere Komplikationen zurückblicken. Stromeyer hatte seinerzeit an der Leiche auch die Tenotomie am Auge gegen das Schielen geprüft und die klinische Ausführung für möglich gehalten. Diesen Gedanken aufgreifend, übte D. die Tenotomie des Augenmuskels an der Leiche und wagte 1839 zum erstenmal in der Charité eine Schieloperation am Menschen. Er hat über 1200 Schieloperationen ohne Todesfälle oder Schädigung des Auges selbst durchgeführt und wurde vom „Institut de France“ zum zweitenmal gemeinsam mit Stromeyer mit dem Monthyonpreis ausgezeichnet. Das Prinzip der Tenotomie hat er auf viele andere Kontrakturformen erfolgreich übertragen.

    Es gab auch Irrwege und Rückschläge. So hoffte er zum Beispiel das Stottern durch eine Myotomie, das heißt Durchtrennung der Zungenmuskeln oder eine Keilausschneidung der Zunge beseitigen zu können, was auf falschen Voraussetzungen beruhte. D. erlebte noch den Segen des schmerzfreien Operierens unter Äthernarkose, der er sich besonders widmete. Als sein chirurgisches Testament gilt das große Lehrbuch der operativen Chirurgie.

    D. besaß ein starkes Temperament, das manchmal überschäumte und das ihm gelegentlich Schwierigkeiten bereitete. Nicht|nur in Königsberg, sondern auch später in Berlin hat man aber jeweils Gnade vor Recht ergehen lassen. Viele seiner Werke wurden in alle Kultursprachen übersetzt und trugen zu seinem internationalen Ruhm bei. Seine Verdienste um die plastische Chirurgie sind unsterblich. Auf seinem Werk konnte später Erich Lexer aufbauen. Seine nachhaltige Wirkung auf andere beruhte weniger auf großer Gelehrsamkeit als auf einem eigenartigen Zauber seiner Persönlichkeit, dem sich niemand entziehen konnte. Er war von großer Liebenswürdigkeit, galt als fesselnder Lehrer, war dem Leben zugetan und behielt Zeit seines Lebens eine Vorliebe für edle Pferde und die Reitkunst.

  • Werke

    Weitere W Die Durchschneidung d. Sehnen u. Muskeln, 1841;
    Die operative Chirurgie, 2 Bde., 1844-49;
    Der Aether geg. d. Schmerz, 1847;
    D. an Stromeyer, Briefe aus d. J. 1836-46, hrsg. v. B. Valentin, 1934.

  • Literatur

    ADB V;
    Ch. Philips, La Chirurgie de Mr. D., 1. T., Berlin 1840;
    G. v. Breuning, Üb. J. F. D.s chirurg. Leistungen in Wien, Wien 1841;
    F. v. Pitha, Nachruf, in: Prager Vjschr. f. prakt. Heilk., Jg. 5, Bd. 18, 1848;
    R. Lampe, J. F. D., 1934 (W, L, P);
    H. Reisinger, Die Kiefernchirurgie b. J. F. D., Diss. Erlangen 1950 (ungedr.);
    H. Killian, Meister d. Chirurgie, 1951 (P);
    W. Artelt, Die Berliner Med. Fakultät, = Ciba - Zs. 78, 1956;
    BLÄ (W). - Zu Joh. u. William Motherby:
    Altpreuß. Biogr. (L).

  • Autor/in

    Hans Killian
  • Empfohlene Zitierweise

    Killian, Hans, "Dieffenbach, Johann Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 641-643 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11852531X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Dieffenbach: Johann Friedrich D., Arzt, ist am 1. Februar 1794 in Königsberg in Preußen geboren. Schon in sehr jugendlichem Ater seines Vaters, der daselbst als Lehrer am Gymnasium Fridericianum thätig gewesen war, beraubt, siedelte er mit seiner Mutter nach ihrer Vaterstadt Rostock über und erhielt hier seine erste Bildung in einer Privatschule. Seit dem J. 1809 besuchte er das Gymnasium und bezog, mit dem Zeugnisse der Reife versehen, 1812 die Universität, um sich zuerst hier und im folgenden Jahre in Greifswald dem Studium der Theologie zu widmen. Der alsbald ausgebrochene Krieg unterbrach seine Studien und gab ihm Veranlassung, als Freiwilliger in eine Abtheilung reitender Jäger einzutreten, mit welchen er den Feldzug nach Frankreich mitmachte. Im Jahre 1815 nach Hause zurückgekehrt, nahm D. seine wissenschaftliche Beschäftigung wieder auf, wandte sich aber bald dem Studium der Medicin zu, für welche er während des Krieges eine besondere Neigung gewonnen hatte, und begab sich zu diesem Zwecke zunächst nach seiner Vaterstadt Königsberg, wo er von 1816—1820 studirt hat. Vorzugsweise beschäftigte er sich hier unter Anleitung|von Burdach und Unger mit Anatomie, besonders topographischer, und mit Chirurgie, schon hier fing er Transplantationsversuche mit Federn und Haaren an und bewies nicht blos dabei, sondern in allen Dingen, in welchen es auf manuelle Gewandtheit und combinatorisches Talent ankam, so namentlich in der Erfindung von Hülfsmitteln an Instrumenten und Maschinen, um Handgriffe zu erleichtern oder entbehrlich zu machen, im Drechseln und Schnitzen in Holz und Bernstein, selbst in der kühnen Ausführung chirurgischer Operationen (u. a. exstirpirte er einem jungen Manne die geschwollenen Tonsillen mit einem Federmesser) eine ungewöhnliche Begabung. — Im Frühjahr 1820 begab sich D. nach Bonn, wo er 18 Monate verweilte und sich vorzugsweise an v. Walther und Nasse anschloß; im Herbste 1821 begleitete er auf Veranlassung v. Walther's eine kranke Dame nach Paris und benutzte die ihm für seinen Aufenthalt gebotene Zeit von 6 Monaten, um sich an dem klinischen Unterrichte Dupuytren's, Boyer's und Larrey's, sowie an den physiologischen Vorlesungen Magendie's zu betheiligen. Im Frühjahr 1822 ging er nach Montpellier, wo er einige Monate die chirurgische Klinik von Delpech frequentirte; hier faßte er die Idee, sich an dem griechischen Freiheitskampfe zu betheiligen, gab dieselbe aber auf Wunsch seiner Angehörigen auf, kehrte nach Deutschland zurück und wandte sich nach Würzburg, wo er im Herbste dieses Jahres unter Einreichung einer Inaugural-Dissertation „Nonnulla de regeneratione et transplantatione“, in welcher er die Resultate seiner zuerst in Königsberg, später in Bonn unter Nasse angestellten Versuche niedergelegt hatte. den Doctorgrad erlangte. — Nach Ablegung der medicinischen Staatsprüfungen habilitirte er sich im Jahre 1823 als praktischer Arzt in Berlin, und zog hier alsbald durch seine chirurgischen Leistungen, vor allem durch sein eminentes operatives Talent eben so sehr die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich, wie er durch seine geistreichen, mit Genialität ausgeführten Ideen schnell den Beifall der ärztlichen Welt und die Anerkennung der höchsten Unterrichtsbehörde gewann. In Folge dessen wurde D. im J. 1829 zum dirigirenden Arzte auf einer chirurgischen Abtheilung des Charité-Krankenhauses und zum Mitglied der ärztlichen Ober-Examinations-Commission, 1832 zum außerordentlichen Professor der Medicin und 1840, nach Gräfe's Tode, an Stelle desselben zum Director der chirurgischen Universitätsklinik ernannt; in dieser Stellung ist er bis zu seinem am 11. November 1847 plötzlich erfolgten Tode verblieben.

    D. nimmt mit seinen wissenschaftlichen und praktischen Leistungen unter den großen Chirurgen der neuesten Zeit eine hervorragende Stelle ein, für den operativen Theil dieses Gebietes der Heilkunde und namentlich für diejenige Seite derselben, welche ihre Ziele in der Wiederherstellung verstümmelter oder zerstörter Körpertheile durch Ueberpflanzung gesunden Gewebes verfolgt, und welche mit den Namen der „Chirurgia curtorum“, neuerlichst der „plastischen Chirurgie“ belegt worden ist, ist sein Wirken Epoche machend geworden. — Für dieses wesentlich auf die Erhaltung oder Wiederherstellung der normalen Form hingegerichtete künstlerische Bestreben Dieffenbach's ist es vielleicht bezeichnend, wenn er im Eingange zu einer seiner ersten chirurgischen Mittheilungen, einen Fall von Exarticulation des Oberschenkels betreffend (in Rust, Magaz. für die ges. Heilkunde, 1827, XXIV. S. 334), mit Hinweis auf das erhebende Gefühl, welches der Wundarzt bei Ausführung einer größeren chirurgischen Operation empfindet, im Anschlusse an eine Aeußerung v. Walther's hinzufügt: „Weniger aber fühlt er seine Thatkraft erhoben, wenn nur ein schwacher Schimmer von Hoffnung für die Erhaltung des Kranken ihn zu einem blutigen Eingriffe zwingt, durch den selbst im glücklichsten Falle nur einem elend Verstümmelten das Leben gerettet wird.“ — Fast alle wissenschaftlichen Bestrebungen Dieffenbach's tragen den Stempel der conservirenden, neugestaltenden, verschönenden Tendenz, und|gerade damit, wie mit der Genialität und Einfachheit seines heilkünstlerischen Verfahrens ist er ein leuchtendes Beispiel für alle Folgezeiten, ein Evangelist der neuen Chirurgie geworden.

    Als D. auftrat, befand sich die Chirurgia curtorum in einem sehr kümmerlichen Zustande der Existenz. — In den ältesten Zeiten der indischen Heilkunde behufs Herstellung zerstörter Nasen und Ohren geübt, hatte diese Operationsmethode in der griechisch-römischen Medicin nur eine sehr beschränkte Anwendung und zwar, wie es scheint, nur bei geringen Defecten einzelner Theile des Gesichts gefunden. Erst im 15. und 16. Jahrhundert war diese Kunst von einigen italienischen Aerzten und Wundärzten wieder in größerem Umfange geübt worden, einen allgemeinen Eingang in die heilkünstlerische Thätigkeit hatte sie auch damals nicht gewonnen, und im 17. und 18. Jahrhundert war sie fast ganz in Vergessenheit gerathen. — Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelangte, wie es scheint, auf verschiedenen Wegen die Kunde von der Fertigkeit der Inder, zerstörte Nasen künstlich wieder herzustellen, nach Europa, und eben hieran knüpfte sich dann die Wiederaufnahme plastisch-chirurgischer Operationen, namentlich gefördert durch den englischen Chirurgen Carpue und durch v. Gräfe, dessen Leistungen auf diesem Gebiete von Wichtigkeit für die weitere Entwicklung der plastischen Chirurgie und namentlich der von ihm sogenannten Rhinoplastik geworden sind. — Während es sich nun bei allen diesen Versuchen zur Herstellung verstümmelter oder zerstörter Theile aber wesentlich immer nur um Schönheitsrücksichten handelte, die Chirurgia curtorum also, wie einer der tüchtigsten Schriftsteller auf diesem Gebiete sagt, nur eine „ars decoratoria“ geblieben war, hat dieselbe in der neuesten Zeit eigentliche Heilzwecke verfolgt, und eben diesen Weg vorgezeichnet, die methodische Ausführung der plastisch-chirurgischen Operation gelehrt, und auf diesem neuen Gebiete der Heilkunst die ersten glänzenden Resultate erzielt zu haben, das ist das große Verdienst Dieffenbach's, das ihm niemals bestritten werden kann, wenn es auch selbstverständlich nicht an Versuchen gefehlt hat, seinen Ruhm zu verkleinern und namentlich eitle Franzosen es sich haben angelegen sein lassen, seine Leistungen aus der Geschichte der plastischen Chirurgie möglichst zu escamotiren, um der französischen Chirurgie das Principat auf diesem Gebiete zu sichern.

    Schon während seiner Studienzeit hatte D. sich mit diesem Gegenstande wissenschaftlich beschäftigt; in seiner Inaugural-Dissertation ("Nonnulla de regeneratione et transplantatione“. Herbipoli 1822) veröffentlichte er die Resultate einer Reihe von Versuchen, welche er mit Ueberpflanzung von Federn und Haaren (darunter auch Experimente mit Menschenhaaren an sich selbst) angestellt hatte, und auch nach seiner Habilitation als Arzt in Berlin setzte er diese Versuche (wie seine Mittheilungen in Gräfe und Walther, Journal 1824, Bd. VI. S. 122 und 482 lehren) in erweitertem Umfange, namentlich mit Verpflanzung von Hautlappen fort. — Die ersten Nachrichten über von ihm verrichtete plastische Operationen datiren aus dem J. 1826, in welchem er, im Anschlusse an eine Besprechung der von ihm übersetzten Schrift von Roux (Ueber Staphylorrhaphie, Berlin 1826) Mittheilung über eine von ihm ausgeführte Operation der Gaumennath gibt (in Rust und Casper, Repertor. 1826, Bd. XIV. S. 417) und alsbald (in Hecker, Litt. Annalen der Heilkunde, 1826. VI. S. 305) einen zweiten Fall von völlig gelungener Vereinigung einer angeborenen Spaltung des Gaumensegels mittheilt. Weitere Beiträge zur Gaumennath veröffentlichte er dann in dem letztgenannten Journale (1827, Bd. VIII. S. 343 und 450; 1828, Bd. X. S. 322), ferner in Rust's Magaz. der Heilkunde (1829, Bd. XXIX. S. 3 und XXX. S. 276) so wie in der unten genannten Sammlung seiner chirurgischen Erfahrungen (Abth. I. S. 49 und Abth. III. und IV.|S. 127), wo er zuerst des Gebrauches von Bleidrähten bei der Gaumennath erwähnt, nachdem er zwei Jahre vorher (in Hecker, Litter. Annalen der Heilkunde, 1827, Bd. VIII. S. 129) die Anwendung von Carlsbader Insectennadeln behufs Ausführung der umschlungenen Nath als ein vorzügliches Mittel zur Schließung und Heilung von Gesichtswunden eingeführt hatte. — In eben diesem Jahre theilte er (in Rust, Magaz. 1827, XXV. S. 383) seine neue, durch die Erfahrung bewährte Methode über Lippenbildung (Cheiloplastik) mit, im Jahre 1828 erschien (in Rust, Magaz. Bd. XXVIII. S. 105) sein erster Bericht über „eine neue und leichte Operationsmethode zur Wiederherstellung der eingefallenen Nase aus den Trümmern der alten“, und im J. 1830 (ebdas. Bd. XXX. S. 438) die erste Mittheilung über die plastische Operation des Ectropium (des auswärts gekehrten Augenlides). — Alle diese Notizen geben aber nur ein sehr unvollständiges Bild des Umfanges, den die plastische Chirurgie in Dieffenbach's Händen bereits erlangt hatte; einen volleren Einblick in denselben gewährt die Sammlung, welche er unter dem Titel: „Chirurgische Erfahrungen, besonders über die Wiederherstellung zerstörter Theile des menschlichen Körpers nach neuen Methoden“, Berlin 1829—1834, in 4 Abtheilungen veröffentlicht hat, in welchen die Fülle seiner Erfahrungen über Rhinoplastik, Lippenbildung, Gaumenbildung, künstliche Bildung der zerstörten Vorhaut, Herstellung des zerstörten Mittelfleisches und Transplatation zum Ersatze der theilweise zerstörten Harnröhre, Wiederherstellung des äußeren Ohres, plastische Operation am Auge durch Transplantation (Augenlidbildung, Heilung der Thränenfistel durch Ueberpflanzung der Wangenhaut), Verpflanzung der Scrotalhaut bei entblößten Hoden, Heilung von Hautgeschwüren durch Transplantation und Hautüberpflanzung im Allgemeinen, Operationen bei Verwachsungen im Munde etc. niedergelegt ist. Inzwischen hatte D. eine allgemeine Darstellung der Lehre von der plastischen Chirurgie in dem Artikel „Chirurgia curtorum“ in Rust, Handbuch der Chirurgie (1831, Bd. IV. S. 496, auch einzeln unter dem Titel „Ueber den organischen Ersatz“, Berlin 1831, in 2. Aufl. ebdas. 1838) veröffentlicht, sodann folgte eine Reihe kleinerer Arbeiten, so namentlich über Heilung eines Falles von künstlichem After durch Ueberpflanzung eines gesunden Hautstückes (in Casper, Wochenschr. 1834, S. 265), ferner ein ausgezeichneter Artikel über die Heilung widernatürlicher Oeffnungen in dem vorderen Theile der männlichen Harnröhre (in Hamburger Zeitschrift für Medicin 1836, Bd. II. S. 1 und 1837, Bd. IV. S. 27) und mehrere Artikel über Blasenscheidenfisteln, Zerreißung der Blase, der Scheide und Zerreißung des Dammes bei Frauen (in Preuß. med. Vereins-Zeitung, 1836, S. 117 ff. und 1837, S. 255), und schließlich gab D. eine vollständige Bearbeitung der ganzen Lehre von der plastischen Chirurgie in dem von ihm verfaßten Lehrbuche über „Die operative Chirurgie“, das in 2 Bänden Leipzig 1845—1848 erschienen ist.

    Ein anderes Verdienst um die Heilkunde hat sich D. durch die von ihm aufs neue angeregte Methode der Blut-Transfusion und der Einführung von Arzneien durch Venen-Infusion erworben. Im J. 1828 veröffentlichte er, im Anschluß an das von Scheel verfaßte, diesen Gegenstand behandelnde Werk (2 Theile, Kopenhagen 1802—3) und als 3. Theil desselben eine Zusammenstellung aller Versuche und Beobachtungen, welche über diese therapeutischen Methoden in der Zeit von 1803—1828 in Deutschland, England, Frankreich, Nord-Amerika u. a. gemacht und mitgetheilt worden waren; dieser Arbeit folgte ein Bericht (in Meckel, Archiv für Anat. und Physiol. 1829, S. 9) über die Resultate von Versuchen, welche D. mit Venen-Infusionen von verschiedenen narkotischen Mitteln, ferner von Brom u. a. an Thieren angestellt hatte, später veröffentlichte er (in Cholera-Archiv, herausgeg. von Albers, Barez u. A., Berlin|1832, I. S. 86 und in Hecker, Litter. Annal. für die gesammte Heilkunde 1832, XXII. S. 129) „Physiologisch-chirurgische Beobachtungen an Cholera-Kranken“, und zwar mit besonderer Berücksichtigung der Erfolge, welche er mit Bluttransfusion bei Cholera-Kranken gehabt hatte, und schließlich gab er (in Rust, Handbuch der Chirurgie, Berlin 1833, Bd. IX. S. 588, auch einzeln Berlin 1833 erschienen) eine zum Theil historische, zum Theil auf eigene Versuche und Beobachtungen gestützte Darstellung der Lehre von der „Transfusion des Blutes und der (Venen-)Infusion von Arzneien“ heraus. — Mit diesen Arbeiten hat D. nicht nur eine neue Anregung zur Einführung dieser Heilmethoden in die Arzneikunst — denn von dieser Zeit an datirt erst die eigentlich wissenschaftliche Bearbeitung und Behandlung derselben — sondern auch durch die von ihm erfundene Vereinfachung der Methode bei der mittelbaren Transfusion einen werthvollen Beitrag zur Therapie geliefert.

    Ein drittes Gebiet der Chirurgie endlich, auf welchem D. excellirt und das er, wenn auch nicht angebahnt, so doch wesentlich ausgebaut und in die wundärztliche Praxis eingeführt hat, ist die Lehre von der subcutanen Sehnen- und Muskel-Durchschneidung. Das Verdienst, diese Methode begründet und, wenigstens zum Theil, auch ausgeführt zu haben, gebührt Stromeyer, welcher die Grundsätze derselben, zunächst für die Achillessehne behufs Operation des Klumpfußes, in einigen Journalartikeln (in Rust, Magazin 1833, XXXIX. S. 195 u. 1834, XLII. S. 159) entwickelt und die Resultate der von ihm ausgeführten Operationen mitgetheilt hatte; mit gleichem Rechte aber darf D. auf das Verdienst Anspruch erheben, zur schnellen und allgemeinen Verbreitung der von ihm erheblich verbesserten Operationsmethode wesentlich beigetragen zu haben. — Bis zum J. 1836 hatte er der subcutanen Sehnendurchschneidung noch so wenig Aufmerksamkeit geschenkt, daß als ein junger englischer Arzt, der später als Orthopäde bekannt gewordene Little, der an Klumpfuß litt, sich an D. mit der Bitte wandte, die Operation an ihm auszuführen, dieser ihn mit der Erklärung, daß er auf diesem Gebiete keine Erfahrung habe und, offen gestanden, sich auch von der Operation nicht viel versprechen könne, an Stromeyer verwies. Als Little kurze Zeit darauf, von Stromeyer geheilt, nach Berlin zurückkehrte, war D. von dem Erfolge der Operation aufs tiefste ergriffen; mit dem Eifer, der ihm bei der Verfolgung jedes ihm vorschwebenden Zieles eigen war, benutzte er jetzt die ihm reichlich gebotene Gelegenheit für Ausführung der subcutanen Tenotomie und innerhalb kaum eines Jahres hatte er bereits in 140 Fällen den Klumpfuß vermittelst Durchschneidung der Achillessehne operirt. Seine Mittheilungen hierüber sowie über andere Tenotomieen finden sich in verschiedenen Journal-Artikeln (in Preuß. med. Vereins-Ztg. 1838, Nr. 27; Casper, Wochenschr. 1839, Nr. 38, 39, S. 609 ff.), ferner in der Monographie „Ueber die Durchschneidung der Sehnen und Muskeln“, Berlin 1841 und in seinem Hauptwerke über „Operative Chirurgie“ niedergelegt. — Ihm eigenthümlich ist ferner die hiehergehörige, operative Methode des Stotterns (vermittelst Durchschneidung, resp. Excision eines Stückes des Zungenmuskels), welche er (nach einer in der Berliner med. Centralzeitung 1841, Nr. 6 veröffentlichten Notiz) zum ersten Male am 7. Jan. 1841 ausgeführt und die er dann später monographisch ("Die Heilung des Stotterns durch eine neue chirurgische Operation“, Berlin 1841) beschrieben hat. — Ebenso endlich ist D. der erste gewesen, der die von Stromeyer in Vorschlag gebrachte, übrigens schon im 18. Jahrhunderte von Taylor angedeutete, operative Behandlung des Schielens durch den Sehnen-, resp. Muskelschnitt praktisch ausgeführt hat; als er die monographische Bearbeitung dieses Gegenstandes ("Ueber das Schielen und die Heilung desselben durch die Operation“, Berlin 1842, frühere Mittheilungen hierüber finden sich von ihm in der Preuß. med. Vereins-Ztg.|1839, Nr. 46 und 1840, Nr. 6. 7 niedergelegt) veröffentlichte, konnte er bereits über die Resultate von 1200 von ihm ausgeführten Schiel-Operationen berichten.

    Außer den hier genannten litterarischen Arbeiten, welche sich auf dies von ihm mit Vorliebe gepflegte Gebiet der Chirurgie beziehen, hat D. die „Henkel-Stark'sche Anleitung zum chirurgischen Verbande neu bearbeitet und mit Zusätzen vermehrt“, Berlin 1829 herausgegeben, sodann in mehreren medicinischen Journalen (besonders in Rust's Magazin, Casper's Wochenschrift und in der Hamburger Zeitschrift für Medicin, an deren Redaction er sich in Gemeinschaft mit Fricke und Oppenheim in den Jahren 1836 und 1837 betheiligt hatte) verschiedene casuistische Beiträge zur Chirurgie und einige interessante Artikel über die Erlebnisse auf einer 1836 nach Paris unternommenen wissenschaftlichen Reise mitgetheilt, ferner einige chirurgische Artikel zu dem von der Berliner medicinischen Facultät herausgegebenen encyklopädischen Wörterbuche der medicinischen Wissenschaften und zu Rust, Handbuch der Chirurgie geliefert, eine „Anleitung zur Krankenwartung“, Berlin 1832 veröffentlicht, und endlich in einer kleinen Schrift „Der Aether gegen den Schmerz“, Berlin 1847 die Erfahrungen niedergelegt, die er, als einer der ersten deutschen Wundärzte, welche die Jackson'sche Methode in die Praxis eingeführt, über die Aetherisation bei Operationen gemacht hatte. — Ueber die klinisch-praktischen Leistungen Dieffenbach's legen außerdem die Schriften von Ch. Philips, La Chirurgie de Mr. Dieffenbach. Première partie, Berlin 1840 und die von C. Th. Meyer herausgegebenen „Vorträge in der chirurgischen Klinik der königl. Charité zu Berlin“. 2 Lieff. Berlin 1840, so wie mehrere Artikel in französischen medicinischen Zeitschriften, die während seines Aufenthaltes 1836 in Paris von ihm in dortigen Hospitälern ausgeführten chirurgischen Operationen betreffend, Zeugniß ab.

    Eine Würdigung Dieffenbach's als Mensch, Arzt und Gelehrter läßt in ihm eine Reihe von Gemüths- und Charakter-Eigenthümlichkeiten erkennen, welche über seine Stellung und sein Wirken im Leben und in der Wissenschaft vollkommen Aufschluß zu geben geeignet sind. — Von unbegrenzter Liberalität gegen sich selbst und gegen seine Umgebung, einer Liberalität, die ihn u. a. zu einem „unmöglichen Examinator“ machte, von rastlosem Eifer für das Wohl der leidenden Menschheit erfüllt, hat D. in seiner genial angelegten Natur, in der Schnelligkeit und Schärfe der Auffassung, in der classischen Ruhe und Besonnenheit, in der ungetrübten Umsicht und Geistesgegenwart, die ihn selbst in den schwierigsten Lagen seiner heilkünstlerischen Thätigkeit nie verließ, in der Leichtigkeit, sich jede ihn interessirende fremde Idee anzueignen und sie praktisch zu verwerthen, in der Rastlosigkeit, jeden neu aufgenommenen oder in ihm erwachten Gedanken zu verarbeiten und zur That werden zu lassen, hierin — sage ich — hat D. unerschöpfliche Quellen und Hülfsmittel für sein ärztliches Wirken gefunden, dem an Umfang und Bedeutung die Leistungen nur weniger großer Chirurgen gleich kommen, der allerwenigsten überlegen sind. — Im Vollbesitze dessen, was vor ihm geleistet war, hatte sich D. von jedem Autoritätsglauben frei gehalten und sich seinen Standpunkt aus sich selbst heraus geschaffen. Auf die historische Entwicklung des Wissens legte er keinen großen Werth, Gelehrsamkeit schätzte er nur so weit hoch, als sie die Handhabe für die praktische Thätigkeit bot, die abstracte Speculation war ihm ganz fremd: klaren Blickes das Ziel vor Augen, dem er zustrebte, und getragen von einem durch die reichste Erfahrung wohl begründeten Selbstbewußtsein verschmähte er es, ausgetretene Wege weiter zu verfolgen, ihn reizte das Neue, mochte es sich in einer ihm originellen Auffassung des bereits Bekannten oder in absolut neuen Gesichtspunkten darstellen, und so sicher er jede ihm vorschwebende Idee erfaßte, so einfach waren stets die|Mittel, deren er sich zur Ausführung derselben bediente. Bewunderungswürdig war seine manuelle Gewandtheit, noch mehr aber die Einfachheit seiner Technik und der technischen Hülfsmittel, deren er zur Ausführung der schwierigsten Operationen bedurfte; gerade diese Einfachheit war es, die ihm auch in solchen Fällen, wo unvorhergesehene Hindernisse sich ihm bei der Operation entgegenstellten, den Erfolg sicherte und ihm die Möglichkeit bot, sich als „Genie des Augenblickes“ zu bewähren. — Es ist kaum möglich, die Ziele, denen D. zugestrebt, die Wege, die er eingeschlagen und die Mittel, deren er sich zur Erreichung derselben bedient hat, treffender zu schildern, als er selbst es in den einleitenden Worten zu seiner „Operativen Chirurgie“ gethan hat; in dieser Vorrede tritt er dem Leser in seiner ganzen Eigenthümlichkeit und Größe — ein Operateur von Gottes Gnaden — entgegen, hier offenbart sich der in ihm wohnende Geist, der ihn nach einer mehr als 20jährigen, enormen Thätigkeit so frisch erhalten hatte, daß er von dem Inhalte seiner Schrift ausrufen konnte: „Es sind dies keineswegs Ueberschauungen und Rückblicke in ein mühevolles und bewegtes Leben, keine schwermuthsvollen Betrachtungen am Abende des eigenen Daseins, sondern noch mit der Gluth der Jugend und in der Gegenwart erfaßte Begebenheiten, nicht blos von vorgestern, sondern noch von gestern und noch von heute.“

    Diese Arbeit, die ganze Fülle seiner Erfahrungen als das Vermächtniß seines Wissens und Schaffens umfassend, war es, welche D. aufs lebhafteste beschäftigte; wie der Herausgeber des nach dem Tode des Verfassers erschienenen Schlusses derselben, sein Neffe und Pflegesohn Dr. Bühring, mittheilt, hatte sich in den letzten Monaten des Lebens Dieffenbach's eine eigenthümliche Todesahnung seiner bemächtigt, wiewol er, der eigenen Erklärung nach, sich lange nicht so wohl, wie gerade in dieser Zeit gefühlt hatte, und in solchen Augenblicken, in welchen ihn die trübe Gemüthsstimmung überfiel, war die Vollendung dieses Buches seine größte Sorge und er rief dann wol, schmerzlich bewegt: „Ich erlebe doch nicht, daß es fertig wird.“ Seine Ahnung hatte ihn nicht ganz getäuscht; noch waren die Schlußlieferungen dieser Schrift nicht erschienen, die letzte noch nicht einmal redigirt, als sich am 11. Nov. 1847 seine Ahnung erfüllte; mitten in seinem Berufe, auf dem glänzendsten Felde seiner Thätigkeit, im Operationssaale, von hunderten seiner Schüler umgeben, trat ihn der Tod an, so plötzlich, so sanft, wie er selbst es sich oft gewünscht hatte: „Nur nicht sterben — das ist ein qualvoller Kampf; aber der Tod ist schön.“ — Die Zahl der aus seiner Schule direct hervorgegangenen bedeutenden Chirurgen ist klein, aber Dieffenbach's Geist lebt in der neuen Wissenschaft fort und nicht viele Capitel in der operativen Chirurgie sind es, welche nicht an den Namen Dieffenbach's anknüpfen.

  • Autor/in

    A. Hirsch.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hirsch, August, "Dieffenbach, Johann Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 120-126 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11852531X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA