Lebensdaten
1736 bis 1794
Geburtsort
Arnstein (Unterfranken)
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Historiker ; Bildungsreformer ; Bibliothekar ; Archivar ; Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119056151 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmidt, Michael Ignatz
  • Schmidt, Michael Ignatius
  • Schmidt, Michael Ignaz
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Zitierweise

Schmidt, Michael Ignaz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119056151.html [22.05.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Joseph ( 1749), würzburg. Obereinnehmer d. Akzisegelder u. Zölle, Rechnungsführer d. Revier-Renteikasse, Bgm. in A.;
    M Anna Maria Margarete Beck; 5 ältere Geschw u. a. Philipp Anton SJ (1734–1805), Dr. iur. utr. , 1780-1805 Dir. d. fürstbfl. Vikariats in Speyer, seit 1789 Weihbf. ebd. (s. ADB 32;Gatz I).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Elementarschule und des Julianäums in Würzburg besuchte S. seit 1748 das dortige Jesuitengymnasium und wechselte um 1753 wie seine drei älteren Brüder auf das bfl. Priesterseminar. Nach der Priesterweihe 1759 war S. zwei Jahre lang Kaplan in Haßfurt. 1761 zum Hofmeister des ev. Grafen Rotenhan in Bamberg ernannt, widmete er sich in Neuhausen auf den Fildern (b. Stuttgart) v. a. der franz. und engl. Aufklärungsphilosophie sowie dem Studium der theoretischen Psychologie, wobei er von den engl. Sensualisten beeinflußt wurde (Gesch. d. Selbstgefühls, 1772). Zunächst von Fürstbf. Adam Friedrich v. Seinsheim 1766 als Verweser des Seminars nach Würzburg geholt, erhielt S. 1771 die Stelle des Universitätsbibliothekars. 1773 folgte die Ernennung zum Professor der dt. Reichsgeschichte, 1774 die zum Geistlichen Rat. In diesen Funktionen, u. a. als Mitglied der Schulkommission, und aufgrund von Verdiensten um die wissenschaftliche Katechetik trug S. maßgeblich zur Reform des Schulwesens und zur Reorganisation der Universität bei; zudem wirkte er mit an dem von dem Banzer Benediktiner Placidus Sprenger (1735–1806) herausgegebenen „Fränkischen Zuschauer“ (Frankfurt, Leipzig 1772/73), der ersten kritischen Zeitschrift des kath. Deutschlands. 1780 folgte S., nachdem sich seine Situation unter dem neuen Fürstbischof verschlechtert hatte, einem Ruf Maria Theresias als ksl. Hofrat und Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs nach Wien und wurde noch im selben Jahr von Ks. Joseph II. zum Mitglied der neu errichteten Studienkommission sowie des Zensurkollegiums ernannt. Den späteren Ks. Franz II. (I.) unterrichtete S. in Geschichte, vornehmlich widmete er sich in Wien jedoch der Fortführung seiner schließlich bis zum Tod Ks. Ferdinands III. 1657 reichenden monumentalen „Geschichte der Deutschen“ (T. 1-5, 1778-83, T. 6-11 u. d. T. „Neuere Gesch. d. Deutschen“, 1785-93, postum bis 1806 fortgesetzt v. Joseph Milbiller, T. 12-22, 1797-1808; franz. u. niederl. Überss.). Dieses Hauptwerk der aufgeklärt kath. Geschichtsschreibung im 18. Jh. beeinflußte u. a. Johann Georg Lori und Lorenz Westenrieder. S.s quellennahe Darstellung folgt der von Voltaire und Robertson eingeführten Methode einer systematischen Fächerordnung innerhalb der Epochendarstellung, wobei S. jeweils nach dem Grad der „Nationalglückseligkeit“ einer jeden Epoche fragt. Seine dem Reichspatriotismus vorpflichtete Darstellung fand auch wegen ihres weitgehend überkonfessionellen Standpunktes und ihrer Hinwendung an das gebildete Publikum eine positive Aufnahme und erzielte eine große Breitenwirkung. Mit den politischen Veränderungen im 19. Jh. und aufgrund eines ideengeschichtlichen und historiographischen Paradigmenwechsels gerieten S. und sein Œuvre zunehmend in Vergessenheit. Erst im Zuge einer intensiven Beschäftigung mit der kath. Aufklärung erfährt S. in jüngerer Zeit als bedeutender Vertreter der Aufklärungs-Geschichtsschreibung wieder erhöhte wissenschaftliche Aufmerksamkeit.

  • Werke

    Weitere W Leben u. Sitten d. hl. Jungfrau Maria, 1765;
    Methodus tradendi prima elementa religionis, sive catechizandi, u. d. T. Der Gatechist nach seinen Eigenschaften u. Pflichten, übers. v. Benedikt Strauch, 1772, 21777, 31785;
    De fatis jurium Imperatorium circa electionem et confirmationem Roinanorum Pontifieum, in: Acta Academiae Electoralis Moguntinae Scientiarnm Utilium quae Erfurti est ad annum MDCCLXXVII, 1778, S. 130-77;
    Entwurf d. Würzburger Schulen=Einrichtung, hg. auf Befehl Adam Friedrichs, Bf. zu Bamberg u. Würzburg, 1774;
    Vorstellung einiger Erwägungs= u. Übungswahrheiten zur Beförderung d. Rel., 1774;
    Prüfung u. Ursachen einer Assoziazion zu Erhaltung des Reichssistems welche in der Erklärung Sr. Königl. Maj. v. Preussen an Dero hohe Reichsmitstände und andere Europäische Höfe sind vorgelegt, 1785;
    – M. Hahn (Bearb.), Briefe an u. v. M. I. S., in: Archiv d. hist. Ver. v. Unterfranken u. Aschaffenburg 5, 1839, S. 121-34;
    L. Bittner, Gesamtinventar d. Wiener Haus-, Hof- u. StA 1, 1936, Nr. 144, 907, 978 [ungedr. Fragmente: Geschichtl. begründete Erl. über d. Ehe als bürgerl. Vertrag;
    Über d. ungar. Herrschaft in Dalmatien;
    Über d. Rechte d. Kgr. Ungarn auf versch. türk. Provinzen].

  • Literatur

    ADB 32;
    F. Oberthür, M. I. S.s des Geschichtsschreibers der Deutschen Lebens=Gesch., 1802;
    W. Büttner, M. I. S. als Katechet, Ein Btr. z. Gesch. d. Katechese im Aufklärungsza., 1921;
    ders., Lichte Seiten am Bilde zweier Würzburger Aufklärer, in: Würzburger Diözesangesch.bll. 14/15, 1952-53, S. 635-55;
    A. Berney, M. I. S., Ein Btr. z. Gesch. d. dt. Historiogr. im Za. d. Aufklärung, in: HJb. 44, 1924, S. 211-39;
    G. Degenhard, Das Bild d. dt. Gesch. b. M. I. S. (1736-1794), Diss. Göttingen 1954;
    K. J. Lesch, Neuorientierung d. Theologie im 18. Jh. in Würzburg u. Bamberg, 1978;
    A. Schindling, Die Julius-Univ. im Za. d. Aufklärung, in: Vierhundert J. Univ. Würzburg, hg. v. P. Baumgart, 1982, S. 77-127;
    O. Seufferl, M. I. S. 1736-1794, Theologe, Bildungsreformer, Hist. u. Archivar, hg. v. StadtA Arnstein, 1986 (Ausst.kat);
    ders., in: Kränk. Lb. 14, 1991, S. 162-74 (W, L, P);
    P. Baumgart, Lb. bed. Würzburger Professoren, 1995, S. 1-19 (P);
    M. I. S. (1736-1794) in seiner Zeit, Der aufgeklärte Theologe, Bildungsreformer u. „Hist. der Deutschen“ aus Franken in neuer Sicht, hg. v. P. Baumgart u. H. W. Bergerhausen, 1996;
    A. Kraus, Persönlichkeit u. Gesch., Beobachtungen z.Gesch. der Deutschen“ (1778-1783) v. M. I. S., in: Forsch. z. bayer. u. fränk. Gesch., Peter Herde z. 65. Geb.tag […], hg. v. K. Borchardt u. E. Bünz, 1998, S. 277-94;
    St. Benz, Zw. Tradition u. Kritik, Kath. Gesch.Schreibung im barocken Hl. Röm. Reich, 2003;
    Wurzbach;
    Killy;
    W. Leesch, Die dt. Archivare, 1992;
    Historikerlex.;
    RGG;
    LThK;
    BBKL.

  • Portraits

    Büste v. F. Brugger, 1841 (München, Ruhmeshalle auf d. Theresienwiese).

  • Autor/in

    Uwe Puschner
  • Empfohlene Zitierweise

    Puschner, Uwe, "Schmidt, Michael Ignaz" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 210-211 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119056151.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schmidt: Michael Ignatz S., Geschichtschreiber. Geboren am 30. Januar 1736 zu Arnstein, einer Landstadt des damaligen Hochstiftes Würzburg, wo sein Vater in fürstbischöflichen Diensten stand. Den ersten Schulunterricht erhielt S. in seiner Vaterstadt, von da kam er auf das Gymnasium zu Würzburg und ging von hier auf die Universität über. Seine gelehrte Erziehung hatte die ganze Zeit über in den Händen der Jesuiten gelegen, die sich in der That Hoffnung gemacht haben, den begabten jungen Mann in ihren Orden eintreten zu sehen. Diese Hoffnung wurde aber getäuscht: S. entschied sich dafür, Weltpriester zu werden, und rettete durch diesen seinen Entschluß seine Freiheit und seine Zukunft. Er trat in das bischöfliche Klerikalseminar und absolvirte die philosophischen und theologischen Studien mit Auszeichnung Nach erhaltener Priesterweihe wurde er zunächst in die bischöfliche Stadt Haßfurt am Main als Caplan entsendet; doch vertauschte er schon nach kurzer Zeit diese Stellung mit dem Amte eines Erziehers in dem Hause des fürstbischöflichen Großhofmeisters, Grafen v. Rotenhan in Bamberg, und begleitete ihn und seinen Zögling weiterhin auf dessen Besitzungen in der Nähe von Stuttgart. Hier wie in Bamberg war ihm Gelegenheit des anregendsten Verkehrs mit angesehenen Persönlichkeiten und der erwünschten Erweiterung seiner Kenntnisse und seines Gesichtskreises geboten. Es dauerte aber nicht lange, so erinnerte man sich in Würzburg des hoffnungsvollen jungen Priesters und berief ihn (1769) als Vorstand des adeligen Seminars, woran sich (1771) die Ernennung zum Universitätsbibliothekar und einige Zeit darauf zum Professor der deutschen Reichsgeschichte, seltsamer Weise mit dem Sitze in der theologischen Facultät folgte. Die Neigung Schmidt's|für historische Studien hatte sich frühe entwickelt und es war kein Zufall, daß ihm jetzt das genannte Lehramt übertragen wurde. Man wird nicht fehlgehen, wenn man seinen Entschluß, die Abfassung einer ausführlichen "Geschichte der Teutschen" zur Hauptaufgabe seines Lebens zu machen, damit in Zusammenhang bringt. Ehe es aber zur Verwirklichung dieses Vorsatzes kam, war er von Arbeiten anderer Art in Anspruch genommen. Seine ersten schriftstellerischen Versuche fallen in das Gebiet der lehrhaften Theologie, aber auch der Philosophie ("Geschichte des Selbstgefühls", 1772), seine praktische, hochbedeutsame Thätigkeit in das Feld der Schulreform im Hochstifte Würzburg, für welche unter dem aufgeklärten Fürstbischof Adam Friedrich v. Seinsheim und angesichts der Katastrophe des Ordens der Jesuiten die Zeit gekommen war. Der Fürstbischof hatte gerade in S. das berufene Werkzeug für seine erleuchteten Pläne erkannt. Die folgenreiche Gründung eines Schullehrerseminars in Würzburg bildet einen wesentlichen Theil dieser wohlthätigen Neuerungen. Ein Organisationsplan für die Reform des gesammten Schulwesens im Hochstift von der Hand Schmidt's ist nur zum geringsten Theile zur Ausführung gelangt, verdient aber heutzutage noch gelesen zu werden und legt für seinen Urheber das günstigste Zeugniß ab. Mit dem späteren Fürstprimas K. Theodor v. Dalberg, der bekanntlich auch dem Würzburger Domcapitel angehörte, stand S. seit mehreren Jahren in nahen Beziehungen und hatte er es u. A. diesem zu verdanken, daß die Akademie d. W. in Erfurt ihn unter ihre Mitglieder aufnahm. Auch ein Ruf, den S. als Professor der Geschichte an die Universität Mainz erhielt, den er aber ausschlua, wird auf diesen Einfluß zurückgeführt. Im J. 1778 waren die beiden ersten Theile seiner "Geschichte der Teutschen" erschienen und hatten in ganz Deutschland, im Norden so gut als im Süden, bei den Protestanten so gut als den Katholiken, eine ungemein günstige Aufnahme gefunden. Man glaubte, in diesem Werke zu erhalten, was man bisher vermißt hatte, eine Geschichte der Nation, nicht bloß des Reiches. Ein besonders wichtiges Ergebniß dieses Erfolges war, daß man am Wiener Hofe das Auge auf den Verfasser desselben zu richten anfing und in allem Ernste die Absicht faßte, ihn für Wien zu gewinnen; Maria Theresia selbst war es, die diesen Gedanken sich angeeignet hatte. Der erste bez. Versuch mißlang aber, da der neue Fürstbischof von Würzburg, Franz Ludwig v. Erthal, sich weigerte, S. aus seinen Diensten zu entlassen. Jedoch konnte er nicht verhindern, daß derselbe nach Wien reiste, um in den dortigen Archiven Studien für die Fortsetzung seines Geschichtswerkes zu machen. Diese Reise und die Aufnahme, die S. am kaiserlichen Hofe und in den vornehmen, bez. gebildeten Kreisen der Hauptstadt fand, war indeß nur der Uebergang, der zu seiner Festhaltung und Anstellung in Wien führte. Der Tod der Kaiserin und die Nachfolge Kaiser Joseph's II. hat in dieser Beziehung nichts geändert. S. wurde zum k. Hofrath und Director des Haus- und Staatsarchive mit einem ansehnlichen Gehalte ernannt. Der Kaiser bestellte ihn zugleich zum Mitglied des neu organisirten Censurcollegiums und weiterhin zum Lehrer in der Geschichte für seinen Neffen und eventuellen Nachfolger, den jungen Erzherzog Franz. S. hat sich in den neuen Verhältnissen, in welche er unter so gewinnenden Umständen eingetreten war, wohl gefallen und noch fast 18 Jahre hier verlebt, die er in erster Linie der Fortsetzung seines Lebenswerkes widmete. Am 1. November 1794. erst 58 Jahre alt, ist er in Wien gestorben. Er hat jenes sein Geschichtswerk freilich nicht vollendet und es nur bis zum Tode Kaiser Ferdinand's III. führen können, es ist dann von anderer Hand — Joseph Milbiller — fortgesetzt und abgeschlossen worden. Die günstige Aufnahme, die gleich die ersten Bände desselben gefunden haben, wurde bereits berührt, sie hat sich bei dem Erscheinen der späteren Bände nur insofern verändert, als man auf|Seite der Protestanten mit der Behandlung der Epoche der Reformation nicht recht zufrieden war und von dem freien Geiste, welcher das Mittelalter beseelte, sich mehr erwartet hatte; namentlich auch Spittler hat dieser Ansicht Worte verliehen. Dagegen konnte man nicht in Abrede stellen, daß auch die Behandlung der neueren Zeit durch die Benutzung der Schätze der Wiener Archive stofflich gewonnen habe. Der größere litterarische Werth kommt unverkennbar der Darstellung der früheren Jahrhunderte zu; sie bezeichnet einen erquickenden Fortschritt in der Behandlung unserer Geschichte — in Form und Inhalt. S. entwickelte hier ein literarisches Talent, das man auf dem Gebiete der deutschen Reichsgeschichte bisher umsonst gesucht hatte. Das Mittelalter, die Kaiserzeit, sind sozusagen in josephinischem Geiste geschildert, und dieser Umstand hat, wie angedeutet, zu dem Erfolge des Werkes viel beigetragen. Als wissenschaftlicher Forscher schöpft S. allerdings nicht aus dem Borne schöpferischer Selbständigkeit, aber er operirt mit augenfälliger Gewandtheit mit den Ideen Montesquieu's, Möser's u. s. w. Talentvoll, wie er war, hat er gerade auch die culturgeschichtlichen Momente der deutschen Entwicklung mit Erfolg berücksichtigt. Es wird ihm daher auch sicher in den kommenden Zeiten in der Geschichte unserer Historiographie der ehrenvolle Platz, den ihm bereits die Zeitgenossen so willig eingeräumt haben, unvermindert zuerkannt werden müssen.

    S. Franz Oberthür, M. J. Schmidt's Lebensgeschichte. Hannover 1802. — Baader, Lexikon verst. bair. Schriftsteller, 2. Thl., S. 104. — Archiv des hist. Ver. für die Geschichte von Unterfr. u. Asch., 5. Bd., 2. Heft, S. 120 ff. — Möser's S. W., 10. Bd., S. 59 und 241. — Wurzbach, Biogr. Lexicon von Oesterr. — Des Unterzeichneten Geschichte der Universität Würzburg I (stellenweise).

  • Autor/in

    Wegele.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wegele, Franz Xaver von, "Schmidt, Michael Ignaz" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 6-8 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119056151.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA