Lebensdaten
1802 – 1873
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Hermesbühl bei Solothurn
Beruf/Funktion
Publizist ; Militärhistoriker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117191175 | OGND | VIAF: 40149293
Namensvarianten
  • Lohbauer, Rudolf
  • Lohbauer, R.
  • Lohbauer, Rudolph

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Zitierweise

Lohbauer, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117191175.html [29.03.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Karl v. L. (württ. Personaladel 1806, 1777-1809), württ. Hauptm., Dichter (s. L), S d. Phil. Gottfried (1745–1816), Oberlehnregistrator, Schriftsteller u. Porträtmaler in St. (s. L), u. d. Caroline Friederike Müller;
    M Christiane Sophie Friederike (1777–1860), T d. Oberamtmanns Christian Friedrich Rümelin (1739–1803) in Maulbronn u. d. Christiane Sophie Schütz;
    Reutlingen 1840 Pauline (1812–86), T d. Kaufm. Friedrich Fleischhauer (1778-1828) in Reutlingen;
    Gvv d. Ehefrau Joh. Georg Fleischhauer (1737–1815), Buchdrucker u. Bgm. in Reutlingen;
    2 S, 2 T (früh †);
    N Emil Kauffmann (1836–1909), Univ.musikdir. in Tübingen.

  • Biographie

    Nach dem Besuch des Gymnasiums und der Kadettenanstalt fand L. Verwendung im topographischen Büro des württ. Generalstabs. Die Ausbildung zum Offizier erfuhr 1823 jedoch wegen einer Seh- und Gehörschwäche ihr Ende. Daraufhin wandte sich der künstlerisch Talentierte, aber auch schwärmerisch Veranlagte dem Studium der Philosophie, Philologie und Geschichte an der Univ. Tübingen zu, wo er sich dem Freundeskreis um Eduard Mörike anschloß. Der Burschenschaft nahestehend, verfocht er vehement republikanische Ideale, was ihm 1826 eine Arreststrafe und die Androhung der Relegation eintrug. Ein Jahr später brach der oppositionelle Student das Studium ab und fand zunächst Beschäftigung als Redakteur eines linksliberalen Stuttgarter Blattes. Ende 1830 übernahm er die Leitung der Zeitung „Hochwächter“, deren radikale republikanische Haltung und mutige Angriffe auf Regierung und Verwaltung ihm zahlreiche Anzeigen einbrachten und zunehmend Eingriffe der Zensur provozierten. Der publizistische Kampf für einen deutschen Staatenbund mit einer die Grundrechte garantierenden Verfassung, das Engagement für die Wahrung der Pressefreiheit und der Appell zur Verteidigung der frühkonstitutionellen Rechte auf dem Hambacher Fest machten L. für die Zentralbehörden des Deutschen Bundes und für die Regierung in Stuttgart zum Demagogen und Aufrührer; der bevorstehenden Verhaftung konnte er sich Anfang September 1832 nur durch die Flucht nach Straßburg entziehen. Da er sich dort bald nicht mehr sicher fühlte, reiste er im Frühjahr 1833 in die Schweiz und ließ sich in Burgdorf (Kt. Bern) nieder. Als Mitbegründer der „Helvet. Militärzeitschrift“, der Vorläuferin der „Allgemeinen Schweizer. Militärzeitung“, trug L. zum Ausbau des Schweizer Wehrsystems und zur Verbreitung moderner operativer und taktischer Kenntnisse in seinem Gastland bei. Mit dieser Arbeit, die durch kriegsgeschichtliche Studien eine wissenschaftliche Ergänzung erfuhr, schuf er sich eine berufliche Existenz: Ende 1834 wurde er auf einen Lehrstuhl für Militärwissenschaften an der Univ. Bern berufen; darüber hinaus konnte er durch seine Vorträge vor eidgenössischen Stabsoffizieren seinen Einfluß in militärischen Fragen geltend machen. Im Winter 1845/46 gab L. seine Lehrtätigkeit in Bern auf und siedelte nach Berlin über,|um die Redaktion der „Deutschen Zeitung“ zu übernehmen. Dieses liberal-demokratisch konzipierte Zeitungsprojekt erfreute sich ministerieller Unterstützung und sollte politisch auf Friedrich Wilhelm IV. und seine Berater einwirken, um die konstitutionelle Entwicklung in Preußen voranzutreiben. Erfolg war dem Vorhaben indes nicht beschieden; auch fand L., dessen Idealismus schwer enttäuscht wurde, nicht die erhoffte Verwendung im Staatsdienst, sondern wurde – von der Regierung auf ein auskömmliches Wartegeld gesetzt – lange unter mancherlei Vorwänden hingehalten. Der Demokrat L., dem die Bildung eines Vereinigten Landtags 1847 als völlig unzulängliche Maßnahme galt und der deshalb eine publizistische Unterstützung dieser pseudokonstitutionellen Politik strikt ablehnte, schloß sich im März 1848 der Volkserhebung in Berlin an; als Befehlshaber über eine Bürgerwehrkompanie setzte er sich für die Umgestaltung Preußens in einen Verfassungsstaat sowie für eine auf Einheit und Freiheit zielende Reform der staatlichen Ordnung in Deutschland ein. Dem starken Engagement entsprach aber nicht der Rückhalt in der Bevölkerung, denn L. scheiterte mit seiner Kandidatur sowohl bei der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung in Preußen als auch zur Frankfurter Nationalversammlung und geriet zunehmend in die Isolation, nachdem im Spätjahr 1848 die monarchischen Kräfte wieder die Oberhand gewonnen hatten. Der drohenden Ausweisung kam er durch die Rückkehr in die Schweiz zuvor.

    Eine neuerliche Lehraufgabe an der Univ. Bern blieb L. jedoch versagt; statt dessen wurde er trotz beträchtlicher Anfeindungen 1849 zum Oberinstruktor für Strategie und Taktik an der Generalstabsschule in Thun bestellt, wo er sich mit Eifer und Hingabe der qualitativen Verbesserung der Schweizer Streitkräfte widmete. Außerdem beschäftigte er sich mit kunstgeschichtlichen und literarischen Fragen, betrieb mit Gleichgesinnten die Gründung einer Kunstgesellschaft und befaßte sich mit dramatischen Entwürfen, die jedoch nicht zur Aufführung gelangten. Nach der Entpflichtung vom Unterricht an der Militärschule zog L. 1869 nach Solothurn. Politisch war er nach 1848/49 nicht mehr hervorgetreten; vielmehr hatte er sich damit begnügt, die Leistungsfähigkeit des eidgenössischen Milizsystems, das weitgehend vom Gedankengut des Frühliberalismus geprägt war, nach Kräften zu fördern und insbesondere den Generalstab zum funktionstüchtigen Führungsinstrument zu formen.

  • Werke

    u. a. Der Kampf auf d. Grimsel am 14.8.1799, Eine mil. Studie, in: Helvet. Mil.-Zs. 4, Nr. 10-12, 1837;
    Der Feldzug in Rußland, 1812, nach d. 100 Bildern Faber du Faur's, Hist. u. ästhet. erl., 1845;
    An d. Herren Wähler f. Frankfurt u. Berlin, 1848;
    Der 5.3.1798 bei Neueneck, Nach d. Ergebnissen d. neueren Studien dargest., in: Archiv d. Hist. Ver. d. Kt. Bern 4, 1858-60;
    Die Kämpfe um d. Gotthard im Frühjahr u. Sommer 1799, 1861 (franz. 1861).

  • Literatur

    W. Lang, in: Württ. Vj.hh. f. Landesgesch. NF 5, 1896, S. 188-217;
    F. Haag, Die Sturm- u. Drang-Periode d. Bern. Hochschule 1834–54, 1914 (P);
    R. v. Fischer, 100 J. Allg. Schweizer. Mil.ztg., in: Allg. Schweizer. Mil.zs. 80, 1934, S. 3-27 (P);
    K. Walter, R. L. in s. Schweizer u. Berliner J. 1833–73, in: Zs. f. Württ. Landesgesch. 20, 1961, S. 290-343;
    ders., Lb. aus Schwaben u. Franken IX, 1963, S. 188-217 (W, L, P);
    V. Hofer, Der schweizer. Gen.stab, Entstehung u. Entwicklung e. interdisziplinären Institution (1848–74), II: Die Zeit d. Weiterausbaus, 1983. - Zu Gvv Philipp Gottfried: K. Walter, in: Zs. f. Württ. Landesgesch. 2, 1938, S. 376-402 (P);
    ThB.

  • Porträts

    Zeichnung v. J. F. Dietler, 1840, Abb. b. Walter, s. L.

  • Autor/in

    Bernhard Sicken
  • Zitierweise

    Sicken, Bernhard, "Lohbauer, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 121-122 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117191175.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA