Lebensdaten
1823 bis 1888
Geburtsort
Breslau
Beruf/Funktion
Philologe
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 117515833 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmidt, Moriz Wilhelm Constantin
  • Schmidt, Guilelmus Constantinus Mauritius
  • Schmidt, Guilelmus Mauricius
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Orte

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Zitierweise

Schmidt, Moriz Wilhelm Constantin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117515833.html [04.04.2020].

CC0

  • Leben

    Schmidt: Moriz Wilhelm Constantin S., classischer Philologe, geboren zu Breslau am 19. November 1823 als Sohn des Oberlandesgerichtsraths Moriz Wilhelm Eduard S. und der Gattin desselben Bianca, geb. du Vignau, erhielt in Schweidnitz, wohin der Vater 1826 als Kreisgerichtsdirector versetzt worden war, seinen ersten Unterricht und trat mit 7½ Jahren in das dortige Gymnasium ein. Seine große Befähigung für die alten Sprachen zeigte sich schon früh, und der Unterricht August Brückner's brachte in ihm schon in Secunda den Entschluß zur Reife, classische Philologie zu studiren. Kaum 16½ Jahre alt, verließ er Ostern 1840 das Gymnasium mit einem vorzüglichen Reifezeugniß und begann seine philologischen Studien in Breslau unter Fr. Haase's Anleitung. Ostern 1841 fiedelte er nach Berlin über und wurde ein eifriger Schüler von Lachmann und Böckh. Letzterem ist seine erste Schrift ("Clitarchi reliquiae") als Geburtstagsgabe zum 24. November 1842 gewidmet. So gründlich er auch seinem Fachstudium oblag, so wenig vernachlässigte er die verwandten Fächer und erwarb sich besonders eine umfassende philosophische und historische Bildung. Daneben entwickelte er durch regelmäßigen Besuch von Concerten und Opern und durch eifrige Theilnahme an den Sitzungen des damals in hoher Blüthe stehenden litterarischen Sonntagsvereins seine schönen Anlagen für Musik und Dichtkunst. Im Februar 1844 promovirte er mit der Abhandlung: „De dithyrambo poetisque dithyrambicis“ und bestand im August desselben Jahres die Prüfung für das höhere Schulamt. Da die schlesische Schulbehörde die Bitte des Candidaten um Beschäftigung an einem Gymnasium wegen seiner großen Jugend nicht gewährte, so verbrachte er die nächsten Jahre bei angestrengtester philologischer Arbeit im Elternhause. Neben den Studien zu einer Geschichte der griechischen Nationalgrammatiker betrieb er damals eifrig die Kritik und Erklärung römischer und griechischer Dichter, besonders des Pindar, und gehörte seit 1846 zu den fruchtbarsten Mitarbeitern am Philologus. Ostern 1847 trat er sein Probejahr|am Gymnasium zu Schweidnitz an und folgte im Mai 1849 einer Berufung nach Oels, wo er als Gymnasiallehrer acht glückliche Jahre verlebt hat. Hier gründete er am 28. December 1851 seinen eigenen Hausstand und fand nun im Kreise der Seinen die beste Erholung von seinen amtlichen und wissenschaftlichen Arbeiten. Die meisten seiner damals entstandenen Schriften bezogen sich auf die griechischen Grammatiker, besonders auf Didymus Chalcenterus, dessen Fragmente von ihm 1854 herausgegeben wurden. Von der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre ab bildete das Lexikon des Hesychius den Mittelpunkt seiner Studien: 1856 erschien das specimen Hesychii editionis und 1858 der erste Band der großen Ausgabe, die 1868 mit dem fünften abgeschlossen wurde. Welche Riesenaufgabe S. hier durch ungewöhnliche Energie und eisernen Fleiß gelöst hat, erkennt jeder Forscher auf dem Gebiete der griechischen Lexikographie dankbar an. Schon die ersten Hefte der Hesychiusausgabe fanden ungetheilten Beifall und warme Anerkennung und hatten im Februar 1857 seine Berufung als außerordentlicher Professor der classischen Philologie an die Universität Jena zur Folge.

    Hier ist er die zweite Hälfte seines Lebens unermüdlich für die Wissenschaft und für die Förderung seiner Schüler thätig gewesen, hier hat er auch den Höhepunkt seines Schaffens mit den bedeutenden Leistungen auf dem Gebiete der griechischen Dialektforschung erreicht. Im J. 1868 erschienen seine Vorstudien zur Entzifferung der lykischen Sprachdenkmale und darauf die Ausgabe der lykischen Inschriften nach den Copien A. Schönborn's, im J. 1869 folgten die neuen lykischen Studien und 1881 nochmals lykische Studien in Kuhn's Zeitschrift. Am glänzendsten aber hat er seinen Scharfsinn und seine Combinationsgabe bei der Entzifferung des kyprischen Syllabars bewiesen; sein Buch: „Die Inschrift von Idalion und das kyprische Syllabar" (1874) hat seinen Namen im Inlande wie im Auslande berühmt gemacht. Neben diesen epigraphischen Studien betrieb er mit großer Vorliebe auch metrische und suchte besonders die schwierige Frage nach der eurhythmischen Responsion bei Pindar ("Pindar's Olympische Siegesgesänge griechisch und deutsch“, 1869; „Ueber den Bau der Pindarischen Strophen“, 1882) und in den tragischen Chorliedern zu lösen. Wenn die Resultate seiner metrischen Untersuchungen auch nicht durchweg zu billigen sind, so haben diese wenigstens werthvolle Anregungen gegeben. In weiteren Kreisen ist er durch verschiedene geschmackvolle Uebersetzungen bekannt geworden, von denen hervorzuheben sind: die Uebersetzung des Sophokleischen Oedipus 1863 und die der Pindarischen Siegesgesänge 1869. Endlich liegen die Früchte seines ununterbrochenen eindringenden Studiums der Classiker, besonders der griechischen, in zahlreichen Beiträgen für philologische Zeitschriften und in einer Reihe von Ausgaben vor, von denen, außer der großen und kleinen Hesychiusausgabe, zu nennen sind: Hygini fabulae“ 1872, „Aristoteles über die Dichtkunst“ 1875, „Sophokles' Antigone“ 1880.

    S. zeichnete sich als Gelehrter durch ein vielseitiges und gründliches Wissen auf dem ganzen Gebiete des classischen Alterthums und durch genaueste Kenntniß der alten Schriftsteller, besonders der griechischen, aus. Sein Wissen beruhte nicht auf Notizen und Collectaneen, sondern was er gelesen hatte war ihm, Dank seines ausgezeichneten Gedächtnisses, jederzeit zum Gebrauch gegenwärtig. Die Textkritik der Alten hat er außerordentlich gefördert und ist an Fruchtbarkeit auf diesem Gebiete etwa mit Th. Bergk zu vergleichen. Scharfsinn und Combinationsgabe besaß er in hohem Maße, deshalb wagte er sich meist an die schwierigsten Probleme und wußte sie auch mit Energie und Willenskraft ganz oder soweit zu lösen, daß sein eigenes Wissensbedürfniß gestillt war; weiterführende Specialuntersuchungen überließ er anderen. Als Schüler von Böckh und|Lachmann gehörte er der „alten“ Schule an und vereinigte alle ihre Vorzüge in seiner Person. Er war im Gebrauch der prosaischen und der Poetischen Redeform gleich geübt und beherrschte die deutsche Sprache neben den beiden classischen so vollständig, daß ihm formvollendete deutsche, lateinische und griechische Gelegenheitsgedichte oder Reden jederzeit gelangen. Auf seine Hörer übte er besonders im Seminar, wo seine pädagogische Befähigung zur Geltung kam, den nachhaltigsten Einfluß. In seinen Collegien erklärte er mit Vorliebe Pindar, Sophokles und Aeschylos und las besonders über Metrik, griechische Dialekte, Litteraturgeschichte und Alterthümer. Alles, was er sprach und schrieb, durchwehte gleichsam ein classischer Hauch, er hatte sich so tief in den Geist des Alterthums versenkt, daß sein eigenes Geistesleben ganz davon durchdrungen schien. Schlicht und einfach trat er auf, doch ließ er schon äußerlich einen feinen und wahrhaft vornehmen Sinn erkennen. Zur Unterstützung anderer, ja selbst zu Opfern war er stets bereit; wenn er auch in berechtigtem Selbstgefühl seinen Werth stets anerkannt wissen wollte, so blieb ihm doch Selbstsucht fern. Besonders durchdrungen war er, der Sohn eines Juristen, von einem seinen, ja empfindlichen Gefühl für Recht und Unrecht. Wurde er durch unzarte Worte verletzt oder durch ungerechte Behandlung zurückgesetzt, so überwand er die Kränkung nur schwer. Sein leidender Zustand in den letzten zehn Jahren legte ihm viele Entsagung auf und lehrte ihn Geduld üben, machte ihn aber zugleich auch reizbar und mißgestimmt. Daß seine Bedeutung im Inlande wie im Auslande voll gewürdigt worden ist, beweisen vielfache Auszeichnungen. Nachdem er im März 1864 zum ordentlichen Honorarprofessor, 1869 nach Göttling's Tode zum ordentlichen Professor der classischen Philologie und 1874 zum Professor der Eloquenz ernannt worden war, erhielt er am 9. Juli 1878 den Titel Hofrath und am 8. April 1882 das Ritterkreuz I. Abth. des Weimarischen Hausordens; am 20. Februar 1871 machte ihn der ἑλληνικὸς σίλλογος ϕιλολογικός in Constantinopel zu seinem μέλος ἐπίτιμον, und am 10. Januar 1879 wurde seine Wahl zum corresp. Mitglied der k. Akademie der Wiss. in St. Petersburg veröffentlicht. Seit 1878 quälte ihn eine in verschiedenen Formen auftretende Krankheit und hemmte seine wissenschaftliche und amtliche Thätigkeit. Dazu kamen seit 1880 auch mancherlei Sorgen und Aufregungen, durch die die Heilung seiner Krankheit verhindert wurde. Am 30. Mai 1885 traf ihn ein Schlaganfall, und am 8. October 1888 erlöste ihn der Tod von seinen Leiden. Er hat ein Alter von 64 Jahren 10 Monaten 19 Tagen erreicht.

    • Literatur

      Vgl. Conrad Bursian, Geschichte der classischen Philologie in Deutschland, S. 875 ff., und den Nekrolog Moriz Schmidt's in Iwan Müller's Biographischem Jahrbuch für Alterthumskunde, Jahrg. 1889, dem ein vollständiges Verzeichniß seiner Schriften beigegeben ist.

  • Autor/in

    Paul Koetschau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Koetschau, Paul, "Schmidt, Moriz Wilhelm Constantin" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 8-10 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117515833.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA