Lebensdaten
1708 bis 1783
Geburtsort
Lübbenau (Niederlausitz)
Sterbeort
Lübbenau (Niederlausitz)
Beruf/Funktion
dänischer Diplomat ; Staatsmann
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 117667919 | OGND | VIAF: 15552140
Namensvarianten
  • Lynar, Rochus Friedrich Graf zu
  • Lynar, Rochus Friedrich von
  • Comes Linariae, Rochus Fridericus
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Zitierweise

Lynar, Rochus Friedrich Graf zu, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117667919.html [29.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich Casimir (1673–1716), Standesherr auf L., S d. Sigmund Casimir (1648–86), Standesherr auf L., kursächs. GR, u. d. Charlotte Eleonore v. Blumenthal;
    M Elisabeth (1672–1745), T d. Adam, Gf. v. Windisch-Graetz (1627–1704) u. d. Anna Maria Freiin v. Rueber;
    B Moritz Karl (1702–68), 1734-41 kursächs. Gesandter in St. Petersburg (s. ADB 19);
    - Köstritz 1735 Sophie (1712–81), T d. Heinrich XXIV. Gf. Reuß-Köstritz (1681–1748) u. d. Eleonore Freiin v. Promnitz;
    K, u. a. Moritz Fürst (1754–1807), Landeshauptm. d. Markgrafentums Niederlausitz.

  • Leben

    Nach dem frühen Verlust des Vaters wurde L. im Hause von Heinrich XXIV. Gf. Reuß-Plauen erzogen, mit dessen Sohn er 1726-30 die Universitäten Jena und Halle besuchte. Anschließend führten ihn Bildungsreisen nach Dänemark, Schweden, den Niederlanden, Frankreich und England. 1733 trat er als Kammerherr in dän. Dienste. Günstig auf die Karriere L.s wirkte sich aus, daß seine pietistische Einstellung mit der Kg. Christians VI. übereinstimmte. Schon bald nach seinem Eintritt in die deutsche Kanzlei zu Kopenhagen|wurde er mit der Regelung wichtiger diplomatischer Angelegenheiten betraut. 1734 führte ihn eine Mission nach Ostfriesland, wo er der verwitweten Fürstin Sophie Caroline, einer Schwester des dän. Monarchen, Beistand leistete. Die politische Lage Ostfrieslands, die vom Interessengegensatz zwischen Dänemark, Preußen und Hannover bestimmt war, erschien damals besonders kompliziert. Die erfolgreiche Erledigung dieses Auftrags veranlaßte den König, L. bereits im folgenden Jahr zum dän. Gesandten in Stockholm zu ernennen. Hier bemühte er sich um die Verminderung der Spannungen zwischen den beiden nordischen Nachbarstaaten, die im wesentlichen auf der ungelösten Gottorfer Frage beruhten. L.s Position wurde durch die innenpolitischen Zwistigkeiten zwischen der frankreich- und der rußlandfreundlichen Partei in Schweden beträchtlich erschwert. Als Nachteil erwies sich dabei, daß er in diesem Konflikt nicht neutral blieb, sondern allzu offenkundig den proruss. Kurs des schwed. Ministers Arvid Hörn unterstützte. Das trug ihm die Feindschaft der an Frankreich orientierten Hütepartei ein, die 1738 Hörn entmachtete und auf der Grundlage einer schrankenlosen Revanchepolitik die Zeichen für einen künftigen Krieg mit Rußland setzte. L. konnte nicht auf die Unterstützung des Kopenhagener Hofs zählen, weil dieser selbst immer mehr in franz. Fahrwasser geraten war. Angesichts dieser Situation ist verständlich, daß L. 1740 – kurz vor Ausbruch des schwed.-russ. Krieges – von seinem Stockholmer Posten abberufen wurde. 1742 wurde er zum Kanzler in Holstein und Amtmann von Steinburg ernannt. 1749 kehrte L. auf Betreiben des dän. Staatsministers Schulin nach Kopenhagen zurück und war an der Ausarbeitung des Erbvergleichs zwischen Dänemark und dem schwed. Thronfolger Adolf Friedrich beteiligt, in dem sich dieser verpflichtete, den Gottorfer Anteil von Holstein, falls er ihn erben sollte, gegen die dän. Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst auszutauschen und auf seine schleswig. Ansprüche zu verzichten. Weil eine endgültige Lösung der die „Ruhe des Nordens“ gefährdenden Gottorfer Frage nur im Einvernehmen mit Rußland möglich war, schickte der dän. Kg. Friedrich V. Ende 1749 den mit diesem Problem vertrauten L. als Gesandten nach St. Petersburg. Dieser stieß zwar bei dem russ. Staatskanzler Bestuchev, dem im Hinblick auf die politische Großwetterlage in Europa an guten Beziehungen zu Dänemark gelegen war, auf positive Resonanz; als unüberwindlich erwies sich indes das starre Festhalten des Thronfolgers Karl Peter Ulrich (des späteren Zaren Peter III.) an seinem Gottorfer Erbe. Als zwei Jahre später das Scheitern der Mission L.s feststand, wurde er abberufen und auf den wenig einflußreichen Statthalterposten in Oldenburg abgeschoben. Ganz ergebnislos war aber die Tätigkeit L.s in St. Petersburg nicht gewesen. Sie bildete eine wesentliche Grundlage für den Abschluß des provisorischen Austauschvertrags von 1767 und des definitiven Tauschabkommens vom 1.6.1773, die die endgültige Bereinigung der Gottorfer Frage brachten.

    In seiner bis 1765 währenden Oldenburger Amtszeit beschränkte sich L. im allgemeinen auf repräsentative Aufgaben. Im Mittelpunkt seines Interesses standen jetzt zunehmend literarische und theologische Studien. Nur noch einmal, 1757 nach der Schlacht bei Hastenbeck, trat er durch die Vermittlung der „berüchtigten“ Konvention von Zeven, die allerdings nicht von Frankreich ratifiziert wurde und daher weitgehend wirkungslos blieb, kurzfristig in den Mittelpunkt des politischen Geschehens. – Nach seiner Entlassung aus dem dän. Staatsdienst 1766 – als Vorwand diente eine ihm angehängte Betrugsaffäre – verbrachte L., der zu den schillernsten Persönlichkeiten seiner Zeit gehört hatte, seine letzten Lebensjahre auf dem Familienwohnsitz Lübbenau.

  • Werke

    u. a. Übersetzung v. Seneca, De clementia u. De brevitate vitae, 1753 f.;
    Versuch e. Paraphrasis d. Briefes Pauli a. d. Römer, 1754;
    Erklärende Umschreibung sämmtl. apostol. Briefe, 1765;
    Der Sonderling, 1761;
    Des weiland Gf. R. F. z. L. hinterlassene Staatsschriften, 2 Bde., 1793-97.

  • Literatur

    ADB 19;
    G. Jansen, R. F. Gf. z. L., 1873;
    P. Vedel, in: Hist. Tidskr. 4. R., IV, 1873 f., S. 537-633;
    E. Holm, Danmark-Norges Historie 1720-1814, II-III, 1894-98;
    W. Hayen, in: Oldenburg. Jb. 1915, S. 171-209;
    A. Friis, Bernstorfferne og Danmark II, 1919;
    O. Brandt, C. v. Saldern u. d. nordeurop. Pol. im Za. Katharinas II., 1932;
    St. Hartmann, Die Beziehungen Preußens z. Dänemark, 1983;
    E. Hübner, Staatspol. u. Fam.interesse, 1984;
    A. Linvald, in: Dansk Leks. 15.

  • Portraits

    Zeichnung v. Chodowiecki (Berlin, Kupf.kab.);
    Gem. v. A. Graff, 1767 (Dresden, Gem.gal.).

  • Autor/in

    Stefan Hartmann
  • Empfohlene Zitierweise

    Hartmann, Stefan, "Lynar, Rochus Friedrich Graf zu" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 583 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117667919.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lynar: Rochus Friedrich Graf zu L. wurde am 16. Decbr. 1708 als der zweite Sohn des Grafen Friedrich Casimir zu L. auf dem Schlosse Lübbenau in der kursächsischen Niederlausitz geboren. Nachdem er seinen Vater schon 1716 verloren hatte, kam er. 16 Jahre alt, in das Haus des der Lynar'schen Familie eng befreundeten Grafen Heinrich XXIV. von Reuß-Plauen, eines frommen und einfachen Herrn, welcher der Regierung seines Ländchens mit gewissenhafter Sorgfalt sich widmete. Mit einem Sohne desselben, dem Grafen Heinrich VI., bezog L. 1726 die Universität Jena, die 1729 mit Halle vertauscht wurde, und machte dann, nach einem Besuche in Dänemark und Schweden, mit seinem Studiengenossen eine längere Reise durch Deutschland, die Niederlande, Frankreich und England, nach deren Beendigung er in dänische Dienste trat. Von König Christian VI. zum Kammerherrn ernannt (1733), arbeitete er zugleich in der deutschen Kanzlei zu Kopenhagen und fand so Gelegenheit, in den verschiedenen Zweigen des Dienstes sich auszubilden. Nachdem er eine Sendung nach Ostfriesland zur Regelung der Angelegenheiten der verwittweten Fürstin Sophie Caroline, Schwester des Königs, günstig erledigt hatte (1734), wurde er 1735 zu dem wichtigen Posten eines Gesandten am schwedischen Hofe berufen. Bevor er sich zur Uebernahme desselben nach Stockholm begab, vermählte er sich am 27. Mai 1735 zu Köstritz mit der Gräfin Sophie Marie Helene von Reuß-Plauen, ältesten Tochter des Grafen Heinrich XXIV. — Bis zum Jahre 1740 führte L. die Vertretung Dänemarks in Schweden, wo im Reichstage wie am Hofe die beiden Adelsparteien, die Rußland zuneigende unter Führung des Grafen Arwed Horn und die französische unter dem Grafen Karl Gyllenborg, sich heftig befehdeten; die von der dänischen Regierung vollzogene Erneuerung eines Subsidienvertrages mit England zu einer Zeit, als L. mit dem Grafen Gyllenborg wegen Abschluß eines russenfeindlichen Bündnisses in vertrauliche Verhandlungen getreten war, machte Lynar's Stellung in Stockholm unhaltbar und seine Abberufung nothwendig. Nach vorübergehender Beschäftigung bei dem schleswigschen Obergerichte zu Gottorp wurde er zum Amtmann in Steinburg (1742) und|bald darauf zum Kanzler und Präsidenten der Regierung des Herzogthums Holstein ernannt. Nachdem er 1746 zum wirklichen Geheimen Rath befördert war, übertrug ihm der König eine Mission an den Hof zu St. Petersburg (1749), welche den Zweck hatte, wegen der langjährigen Streitigkeiten mit dem Herzoge von Holstein-Gottorp durch Verhandlungen mit dem russischen Hofe zu einer friedlichen Verständigung zu gelangen und den als Nachfolger der Kaiserin Elisabeth anerkannten Herzog Karl Peter Ulrich von Holstein-Gottorp, nachmaligen Kaiser Peter III., für einen Verzicht des Gottorp'schen Hauses auf seine Rechte an den Herzogthümern Schleswig und Holstein zu gewinnen. Die Mission scheiterte; die mit Lynar's Abberufung 1751 abgebrochenen Verhandlungen haben indeß den Weg gebahnt, der später zu dem provisorischen Tractate von Kopenhagen vom 22. April 1767 und dem Definitivvertrag von Sarskoe-Selo vom 1. Juni 1773 geführt hat, durch welchen das Haus Holstein-Gottorp seine Rechte an Schleswig und Holstein zu Gunsten des dänischen Königshauses aufgab und für seinen Antheil an Holstein die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst in Tausch nahm. — Während der Petersburger Verhandlungen war in Kopenhagen der Staatsminister Graf von Schulin gestorben (13. April 1750) und L. vom König zum Nachfolger desselben bestimmt (Juni 1750). Allein seine Gegner am Hofe wußten diese Ernennung rückgängig zu machen; der König übertrug das für L. bestimmte Departement der auswärtigen Angelegenheiten dem Grafen Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, und 8. wurde bei seiner Rückkehr aus St. Petersburg (März 1752), obgleich vom König mit großer Auszeichnung empfangen, zum Statthalter der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst ernannt. In Oldenburg, wo seine Stellung eine vorwiegend repräsentative war, fand er Muße, litterarischen Studien, an denen sein Interesse nie erkaltet war, sich wieder zuzuwenden; Uebersetzungen von Seneca's Schriften De clementia und De brevitate vitae, die in Hamburg 1753 und 1754 erschienen, der Versuch einer Paraphrase des Briefes an die Römer (1754) und des Briefes an die Hebräer (1756), sowie eine erklärende Umschreibung sämmtlicher apostolischer Briefe (1765) sind als die Früchte seiner Studien zu verzeichnen; auch einzelne politische Aufsätze und Gedichte entstanden, sowie eine Satire „Der Sonderling“ (1761). Inmitten dieser Beschäftigungen erhielt er 1757 unerwartet den Auftrag nach der Schlacht von Hastenbeck die von der dänischen Regierung übernommene Vermittelung eines Waffenstillstandes zwischen dem Herzog von Cumberland und dem Marschall Richelieu auszuführen, und es gelang ihm, nach 5tägiger Verhandlung am 10. Octbr. 1757 die berüchtigte Convention von Kloster Zeven zu Stande zu bringen, welche mitten im Kriege eine schlagfertige Armee zur Unthätigkeit verurtheilte und Friedrich dem Großen in verhängnißvollem Augenblick seinen einzigen Alliirten abtrünnig machte. Im J. 1763 durch Verleihung des Elephantenordens ausgezeichnet, nahm L. im J. 1766 seinen Abschied aus dem dänischen Staatsdienst und Zog sich auf die Herrschaft Lübbenau zurück, wo er am 13. Novbr. 1783 verstarb. Auch in seinen letzten Lebensjahren blieben neben den politischen Angelegenheiten namentlich kirchlich-theologische Sachen Gegenstände seines Interesses; 1770 und 1771 erschien von ihm eine erklärende Umschreibung der 4 Evangelien und 1772 ein Versuch in geistlichen Liedern. — „Subire ac perferre“ war die Devise, welche Graf L. als Ritter des Danebrog sich wählte. Ueber der Durchführung dieses Wahlspruchs in seinem Leben hat ein eigenthümliches Verhängniß gewaltet. Die Gesandtschaft in Schweden und die Petersburger Mission schlugen fehl, die Convention von Kloster Zeven ging zu Grunde, und in den oldenburgischen Landen legt kein wichtiges Gesetz, keine große Verbesserung, keine gemeinnützige Anstalt der Gegenwart ein Zeugniß von der 14jährigen Thätigkeit des Grafen|L. ab. Gleichwol war derselbe ein Mann von hervorragender Bedeutung, die auch nicht dadurch gemindert wird, daß nicht jede Art öffentlicher Thätigkeit ihn in gleichem Maße ansprach. Die große Politik war das Feld, für welches Beruf und Neigung ihn bestimmt hatten; die nüchterne Schärfe und die Klarheit, mit welcher er die verwickeltsten Verhältnisse überschaute und beherrschte, die Gediegenheit und der Umfang seiner Bildung, die Gewandtheit in der Form und im Ausdruck, sein Reichthum an Welterfahrung und Menschenkenntniß stellen ihn in die erste Reihe der Staatsmänner seiner Zeit. Unter diesen aber tritt er als eine eigenthümliche Erscheinung insofern hervor, als er in seinen Gesinnungen die in der strengen Schule des Pietismus ihm anerzogenen Grundsätze nie verleugnete.

    • Literatur

      Jansen, Rochus Friedrich Graf zu Lynar (Oldenburg 1873). — Des weiland Grafen R. F. zu Lynar hinterlassene Staatsschriften und andere Aufsätze, 2 Bde. (Hamburg 1793).

  • Autor/in

    Mutzenbecher.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mutzenbecher, "Lynar, Rochus Friedrich Graf zu" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 734-736 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117667919.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA