Lebensdaten
1912 bis 1965
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Bad Oldesloe
Beruf/Funktion
Politologe ; Pädagoge ; Bildungssoziologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117080365 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Möbus, Gerhard
  • Möbus, Gerardo

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Zitierweise

Möbus, Gerhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117080365.html [17.08.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Paul (1878–1962), Tischlermeister, S d. Johann August (* 1854). Stellmacher in Schreibersdorf b. Breslau;
    M Anna Maria Radeck (* 1882) aus Groß Raake Kr. Trebnitz;
    Groß Bresa Kr. Neumarkt 1938 Hedwig (* 1913), T d. Josef Meißner, Landwirt in Schreibersdorf, u. d. Rosina Kuhl (* 1889);
    1 S, 2 T.

  • Leben

    Existentielle Erfahrungen und Schicksalsschläge begleiteten M., der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, durch sein Leben. Von seinen sechs Geschwistern starben fünf bereits im Kindesalter; der einzige überlebende Bruder Herbert wurde 1933 von der SA erschlagen – ein Mord, der ihm selbst gegolten hatte. Den ersten Latein- und Griechischunterricht erhielt M. durch den Dorfpfarrer in Schreibersdorf; 1925-32 besuchte er das St. Matthias-Gymnasium in Breslau. Hier studierte er anschließend Altphilologie, Geschichte, Deutsch, Philosophie und Psychologie und wurde Assistent des Althistorikers Joseph Vogt und des Psychologen Philipp Lersch. 1937 legte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab, zwei Jahre später wurde er bei Hans Drechsler mit einer Dissertation über „Nobilitas, Wesen und Wandlung der führenden Schicht Roms im Spiegel einer Wortprägung“ zum Dr. phil. promoviert. Noch vor 1933 übernahm M. Funktionen im Bund Neudeutschland und im Windthorstbund, der Jugendorganisation der Zentrumspartei. Prägend wurden seine Begegnungen mit Heinrich Krone und Hans Lukaschek, dessen Widerstandsgruppe er angehörte. Für den Fall der Beseitigung Hitlers war er als Oberbürgermeister von Breslau vorgesehen. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 versteckte er sich in einem Heim für Hirnverletzte. M. wurde mit seiner Familie 1945 aus Schlesien vertrieben. Im folgenden Jahr habilitierte er sich in Halle bei Peter Petersen mit der Schrift „Der Mensch in der Geschichte, Zur anthropologischen Struktur historischer Prozesse“. Bis zu seiner Flucht 1950 wirkte er als Professor für Psychologie und Pädagogik an der Univ. Halle. Er wurde|Studienrat am Beethoven-Gymnasium in Bonn, 1951 Professor für Politische Theorie an der Hochschule für Politik in Berlin (dem späteren Otto Suhr-Institut), 1958 Direktor des wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrstabes bei der Schule der Bundeswehr für Innere Führung in Koblenz. Seit 1960 wirkte er gleichzeitig als Honorarprofessor, seit 1963 als o. Professor an der Univ. Mainz. 1964 startete die DDR eine Diffamierungskampagne gegen M., dem vorgeworfen wurde, er führe seinen Doktortitel zu Unrecht. Die jetzt zugängliche Personalakte M.s widerlegt dies. Er starb an einem Hirnschlag während eines Vortrags in Bad Oldesloe.

    M., der zu den Pionieren der politischen Bildung nach 1945 zählte, entfaltete eine rege Lehr-, Forschungs- und Vortragstätigkeit. Seine persönlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus and Kommunismus befähigten ihn, wesentlich zur Erhellung der gemeinsamen Merkmale totalitärer Diktaturen beizutragen. An seinem Werk besticht dessen interdisziplinärer Charakter. Als unverrückbares Kontinuum seines Denkens erscheint ein christlich-humanistisch-europ. Menschenbild. Schon in „Größe und Grenze des Abendlandes“ (1951) stellt M. die Frage, ob unsere Gegenwart „Der große Mittag“ der Geschichte sein könne nach den Vorstufen Hellas und Rom, dem Durchbruch der „Europäischen Humanität als politische Formkraft“ und dem Wechselspiel von Genius und Dämon im Wesen der Deutschen. Ausgehend von der Spannweite dieses Ansatzes hat sich M. nach 1945 um eine anthropologische Begründung des demokratischen Rechtsstaates bemüht. Vor allem in seinen groß angelegten Werken „Die politischen Theorien von der Antike bis zur Renaissance“ (1958) und „Die politischen Theorien im Zeitalter der absoluten Monarchie bis zur Franz. Revolution“ (1961) zeigt er die jahrhundertelange Ahnenfolge der Ideen auf, die letztlich in Europa und in der Atlantischen Welt zum Durchbruch der Demokratie geführt haben. Das Herzstück seiner demokratietheoretischen und geistesgeschichtlichen Forschungen ist in der Beschäftigung mit Thomas Morus zu sehen. Dessen gelebter Gewissensentscheid und die Entdeckung des Utopiebegriffs haben ihn immer wieder angeregt und in seinem Kampf gegen das totalitäre Menschenbild des Nationalsozialismus und Kommunismus bestärkt. Auf der Grundlage dieses Menschenbildes könne niemals eine humane Staats- und Lebensordnung hervorgehen. In seiner Schrift „Erziehung in dieser Zeit“ (1958) verwahrt sich M. gegen jede Soziologisierung der Pädagogik. Es sei falsch, das Leben der Menschen unter dem Gesichtspunkt einer Verteilung der Sozialchancen zu sehen. Vielmehr wollte M. auch im Wandel sozialer Strukturen die Normativität der Pädagogik gewahrt wissen. Seine Postulate verstand er daher als kategoriale Pflöcke in einer modernitätssüchtigen Zeit.

  • Werke

    Weitere W Die Politik d. Heiligen, Geist u. Gesetz d. Utopia d. Thomas Morus, 1953. 21966 u. d. T. Pol. u. Menschlichkeit im Leben d. Thomas Morus;
    Die Macht d. Eltern, Lebensentscheidungen in d. ersten Lebensjahren, 1954;
    Eichendorff in Heidelberg, Wirkungen e. Begegnung, 1954;
    Die Abenteuer der Schwachen, Zur Entwicklung u. Erziehung im Spiel- u. Schulalter, 1955;
    Das Menschenbild d. Ostens u. d. Menschen im Westen, 1955;
    Erziehung als Entscheidung, 1955;
    Klassenkampf im Kindergarten, Das Kindesalter in d. Sicht d. kommunist. Päd., 1956;
    Erziehung z. Haß, Schule u. Unterricht im Sowjet, besetzten Dtld., 1956;
    Mitteldt. Jugend als gesamtdt. Aufgabe, 1956;
    Kommunist. Jugendarbeit, Zur Psychol. u. Päd. d. kommunist. Erziehung im Sowjet. besetzten Dtld., 1957;
    Psychagogie u. Päd. d. Kommunismus, 1959;
    Autorität u. Disziplin in d. Demokratie, 1959;
    Der andere Eichendorff, Zur Deutung d. Dichtung Joseph v. Eichendorffs, 1960;
    Realität od. Illusion, Eine Konfrontation d. Realität d. Politischen mit d. Illusion in d. Politik, 1961;
    Behauptung ohne Beweis, Zur Analyse u. Kritik d. Marxismus-Leninismus, 1961;
    Europ. Humanität als pol. Formkraft, 1963;
    Unterwerfung durch Erziehung, Zur pol. Päd. im Sowjet, besetzten Dtld., 1965.

  • Literatur

    L. Bossle, Erfülltes Leben, in: Der freie Bürger, Nr. 10/11 v. 23.10.1965;
    ders., Einf. in: G. M., Pol. u. Menschlichkeit im Leben d. Thomas Morus, 1966;
    ders., in: Schlesien I, 1982, S. 53-55;
    ders., in: Das Parlament, Nr. 14/15 v. 10./17.4.1982 (P);
    ders., Soziol. aus u. in Schlesien, in: Schlesien als Aufgabe interdisziplinärer Forschung (hrsg. v. dems. u. a.), 1986, S. 97-102;
    ders., Innerer u. äußerer geistiger u. pol. Widerstand als Formen oppositionellen Verhaltens gegen d. Herrschaftssystem d. Nat.sozialismus am Beispiel v. G. M., in: Nat.sozialismus u. Widerstand in Schlesien (hrsg. v. dems), 1989, S. 29-40;
    M. Gritz, in: Schles. Kirche in Lb., hrsg. v. J. Gröger u. a., 1992, S. 320-22.

  • Autor/in

    Lothar Bossle
  • Empfohlene Zitierweise

    Bossle, Lothar, "Möbus, Gerhard" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 607 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117080365.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA