Lebensdaten
1895 bis 1954
Geburtsort
Köln
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Zionist
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 116671394 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Landauer, Georg

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Zitierweise

Landauer, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116671394.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Josua ( 1914), Kaufm. in K., S d. Gabriel, Rabbiner in Korbach u. Kassel;
    M Emilie Salomon|( 1938) aus Olfen ?(Westfalen), seit 1935 in Palästina;
    3 Schw, u. a. Paula (1890–1968), Inhaberin d. Atelier Haute Couture Mannheim, Ulla (1891–1968), Leiterin e. Damenbekleidungsgeschäfts in Hagen (Westfalen), seit 1938 in Palästina;
    - Lou Levi (* 1897), Photographin aus Köln.

  • Leben

    L. begann 1913 in Köln mit dem Studium der Indogermanistik. 1914 ging er als Freiwilliger an die Ostfront, wo er das Elend der Ostjuden kennenlernte. Seit 1919 studierte er in Bonn und Köln Jura und Nationalökonomie; 1923 wurde er mit der Arbeit „Das geltende jüd. Minderheitenrecht, mit besonderer Berücksichtigung Osteuropas“ (1924) zum Dr. iur. promoviert. Er war Mitglied der Zionistischen Studentenverbindung und der Wanderbewegung „Blau-Weiß“. Nach dem Krieg gehörte er zu den Begründern der deutschen Sektion der sozialistischen Organisation „Hapoel Hazair“ (Der junge Arbeiter). Als Viktor Chaim Arlosoroff 1920 nach Palästina ging, wurde L. Führer der deutschen Sektion. 1920/21 war er als Syndikus einer Industriegesellschaft in Düsseldorf tätig, 1923/24 leitete er die Berliner Zweigstelle der Firma Snoek & Moser (Köln). Seit 1924 widmete sich L. nur noch der jüdischen Ansiedlung in Palästina. Er wurde Leiter des Palästina-Amtes e. V. in Berlin, der Zentralstelle für die Vorbereitung und Durchführung der Auswanderung nach Palästina, die vor dem Jahr 1933 nur bescheidene Ausmaße erreichte: Von den etwa 600 000 deutschen Juden wanderten etwa 2 000 nach Palästina aus. 1924 und 1925 unternahm L. seine ersten Reisen ins Hl. Land, als dessen Sprecher beim Delegiertentreffen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in Breslau (1925) er auftrat. 1926-29 war er unter Josef Sprinzak Sekretär des Arbeitsdepartements der Zionistischen Exekutive in Jerusalem. Die Erfahrungen, die er während dieser Jahre bei der Ansiedlung meist mittelloser poln. Juden gesammelt hatte, kamen ihm nach seiner Rückkehr zugute, zumal die Zahl der auswanderungswilligen deutschen Juden seit Hitlers Machtergreifung sprunghaft anstieg. 1933 gehörte L. zu den Mitgründern der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“. Er regte die Gründung der Transfer-Organisation „Haavarah“ an, die unter Mitwirkung des Auswärtigen Amtes und des Reichswirtschaftsministeriums zustandekam. Die Haavarah ermöglichte den Emigranten die Mitnahme eines Teils des Vermögens, des Handwerkszeugs usw. trotz der geltenden Devisenbeschränkungen. Auf Beschluß des Zionistenkongresses 1933 in Prag wurde L.

    Leiter des Zentralbüros für die Ansiedlung der deutschen Juden, der sog. Deutschen Abteilung der „Jewish Agency for Palestine“ in Jerusalem (1934). Jährlich sollten 10 000 deutsche Juden in Palästina angesiedelt werden, das damals ca. 200 000 Juden, 800 000 Moslems und 100 000 Christen beherbergte. Bis 1939 waren 300 000 Juden hinzugekommen, davon über 65 000 aus Deutschland. Die „Deutsche Abteilung“ unterstützte nach den Prinzipien der Selbstverantwortlichkeit und Eigeninitiative die Selbsthilfeorganisationen der Einwanderer (Hitachduth Olej Germania (HOG), Hitachduth Olej Germania we Austria, Irgun Olej Merkas Europa). Diese gründeten die „Rural and Suburban Settlement Company“ und die Wassergesellschaft „Mekorot“, deren Leitung L. ebenso übernahm wie die der Kolonisationsgesellschaft „Pasa“. In Haifa, Tel Aviv und Jerusalem wurden Handwerkskurse durchgeführt, beim Waad Leumi, dem Nationalrat der Juden Palästinas, eine Wohlfahrtsstelle eingerichtet. L., umfassend gebildet und pädagogisch begabt, diskutier- und lernfreudig, kümmerte sich mit großem Engagement um die Jugend. Gegen den Widerstand Arthur Ruppins, des Vorsitzenden der „Jewish Agency“ in Jerusalem, setzte er die Einwanderung von elternlosen Kindern und Jugendlichen durch. Henriette Szold leitete das der „Deutschen Abteilung“ angegliederte Büro der Kinder- und Jugendalijah, während L. für die Organisation und Finanzierung (bis 1946 über 3,5 Mill. Pfund) Sorge trug. 20 000 Kinder und Jugendliche brachte er auf diesem Wege ins Land.

    Es war L.s innerstes Anliegen, daß „Zionismus“ nicht nur nach seinem politischen, sondern auch nach seinem sittlichen Gehalt verwirklicht werde. In Nachfolge Achad Haams und A. D. Gordons und im Geist des deutschen Hapoel Hazair wollte er eine Gesellschaft aufbauen helfen, die von Pioniergeist und Menschenfreundlichkeit beseelt sein sollte. Er sah Palästina nicht primär als Zufluchtsort der verfolgten Juden, sondern als Heimstätte eines innerlich erneuerten jüd. Volkes. Als Prüfstein dieser Regeneration galt ihm u. a. das harmonische Zusammenleben mit dem arab. Volk. In der Praxis mußte er jedoch erfahren, daß jede neue jüd. Einwanderungswelle, für die er schließlich mitverantwortlich war, auf arab. Seite mehr oder weniger berechtigten Widerstand provozierte. Die Schutzmacht England wurde von den Juden ebenso wie von den Arabern angeklagt. Jene erinnerten an die Balfour-Deklaration, diese an die Zusage einer Begrenzung der jüd. Einwanderung (1939). L. hingegen vertraute auf die ausgleichende Kraft Englands im jüd.-arab. Interessenkonflikt und setzte sich daher für den Fortbestand der engl. Mandatsherrschaft ein. Zusammen mit westeurop. Intellektuellen gründete er 1942 die Gruppierung „Alijah Chadascha“ („Neue Einwanderung“ bzw. „Neuer Aufstieg“), die zur zweitstärksten Partei wurde. L. war bis 1948 ihr Sprecher im Waad Leumi. Energisch lehnte er das Biltmore-Programm Ben Gurions, das die Gründung eines Judenstaates zum Ziel hatte, ab, da dadurch der Konflikt mit den Arabern verewigt werde. In Max Kreutzberger (1900–78, s. L), dem Generalsekretär von HOG und Chefredakteur des HOG-Organs „Mitteilungsblatt“, hatte er einen treuen Mitstreiter, vor allem in der Befürwortung eines bi-nationalen Staates. Als 1948 Palästina geteilt und ein eigener Judenstaat proklamiert wurde, zerbrach die „Alijah Chadascha“. L. wurde Mitglied des Zentralkomitees der Arbeiterpartei (Mapai) und Mitglied des Exekutivkomitees der Gewerkschaft (Histadrut). Schon 1945 hatte er sich an der Gründung des „Council of Jews from Germany“ beteiligt, 1947 wurde er Vorsitzender des „Irgun Olej Merkas Europa“, der Hilfsorganisation der aus Mitteleuropa stammenden Einwanderer. Doch er konnte im neuen Staat Israel nicht heimisch werden. Enttäuscht über die politische Entwicklung, wandte sich L. wieder verstärkt karitativen und sozialen Aufgaben zu, ging seinen sprach- und kulturgeschichtlichen Interessen nach, weilte oft im geliebten Paris und übersiedelte im Mai 1953 schließlich nach New York.

    Große Verdienste erwarb sich L. in den Nachkriegsjahren um die Wiedergutmachung, die er seit 1943 vorbereitet hatte, und zu deren Hauptinitiatoren er – neben Siegfried Moses – gehörte. Die Jewish Agency for Palestine errichtete 1946 in München unter L.s Leitung hierfür ein Büro. Im folgenden Jahr wurde L., wieder tatkräftig unterstützt von Kreutzberger, Leiter der Abteilung für die Restitution deutsch-jüd. Eigentums der Jewish Agency. Mit den westdeutschen Regierungsstellen wurden Gespräche über eine Globalentschädigung geführt, was zum Haager Vertragswerk führte (1952).

  • Werke

    Weitere W u. a. Palästina, 1925 u. 1935;
    Zwischen zwei Revolutionen, Zionist. Betrachtungen zu einigen Fragen d. Übergangszeit, 1942;
    Alijah Chadascha, Eine neue pol. Formation, 1944;
    Zionismus u. Rettung, 1944, in: H. J. Schoeps (Hrsg.), Zionismus, 1973, S. 246-52;
    Probleme d. Übergangszeit, Neue Aufgaben u. neue Wege d. Demokratie, 1945;
    Der Zionismus im Wandel dreier J.zehnte, Ausgew. Schrr., hrsg. u. eingeh v. M. Kreutzberger, mit Nachwort v. R. Weltsch, 1957 (P). - Nachlaß: Leo Baeck Inst., New York.

  • Literatur

    A. Ruppin, Dreißig J. Aufbau in Palästina, Reden u. Schrr., 1937;
    R. Lichtheim, Die Gesch. d. dt. Zionismus, 1954 (P);
    Nachrufe, in: Mitt.bl. d. Irgun Olej Merkas Europa, 1956, u. in: Dapim, Journal of Youth Aliyah, 1957;
    K. Loewenstein (Hrsg.), G. L. als Erzieher, Zu unseren kulturellen Aufgaben heute, 1961;
    M. Turnowsky-Pinner, Die zweite Generation mitteleurop. Siedler in Israel, 1962 (P);
    E. Rothschild (Hrsg.), Meilensteine, Vom Wege d. Kartells Jüd. Verbindungen (K. J. V.) in d. Zionist. Bewegung, 1972;
    W. Feilchenfeld, D. Michaelis u. L. Pinner, Haavara - Transfer nach Palästina u. Einwanderung dt. Juden 1933–39, 1972;
    S. Adler-Rudel, Jüd. Selbsthilfe unter d. Naziregime 1933–39, 1974;
    S. M. Poppel, Zionism in Germany 1897-1933, The Shaping of a Jewish Identity, 1977;
    Enc. Jud.;
    Biogr. Hdb. d. dt.-sprachigen Emigration I, 1980 (auch f. M. Kreutzberger).

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Landauer, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 489-491 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116671394.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA